Ihr EXPO Guide - wissenschaft.de
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Ihr EXPO Guide

Was Sie auf der Weltausstellung in Hannover nicht verpassen dürfen. Wer die erste Großveranstaltung dieser Art in Deutschland besucht, sollte dort nicht aufs Geratewohl loslaufen: Besser vorher wissen, was man gesehen haben muß. Hier ist Ihr Basis-Reiseführer für die „EXPO 2000″.

Ausgerechnet Hannover. Nicht in München, der Weltstadt mit Herz, nicht in Berlin, der neuen Hauptstadt, auch nicht in Hamburg, dem Tor zur Welt, sondern in der spröden niedersächsischen Metropole findet die „Expo 2000″ statt. Messeplatz, Verkehrsknotenpunkt, Heimat der Chaos-Tage, des Bundeskanzlers und der Bahlsen-Kekse: Dafür stand die Stadt an der Leine bisher. Bald soll sie Synonym für Visionen, Innovationen und Illusionen sein. Das haben sich jedenfalls die Macher der Expo vorgenommen. Vom 1. Juni dieses Jahres an ist Hannover für fünf Monate das Schaufenster der Welt. Mindestens 40 Millionen Besucher erwartet die Expo-Crew. Jeder dritte Gast soll aus dem Ausland und jeder zwanzigste sogar aus Übersee anreisen, vor allem aus den USA und aus Japan. Rund 190 Nationen und Organisationen stellen sich und ihre Projekte vor – auf einem Gelände von 160 Hektar, das entspricht 250 Fußballfeldern. Täglich werden 340 Tonnen Lebensmittel und 500 Tonnen Getränke geliefert, mindestens 6000 zeitlich begrenzte Arbeitsplätze sind entstanden. Doch waren es weniger solche Zahlen, die die Expo 2000 lange vor ihrem Start immer wieder in die Schlagzeilen brachten. Über kaum ein Großprojekt – abgesehen vom Magnetschwebezug Transrapid – ist in Deutschland so heftig gestritten worden wie über die Ausstellung in Hannover-Laatzen. Zunächst ging es um die Kosten des Mega-Events. Der aktuelle Stand sind 3,5 Milliarden Mark – zu viel für die erschöpften öffentlichen Kassen. So machte sich die Expo-Mannschaft um Generalkommissarin Birgit Breuel auf die Suche nach Sponsoren. Nach Kräften werden das bunte Logo und das Maskottchen Twipsy – ein Wesen mit Knubbelnase und Piratenkopf – auf dem ganzen Globus vermarktet. Alles in allem erwartet die Expo rund eine Milliarde Mark von Sponsoren, Konzessionären und Lizenznehmern. Gut die Hälfte des Budgets sollen über die Eintrittsgelder hereinkommen – die Tageskarte kostet 79 Mark. Noch keine Expo hat so konsequent auf private Geldgeber, noch keine so deutlich auf Kommerz gesetzt. Auf den Streit um die Finanzierung folgten Diskussionen über die Inhalte. Denn die Sponsoren überweisen nicht nur Geld, sondern sind auch an der Gestaltung der Ausstellungen beteiligt. Die enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft hat Kritiker auf den Plan gerufen. Umweltverbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz befürchten eine „Ideologiemesse und Lobbyveranstaltung der Industrie“. Die schwerste Schlappe steckte die erste Weltausstellung auf deutschem Boden durch die Vereinigten Staaten ein: Die Amerikaner sagten Ende Oktober 1999 ihre Teilnahme ab. Der Grund: Es fanden sich nicht genügend US- Unternehmen, die den umgerechnet rund 80 Millionen Mark teuren Expo- Pavillon bezahlen wollten. Geld aus dem Staatshaushalt wurde nicht freigegeben. Ganz ohne amerikanische Beteiligung wird es allerdings nicht abgehen: Coca-Cola und McDonald’s sind immerhin Produktpartner der Expo. Die mangelnde Begeisterung der weltgrößten