Kille, Kille - wissenschaft.de
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Kille, Kille

Forscher versuchen zu ergründen: Warum biegen wir uns vor Lachen, wenn andere uns an bestimmten Körperstellen berühren?

Viele hassen es – aber sie lachen trotzdem, wenn es geschieht. Kinder erleben es oft täglich, Senioren fast nie. Außer dem Menschen, so viel weiß man, tun es auch Schimpansen und Ratten. Etwa sogar Hunde und Katzen? Gut möglich. Selbst Insekten, wie Einzelne beobachtet haben wollen? Diese Annahme scheint gewagt.

Es geht um das Kitzeln – die unverzichtbare Zutat jeder Kindheit, Krönung des albernen Herumtollens, Auslöser für hysterisches Gelächter und wütende Tränen. „Kitzeln ist der Urquell des Lachens“, sagt Psychologe Prof. Robert Provine von der University of Maryland. „Es ist ein sehr viel älterer und verlässlicherer Lachstimulant als der Witz.“

Nur – warum? Es ist eigentlich bizarr: Ein Mensch nähert sich einem anderen, die Hände drohend ausgestreckt. Es könnte ein Angriff sein – doch nein, er lässt seine Fingerspitzen spielerisch über Bauch, Achseln oder Fußsohlen seines Gegenübers tanzen. Der so Berührte reagiert mit krampfartigem Zucken der Bauchmuskulatur und heftigem Glucksen. Ist es ein Ritual mit tieferem Sinn? Ist es ein freudloses Lachen, ein rein körperlicher Reflex?

Eine Hand voll Forscher, die das Kitzeln studieren, grübeln über diesen Fragen und testen ihre Hypothesen an Versuchspersonen. Viele Teile des Puzzles wollen bislang einfach nicht zusammenpassen:

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– Selbst wer sich gerne kitzeln lässt, schlägt und tritt um sich und tut alles, um den krabbelnden Fingern zu entkommen. Auch wer es hasst, gackert ausgelassen. Kinder betteln sogar darum, gekitzelt zu werden.

– Kitzeln suggeriert kindliche Unbeschwertheit, gleichzeitig ist es seltsam intim – deshalb ist in manchen Städten der USA das Kitzeln von Mädchen verboten. Studien ergaben, dass Jungen und Mädchen einander viel lieber kitzeln als einen Partner vom gleichen Geschlecht. Unter Erwachsenen dient Kitzeln oft als Vorspiel zum Sex, und die wichtigste erogene Zone der Frau heißt im deutschen Sprachraum „Kitzler“. Gekitzelt wird in der Regel nur im Freundes- und Familienkreis. Tut es ein Fremder, ist das ähnlich traumatisch wie eine Vergewaltigung.

– Der Marquis de Sade berichtete von religiösen Fanatikern, die Missetäter zu Tode kitzelten, weil sie das Blutvergießen ablehnten. Mittelalterliche Richter ließen gelegentlich die Füße eines Verurteilen fesseln und mit Salz bestreuen. Dann schickten sie Ziegen zum Straftäter. Während die Tiere gierig leckten, lachte sich der Gefesselte Überlieferungen zufolge zu Tode.

Kitzelforscherin Dr. Christine Harris vom Center for Brain and Cognition an der University of California in San Diego verweist auf die lange Tradition ihres Forschungsgebiets: „Das Kitzeln beschäftigt illustre Denker seit mehr als 2000 Jahren – schon Sokrates philosophierte darüber, dass Kitzeln zum Teil angenehm, aber zum größeren Teil qualvoll sei.“ Aristoteles beobachtete, dass der Mensch sich nicht selber kitzeln kann. Britische Forscher vom Londoner University College glauben herausgefunden zu haben, warum. Sie kitzelten Testpersonen mit einem Stückchen Schaumstoff an den Handtellern und beobachten gleichzeitig mit einem Magnetresonanz-Tomographen, welche Regionen im Gehirn aktiv wurden – erkennbar durch deren Aufleuchten. Anschließend bewegten die Freiwilligen den Schaumstoff selbst über ihre Hand.

