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„Jeden Tag improvisieren“

Chief Scientist Dr. Orna Berry über Zwänge und Ziele in Israels Forschungspolitik

Gemessen an ihrem Jahresbudget von rund 900 Millionen Mark ist Orna Berry, „Chief Scientist“ im Ministerium für Industrie und Handel, die wichtigste Einzeldarstellerin in Israels staatlichem Forschungszirkus. Ihr Büro unterstützt die heimische Industrieforschung, hilft insbesondere jungen High-Tech-Firmen, versucht ausländische Investoren anzuziehen und betreut internationale Kooperationsprogramme.

Im Forschungszirkus geht es bunt zu. Er ist, positiv ausgedrückt, dezentral organisiert. So verteilt ein Komitee des eigenständig agierenden Council for Higher Education (CHE) seine etwa 1,8 Milliarden Mark an Universitäten und andere höhere Bildungseinrichtungen – hauptsächlich zur Basisfinanzierung: Sie deckt höchstens zwei Drittel der Etats ab. Das Wissenschaftsministerium hingegen verwendet seine kaum mehr als 100 Millionen Mark – gerade mal ein Dritttel des Weizmann-Etats – vor allem für „strategische Forschung“ in ausgesuchten Feldern wie Elektronik, Elektro-Optik, Biotechnologie und Materialwissenschaften. Es koordiniert aber andererseits viele Aktivitäten des Zirkusprogramms. Orna Berry ist beileibe nicht der einzige Chief Scientist. Es gibt weitere zehn in anderen Ministerien – mit jeweils individuellem Auftritt und zwangsläufig kleinen Etats. Auch die staatlichen Forschungseinrichtungen sind, passend zum Ressort, bunt über die Ministerien verstreut. Die knapp gehaltenen Universitäten haben alle eigene Büros, die den Wissenschaftlern bei der mühsamen Bewerbung um Fördermittel aus über 300 zusätzlichen Förderquellen helfen. Neben der „Israel Science Foundation“, die mit einem kleinen Teil der CHE-Gelder jongliert, spielen ausländische Programme bei der Finanzierung die tragende Rolle.

Schon vor ihrer Zeit im bunten Forschungszirkus war Orna Berry, 48, eine der bekanntesten Frauen in Israels High-Tech-Branche. Nach dem Militärdienst hat sie Mathematik studiert, an der University of Southern California in Computerwissenschaften promoviert und für große Computerfirmen geforscht. Als Co-Präsidentin der 1993 gegründeten Netzwerk-Firma Ornet erhielt sie dann selbst Fördermittel aus den Töpfen, die sie heute überwacht. Ornet wurde 1996 von Siemens aufgekauft.

bild der wissenschaft: Frau Dr. Berry, in den neunziger Jahren war Israel Schauplatz eines beeindruckenden High-Tech-Booms. Was ist das Erfolgsrezept israelischer Wissenschaftler und Ingenieure?

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Berry: Forschung, Entwicklung und Innovationen sind sehr kurzen Lebenszyklen unterworfen. Und wir Israelis haben gelernt, schnell zu sein und zu improvisieren – sowohl beim Militär, das in Israel eine wichtige Rolle spielt, als auch im Alltag. Oft können wir auf keine wirklich etablierte Infrastruktur vertrauen wie in Europa. Sie glauben gar nicht, wie meine verrückten Freunde in der High-Tech-Branche jeden Tag improvisieren müssen. Außerdem werden Wissen und seine Anwendung hierzulande als Tugenden hoch geschätzt, auch von der Regierung. Sonst gäbe es meinen Job gar nicht. Und in der Einstellung hiesiger High-Tech-Unternehmer sehe ich eine moderne Form des Zionismus: Ihnen ist bewußt, daß die israelische Wirtschaft in Gang kommen muß.

bild der wissenschaft: Elektronik, Computer- und Kommunikationstechnik sind neben Biotechnologie zu den wichtigsten Standbeinen von Israels Industrie geworden. Entsprechen diese Disziplinen der einheimischen Mentalität?

Berry: In diesen Branchen muß man außergewöhnlich viel riskieren. Auch wenn man noch so gewissenhaft vorgeht, ist einem der Erfolg noch längst nicht sicher. Das ist auf dem Schlachtfeld ganz genauso. Außerdem haben alle Israelis während ihrer Militärzeit elektronische Gerätschaften benutzt. Sie haben am eigenen Leib erfahren, wie entscheidend ein gut gemachtes Produkt sein kann.

bild der wissenschaft: Einige der erfolgreichsten Firmenneugründungen Israels kommen aus der Netzwerkbranche. Kam der weltweite Internet-Boom gerade recht, um hiesige Hirne mit aller Welt zu verbinden?

Berry: Genau. Wir waren 40 Jahre in der Wüste eingeschlossen.

bild der wissenschaft: > Vor Ihrer Zeit im Industrieministerium haben Sie selbst in der Netzwerkbranche mitgemischt. Ihre junge Firma Ornet wurde bald an Siemens verkauft. Wo liegen die Unterschiede zwischen der Kultur einer deutschen und einer israelischen High-Tech-Firma?

