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IRRTUM 5

TROJA LAG GANZ WOANDERS

Homer ist nicht zu fassen. Man wüsste zu gern, wer denn dieser Mensch war, dessen Name untrennbar mit den beiden Großgedichten Ilias und Odyssee verbunden ist. Wo hat er gelebt? Wie hat er ausgesehen? War er blind? Und: Gab es ihn überhaupt? „Einen Geburtsschein können wir nicht vorweisen“, ulkt Joachim Latacz, Gräzist und Homer-Forscher aus Basel.

Brutaler sagt es Raoul Schrott, Dichter und Vergleichender Literaturwissenschaftler aus Österreich: „Von Homer weiß man nur eins: nämlich nichts.“ Schrott hat im letzten Jahr die Ilias in moderne Sprache übersetzt. Dabei konnte er, wie er sagt, Homers Geheimnis lüften. Schrott stellte die wissenschaftliche Meinung über gleich beide Urmythen – Homer und Ilias, inklusive Trojanischem Krieg – radikal ins Abseits: Das kriegerische Geschehen um Troja verlegte er vom Ruinenhügel Hisarlik im Nordwesten der Türkei 800 Kilometer südöstlich nach Karatepe, einer späthethitischen Burg beim heutigen Adana. Den Dichter von Ilias und Odyssee entlarvte er als griechischen Kanzleischreiber in assyrischen Diensten. Der sei nicht blind, aber Eunuch gewesen – eine erstaunlich intime Charakteristik eines Menschen, über den man nichts weiß. Mit 4000 Fußnoten will der Dichter Schrott seine Thesen beweisen: Allein schon die schiere Zahl von Hinweisen, Ungereimtheiten und Übereinstimmungen, die er in seiner Fleißarbeit zusammengetragen hat, liefere das neue, das wahre Bild von Homer, von Troja, überhaupt von der Welt vor rund 3000 Jahren. Diese Art von Beweisführung – nach dem Motto „Die Masse macht’s!“ – ist wissenschaftlich anrüchig und rief heftige Reaktionen in der Gelehrtengilde hervor (bild der wissenschaft 5/2008, Buchbesprechung „Troja – Der Krieg geht weiter“).

Zum Beweis für die Verortung Homers als Schreiber in assyrischen Diensten zieht Raoul Schrott immer wieder materielles und geistiges Erbgut aus dem Vorderen Orient heran, das sich in Homers Ilias nachweisen lasse. Homer habe aus dem Gilgamesch-Epos, aus dem Alten Testament und aus assyrischen Annalen abgekupfert. Das ist alles nicht neu, sagen die Fachgelehrten, und durchaus erklärbar, wenn man sich die damalige Situation einmal anschaut. Spätestens seit 2500 v.Chr. war die Welt von Griechenland bis ins Industal eng vernetzt. „Seit jener Zeit“, bestätigt Joachim Latacz, „ist ein kultureller Amalgam entstanden, eine Kulturgemeinschaft der ganzen östlichen Mittelmeerregion.“ Da wanderten nicht nur Waren, sondern auch Ideen, Geschichten und Erinnerungen über Zeiten und Räume.

DIE ERSTEN BUCHSTABEN

Ab 800 v.Chr. wurde die Welt von einer neuen Aufbruchstimmung vorangetrieben: Die Buchstabenschrift entstand, Philosophie, Mathematik und Physik entwickelten sich. Kunst blühte auf, Literatur, speziell Lyrik, wurde geboren. Die „Vorsokratiker“ im Milet des 7./6. Jahrhunderts v.Chr. initiierten mit Philosophie und wissenschaftlichen Erklärungen den Urknall des Geistes. In dieser Übergangsphase zwischen traditioneller Welt und neuen Ufern schrieb Homer Ilias und Odyssee nieder – die erste Großdichtung.

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Das ist das Umfeld – aber was weiß die Wissenschaft nun über die Person Homer? Tatsächlich nichts. Es gibt nur Indizien und Interpretationen aus „biografischen Blitzlichtern“ (Latacz), die oft Jahrhunderte später entstanden. Der Geburtsort wird übereinstimmend, aber aus philologischen Rückschlüssen in die Gegend des heutigen Izmir gelegt. Über die Lebenszeit streiten die Gelehrten: 8. oder 7. Jahrhundert v.Chr. War Homer blind? Wohl eher nein. Hat er beide Epen geschrieben: Ilias und Odyssee? Wohl eher ja. Zumindest hätte Troja-Ausgräber Ernst Pernicka es schwer, „sich gleich zwei solche Genies in einer Zeit vorzustellen“. Und wer war Homer dann? Joachim Latacz meint: „Ein Unsterblicher.“ ■

MICHAEL ZICK, ehemaliger bdw-Redakteur, verfolgt die Troja-Forschung seit Jahrzehnten und hat den Grabungsort mehrfach besucht.

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