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Allgemein

Kauzige Verwandte

Erste Einblicke ins Privatleben der Orang-Utans. Mal griesgrämig wie zerstrittene alte Nachbarn, mal freudig feiernd nach längerer Trennung – in ihrem Verhalten unterscheiden sich Orang-Utans deutlich von anderen Menschenaffen. Eine neue Beziehung kommt für Orang-Weibchen erst in Frage, wenn das Kind „ausgezogen“ ist, nach acht Jahren etwa.

Durch den Urwald auf Sumatra sägt der schrille Chor der Zikaden. Ein Vogel singt melancholisch „tii-ta-ta-ta“, zart und fein wie die Zauberflöte. „Raa-ro, raa-ro“ krächzt der Nashornvogel, „gruag-gruag-gruag“ hallen die Rufe der Gibbons, und Spechte sorgen für Percussion. Bei 37 Grad im Schatten und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit kämpfe ich mich mit Matplin, meinem einheimischen Führer, durch das grüne Gestrüpp des Dschungels. Im Schrittrhythmus schwingt Matplin die Machete, um uns einen Pfad zu bahnen.

Plötzlich erklingt ein markerschütterndes Geheul. 20 Meter über dem Boden schiebt ein rothaariger Arm den Blättervorhang beiseite. Dahinter zeigt sich ein schwarzes Gesicht, umrahmt von dicken Backenwülsten. Sekundenlang starrt das imposante Orang-Utan-Männchen auf seine haarlosen Verwandten herab. Dann turnt es eilig durchs Kronendach davon. Sein zotteliger Pelz umflattert es wie eine Tunika.

Solche Begegnungen sind eindrucksvoll – und selten. Die scheuen Orang-Utans machen es selbst Zoologen und Wildhütern schwer, sie aufzuspüren. Trotz ihres feuerroten Fells gelingt es ihnen, sich im Grün des Dschungels zu verbergen. Hoch oben in den Baumkronen hangeln sie von Wipfel zu Wipfel. Nur ein Rascheln könnte sie verraten oder die lauten Rufe der Männchen, die kilometerweit durch den Urwald hallen. Sichtbare Zeugnisse ihres Daseins sind oft nur die Nester – buschige Plattformen im Blattwerk, die Orang-Utans jeden Abend neu errichten, um darauf zu schlafen. Ungern lassen sie sich auf den Boden herab. Denn dort lauern ihre ärgsten Feinde, die Tiger.

Im Gegensatz zu den anderen Menschenaffen-Arten leben Orang-Utans fast ausschließlich auf Bäumen, und das nicht in festen sozialen Gruppen. Deshalb sind sie viel schwerer zu beobachten als Schimpansen und Gorillas. Um bestimmte Daten über die rothaarigen Affen zu sammeln, brauchte Biruté Galdikas, Anthropologin und Mutter der Orang-Utan-Forschung, manchmal ein Jahr, während ihre Kollegin Jane Godall ähnliches über Schimpansen mit etwas Glück an einem Tag herausfand. 20 Jahre lang hat Galdikas, die heute als Professorin in den USA und in Indonesien lehrt, im Dschungel von Borneo gelebt, um das Verhalten der „Waldmenschen“ zu enträtseln.

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Die Bedingungen dort sind für Menschen nicht gerade einladend: Von den Blättern herunterhängender Äste stürzen sich Heere von Blutegeln durstig auf jeden Warmblüter. Mühelos durchbohren sie Kleidung und dicke Socken, um sich in der Haut festzubeißen und Blut zu saugen. Mit ihrem Speichel injizieren die zentimetergroßen Vampire einen Gerinnungshemmer, die Wunden bluten noch stundenlang.

Entgegen landläufiger Vorstellungen ist der Urwald auch kein Schlemmerparadies, wo einem die reifen Früchte quasi in den Mund wachsen. Bäume mit Durian, Lychee und Rambutan stehen vereinzelt und weit voneinander entfernt. Orang-Utans kennen zwar ihr Territorium und dessen Bäume genau. Doch in der Trokkenzeit, von März bis Oktober, wenn das Angebot an Früchten knapp wird, müssen auch sie lange umherwandern, bis sie etwas Eßbares finden. Möglicherweise folgen sie den Schwärmen fruchtfressender Vögel und Fledermäuse.

Mit nur einem Fuß verankert baumelt eine Orang-Mutter kopfunter mit ihrem Sprößling an einer Liane. Während die beiden sich wie Drahtseilartisten an den Händen greifen, macht das Junge Purzelbäume und Bauchaufschwünge – Trapezkunst ohne Netz und doppelten Boden. Im Spiel mit seiner Mutter trainiert der Nachwuchs seine Muskeln und wird beim Klettern allmählich geschickter. Denn was bei den Erwachsenen leicht und elegant aussieht, ist das Ergebnis jahrelanger Übung. Oft genug stürzen die roten Affen bei waghalsigen Turnmanövern von den Bäumen und brechen sich die Knochen. Zwar verheilen die Brüche meist, aber sie hinterlassen deutliche Spuren. Manche dieser Unfälle enden tödlich.