Der Unterschied zum Gekitzelt-Werden: Kitzelten sich die Versuchspersonen selber, wurde das Kleinhirn aktiv – eine Region, die unter anderem die Bewegungen der Glieder überwacht. Es meldet offenbar den Nerven: Achtung, gleich kommt eine Berührung, aber keine Bange, das sind wir selbst. Prompt wird ein Teil des Reizes unterdrückt. Das verhindert, dass wir ständig in brüllendes Gelächter ausbrechen, nur weil ein Körperteil den anderen streift. Auf vergleichbare Weise korrigiert das Gehirn auch das Schwanken des Blicks beim Gehen – andernfalls könnten wir schon beim Schlendern seekrank werden.

Warum wir überhaupt kitzlig sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Kitzeln könnte wichtig für den sozialen Zusammenhalt sein, schlagen manche Forscher vor. Zum Beispiel in der Familie: Der frisch gebackene Vater krabbelt das Baby am Bauch, der Säugling gluckst, Papa lacht zurück, das Band der Zuneigung wächst. Soziale Gruppen, die miteinander lachen, halten besser zusammen, was einen Vorteil für Überleben und Fortpflanzung verschafft.

Eine andere Idee hatte bereits Evolutionsforscher Charles Darwin. Kitzeln, so vermutete er in seinem 1872 erschienenen Buch „The Expression of the Emotions in Man and Animals“, sei der Ursprung allen Humors. Forscher nach ihm skizzierten, wie das wohl hätte ablaufen können – vielleicht so: Das Glucksen des gekitzelten Babys entzückt die Eltern. Sie kitzeln mehr, das Kind kichert mehr. Die Erfahrung ist so befriedigend, dass Vater und Mutter ihr Repertoire ausbauen, zunächst mit weiteren Anfass-Spielen, später mit Gesten, Witzen und anderen mentalen Amüsements.

Der Psychologe Prof. Alan Fridlund von der University of California in Santa Barbara fand eine indirekte Bestätigung dieser These. Er befragte 100 Psychologiestudenten und entdeckte: Wer sich selbst als „sehr kitzlig“ beschrieb, der lächelte, kicherte und lachte auch sonst sehr viel. Die Argumentation sei hoch spekulativ, gibt Fridlund zu. Doch er vertritt die These: „ Ohne Kitzeln hätten wir vielleicht gar keinen Humor.“

Andere Forscher bestreiten, dass Kitzeln auch nur entfernt mit Spaß zu tun haben könnte. Christine Harris etwa filmte Versuchspersonen, während sie einem Komiker lauschten, durchgekitzelt wurden und ihre Hände in schmerzhaft kaltes Wasser tauchten. Nach einer detaillierten Analyse der Mienenspiele stellte sie fest: Das Gepruste beim Kitzeln ähnelt nur oberflächlich dem Gegacker nach einer gelungenen Pointe. „Es legen sich Fältchen um die Augen, und die Mundwinkel ziehen sich hoch. Aber das hat nichts mit dem amüsierten Lachen zu tun, das mit Humor einhergeht“, unterstreicht Harris.

Eher, so spekuliert die Forscherin, könnte Kitzeln evolutionstechnisch dem Einüben von Verteidigungsmanövern dienen. Schließlich zählen die universell kitzligsten Stellen – Achseln, Flanken, Kehle, Fußsohlen – auch zu den verletzlichsten. Der scheinbar Freude signalisierende Gesichtsausdruck wäre demnach nur ein „Köder“, um Eltern und Geschwister zu dem lebenswichtigen Spiel zu ermutigen. Wer kitzelt schon gerne einen ihm nahe stehenden Menschen, wenn der dabei vor Missbehagen stöhnt oder schreit?

Dazu passt, dass Ratten und Menschenaffen ihre eigenen Kitzelvarianten pflegen. Sobald der Psychologe Prof. Jaak Panksepp von der Bowling Green State University in Ohio Rattenbabys an Bauch und Rippen kraulte, begannen sie, ihn spielerisch zu beißen und hohe Tschilp-Laute auszustoßen, die Panksepp als Lachen interpretierte. „Es sind die gleichen Laute, die sie machen, wenn sie miteinander herumbalgen – und das ist genau die Situation, in der auch kleine Kinder ständig lachen“, sagt der Forscher.

Sollte das Kitzeln tatsächlich die Verteidigungsinstinkte schulen, sei es „durchaus nicht tollkühn“ anzunehmen, dass auch Hunde, Eichhörnchen, Elefanten, ja vielleicht sogar Insekten und Spinnen in irgendeiner Form kitzlig sind – „selbst wenn wir uns schwer tun, das zuzuordnen, weil ein für uns erkennbares Lachen fehlt“, argumentiert der Neurologe Robert Provine von der University of Maryland. Das Lachen eines Schimpansen etwa klingt eher wie Keuchen, sagt der bärtige Professor, der zu Forschungszwecken Menschenaffen kitzelt.

