Kannibalen und Hungerkünstler - wissenschaft.de
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Kannibalen und Hungerkünstler

Eisbären sind extrem gut an ihren kalten Lebensraum angepasst. Doch was geschieht mit ihnen, wenn ihre Heimat sich erwärmt?

Das Bärenmännchen war zu schnell. Es kam immer näher – und es war kräftig und gut genährt. Die Eisbärmutter und ihr Junges erreichten den Fjord und sprangen ins Wasser. Geschickt schwammen die beiden durch ein Feld aus Eisschollen hinüber zum anderen Ufer – hinein in die Sackgasse: Wieder an Land standen sie vor einem steilen Kliff, zu steil, um hinaufzuklettern. Die Mutter versuchte sich zwischen den Angreifer und ihr Junges zu stellen, doch einen direkten Kampf mit dem größeren Männchen wagte sie nicht.

Was dann geschah, konnte der Norweger Per Gunnar Olson von seinem Standort auf der Spitzbergen-Insel Hopen aus nicht filmen, als er diese Szene 1995 dokumentierte. Als das Eisbärmännchen schließlich wieder auftauchte, schleifte es das Junge – tot und bereits angefressen – hinter sich her. Der Angreifer schwamm mit seiner Beute auf eine Eisscholle und fraß sie dort an den folgenden zwei Tagen auf. Als das Weibchen merkte, dass ihr Widerstand zwecklos war, floh sie und verließ das Gebiet, um sich ein neues Revier zu suchen.

Kannibalismus unter Eisbären war das Thema vieler Zeitungsmeldungen in diesem Jahr, nachdem russische und kanadische Forscher über neue Vorfälle berichtet hatten. Manche Meldungen erweckten den Eindruck, dass das Töten und Fressen von Artgenossen bei den großen Arktisraubtieren ein völlig neues Phänomen sei, doch nicht nur Olson, auch viele Forscher haben in den letzten Jahrzehnten wiederholt Belege für Kannibalismus gefunden. „Solche Beobachtungen sind weder selten noch außergewöhnlich“, sagte Tonje Folkestadt vom Arktis-Programm des World Wildlife Fund (WWF) dem Fachblatt „Nature“. Für die Forscher stellt sich nun die Frage: Haben solche Vorfälle zugenommen? Sind sie ein Zeichen für eine Überlebenskrise der großen weißen Jäger, an der der Mensch und die von ihm verursachten Klimaveränderungen schuld sind?

Kein Polarforscher bezweifelt inzwischen, dass sich die Arktis erwärmt und das Eis immer weiter zurückgeht (bild der wissenschaft 7/2006, „Im Norden kommt alles ins Rutschen“). Doch inwieweit schadet das den großen weißen Bären? Noch gibt es keine Untersuchungen, die diese Frage beantworten können. Ihre abgelegene und schwer erreichbare Heimat bewahrte die Eisbären im letzten Jahrhundert trotz intensiver Bejagung vor dem Aussterben, doch sie erschwert auch die Forschung.

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Den Biologen Jon Aars schreckt das nicht. Wie jedes Jahr reiste der Eisbärforscher am Norwegischen Polarforschungsinstitut NPI auch diesen März und April ins Spitzbergen-Archipel, um Eisbären zu jagen – dieses Jahr auf die Insel Nordaustland. Sie ist eine der wichtigsten Kinderstuben der Bären in der europäischen Arktis. Viele Bärinnen gebären auf der Insel in Schneehöhlen ihre Jungen.

Vom Helikopter aus brachte Aars 80 Eisbären zur Strecke – natürlich nur mit Betäubungspfeilen. Eine Stunde Zeit verschafft das Narkosemittel dem Biologen und seinen Helfern für ihre Messungen. Sie wollen nicht nur den Körper- und Gesundheitszustand der Bären ermitteln, sondern auch Bewegungsprofile einzelner Individuen erstellen.

