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Intelligenz der anderen Art

Unglaublich: Kraken lernen durch Beobachten, Bienen können zählen. Tests haben bewiesen, daß viele Tiere zu intelligenten Reaktionen fähig sind. In welchem Ausmaß – das verblüfft selbst die Forscher.

Ruhig verharrt das achtarmige Meereswesen am Boden seiner künstlichen Behausung. Nur hin und wieder kringeln sich die Tentakel des Kraken scheinbar ungeduldig wie das zuckende Schwanzende einer lauernden Katze. Plötzlich schießt das Tier zur anderen Ecke des Käfigs. Sand wirbelt auf, Steine spritzen aus dem Boden. Der Krake hält sein Opfer tödlich umklammert.

Doch was den Octopus trieb, war nicht der Appetit auf seine Lieblingsspeise. Er hält weder Krabbe noch Fisch gefangen, sondern einen weißen Plastikball. Der Gemeine Krake hat allein durch Beobachten gelernt, auch solche Gegenstände anzugreifen, die er von Natur aus ignorieren würde. Er kopiert das Verhalten seiner trainierten Artgenossen in den Nachbarkäfigen.

Selbst der Leiter des Projekts, Dr. Graziano Fiorito von der Zoologischen Station Anton Dohr in Neapel, Italien, ist von dieser Fähigkeit seines Schützlings überrascht: Bis zu Fioritos ersten Versuchen vor sechs Jahren hatte niemand einem Kraken die Fähigkeit des „Lernens durch Beobachten“ zugetraut.

Von stammesgeschichtlich höher entwickelten Arten ist intelligentes Verhalten dagegen schon lange bekannt: Junge Ringeltauben fraßen nur dann Eicheln, wenn sie zuvor bei erwachsenen Vögeln gesehen hatten, daß diese solche großen Früchte verspeisten. Ein Trupp japanischer Stummelschwanzmakaken ahmte ein Weibchen nach, das Süßkartoffeln in einem Bach vor dem Fressen gründlich wusch. Ein Tintenfisch aber, davon waren die Forscher überzeugt, könne mit Wirbeltieren geistig nicht konkurrieren. Außerdem hielten die Wissenschaftler die Fähigkeit nachzuahmen nur für solche Tiere für vorteilhaft, die in Gemeinschaft leben. Bei anderen Arten dachten sie, sei sie im Lauf der Evolution verlorengegangen. Zum Beispiel bei Kraken, die ihr Leben in Höhlen verborgen auf dem Meeresgrund verbringen und nicht einmal Mutter oder Vater erkennen.

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Lernen bedeutet für Tiere Neues zu erproben, um bislang unbekannte Situationen meistern zu können. Manche Wissenschaftler halten diese Art von Kreativität für einen Hinweis auf Intelligenz. Was jedoch genau unter Intelligenz zu verstehen ist, da streiten sich die Experten bereits, wenn es um den Menschen geht.

Bei Tieren fällt es ihnen noch schwerer, den Begriff zu definieren: „Intelligenz ist das Resultat fortgeschrittener Informationsverarbeitung und ein Konstrukt aus einer ganzen Reihe von Phänomenen“, sagt etwa Dr. Lorenzo von Fersen vom Tiergarten Nürnberg. Zu den Intelligenz-Faktoren gehören neben Lernvermögen auch Werkzeuggebrauch und Sprache.

Nicht nur Laien erstaunt die verblüffende Begabung des Schimpansen Kanzi, Zögling der Primatenforscherin Sue Savage-Rumbaugh, ohne Anleitung eine Symbolsprache zu erlernen. Doch wenn der Schmutzgeier einen Stein in den Schnabel nimmt und ihn aus großer Höhe in ein Straußennest fallen läßt, um an Dotter und Eiweiß heranzukommen, spricht kaum einer der Fachleute von intelligentem Verhalten – obwohl der Geier lange üben muß, um diese Leistung zu vollbringen.

Manchmal trauen Forscher ihren Augen nicht, wenn sie tierisches Verhalten beobachten. Hin und wieder läßt es sich tatsächlich am besten mit so menschlichen Begriffen wie „Nachdenken“ oder „Schlußfolgern“ beschreiben – doch aus Furcht, belächelt zu werden, nehmen Experten diese Begriffe nicht in den Mund.

Ein Beispiel: In einem Gehege nahe Großschönebeck in Brandenburg lehrte eine Leitstute ihre Herde, wie ein vermeintlicher Feind zu bekämpfen sei. Wissenschaftler des Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin hatten hier eine Gruppe Przewalski-Pferde untergebracht – die einzigen echten Wildpferde der Welt -, um zu erkunden, wie sich die Rasse nach knapp hundertjährigem Zoodasein in der scheinbaren Wildnis zurechtfindet.

