Kinder im gesunden Boot - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Allgemein

Kinder im gesunden Boot

Ein Programm der Baden-Württemberg Stiftung bringt Schulkinder, Eltern und Lehrer in Bewegung. Ulmer Forscher gaben den Anstoß dazu.

Konrad hüpft Seil. Viermal hintereinander schafft er es, dann bleibt der Neunjährige hängen. Macht nichts. Das Ganze noch mal von vorn. Auch Elisa, Amelie und Maximilian schwingen wie wild ihre Seile auf dem Pausenhof. Ein anderes Mädchen hüpft ganz locker mit gekreuzten Armen. „Toll“, ruft Schulleiterin Gabriela Schlesiger-Imbery, „zeig doch bitte gleich mal den anderen Kindern, wie du das machst.“ Und dann ist die „bewegte Pause“, die es an der Schneckental-Grundschule in Pfaffenweiler bei Freiburg jeden Tag zwischen 9.20 und 9.30 Uhr gibt, auch schon wieder vorbei.

Schnell suchen die Jungen und Mädchen ihre überall verstreuten Übungsblätter zusammen. Bis zur nächsten Woche sollen sie täglich darin eintragen, wie viele Seilsprünge sie mit geschlossenen Beinen schaffen. Manche müssen das Hüpfen noch kräftig üben, meint die Rektorin. Aber egal, wie viele Sprünge sie schaffen, an ihrer Schule geht es nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern um den Spaß am Erfolg.

Die Kombination aus Bewegung, bewusster Ernährung und aktiver Freizeitgestaltung ist das Grundprinzip des Projekts „Komm mit in das gesunde Boot“, an dem sich Grundschulen in ganz Baden-Württemberg beteiligen. Als Geldgeberin steht die Baden-Württemberg Stiftung und als Projektträgerin die Universitätsklinik Ulm dahinter. Und weil Schulrektorin Gabriela Schlesiger-Imbery schon lange davon überzeugt ist, dass Kinder spielerisch an diese Themen herangeführt werden sollten, war sie sofort vom „Gesunden Boot“ begeistert. Inzwischen bildet sie als Multiplikatorin selbst Lehrerinnen dafür aus. Sätze wie „Du bist zu dick“ oder „Iss doch mal was Gesundes“ gibt es an ihrer Schule nicht. Stattdessen reden die Lehrerinnen und die Kinder ganz entspannt darüber, wie ein gesundes Pausenfrühstück aussieht, warum süße Säfte schlecht für die Zähne sein können oder was sie in ihrer Freizeit vorhaben.

Hervorgegangen ist das Projekt aus der Forschung. Genauer: aus der interdisziplinären Beobachtungs- und Interventionsstudie „ URMEL-ICE“ der Universitätsklinik Ulm. Fünf Wissenschaftler um Prof. Jürgen Steinacker, Ärztlicher Leiter der Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin, forschten gemeinsam im Programm „Sport – Bewegung – Prävention“ der Baden-Württemberg Stiftung über „ Adipositasprävention und kardiovaskuläres Risikoprofil bei Schulkindern im Raum Ulm“.

Anzeige

URMEL ALS MASKOTTCHEN

Auch wenn die Wissenschaftler später die bekannte literarische Figur „Urmel aus dem Eis“ als Maskottchen für ihre Studie wählten, so setzte sich die nette Abkürzung doch zunächst aus den Anfangsbuchstaben der englischen Übersetzung zusammen: „Ulm Research on Metabolism, Exercise and Lifestyle Intervention in Children“ (URMEL-ICE). Berichte über die stetig ansteigenden Zahlen von Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit) im Kindesalter dienten dem interdisziplinären Team, dem übrigens auch der bekannte Neurowissenschaftler Prof. Manfred Spitzer angehörte, als Ausgangslage für die eigenen Untersuchungen. Weil es zwar viele Ideen gibt, gegen diese Probleme anzugehen, aber messbare positive Ergebnisse meist ausblieben, setzten die Forscher mit URMEL-ICE darauf, die Schule als Präventionsort zu nutzen. 64 Lehrerinnen an 32 Grundschulen der Region Ulm/Neu-Ulm beteiligten sich mit ihren damaligen zweiten Klassen an der Studie.

Per Zufall wurden die Klassen entweder der Interventionsgruppe (mit URMEL-ICE-Unterricht) oder der Kontrollgruppe (normaler Unterricht) zugeteilt. Auf drei Verhaltensbereiche sollte bei den Kindern im Schulalltag eingewirkt werden: Konsum zuckerhaltiger Getränke, Medienkonsum, Bewegung im Alltag. Die Zweitklässler bekamen – ohne zusätzliche Unterrichts- und Lehrerstunden – neben Wissen vor allem Handlungsalternativen vermittelt.

1120 Eltern erlaubten den Wissenschaftlern, bei ihren Kindern medizinische Daten zu erheben. Festgehalten wurden Körpermaße, sportmotorische Fertigkeiten und Verhaltensweisen des Kindes und seiner Familie. Schon diese Untersuchungen ergaben, dass Übergewicht in der Studienregion ein Thema ist: 12,4 Prozent der Kinder waren übergewichtig, 3,9 Prozent adipös. Besonders betroffen waren Kinder aus Migrantenfamilien und Kinder, deren Eltern wenig Bildung genossen hatten. Weitere Risikofaktoren: Mütter, die während der Schwangerschaft geraucht hatten, Übergewicht der Eltern und hoher Fernsehkonsum des Kindes.