Dennoch bleiben offene Fragen. Als etwa schottische Wissenschaftler kürzlich ein Plastikstäbchen über die nackten Fußsohlen von Freiwilligen wandern ließen, stellten sie überrascht fest: Menschen sind rechts kitzliger als links. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Testpersonen Rechts- oder Linkshänder sind. Mit der Verteidigungsthese lässt sich das schlecht erklären. Zudem nagt der Zweifel an Harris, ob kitzlig zu sein für ein Angriffsopfer nicht eher nachteilig ist – Übung hin, Übung her. Jeder, der schon einmal von einem älteren Bruder einer Kitzelkur unterzogen wurde, wird hier heftig nicken. „ Kitzeln ist ein Verhalten, das in keine Kategorie so recht zu passen scheint“, seufzt Provine.

Auf ihrer Suche nach Antworten stießen die Kitzelforscher auf eine weitere unerwartete Hürde: Der Mensch kann zwar heute Forschungsstationen ins Weltall schießen und Embryos im Mutterleib operieren, doch es ist ihm bisher nicht gelungen, eine überzeugende Kitzelmaschine zu bauen. Wissenschaftler in den siebziger Jahren behalfen sich zuweilen mit einer Kiste, aus der eine Plastikrute ragte, die per Hebel bewegt wurde – spätere Generationen modernisierten die Vorrichtung mit Computer und Joystick. Doch solche Vorrichtungen erwiesen sich allenfalls als nützlich, um den Kitzelreiz an verschiedenen Körperteilen zu vergleichen. Sie erzeugten nie das zwerchfellerschütternde Prusten, das man mit Kitzeln verbindet.

Das liegt nicht etwa daran, dass Menschen nur auf andere Menschen kitzlig reagieren würden, stellte Christine Harris fest. Gemeinsam mit einem Kollegen bastelte sie aus einer Handprothese, einem Staubsaugerschlauch und einem Generator eine Kitzelmaschinen-Attrappe. Drückt man den Einschaltknopf, brummt sie geschäftig – auch wenn sich die Hand in Wirklichkeit gar nicht bewegt.

Das aber ahnten die Testpersonen nicht, die mit verbundenen Augen einmal von einer Laborassistentin und einmal „von der Maschine“ – in Wahrheit ein weiteres Mal von der Assistentin – durchgekitzelt wurden. Obwohl in Studien die Hälfte der Befragten erklärten, eine Maschine könnte sie nicht zum Lachen bringen, quietschten und wandten sich die Versuchskandidaten genauso hilflos, wenn sie sich mit der Kunsthand alleine im Zimmer glaubten.

Keiner der Forscher hat je das Geständnis abgelegt, dass es ihm Spaß macht, Mitmenschen – selbstverständlich nur zum hehren Ziel der höheren Erkenntnis – zu kitzeln. Die Kitzelforschung, so beteuern die Wissenschaftler, könne Aufschluss darüber geben, wie das Gehirn Reize und Emotionen verarbeitet. Kitzelempfindungen scheinen zum Teil über die gleichen Nervenbahnen zu laufen wie Schmerz. So könnte die Schmerztherapie langfristig von ihrer Arbeit profitieren.

Ihre Wissenschaftlerkollegen danken es ihnen mit Gefrotzel und Neckereien. Hinter manchen abfälligen Kommentaren allerdings klingt ein Anliegen durch, das wenig mit der (vorgeblichen) Lächerlichkeit des Themas zu tun hat: die Sorge, dass die Kitzelforscher künftigen Generationen den Spaß am Kitzeln vermiesen könnten. „Kitzeln ist zweifellos gut für uns. Es ist spielerisch. Es ist übermütig“, schrieb Richard Horton, Chefredakteur des britischen Medizin-Fachblatts „The Lancet“, in einer Zeitungskolumne und beklagte den missionarischen Eifer, mit dem einige Forscher den Sinn des ausgelassenen Tuns zu ergründen suchen. „Lachen ist etwas zutiefst Menschliches“, schloss er und forderte: „Die Wissenschaftler sollten ihre Kitzelmaschinen da lassen, wo sie hingehören: in der Kiste.“

Ute Eberle

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