Zu ihrer Strategie gehörte, die Tiere mit einem ganz besonderen Hütehund als Wolfs-Imitat zu konfrontieren. Einen solchen Border-Colli führten sie von außen an das Gehege. Der Colli schlich geduckt, mit gestrecktem Leib hinter dem Zaun an die grasende Herde heran. Erst als er zehn Meter nah gekommen war, witterten die Pferde Gefahr und stieben in panischer Angst auseinander. „Sie zeigten zwar Fluchtverhalten“, meint Versuchsleiter Dr. Claus Scheibe, „aber das war chaotisch und unkoordiniert.“

Bei weiteren Versuchen beobachteten die Forscher, wie die Leitstute ihre Herde sammelte und sie in die Nähe des Collis dirigierte – sie schien sie zu trainieren. Die Probe aufs Exempel bestätigte die Vermutung der Zoologen: Als sie den Hund in das Gehege ließen, erkannten ihn die Pferde schon auf 100 Meter Entfernung, flüchteten im Verband und rüsteten schließlich gemeinsam zum Angriff. Die Wissenschaftler hatten Mühe, den Colli rechtzeitig aus seiner mißlichen Lage zu befreien.

„Learning by doing“ würde man das beim Menschen nennen – aber ist ein solcher Begriff auch bei Tieren angemessen? „Individuelles Lernen und genetische Veranlagung sind eng verknüpft“, meint Scheibe. „Das eine läßt sich vom anderen nicht trennen.“

Wissenschaftler nutzen das Bestreben von Tieren zu lernen für ihre Zwecke. In entsprechenden Versuchen tasten sie sich an das Rätsel Intelligenz heran. Nach dem Motto: „Erst lernt das Tier, dann zeigt es, was es kann“ versuchen sie, der Wahrnehmung und dem Gedächtnis auf die Spur zu kommen:

Seelöwe Tommy aus dem Delphinarium Münster beispielsweise lernte unter der Anleitung von Dr. Guido Dehnhardt, Zoologe an der Universität Bonn, zwischen abstrakten Bildern und deren Spiegelbildern zu unterscheiden. Die Bilder ähnelten zusammengelegten Dominosteinen und erinnerten entfernt an die Buchstaben T und L, die um einzelne Schenkelstücke erweitert oder verkürzt sind (siehe Abbildungen auf Seite 18). Für den Versuch installierten die Wissenschaftler am Rand des Beckens drei Monitore, die Tommy aus dem Wasser heraus mit seiner Schnauze anstupsen konnte.

Im ersten Schritt zeigten sie dem Seelöwen auf dem mittleren Monitor für jeweils fünf Sekunden das Orginalbild, dann blendeten sie es aus. Im zweiten Schritt erschienen auf den Nachbarbildschirmen die veränderten Figuren: auf dem einen das Spiegelbild und auf dem anderen das gedrehte Originalbild. Erkannte Tommy das Originalbild wieder, erhielt er zur Belohnung einen Fisch.

Der Seelöwe bewältigte die Aufgabe mit Bravour. Er bewies damit, daß auch ein nicht-primates Säugetier abstrakte Figuren erkennen kann, selbst wenn sie gespiegelt und anders als gewohnt orientiert sind. Um ein Symbol zu erkennen, mußte Tommy fähig sein, sich vorzustellen, wie es in der Ausgangslage, also nicht gespiegelt und nicht gedreht, aussieht – „mentale Rotation“ nennen das die Fachleute.

„Die Zeit, die der Seelöwe benötigte, um das Originalbild zu erkennen, stieg wie beim Menschen mit zunehmendem Rotationswinkel an“, sagt Dehnhardt. Er schließt daraus, daß sich Seelöwen ihre Umgebung bildhaft vor Augen rufen können – genau wie Menschen.

Auch Tauben besitzen verblüffende Fähigkeiten: Sie können Bilder von bestimmten Personen von solchen anderer Personen unterscheiden, selbst wenn Profil, Haltung, Make-up oder Kleidung variieren.

Die meisten Wissenschaftler halten es durchaus für möglich, Mensch und Tier zu vergleichen, wenn man sich auf bestimmte geistige Fähigkeiten beschränkt. Eine Wertung der Gesamtintelligenz in Form einer „Rangliste der Schlauen“ – mit dem Menschen an der Spitze – lehnen sie ab.

Das war nicht immer so. Allzu selbstverständlich machten ganze Forschergenerationen die Intelligenz eines Tieres lediglich an seiner stammesgeschichtlichen Entwicklungsstufe fest und suchten in allem Parallelen zum Menschen. „Einer der großen Fehler der Vergangenheit war, festgefügte Hierarchien als unumstößlich zu betrachten und nicht nach einer allgemeineren Definition für Intelligenz zu suchen, die freier von menschlicher Bewertung ist“, resümiert Prof. Olaf Breidbach, Direktor des Ernst- Haeckel-Hauses in Jena.

Allein der Begriff Evolution verführte die Forscher zum Glauben, daß es einen zielgerichteten Prozeß vom niederen Tier mit einfachem Gehirn zum höheren Tier mit einem komplexen Gehirn gibt. Ganz unten in der Hierarchie des Lebens zu stehen bedeutete demnach, dumm zu sein, ganz oben dagegen schlau.

