Kältestarre durch El Niño - wissenschaft.de
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Kältestarre durch El Niño

Wenn sich im tropischen Pazifik das Klimaphänomen El Niño zusammenbraut, drohen in Nordeuropa strenge Winter. Nun fanden Forscher heraus, wie diese Fernwirkung entsteht.

das Europa-Wetter im nächsten Winter können Meteorologen bislang nicht voraussagen. Doch das könnte sich ändern – dank El Niño. Das nach dem spanischen Wort für „Christkind“ benannte Klimaphänomen bringt im Schnitt alle zwei bis sieben Jahre in der Adventszeit Luft- und Meeresströmungen durcheinander, wodurch sich das Wasser des äquatornahen Ostpazifik erwärmt. Mittlerweile können Klimaforscher erste Anzeichen für den nächsten El Niño schon Monate im Voraus erkennen. Das wird die langfristigen Witterungsprognosen verbessern, sind Sarah Ineson und Adam Scaife vom Met Office Hadley Center im englischen Exeter überzeugt. Denn die Wirkung von El Niño ist bis nach Europa zu spüren: Oft erleben Russland und Finnland in El-Niño-Jahren einen extrem kalten Februar und März, während es in der Türkei ungewöhnlich mild ist. Ein breites Regenband überzieht Zentraleuropa von England bis zum Kaspischen Meer mit ergiebigem Niederschlag.

In Europa ist das Wetter freilich so launisch, dass sich dieses Muster nicht bei jedem El Niño ausbildet. „Doch man kann den Effekt statistisch nachweisen“, sagt Stefan Brönnimann von der ETH Zürich. Im Extremfall kann ein starker El Niño halb Europa unter einer Kälteglocke erstarren lassen – wie in den Kriegsjahren 1940 bis 1942. Im Pazifik vor Peru dauerten die El-Niño-Bedingungen damals fast drei Jahre. In Europa folgten drei extrem kalte Winter aufeinander. Das war kein Zufall, wies Brönnimann nach: Klimadaten zeigen, dass der Kälteeinbruch in Europa, der den Soldaten auf dem Russlandfeldzug so schwer zusetzte, seine Ursache auf der anderen Seite des Globus hatte. Allerdings blieb unklar, welche Mechanismen die Fernwirkung steuerten – und warum sie nicht bei jedem El Niño auftreten. Brönnimann stellte fest, dass sowohl die 8 bis 18 Kilometer hoch reichende unterste Schicht der Atmosphäre (die Troposphäre) als auch die darüber liegende Stratosphäre sich damals im Ausnahmezustand befanden.

Die britischen Forscher Ineson und Scaife fanden nun heraus, dass die Stratosphäre eine wichtige Rolle dabei spielt, die Störung vom Pazifik über den Nordpol hinweg nach Europa zu übertragen. Mit einem neuen Klimamodell wiesen sie nach, dass sich die für einen El Niño typischen Wettermuster im Nordpazifik stets bis in die Stratosphäre durchpausen. Dadurch werden die dort vorherrschenden Westwinde geschwächt, vor allem rund um den Nordpol. Normalerweise bildet sich im Winter in der arktischen Stratosphäre ein Tiefdruckgebiet aus, der Polarwirbel. Doch in El-Niño-Jahren kollabiert dieser Wirbel häufig, wie Klimasimulationen zeigen. Dann kehrt sich die Windrichtung um, der Wind bläst nun vorwiegend aus Osten. Das wiederum hat Folgen für die tiefere Troposphäre. Auch dort lassen die Westwinde nach, der Nachschub an milder Atlantikluft für Europa bleibt aus, und im Osten des Kontinents wird es bitterkalt. Ineson und Scaife beobachteten, dass sich in ihrem Modell das El-Niño-Wettermuster in Europa nur ausbildete, wenn der Polarwirbel zusammenbrach. Ob das so auch in der Realität gilt, werden die Bewohner Europas womöglich schon im kommenden Winter erfahren: Die Experten gehen davon aus, dass sich im Lauf dieses Jahres ein starker El-Niño aufbauen wird. ■

von Ute Kehse

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