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Im Reich der Sinne

Mit dem neuartigen Ausstellungskonzept will der Museumsfachmann Martin Roth bei der Expo 2000 Zukunft visualisieren.

Martin Roth (Jahrgang 1955) stammt aus Gerlingen bei Stuttgart und ist seit 1995 der konzeptionelle Kopf des Themenparks der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover. Der studierte Kulturwissenschaftler und Soziologe promovierte in Berlin über Museums- und Ausstellungsgeschichte. Anschließend arbeitete er anderthalb Jahre in Paris an der Maison des Sciences de l’Homme. Nach einem Zwischenstopp am Deutschen Historischen Museum und zwei USA-Aufenthalten wurde er 1991 zum Leiter des Deutschen Hygiene Museums in Dresden berufen, wo er binnen sechs Jahren mehr als 70 Ausstellungen mitorganisierte. Von dort ist er bis zum 31. Dezember 2000 an die Expo – mit Sitz in Hannover – ausgeliehen. Seit 1995 ist Roth überdies Präsident des Deutschen Museumsbundes.

bild der wissenschaft: Die Expo 2000 steht bei den Deutschen nicht hoch im Kurs, Herr Dr. Roth.

Roth: Eine emotionale Bindung an ein solches Ereignis haben in der Tat nur wenige Deutsche. Das liegt zum größten Teil daran, daß trotz etlicher Versuche noch nie eine Weltausstellung nach Deutschland ging.

bild der wissenschaft: Ist nicht einfach die Zeit gigantischer Messen vorbei?

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Roth: Auch wenn die Expo 2000 auf und neben dem Messegelände in Hannover stattfindet, ist sie alles andere als eine Messe. Weltausstellungen sind im übrigen im 19. Jahrhundert auch ganz bewußt als Gegensatz zu Messen ins Leben gerufen worden.

bild der wissenschaft: Das müssen Sie erklären.

Roth: Weltausstellungen sind eine Vorbildersammlung in vielerlei Hinsicht. Einmal sollen sie Zeichen für die Industrie setzen. Weiterhin sollen sie den Wettbewerb stimulieren. Parallel dazu sollen soziale Errungenschaften zur Schau gestellt werden. Schon auf der ersten Weltausstellung 1851 in London wurden der Arbeitsschutz und die Soziale Frage ausgiebig dargestellt. Auch die Bismarcksche Sozialgesetzgebung wurde früh auf Weltausstellungen diskutiert. Wichtig ist dabei, daß diese Bereiche nicht isoliert voneinander präsentiert werden, sondern im Zusammenhang. Weltausstellungen sind Katalysatoren für wesentliche Entwicklungen.

bild der wissenschaft: Der Mensch im Mittelpunkt einer Weltausstellung – nicht die Technik?

Roth: In der Tat rückt der Mensch immer stärker in den Mittelpunkt. Schon die Weltausstellung von Montreal 1978 stellte Technologien in den Vordergrund, die uns helfen können, unseren Planeten zu erhalten. In Osaka ging es 1972 um das Thema Harmonie und Technologie. Sevilla hat 1992 mit dem „Zeitalter der Entdeckungen“ gezeigt, wie die Erde durch den Menschen genutzt und ausgebeutet wird.

bild der wissenschaft: In einem sogenannten Themenpark sollen in Hannover erstmals brennende Zukunftsfragen gebündelt werden: Klima, Energie, Ernährung, aber auch die Chancen auf Gesundheit und die Zukunft der Arbeit. Werden wir den Themenpark bedrückt verlassen, weil dort mit deutscher Gründlichkeit die Probleme der Welt auf unsere Schultern geladen wurden?

Roth: Wer zur Weltausstellung kommt, dem wird viel Unterhaltung geboten. Wir wollen den Besucher hineinziehen in die Ausstellung, ähnlich wie in einen Erlebnispark. Gleichzeitig ist es uns wichtig, daß diese Unterhaltung eine Menge an Inhalten hat, daß der Besucher viele Informationen mitbekommt. Unsere Aufgabe ist es, diesen Informationen die Kulisse zu verschaffen. Gelingt unser Vorhaben, dann bleibt beim Besucher auch viel von dem Erlebten hängen.

bild der wissenschaft: Thema: Zukunft der Arbeit. Was hat ein Arbeitsloser von einem Expo-Besuch?

Roth: Wir werden zeigen, welche Varianten es weltweit für die Weiterentwicklung von Beschäftigung und Arbeit gibt. Da findet die Hemdenfabrikation in Singapur ebenso ihren Platz wie die Situation in Südafrika. Unser Ansatz muß der internationale Blickwinkel sein, nur dann wird auch der Standort Deutschland interessant. Die Diskussion über die Inhalte dieses brisanten Themas im Rahmen der Expo ist gegenwärtig noch voll im Gange. Unser höchstes Ziel ist: beim Ausstellungsbesucher viele Fragen aufkommen lassen, damit er sich weiter mit dem Thema beschäftigt.

bild der wissenschaft: Konkret: Wie wollen Sie die Zukunft der Arbeit visualisieren?