Jedes Tier bekommt eine Tätowierung, damit man es später wiedererkennt. Um das Alter zu bestimmen, zieht Aars dem Bär einen „Weisheitszahn“. Bei den Vorfahren der Eisbären, die wie alle anderen Bären Allesfresser waren, hatten diese Backenzähne noch die Funktion, Pflanzen zu zermahlen. Beim reinen Fleischfresser Eisbär sind sie jedoch verkümmert. Zusätzlich nimmt Aars Blut- und Fettproben für eine spätere Analyse im Labor und vermisst die Tiere. Anhand der Daten schätzt er das Körpergewicht ab. „Ein paar Mal haben wir Bären gewogen, aber bei der Masse ist der Aufwand zu groß“, sagt Aars.

Eisbären sind gewaltig. Neben den Kodiakbären aus Alaska sind sie die größten Landraubtiere der Erde. Weibchen bringen bis zu 400 Kilogramm auf die Waage und Männchen teils über 700 Kilogramm. Das große Gewicht ist eine Anpassung an den extremen Lebensraum der Arktis – wie fast alle körperlichen Merkmale der Tiere (siehe „Das Designwunder“). Kälte und Nahrungsmangel sind eine ständige Herausforderung. Fett ist die wichtigste Antwort. Die Muttermilch der Weibchen hat mit 33 Prozent einen der höchsten Fettanteile im ganzen Säugerreich.

Erwachsene Tiere fressen fast ausschließlich „Blubber“, die dicke isolierende Fettschicht von Robben und Walen. Muskelgewebe verschmähen sie in der Regel, da das Verstoffwechseln von Proteinen Energie kostet. Ihre Hauptbeute sind Ringelrobben, die sie entweder an deren Atemlöchern im Eis erbeuten oder an der Eiskante, wenn die Tiere sich ausruhen. Auch Wale lassen sie sich munden, vor allem die weißen Belugas. Ihnen lauern die Bären an den „Polynyas“ auf. Das sind eisfreie Gebiete, quasi kleine Teiche, inmitten des Meer-Eises, die von Walen zum Luftholen genutzt werden. „Meist zerren die Bären die etwa drei Meter großen Belugas aufs Eis“, sagt Aars. „Ich habe sie allerdings auch schon dabei beobachtet, wie sie auf die Wale sprangen, um sie zu töten. Aber das klappt meist nicht.“

Die Voraussetzung für einen guten Jagderfolg ist in jedem Fall, dass das Meer zufriert. Einige Eisbären folgen zwar dem zurückgehenden Eis im Sommer, aber die nahrungsreichste Zeit ist immer der Winter. In dieser Zeit müssen sich die Tiere „Proviant“ für den Sommer anfressen. Diese Fettreserve kann ohne Weiteres zu einer Verdopplung des Körpergewichts führen. Der kanadische Eisbärforscher Ian Stirling fand sogar ein abgemagertes Weibchen von nur 97 Kilogramm Gewicht. Als er es später wiedertraf, wog es etwa eine halbe Tonne.

Eisbären halten im Gegensatz zu ihren braunen und schwarzen Verwandten keine Winterruhe. Sie können stattdessen in der kargen Sommerzeit in einen viel extremeren Sparzustand verfallen. Bären halten generell keinen echten tiefen Winterschlaf, wie es Murmeltiere oder Siebenschläfer tun. Braunbären sparen im Winter einfach Energie, indem sie viel ruhen. Eisbären können dagegen bei Nahrungsmangel sogar im wachen Zustand ihren Stoffwechsel herunterfahren:

• Ihr Herz schlägt langsamer.

• Die Körpertemperatur sinkt um einige Grade.

• Darm und Nieren stellen ihre Arbeit weitgehend ein, sodass die Tiere in dieser Zeit weder trinken noch koten oder urinieren.

In diesem „Stand-by-Zustand“ wandeln die Eisbären durch die sommerliche Tundra, mitunter für Wochen oder sogar Monate – immer bereit, ihren Körper wieder „hochzufahren“, sobald sie ein totes Rentier oder einen gestrandeten Wal finden. Die längsten Fastenzeiten müssen die Eisbären der Hudson Bay in Kanada ertragen. Die südliche Grenze ihres Siedlungsgebiet liegt auf dem gleichen Breitengrad wie Berlin. Hier gibt es von Juli bis Ende November kein Eis und damit so gut wie nichts zu fressen.