Berry: Vielleicht spiegeln die sich gerade in dem Mehrwert, den Siemens sich vom Kauf versprochen hat. Viele israelische Firmen arbeiten auf hohem technologischen Niveau, sind innova-tionsfreudig und gut beim Produzieren kleiner Mengen herausragender Produkte. Unternehmen wie Siemens hingegen sind systematischer, haben eine viel bessere Qualitätssicherung, beherrschen die Großproduktion sowie das Etablieren einer internationalen Nachfrage, und sie haben ein gutes Wachstumsmanagement. Wenn man es schafft, beides zusammenzubringen, erreicht man fast Utopia.

bild der wissenschaft: Sie investieren Staatsgelder in junge High-Tech-Firmen. Unkonventionell ist dabei das Konzept des „Inkubators“: Arbeitslose, meist gerade eingewanderte Wissenschaftler betreiben eine Art Firma auf Probe (siehe „High-Tech aus dem Brutkasten“, Seite 42).

Berry: Das Programm ist so erfolgreich, daß wir es auf Universitäten ausweiten, wo Wissenschaftler interessante Ideen für marktfähige Produkte haben. Ich habe jetzt mehrere Projekte dieser Art angestoßen.

bild der wissenschaft: Typisch israelisch bei den Inkubatoren ist, daß die betreuenden Fachleute ehrenamtlich arbeiten. Sie selbst sollen nach Ihrem sicher lukrativen Ausstieg bei der Firma Ornet geplant haben, eine Art unbezahlten Gemeinschaftsdienst zu leisten?

Berry: Ich wollte Software-Kurse für Leute mit wissenschaftlichem Hintergrund geben, um sie für die Arbeit in der Informationsbranche umzuschulen. Doch dann wurde ich gefragt, ob ich den Posten des Chief Scientist übernehmen wolle.

bild der wissenschaft: Damit sind Sie auch für internationale Kooperationsprogramme in der industriellen Forschung zuständig. Während Deutschland in der Grundlagenforschung – nach den USA – zweitwichtigster Partner Israels ist, wird es in Ihren Publikationen nicht einmal erwähnt.

Berry: Es gibt zwar eine Kooperationsvereinbarung mit Deutschland. Dahinter steht aber kein Geld – die entsprechenden Verhandlungen endeten ergebnislos. Viele deutsche Unternehmen leisten hier bei uns wirklich gute Arbeit – die deutsche Regierung weniger.

bild der wissenschaft: Als der Friedensprozeß ermutigende Fortschritte machte, wurde viel geredet über die Kooperation zwischen israelischen und arabischen Wissenschaftlern – als erster, vorsichtiger Schritt zu einer Normalisierung. Europäische Partnerländer wie Deutschland sollten in „trilateralen Projekten“ die Rolle einer neutralen Instanz übernehmen.

Berry: Ich selbst habe einige professionelle Aktivitäten zusammen mit jordanischen und palästinensischen Partnern initiiert. Mehr kann ich nicht dazu sagen, weil die Materie einfach zu heikel ist. Aber wenn eine Institution wie die Europäische Union mir erklären will, wie ich vorzugehen habe, dann kann ich das nicht respektieren. Als ich das letzte Mal in Brüssel war, habe ich zur Bedingung gemacht, daß die Politik ausgeklammert bleibt. Wer die Konsequenzen seiner Vereinbarungen nicht mit dem eigenen Leben bezahlen muß, hat kein Recht, mir etwas vorzupredigen. Es gibt immer mehr fruchtbare Kooperationen, und diese Entwicklung muß entschieden vorangetrieben werden. Aber sie muß auch realistisch sein. Übrigens haben auch die deutschen Unternehmen erst seit Sommer 1994 hier investiert, als der Friedensprozeß voranzugehen schien und der arabische Boykott gegen Firmen, die mit Israel zusammenarbeiteten, deutlich gelockert wurde.

bild der wissenschaft: Gemessen am Budget sind Sie mindestens sechsmal so wichtig wie der Wissenschaftsminister Israels, dessen Stuhl 1997 obendrein ein halbes Jahr unbesetzt blieb. Während Sie in der Liga des mächtigen Committee for Higher Education spielen, haben die meisten der zehn anderen Chief Scientists vernachlässigbar kleine Budgets. Die staatlichen Forschungseinrichtungen sind über die Ministerien verstreut. Wäre nicht eine Reorganisation an der Zeit?

Berry: Wenn es um ein Unternehmen ginge, hätten Sie recht. Wir reden hier aber nicht über rationale Dinge, sondern über Politik: Es gibt Koalitionen, Leute müssen mit Jobs versorgt werden. Mein Büro hingegen hat nicht nur ein viel größeres Budget als etwa das Wissenschaftsministerium, sondern kommt auch mit der Hälfte des Personals aus. Als ich diese Aufgabe übernahm, habe ich eine Bedingung gestellt: daß ich nie mehr als ein Viertel meiner Zeit mit politischen und Verwaltungsaufgaben verbringen muß.

Jochen Wegner / Orna Berry

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