Roth: Das Büro der Zukunft, die Automatisierung sowie der Einsatz neuer Technologien in der Produktion, Frauenarbeit, die Globalisierung: Das alles werden mit Sicherheit wichtige Elemente dieser Themenschau sein. Über die konkrete Ausgestaltung zu reden, ist aber noch zu früh.

bild der wissenschaft: Über die Zukunft der Arbeit informierten gerade in Hannover auch Cebit und Industriemesse. Was kann die Expo Besonderes bieten?

Roth: Auf der Cebit oder der Hannover Messe Industrie werden Zukunftstechnologien vorgeführt. Die Expo 2000 wird sich dagegen an der Alltagswelt der Besucher orientieren und von diesem Standpunkt aus auf die Zukunft eingehen. Außerdem suche ich persönlich auch immer eine Antwort auf die große Historikerfrage: „Wo komme ich her, wo gehe ich hin?“ Wichtig ist überdies, dem Besucher sinnliche Empfindungen zu vermitteln. Wenn etwa auf der Expo 2000 von der Rushhour in Los Angeles die Rede wäre, dann muß das virtuell miterlebt werden können. Nur so geht der Besucher mit einem tiefen Erlebnis nach Hause.

bild der wissenschaft: Optimisten erwarten zur Weltausstellung in Hannover bis zu 300000 Menschen pro Tag. Kann man einer solchen Masse überhaupt noch eine Ausstellung zum Anfassen, mithin sinnliche Eindrücke, vermitteln?

Roth: Erstens wird der Themenpark mit 100000 Quadratmeter wahrscheinlich die größte Ausstellung sein, die jemals zustande gekommen ist. Zum zweiten werden die Besucher nicht alles sehen wollen. Wir werden einen Schnelldurchgang anbieten, durch den sich die Besucher einen Überblick verschaffen und entscheiden können, was sie genauer inspizieren wollen. Und wir wollen moderne Technik dazu nutzen, die Besucherströme zu kanalisieren. So sind wir möglicherweise in der Lage, Besucher über elektronische Agenten konkret auf ihre Interessen anzusprechen. Diese Agenten können Gesichter erkennen und registrieren, wer wie lange wo verweilt. Kommt der Besucher an ein entsprechendes Terminal, kann ihm der Agent aufgrund seines Interessenprofils individuelle Ausstellungstips zusammenstellen.

bild der wissenschaft: Ihr Anliegen ist es, ernste Themen unterhaltend herüberzubringen?

Roth: Ja. Und genau da haben wir in Deutschland ein Problem. Seriöse Wissenschaft und Entertainment gelten bei uns als unvereinbar. In den USA, aber auch in Großbritannien, ist das anders. Dort stellen sich die Wissenschaftler viel unkomplizierter der Öffentlichkeit. Hier gegenzusteuern ist eines meiner wichtigsten Ziele. Das heißt noch lange nicht, daß ich es gerne niveaulos habe.

bild der wissenschaft: Welche Rolle spielen Wissenschaftler bei der Vorbereitung für die Weltausstellung?

Roth: Die Projektvorschläge zu den neun Segmenten des Themenparks – Mensch, Umwelt, Landschaft, Klima, Ernährung, Gesundheit, Zukunft der Arbeit, Mobilität, Energie – werden von neun Institutionen gesammelt und gebündelt. Hierzu gehören etwa das Deutsche Hygiene Museum in Dresden, bei dem ich angestellt bin und das mich für die Expo gewissermaßen nur entliehen hat, das Tropenmuseum in Amsterdam, die Fraunhofer Gesellschaft, das World Energy Council und die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Die Wissenschaft und Forschung ist also vertreten.

bild der wissenschaft: Und wie wird aus den unterschiedlichen Themensammlungen eine Ausstellung aus einem Guß? Bräuchten Sie dazu nicht einen Regisseur von Spielbergschem Format?

Roth: Unser Stephen Spielberg heißt Franìois Confino. Im Gegensatz zu Spielberg, der uns in der Tat immer mal wieder empfohlen wurde, hat Confino Erfahrung mit Weltausstellungen. Confino ist genau der Richtige – einer, der Illusionen und Imaginationen sondergleichen gebaut hat, also begehbare Filmwelten schafft. Er macht für uns den Masterplan. Für einzelne Bereiche holen wir noch international renommierte Architekten und Filmemacher dazu.

bild der wissenschaft: Und Sie sind dazu auserkoren, dem großen Regisseur ein kongeniales Skript zu liefern?

Roth: Mir ist wichtig, die Bausteine zusammenzubringen, die das Konzept des Themenparks sichern. Auch wenn es eine Ausstellung wie den Themenpark in der Form noch nie gab, bin ich zuversichtlich, daß sie ein Erfolg wird und gerade auch das kritische deutsche Publikum überzeugen wird.

Wolfgang Hess / Martin Roth

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