Doch was ist, wenn das Eis ausbleibt? In der Beaufort-See nördlich von Alaska geschah dies 2004. In diesem Jahr hatten der US-Biologe Steven Amstrup vom US Geological Survey Alaska Science Center in Fairbanks und kanadische Kollegen die Spuren von drei ungewöhnlichen Kannibalismus-Fällen entdeckt. In einem Fall war ein Eisbärmann sogar in die Schneehöhle eines säugenden Weibchens eingedrungen. Ähnlich wie es die Bären bei einem Angriff auf die Kinderstuben von Robben tun, sprang das Männchen von oben – die Vorderpfoten voran – in den Schnee, durchbrach das Deckengewölbe der Höhle und erstickte die darin liegende Bärin und die Jungen. Anschließend fraß er große Teile von ihnen.

Dass männliche Eisbären Jungbären töten, verwundert Biologen schon lange. Es ist zwar im Tierreich nicht ungewöhnlich, dass männliche Säugetiere den Nachwuchs anderer Männchen töten – dies geschieht zum Beispiel oft bei Löwen und einigen Affenarten, wenn ein neues Männchen das Rudel übernimmt. Nach dem Verlust ihrer Jungen werden die Weibchen schneller wieder empfängnisbereit, und das neue herrschende Männchen bekommt rascher eigenen Nachwuchs.

Bei Eisbären gibt es aber keine Belege, dass dies zutrifft: Sie bilden keine Paare, Rudel oder Harems und haben keine festen Reviere, in denen sich Männchen und Weibchen zwangsläufig treffen. Außerdem wurden Kindstötungen auch außerhalb der Paarungszeit beobachtet, oder die Männchen zeigten nach der Tat überhaupt kein Interesse am Weibchen. Amstrup und seine Kollegen vermuten deshalb, dass lang andauernder Hunger der Auslöser war, wie sie im Fachblatt „Polar Biology“ schrieben, und dass der Kannibalismus mit dem Klimawandel zunehmen wird. So richtig zufrieden mit der nahe liegenden „Kannibalismus durch Hunger“ -Hypothese waren die Polarbiologen allerdings nie. „Eisbärjunge, die nur ein paar Kilogramm wiegen, sind eine schlechte Energiequelle für einen erwachsenen Bären, der normalerweise Robben von 60 bis zu mehreren Hundert Kilogramm Gewicht erbeutet“ , meint Øystein Wiig, Eisbärforscher am Zoologischen Museum von Oslo. „Außerdem haben sie oft wenig Fett, und Eisbären verschmähen sogar junge Robben, wenn sie zu mager sind.“ Zudem lag bei dem einzigen Bär, der bei seiner Tat beobachtet wurde, keine akute Not vor: Er war gut genährt.

Es könnte sich bei den Kannibalen auch um psychisch gestörte Einzeltäter handeln. Unter Tieren mit einem hoch entwickelten Gehirn gibt es immer wieder Psychopathen. So berichtete die Schimpansenforscherin Jane Goodall über ein Mutter-Tochter-Gespann, das Babys raubte und tötete. Und Eisbären sind ausgesprochen intelligente Tiere mit einem komplexen Sozialverhalten, wie die Spiele der Männchen zeigen (siehe Seite 17), deren biologische Funktion allerdings noch ungeklärt ist.

Und die Bären sind ausgesprochen flexibel. Aars und seine Kollegen vom NPI beobachten das Verhalten der Tiere mit Satellitenunterstützung. Zum Abschluss seiner Untersuchung bindet Aars jeder erwachsenen Bärin ein Telemetrie-Gerät um den Hals. Es funkt die Positionen und Wanderwege des Tieres an Aars Arbeitsplatz an der Universität Tromsø. Männchen können die Forscher keine Telemetrie-Geräte anlegen. Ihr Hals ist fast so massiv wie ihr Schädel, so dass sie sich die Apparate leicht abstreifen können. Die aus den Positionsdaten gewonnenen Ergebnisse des NPI zeigen deutlich, dass Eisbären Individualisten sind und ihr Verhalten den Lebensumständen anpassen. Es gibt Tiere, die das ganze Jahr an einem Ort bleiben, andere streifen in dieser Zeit über 5000 Kilometer umher (siehe „Flexibler Lebensstil“).