Industrienation für die Expo 2000 rührt dem Vernehmen nach auch daher, daß viele Menschen im Zeitalter des Internet Weltausstellungen für überholt halten. In der Vergangenheit zeigten sie technischen Fortschritt – mit Wahrzeichen wie dem Pariser Eiffelturm oder dem Atomium in Brüssel. Es ging um den friedlichen Wettstreit der Nationen und um die Erschließung der Welt als Markt. Doch naiver Fortschrittsglaube und internationale Leistungsschauen sind heute kaum noch gefragt. Hannover – angetreten unter dem Motto „Mensch – Natur – Technik“ – will eine zeitgemäße Fortsetzung finden. Die Expo 2000 soll, so Chefin Birgit Breuel, „Möglichkeiten zeigen, wie der Mensch mit einer Technik, die ihm zu dienen hat, ein neues Gleichgewicht mit der Natur finden kann“. Die Macher haben sich nichts Geringeres vorgenommen, als Lösungen für die drängenden Probleme der Menschheit im 21. Jahrhundert zu präsentieren. Herzstück ist der Themenpark. In elf Einzelausstellungen – darunter „Umwelt, Landschaft, Klima“, „Mobilität“ und „Zukunft der Arbeit“ – kann sich der Besucher in Ideen und Zukunftsszenarien vertiefen. Dabei soll er sich laut Expo-Pressetext wie „ein Schauspieler in einem dreidimensionalen Film“ fühlen. Dafür wird alles aufgeboten, was es an modernen Ausstellungstechniken gibt: spektakuläre Projektionen auf haushohen Leinwänden, aufwendigste Inszenierungen, interaktive Systeme. Niemand braucht sich auf der Expo 2000 zu langweilen. Trotzdem kommt der aufklärerische Anspruch nicht zu kurz. Den Besucher in Hannover erwartet eine unterhaltsame Mischung aus Schule und Show. Am Anfang steht die Vision Ohne Vision kein Fortschritt. Deshalb beginnen die Expo-Planer in der Vergangenheit, um die Zukunft zu erklären. Im „ Planet of Visions“ in Halle 9 wird der Besucher in die Vergangenheit versetzt: zum Jahr 1000. Anhand von Exponaten und Installationen wird er mit der Weltuntergangsstimmung, aber auch mit den Utopien der damaligen Epoche konfrontiert. Dann stößt er auf den „Turm zu Babel“. Der wurde im Filmpark Babelsberg gebaut, ist immerhin zwölf Meter hoch und steht laut den Expo-Machern „ für das menschliche Streben und Scheitern“. Den technischen Clou liefert IBM: Die Turm-Inschriften in alten Sprachen werden bei Berührung mittels Spracherkennung und Übersetzungssystem in einer lebenden Sprache wiedergegeben. Und noch ein kleines Wunder vollbringt der Computerkonzern: Über einen Silizium-Kristall können die Besucher ihre persönlichen Botschaften für das 21. Jahrhundert hinterlassen. Dahinter verbirgt sich ein System, das handschriftliche Notizen in Sekunden digitalisiert und zur inhaltlichen Auswertung weiterleitet. Zeitreise Ab Hannover Die Eingaben der Besucher im „Turm zu Babel“ (siehe Highlight 1) werden tatsächlich im Ausstellungsteil „21. Jahrhundert“ – ebenfalls in Halle 9 – aufgegriffen. Hier begibt sich der Zeitreisende aus der Vergangenheit in die Zukunft. Zwischenstopps legt er bei den Jahren 2000, 2030, 2070 und schließlich 2100 ein. Nach wissenschaftlichen Prognosen sind dort Zukunftsszenarien für die Städte Aachen, São Paulo, Shanghai und Dakar dargestellt. Eier im Schwarm Sie sehen aus wie große milchige Eier. In Gruppen schwärmen sie durch die Arena, die in blaues Licht getaucht ist. Neugierig scheinen sie den verblüfften Besucher zu umkreisen. Wer sich in eine Episode von „Raumschiff Enterprise“ versetzt fühlt, liegt nur knapp