Überhaupt sind den Orang-Jungen nur wenige Verhaltensweisen angeboren. Ohne eine Mutter, die sie alles lehrt, was sie zum Überleben im Urwald brauchen, sind sie ebensowenig dschungeltauglich wie ein Menschenkind. Während Vögel zum Beispiel die Fähigkeit ererben, ein Nest zu bauen, lernen junge Orang-Utans die Technik von ihrer Mutter. Sie zeigt ihnen, wo jeden Abend das neue Schlafnest am günstigsten plaziert wird, und welches Material sich am besten eignet. Von Artgenossen lernen Orangs kaum, weil sie mit ihnen nur selten zusammentreffen. Meistens streifen sie allein umher, um etwas zu fressen zu finden.

Extreme Einzelgänger sind die erwachsenen Männchen. Normalerweise halten sie einander mit Geschrei auf Distanz. Manchmal verstärken sie die Wirkung des Gebrülls durch Drohgebärden, sie schütteln Äste oder werfen einen toten Baum um. Laufen sich dennoch zwei Rivalen in Gegenwart eines Weibchen über den Weg, kommt es unweigerlich zum Kampf.

Dabei halten die Männchen wenig von ritualisiertem Imponiergehabe, wie es sonst im Tierreich üblich ist. Von der Heftigkeit der Kämpfe zeugen Bißwunden, Narben und andere körperliche Blessuren. Sie halfen Galdikas, ihre Orangs auseinanderzuhalten und immer wiederzuerkennen.

Solo sind die Männchen der Orang-Utans aber nicht nur, weil sie keinen Nebenbuhler in ihrer Nähe dulden, sondern auch, weil sie einfach zu schwer sind, um mit den Weibchen Schritt zu halten. Biruté Galdikas hat beobachtet, daß Orang-Männchen nicht einmal 2 Prozent ihrer Zeit mit Artgenossen verbringen, während erwachsene Weibchen immerhin über 13 Prozent ihrer Zeit soziale Kontakte pflegen – oft mit einer ebenfalls erwachsenen „Freundin“ und deren Jungen.

Das typische Sozialverhalten bei Orang-Utans beschränkt sich auf gemeinsames Umherziehen oder Ausruhen und gegenseitiges Tolerieren beim Fressen. Nur ab und zu teilen sie ihr Futter oder pflegen sich gegenseitig das Fell – ganz anders als die gemütlichen Großfamilien der Gorillas oder die lärmenden, streitenden, spielenden und liebenden Horden der Schimpansen.

Trotz ihres Eigenbrötlertums leben Orang-Utans in einem komplizierten Beziehungsgeflecht. Sie erkennen einander individuell, als Persönlichkeiten. Je nachdem, mit wem sie es zu tun haben, reagieren sie zutraulich, gleichgültig, ängstlich oder aggressiv. Eine Beziehung zwischen zwei Tieren kann ein Leben lang bestehen, auch wenn sie sich selten sehen. Galdikas beobachtete einmal die Begegnung einer Orang-Mutter mit ihrer Tochter, die nachweislich seit über zehn Jahren voneinander getrennt gelebt hatten: Die beiden Weibchen turnten aufeinander zu, umarmten sich und zogen vier Tage gemeinsam durch den Dschungel.

Orang-Utan-Weibchen werden erst im Alter von 10 bis 14 Jahren geschlechtsreif. Im Gegensatz zu Schimpansinnen, bei denen die äußeren Geschlechtsteile während der fruchtbaren Tage leuchtend rot anschwellen, zeigen weibliche Orangs ihren möglichen Partnern keine auffälligen Liebessignale. Wenn sie in Stimmung sind, paaren sie sich auch nicht, wie die Schimpansinnen, wahllos und mehrfach mit jedem Interessenten. Sie suchen sich ein Männchen, das sie an seinen weithallenden Rufen orten. Einige Tage streifen die beiden gemeinsam durch den Wald, fressen zusammen, beschnuppern sich und kopulieren. Selten bleibt das Paar für Monate zusammen. Treu sind vor allem junge Männchen, die erst seit kurzem geschlechtsreif sind. Für sie, scheint es, ist die erste Beziehung die große Liebe, aber sobald die Äffin trächtig ist, hat der Orang-Mann seinen Zweck erfüllt, und sie geht wieder ihrer eigenen Wege.