„Auch beim Höhlenbau sind die Eisbären sehr flexibel“, sagt Aars. „Auf Spitzbergen und in vielen anderen Regionen bauen die Weibchen ihre Geburtshöhlen in den Schnee auf massivem Fels, in Alaska aber auch auf stabiles mehrjähriges Meer-Eis, und an der Hudson Bay buddeln sie sogar Löcher in die Erde.“

Von ihren geistigen Fähigkeiten her könnten die weißen Bären flexibel genug sein, um selbst größere Umweltveränderungen zu überstehen. Möglicherweise sind sie auch genetisch sehr wandlungsfähig. Wie die Forscher herausfanden, sind sie eine sehr junge Art. Eisbären gibt es erst seit etwa 100 000 Jahren – und in dieser Zeit haben sie auch größere Klimaveränderungen überstanden. Entwickelt haben sie sich aus Braunbärvorfahren. Mit Braunbären können sie sogar fruchtbare Nachkommen zeugen, wie man aus Zoos weiß. Und seit Kurzem ist bekannt: In der Natur kommen solche Hybride tatsächlich vor. Anfang des Jahres erlegte in den kanadischen Nordwest-Territorien ein Jäger einen ungewöhnlichen Eisbären mit dunklen Flecken. DNA-Tests ergaben: Seine Mutter war eine Eisbärin, sein Vater ein Grizzly. Es war der erste Mischling in freier Wildbahn und vielleicht ein Zeichen für die Entwicklung zu einer neuen Art bei diesen ungewöhnlichen Tieren. ■

Thomas Willke

Ohne Titel

• Durch die Klimaerwärmung gibt es weniger Meereis. Das macht es für Eisbären schwierig, Nahrung zu finden.

• Forscher untersuchen arktisweit das Verhalten der Tiere, um herauszufinden, ob und wie sie die Veränderung meistern.

Ohne Titel

Für die Jagd sind Eisbären mit ihrem weißen Fell vor verschneitem Hintergrund optimal getarnt. Doch das Eisbärenfell kann noch viel mehr: Einige Forscher vermuten, dass die Haare der Wärmeregulation dienen. Sie enthalten weder Pigmente noch Mark und entsprechen deshalb hellen, fast durchscheinenden Röhrchen. Der Eindruck weißer Färbung entsteht durch Reflexion des Sonnenlichts. Die hohlen Haare leiten das Sonnenlicht ungehindert auf die schwarz gefärbte Haut, die es effektiv in Wärmeenergie umwandelt. So nutzt der Eisbär das im arktischen Winter spärlich vorhandene Sonnenlicht optimal. Die bis zu zehn Zentimeter starke Isolierschicht aus Fett erledigt den Rest.

Wie aber kommt ein Eisbär im Zoo bei den 34 Grad Celsius im Schatten klar, die letzten Sommer herrschten? „Die haben weniger Probleme als Braunbären“, sagt Andreas Wössner. Seit 15 Jahren betreut der 38-Jährige die großen Raubtiere in der Stuttgarter Wilhelma. Heiße Sommer in Deutschland überstehen Eisbären ähnlich wie Hunde. Da sie keine Schweißdrüsen besitzen, geben sie Hitze durch ständiges Ein- und Ausatmen, das Hecheln, ab. So kühlen sie den Atem und die durch die dunklen Hautpigmente graublaue Zunge ab, und die Körpertemperatur sinkt. Hin und wieder gönnen die Pfleger ihren Bären auch mal eine „Eisbombe“: Leckereien wie Fleischstücke, Obst und Gemüse in einem großen Eisklumpen. Doch nicht zu oft, meint Wössner: „Die Bären finden die Eiskugeln rasch langweilig und lassen sie in der Ecke liegen. Beliebter sind gefrorene Joghurtdrinks und Fische frisch aus dem Kühlraum. Die werden immer sofort verputzt.“ nec

COMMUNITY Internet

Das norwegische Polarforschungsinstitut NPI mit zahlreichen Hintergrundinformationen zur Eisbär- und Polarforschung (auf englisch):

npiweb.npolar.no/

Zwei Eisbärenschutz-Projekte (auf englisch):

www.polarbearsinternational.org

www.biologicaldiversity.org/swcbd/SPECIES/polarbear/nat-hist.html

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