daneben. Denn ein Stück Science-fiction ist es durchaus, das Expo-Projekt des Zentrums für Kunst und Medientechnologie. Das Karlsruher Institut will die Verbindung zwischen traditioneller Kunst, Design und Medien ausloten. Mit den über 70 mobilen Robotern wird das Konzept der „kollektiven Intelligenz“ dargestellt. Darunter verstehen die Macher die Bündelung von Fähigkeiten verschiedener Individuen. Sie sehen darin neben der menschlichen und der künstlichen eine dritte Art der Intelligenz. Dümmere Verwandte der Eier-Robis sind übrigens Fahrstühle – denn deren Antrieb und Synchronsteuerungstechnik stammen aus dieser Anwendung. Durch einen kleinen Bordcomputer können die Roboter selbst entscheiden, wohin sie sich bewegen und wie sie auf den Besucher reagieren. Die Programmierung der Computer hat das Fraunhofer-Institut für Materialfluß und Logistik übernommen. Ein selbstlernendes, mobiles System in dieser Form hat es noch nie gegeben. Zwei Jahre bastelte ein Team aus Robotikspezialisten, Künstlern und Designern in einem Atelier in Hannover an dem Projekt. Die bis zu drei Meter großen Einheiten sind über Funk miteinander vernetzt – und wissen deshalb immer, wo die anderen sind. So entsteht Schwarmverhalten. Vorbilder für die Installation, die Bestandteil des Ausstellungsthemas „Wissen, Information, Kommunikation“ in Halle 4 ist, sind Nervenzellen und das Internet. LAB.01 Das Labor der Zukunft Wissen Sie, über was ein Weltenarchitekt nachdenkt, oder welche Aufgaben eine Faserforscherin hat? Wenn nicht, sollten Sie dem Lab.01 (sprich „läb one“) einen Besuch abstatten. Das Zukunftslabor ist das Expoprojekt des DaimlerChrysler-Konzerns. Dort werden unter anderem mögliche und bereits vorhandene Berufsbilder für das 21. Jahrhundert vorgestellt. Als mobile Installation war Lab.01 schon seit Mitte vergangenen Jahres in verschiedenen Städten Europas auf Tour. Es soll vor allem Jugendlichen die neuen Technologien näherbringen und zur Beschäftigung mit ihnen anregen. Die Besucher drehten Video-Clips, nahmen eigene Songs auf oder konstruierten einen Roboter. Jetzt ist der Tourwagen auf dem Expogelände, direkt bei Halle 2, vor Anker gegangen. Für die Expo hat die DaimlerChrysler-Crew das Konzept noch einmal überarbeitet. Denn für individuelle Bastelarbeiten ist bei dem erwarteten Massenandrang keine Zeit mehr. Trotzdem setzt Lab.01 immer noch auf das Prinzip „Hände aus den Taschen“. Der Besucher soll selbst Erfahrungen mit neuen Technologien sammeln. Neugierige können beispielsweise durch einen Iris-Scanner mit dem Auge Gegenstände bewegen oder Bewegungen steuern. Vorbild für das Lab.01 ist das Explanatorium in San Francisco, das mit dieser Art der Präsentation jährlich 600000 Besucher anzieht. Zaubern Mit Tönen Geht es im Lab.01 um neue Möglichkeiten, die Sehkraft zu nutzen, gibt’s bei der Ausstellung „Magic of Sounds“ in Halle 3 Höhepunkte für die Ohren. Der Expo-Auftritt des Kopfhörer-, Lautsprecher- und Mikrofonproduzenten Sennheiser lockt mit dem „ Channel of Sounds“. 