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kein kompost aus den kröten

rund 2800 tonnen gebrauchte D-Mark-Scheine waren nach dem Stichtag 1. Januar 2002 schlichtweg überflüssig, denn von da an war der Euro in Deutschland das offizielle Zahlungsmittel. Doch bereits im alten Jahrtausend hatten findige Unternehmer Ideen entwickelt, wie sich mit dem alten Geld neues verdienen ließe: Dämm-Material, Hartfaserplatten und Laminatböden wollten die einen aus geschredderten Banknoten produzieren, andere sahen das Altpapier in der Ziegel- oder in der Methanol-Herstellung gut aufgehoben. Besonders hoch im Kurs stand der Vorschlag der Firma „ Umweltschutz Nord“: Sie bot an, die Scheine zu kompostieren – und Humus daraus zu machen (bild der wissenschaft 11/1998, „Geld auf dem Müll“).

Das Unternehmen aus dem niedersächsischen Ganderkesee bei Bremen sorgte 1998 für Aufsehen, als es in einem – buchstäblichen! – Feldversuch ausrangierte, geschredderte Geldscheine im Wert von 60 Millionen DM erfolgreich verrotten ließ. Innerhalb weniger Wochen wurde das Geld zu Dreck. „Damit hatten wir die Machbarkeit der Kompostierung von ausgemustertem Bargeld eindrucksvoll unter Beweis gestellt“, sagt Andreas Lange. Noch heute ist der Geschäftsführer der Kompostfirma, die inzwischen K-Nord heißt, stolz auf diese Idee. Bei 70 Grad Celsius und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit verwandelten Bakterien in langen Komposttunneln die Banknoten in verkaufsfähigen Gartendünger.

Was der Probekompostierung folgte, war ein Presseecho, das die Firma noch nicht erlebt hatte. Lange schwärmt noch heute von dem „ sensationellen Marketing“. Sogar japanischen Medien, den „Gulf News“ aus Dubai und dem „Time Magazine“ waren die verrottenden Scheine eine Meldung wert. Radieschen und Narzissen auf vormals schnödem Mammon zu züchten, begeisterte alle. Und trotzdem: Kein einziges Blümchen blüht heute auf D-Mark-Humus. „Unsere Idee konnte sich in dieser Form nicht durchsetzen“, stellt Lange nüchtern fest. Die Landeszentralbanken schickten die klein gehackten Banknoten, als „Sonderpapiermüll“ deklariert, hauptsächlich in die Verbrennungsanlagen der Zementindustrie. „ Unsere Experten haben uns zu diesem Vorgehen geraten, also haben wir es so gemacht“, erklärt Franz Benedikt, Sprecher der Bayerischen Landeszentralbank in München.

Traurig ist deshalb keiner der Beteiligten. Für das Unternehmen in Ganderkesee war der Medienrummel viel mehr wert, als mit dem Altgeld zu verdienen gewesen wäre. 2800 Tonnen Abfall sind nicht einmal ein Zehntel dessen, was K-Nord pro Jahr kompostieren kann. Bei dem marktüblichen Preis von 140 DM pro Tonne hätte das Altpapier also maximal 400 000 DM eingebracht – bereits vier Anzeigen in einer großen Tageszeitung wären teurer gewesen. Womöglich sind der kleinen Kompostfirma aus dem Norden sogar schlechte Schlagzeilen erspart geblieben. Denn im Nachhinein stellte sich heraus: Das Gewerbeaufsichtsamt, das auch in Ganderkesee jede Anlieferung von Abfall auf Kompostierbarkeit überprüft, hätte der Geld-zu-Dreck-Idee vermutlich die Zustimmung verweigert. „Der Gehalt an Kupfer lag bei den Scheinen über dem zulässigen Annahmegrenzwert“, erinnert sich ein Mitarbeiter von K-Nord. Im Humus sei das Kupfer zwar nicht mehr nachweisbar gewesen, aber der Grenzwert gelte eben für den Input und nicht für das Produkt.

Es gibt einen weiteren Grund, warum aus der schönen Idee auch in Zukunft wohl nichts wird: „Heute geht der Trend zum Verbrennen“ , sagt Andreas Lange. In unseren Zeiten, wo der Ölpreis Rekordhöhen erklimmt, wandert alles aus nachwachsenden Rohstoffen Erzeugte mit einigermaßen hohem Brennwert in den Ofen – und nicht auf den Komposthaufen. Tobias Beck ■

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