Nach neun Monaten bringt sie ihr Junges im Schlafnest, hoch oben in den Baumwipfeln, zur Welt. Das mit rotem Flaum behaarte Neugeborene wiegt etwa eineinhalb Kilogramm, Zwillingsgeburten sind selten. Das Junge ist vollkommen auf seine Mutter angewiesen. Bis ins zweite Lebensjahr hinein klammert es Tag und Nacht an ihrem Fell. Dann beginnt es zögernd, die nähere Umgebung zu erkunden, bleibt aber immer in Reichweite der Mutter. Es dauert mehrere Jahre, bis das Jungtier sein eigenes Schlafnest baut – und das nie weit vom mütterlichen Nest. Die vollständige Abnabelung vollzieht sich im Alter von acht bis zehn Jahren. Erst jetzt sucht sich die Menschenäffin einen neuen „Lebensabschnittsgefährten“ und trägt ihren nächsten Sprößling aus. Ein Orang-Weibchen bringt deshalb selten mehr als drei Junge zur Welt. Nur wenn es Nahrung im Überfluß gibt, kommen Orang-Utans in großen Gruppen zusammen. Die Kleinen haben dann die Chance, mit Artgenossen zu spielen. Die Halbstarken messen ihre Kräfte in Balgereien und nehmen Kontakt zum anderen Geschlecht auf. Jugendliche und ältere Weibchen gesellen sich dabei lieber zu erwachsenen Männchen.

Die jedoch sind ausschließlich an „reifen“ Weibchen interessiert. Avancen von jüngeren Affendamen wehren sie entschieden ab. Die Verschmähten rächen sich mitunter ziemlich rabiat, indem sie auf die lustlosen Männchen eindreschen oder sie in die Hoden zwicken.

Obwohl ihre Heimat der Regenwald ist, wo es naturgemäß viel regnet, werden Orang-Utans nicht gerne naß. Sobald es zu gießen beginnt, bauen sie sich einen Unterschlupf. Dazu pflücken sie Zweige und stecken sie zu einem passablen Schutzdach ineinander. Darunter harren sie aus, bis der Himmel seine Schleusen wieder schließt.

Ihren Speiseplan aus Früchten und jungen Trieben ergänzen die roten Menschenaffen gern mit fetten, eiweißreichen Insektenlarven. Die lassen sich leicht aus dem morschen Holz der vielen abgestorbenen Bäume im Regenwald pulen. Um allerdings an ihre Lieblingsspeise, den Honig, heranzukommen, müssen sich die Orangs etwas einfallen lassen. Denn Bienen nisten in Höhlen gesunder Bäume, und deren Holz kann selbst der stärkste Affe nicht aufbrechen.

Ein ungeübter Orang greift anfangs meist mit den Fingern in den Bienenstock, mit dem Erfolg, daß sofort ein ganzes Geschwader der aufgebrachten Insekten über ihn herfällt. Er schlägt dann wild mit den Armen um sich und versucht, seine Peiniger aus dem roten Pelz zu streifen. Schließlich flieht er auf einen anderen Baum und gibt das Naschen auf – für dieses Mal. Erfahrene Affen dagegen beißen einen dünnen Zweig ab und kauen das Ende breit. Mit diesem Werkzeug, eine Art Löffel, stochern sie vorsichtig in der Bienenhöhle herum. Wenn der Stengel zu lang ist, beißen sie ein Stück ab und versuchen es erneut. So lange, bis sie bequem den Honig aus dem Stamm löffeln können.

Der Gebrauch von Werkzeugen ist nicht angeboren. Die Orang-Utans auf Sumatra lernen die Technik – wie alles andere auch – von ihren Müttern.

Es handelt sich um ein Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Männchen benutzen allerdings seltener Werkzeuge als Weibchen, denn meist reicht allein ihre Kraft, um sich Nahrung zu beschaffen – vom Honig abgesehen.

Für Biruté Galdikas sind Orang-Utans inzwischen einfach unsere haarigen Vettern. „Beim Blick in die Augen eines Orang-Utans“, schreibt sie, „sehen wir ein Bild unserer eigenen Seele. Und manchmal, ganz flüchtig, aber mit erschütternder Intensität erkennen wir, daß es keine Trennlinie gibt zwischen uns und der Natur.“

Bei meinen eigenen Begegnungen mit freilebenden Orang-Utans auf Sumatra habe ich mich des öfteren gefragt, wer hier eigentlich wen studiert. Sei es beim Aufstellen eines Kamerastativs oder bei einer Verschnaufpause im Dschungel – immer wieder entdeckte ich plötzlich in der Baumkrone über mir ein rotzotteliges Wesen, das mich aufmerksam beäugte. Und das wohl schon eine ganze Weile.

Monika Rössiger

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