64 Tonspuren inklusive Verstärkern, Steuerung und Lautsprechern sowie 138 Kilowatt Leistung sorgen für die richtigen Töne. Die Besucher können mitkomponieren und eigene Akzente setzen. Doch das technische Highlight der Sennheiser-Präsentation ist der sogenannte Audio-Beam. Das Wunderwerk ist ein Lautsprecher, der Töne bündelt wie eine Linse das Licht. Geräusche lassen sich mit dem Schallstrahl ähnlich projizieren wie ein Dia. Für den nichtsahnenden Zuschauer und -hörer erhalten Gegenstände auf diese Weise plötzlich eine Stimme. Damit können Wände künftig auch sprechen – Ohren haben sie bekanntlich schon jetzt. Baum Der Erkenntnis Der deutsche Pavillon präsentiert einen Baum der Erkenntnis – der Erkenntnis über Deutschland. Das zwölf Meter hohe Gewächs hat drei Äste, an denen – Früchten gleich – riesige Plasmabildschirme hängen. Sie zeigen Bilder aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Die großen Bildschirmfrüchte schwingen an 16 ovalen Schirmen vorbei, auf denen sich die einzelnen Bundesländer vorstellen. Dort sieht der Besucher Exponate aus den Ländern, die Geschichte geschrieben haben. So präsentiert Baden-Württemberg das Patentmobil von Benz, Berlin ein Stück der Mauer und Rheinland-Pfalz die Druckerpresse von Gutenberg. Der deutsche Pavillon steht an der Expo- Plaza im Zentrum der Ausstellung. OASen Der Ruhe Wer einige Stunden auf dem Gelände herumgewandert ist, dem tun die Füße weh. Höchste Zeit, sich zur „Zukunft der Gesundheit“ in Halle 5 zu begeben. Dort erwartet den Erschöpften die Installation des Koreaners Toyo Ito. Er hat an einem künstlichen See Entspannungsliegen aufgestellt, die den Expo-Gast auf Knopfdruck sanft wiegen. Dabei verfolgt man Videoprojektionen über Epidemien, den menschlichen Körper, das Altern oder die Pubertät. Verspürt er danach Appetit, macht er sich auf den Weg zum Bereich „Ernährung“ in Halle 6. Dort schockt ihn zunächst eine Glaswand, gefüllt mit Tausenden von Heuschrecken. Das soll an die Bedrohung der Ernten erinnern – und auf die Möglichkeiten der biologischen Bekämpfung von Schädlingen aufmerksam machen. Mutige können dazu gleich ihren Teil beitragen: Gebratene Heuschrecken werden als kulinarische Häppchen gereicht. Die LandschafTs-Lasagne In dem Labyrinth riecht es angenehm nach frisch geschlagenem Holz, die Dielen knacken bei jedem Schritt, plötzlich parliert jemand auf Schwyzerdütsch: So präsentiert sich die Schweiz. Andere Länder, andere Ideen: Die Vereinigten Emirate haben in Hannover ein Wüstenfort gebaut, Ungarn eine Art Arche Noah. Doch der spektakulärste der über 50 freistehenden Pavillons dürfte der niederländische sein. Drei junge, aber bereits prominente Architekten – Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries – haben verschiedene Landschaften in fünf Stockwerken übereinander gestapelt. Ganz oben auf dem 40 Meter hohen Gebäude ruht ein See, Windräder drehen sich. Eine Treppe tiefer steht der Besucher im Wald. Mächtige Stämme ragen empor, künstlicher Regen fällt. Weiter unten liegt ein Tulpenfeld, dann folgen Dünen: Holland kompakt. Mit Miniaturisierungen hat das Architektentrio Erfahrung. In Amsterdam entwarfen die Kreativen ein 2,50 Meter breites Reihenhaus – das aber alle notwendigen Räume bietet. Auch ihre Hannoveraner Landschafts-Lasagne – auf dem Pavillongelände Ost – sehen sie keineswegs als surrealistisches Objekt, sondern als Anstoß, über Stadt und Landschaft sowie über den Umgang mit beidem nachzudenken. Am Nationentag der Niederlande, dem 6. Juni, wird am Pavillon gefeiert.

Heike Buchter

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Co|cker|spa|ni|el  〈m. 6; Zool.〉 Angehöriger einer englischen Jagdhundrasse [<engl. cocker ... mehr

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