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KELTENFÜRST IN HONIG

Archäologen und Kriminalbiologen enthüllen überraschende Details des keltischen Totenrituals.

EKELn darf er sich nicht bei seiner Arbeit. Jens Amendt vom Zentrum der Rechtsmedizin an der Universität Frankfurt am Main untersucht Leichen auf Insektenbefall. Besonders bei Mordfällen liefern verschiedene Insektenarten wichtige Anhaltspunkte, etwa für den Todeszeitpunkt. Jetzt hat der Kriminalbiologe bewiesen, dass sein Wissen nicht nur bei „frischen“ Toten nützlich ist. Der Tübinger Archäologe Gerd Stegmaier hatte ihn um die Analyse von gut 2500 Jahre alten Insektenresten aus keltischen Gräbern gebeten. „Solch eine Zusammenarbeit ist im deutschsprachigen Raum ziemliches Neuland“, erklärt Stegmaier. Dabei ähneln die Fragen der Archäologen denen der Rechtsmediziner. Zum Beispiel: In welcher Jahreszeit trat der Tod ein? Und vor allem: Wurde der Verstorbene sofort begraben oder erst aufgebahrt?

Das Paradebeispiel für eine aufgebahrte Leiche ist der Fürst von Eberdingen-Hochdorf im Kreis Ludwigsburg. Er fand um 600 v.Chr. in einem prunkvollen Grab seine letzte Ruhe. Verschiedene Indizien weisen darauf hin, dass der Tote wochenlang aufbewahrt wurde, bevor er schließlich unter die Erde kam. Die Bestattungsreste befanden sich in einer zweischaligen, fast quadratischen Holzkammer von 7,4 mal 7,5 Meter Größe.

Diese Grabkammer in massiver Blockbauweise zu errichten, hat einige Zeit in Anspruch genommen. Außerdem wurde eigens für die Bestattung Goldschmuck hergestellt. Das dauerte ebenfalls. Ein weiterer Hinweis, dass zwischen Tod und Bestattung viele Tage verstrichen, ist der Pflanzenbewuchs, der sich auf dem Boden des Grabschachts und auf dem Aushub des Grabhügels entwickelt hatte. Fazit: Mindestens vier Wochen lang muss die Grabkammer offen gestanden haben.

MAHLZEIT FÜR STALLFLIEGEN

Als Stegmaier Insektenreste aus Gräbern ranghoher Kelten zwischen 600 und 450 v.Chr. sammelte und sie zusammen mit Amendt analysierte, kam er zu einem überraschenden Ergebnis: In den meisten keltischen Gräbern finden sich kaum Hinweise auf Schmeißfliegen. Dabei hätte eine aufgebahrte Leiche sofort Unmengen dieser Tierchen angezogen. Was es dagegen häufig gibt, sind die Reste von Fliegenarten, die erst später an einen Kadaver gehen und ihr Futter auch unter der Erde finden – etwa Stallfliegen. Auf den ersten Blick sprach dieses Ergebnis also dafür, dass man die Toten sofort begraben hatte.

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Aber wie passte das zu den archäologischen Fakten, aufgrund derer man annehmen musste, dass die Verstorbenen wochenlang aufgebahrt waren? Lag es schlicht an der Jahreszeit? Bei winterlichen Temperaturen können Leichen einige Tage bis Wochen liegen, ohne dass sich Fliegen einnisten. Das hatte Amendt in einem Feldversuch herausgefunden: „Wir haben mal im Januar ein totes Schwein ausgelegt. Im April sah es noch ziemlich unverändert aus. Wir waren täglich da, aber Fliegenbesuch gab es nicht.“ Ein Todeszeitpunkt im Winter könnte also in einigen Fällen das Fehlen von Schmeißfliegen erklären. Aber: In Hochdorf haben Pollenanalysen bewiesen, dass es Spätsommer war, als die Grabkammer offen gestanden hatte.

Stegmaier vermutet deshalb, dass der Körper präpariert wurde. Eine solche Leichenkonservierung ist archäologisch zwar schwer nachzuweisen, aber es gibt Berichte antiker Autoren über derartige Praktiken. Der Chronist Herodot etwa beschrieb im 5. Jahrhundert v.Chr., wie die Skythen ihre Toten behandelten: Sie entnahmen die inneren Organe, das Muskelgewebe und auch das Hirn, um den Fäulnisprozess aufzuhalten. Die Leiche wurde mit pflanzlichem Material ausgestopft und wieder zugenäht. Ein Überzug aus Wachs sollte sie vor Fliegen schützen. Aus dem Vorderen Orient berichtet Herodot allerdings noch von einer anderen Art der Leichenkonservierung: Balsamierung mit Honiglösung. Die stark zuckerhaltige Flüssigkeit wirkt antibakteriell und bremst so das Verfaulen des toten Körpers. Auch Alexander der Große soll nach seinem Tod im Jahr 323 v.Chr. in Honig und Myrrhe eingelegt worden sein. Stegmaier kann sich beim Fürsten von Hochdorf eine ähnliche Präparation vorstellen, denn: „In der Grabkammer haben wir zu Füßen des Fürsten einen riesigen Bronzekessel gefunden, der bei der Bestattung mit 350 Liter Honiglösung gefüllt war.“

INTENSIVE LEICHENPFLEGE

Honig in Hochdorf klingt also plausibel. Doch auch bei den anderen, weniger reichen Bestattungen fehlen Schmeißfliegen. Hier geht der Tübinger Archäologe nicht von einer aufwendigen Leichenpräparation aus, obwohl die Toten ebenfalls eine Zeit lang aufbewahrt werden mussten – selbst die einfachen Gräber mit kleinen Holzkammern oder auch nur Särgen erforderten etwa eine Woche Arbeit. Stegmaier vermutet, dass man sich in dieser Zeit besonders um den Leichnam kümmerte: „Ich würde das eine intensive Totenpflege nennen. Der einfachste Weg war wohl, den Leichnam immer wieder zu reinigen, wenn Fliegen ihre Eier abgelegt hatten.“

Insektenfunde in Gräbern können den Archäologen auch etwas über Speisebeigaben verraten. Gibt es zum Beispiel in einem Brandgrab Reste von fleischfressenden Insekten, ist klar, dass sich die Tiere nicht vom Leichnam ernährt haben können, denn der war ja eingeäschert. „Man kann in diesem Fall einen Schinken als Gabe für das Jenseits annehmen“, sagt Stegmaier. Rüsselkäfer dagegen sprechen für eine Getreide- oder Brotbeigabe. ■

von Almut Bick

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