Da sich der Mensch für die Krone der Schöpfung hielt, interpretierte er unwillkürlich das Verhalten anderer Individuen auf der Basis seiner Vorstellungen und seines Könnens. „Bis heute geistert das anthropozentrische Denken in den Köpfen“, kritisiert Prof. Joseph P. Huston vom Institut für Physiologische Psychologie der Universität Düsseldorf. „Dabei ist das leicht zu wiederlegen.“ Denn die Evolution verlief keineswegs so linear wie früher angenommen. Sie wich auf einer Vielzahl von Wegen ab, wobei jeder Weg die Anpassung an eine unterschiedliche Kombination von Umweltfaktoren bedeutet. Egal ob Ameise, Hyäne oder Kabeljau – jedes Tier ist, gemessen an den Bedingungen seines Lebensraumes, nicht nur körperlich, sondern auch geistig optimal für das Überleben in einer bestimmten ökologischen Nische gerüstet.

Inzwischen wird eine Vielzahl traditioneller Vorstellungen über die Evolu-tion des Gehirns von Wirbeltieren in Frage gestellt. So behauptet der Zoologe Harry J. Jerison, daß das Vorderhirn von Kieferlosen über Knorpelfische bis hin zu Säugetieren nicht gewachsen ist. Tatsächlich existieren Haiarten, deren relative Größe des Vorderhirns derjenigen von Säugern entspricht.

Vor wenigen Monaten ernüchterte ein Forschungsergebnis den Glauben an das Superhirn angeblich hochintelligenter Säugetiere. Prof. Onur Güntürkün, Biopsychologe an der Ruhr-Universität Bochum, hatte das stattliche, stark gefurchte Gehirn von Delphinen untersucht und festgestellt, daß es im Verhältnis zur Größe weniger Nervenzellen besitzt als das einer Ratte. Damit fand er womöglich den Grund für die Versuchsergebnisse des Zoologen Lorenzo von Fersen: Delphinen gelingt es erst nach Monaten Training, einfache grafische Symbole wie Ellipsen, Vierecke oder Dreiecke zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Die Tiere sind zwar Meister der Akrobatik und Genies der akustischen Ortung, doch ihr Abstraktionsvermögen – Sinnbild für hochentwickelte Intelligenz – ist vergleichsweise unterentwickelt.

Andererseits sind selbst so primitiv anmutende Gebilde wie die stecknadelkopfgroßen Gehirne der Insekten zu erstaunlichen Leistungen fähig. Wie Dr. Lars Chittka von der Universität Würzburg und Dr. Karl Geiger von der Freien Universität Berlin herausfanden, können Honigbienen sogar zählen. In einem ersten Test stellten die beiden Biologen vier Objekte im jeweils selben Abstand zueinander auf und postierten zwischen dem dritten und vierten eine Futterstelle. Die Bienen lernten, stets nach der dritten Landmarke die begehrte Süßigkeit aufzuspüren. Dann veränderten die Wissenschaftler die Zahl der Gegenstände: Mal entfernten sie einige, mal plazierten sie zusätzliche zwischen den Originalobjekten. Statt direkt bei der ersten Landmarke desorientiert herumzufliegen, begannen die Bienen immer erst nach dem dritten Objekt mit ihrer Futtersuche. Mitnichten seien Insekten dumm, ist Chittka überzeugt: „Ihre Leistungen sprechen für eine gewisse Intelligenz.“

Insektenhirne machen es den Forschern relativ leicht, weil sie bei weitem nicht so komplex aufgebaut sind wie die Gehirne von Säugetieren oder gar Menschen. Daher läßt sich zum Beispiel leichter herausfinden, wie sie Informationen verarbeiten.

Noch weiß jedoch niemand, warum die Natur anscheinend eine Schwäche für das Mittelmaß besitzt: So ließen sich bei Ratten, Honigbienen, Fruchtfliegen und Hummeln innerhalb weniger Generationen besonders schnelle Lerner züchten – ein Fingerzeig dafür, daß im Laufe der Evolution nicht alle genetischen Möglichkeiten, über die eine Tierart verfügt, voll ausgeschöpft wurden. „Es gibt wohl einen evolutionären Nachteil, zu schlau zu sein“, glaubt Chittka, „und wir wollen wissen, warum das so ist.“

Deshalb planen Chittka und seine Mitarbeiter, „superdumme“ und „superschlaue“ Hummel-Kolonien zu züchten und einen speziellen Intelligenz-Test für sie zu entwickeln. Der soll dann klären, ob die superschlauen Hummeln Nachteile haben, weil sie zu viele Informationen gleichzeitig verarbeiten müssen.

Wenn bisherige Versuche auch noch nichts über die Intelligenz von Tieren im allgemeinen verraten – die Details sind erstaunlich genug. Womöglich kommen die Forscher eines Tages zu dem Schluß, daß der Mensch als Krone der Schöpfung ausgedient hat.

Marita Vollborn

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