Wenn es ums Übergewicht geht, stellt Jürgen Steinacker das Thema gern in einen größeren Zusammenhang: In den Südstaaten der USA sei es bereits eine Epidemie. Mehr als 50 Prozent der dortigen Bevölkerung bewege sich zu wenig und sei demzufolge zu dick. Aber auch in China ist die Adipositas-Rate nach oben geschnellt: 300 Millionen Chinesen leiden unter Fettleibigkeit. Mit aus diesem Grund nehme der Diabetes vom Typ 2 rapide zu. Übergewichtig seien vor allem ehemals arme Menschen, die neuerdings vom Wirtschaftswachstum profitierten.

Warum das so ist, erklärt sich laut Steinacker aus der biologisch-kulturellen Vorgeschichte: Durch den Wechsel von Hungersnöten und Zeiten, in denen es wieder genug zu essen gibt, legen die fettspeichernden Zellen besonders gut „Vorräte“ an. Die Menschen der Oberschichten dagegen haben nie so stark gehungert. Deshalb werden Reiche weniger dick. Den Jojo-Effekt durchs Hungern kennen fast alle, die bereits eine Diät hinter sich haben. Deshalb machen Diäten, langfristig gesehen, eher dick als dünn.

Der gesundheitsfördernde Unterricht mit „URMEL-ICE“ jedenfalls zeigte Erfolg. Nach dem Schuljahr untersuchten Steinacker und das Expertenteam die Ergebnisse aus den einzelnen Klassen. In der Interventionsgruppe war der Anteil der Kinder, die zuvor übergewichtig waren und es nun nicht mehr sind, mit 2,4 Prozent höher als in der Kontrollgruppe (0,8 Prozent). Und: Es waren weniger Kinder im Laufe des Jahres neu übergewichtig geworden: 3,8 Prozent der Kinder in der Interventionsgruppe gegenüber 4,7 Prozent in der Kontrollgruppe. Positiv wirkte sich der Interventionsansatz auch auf den Körper der Kinder aus (Hautfaltendicke, Bauchumfang) sowie auf ihre Leistungsfähigkeit bei einem Sechs-Minuten-Ausdauerlauf.

Die PRAXISPHASE BEGINNT

Nachdem die wissenschaftliche Interventionsstudie so erfolgreich abgeschlossen war, wurde sie in praktisches Handeln umgesetzt. „Mit dieser Idee hat die Baden-Württemberg Stiftung Weitblick gezeigt“, findet Susanne Brandstetter. Die Psychologin ist Mitglied der von Steinacker geleiteten Projektgruppe „Komm mit in das gesunde Boot – Grundschule“ an der Universitätsklinik Ulm.

Seit 2009 und zunächst bis zum Jahr 2011 unterstützt die Baden-Württemberg Stiftung – mittlerweile im Bereich „Soziale Verantwortung“ – das Projekt mit 8,5 Millionen Euro. Bis dahin soll die Organisation am Kompetenzzentrum der Universitätsklinik komplett aufgebaut und das Programm in allen vier Jahrgangsstufen der Grundschule eingesetzt werden.

Den Anfang machten erste und zweite Schulklassen. Die Begeisterung der Lehrerinnen ist groß. Seit dem Schuljahr 2010/2011 gibt es das „Gesunde Boot“ auch in den Jahrgangsstufen 3 und 4, in den Jahrgangsstufen 1 und 2 wird das Programm evaluiert. Es gehe nicht darum, die Essgewohnheiten der Kinder zu kritisieren, erklärt Brandstetter. Niemand verteufele Hamburger und Pommes. Auch Übergewicht werde im Unterricht nicht thematisiert. Die vom Kompetenzteam beziehungsweise von Multiplikatoren geschulten Grundschullehrerinnen sprechen mit den Schülerinnen und Schülern ganz allgemein über gesundes Verhalten im Alltag. Für die Psychologin Brandstetter ist es wichtig, dass „ alle Kinder davon profitieren.“

Sie sollen spielerisch lernen, dauerhaft ihren Lebensstil zu ändern – und dabei auch nicht ins Gegenteil zu verfallen. Leider seien Kinder heute schon vom neunten Lebensjahr an gefährdet, untergewichtig zu werden. Das gesellschaftliche Schlankheitsideal wirkt schon früh. Dadurch entwickeln Kinder im Extremfall magersüchtiges Verhalten oder eine Bulimie: extreme Fress-Attacken mit anschließendem Erbrechen. Eine Spirale mit gefährlichen, zum Teil lebensbedrohlichen Folgen für Körper und Psyche.

Zurück nach Pfaffenweiler. Hier ist gerade Frühstückspause, normalerweise mit Lesezeit. Heute gibt es eine Ausnahme. Die aufgeweckten Kinder aus der Klasse von Gabriela Schlesiger-Imbery dürfen Fragen beantworten. Denn sie sind nicht nur Experten im Seilhüpfen. Sie wissen (fast) alles über optimale Ernährung und wie sie Spaß und Bewegung unter einen Hut bringen. Bei Isabel gibt’s beim Fernsehen zuhause nur noch Obstteller. Elisa hat ein Salami-Weckle mit einer Tomate als Vesper dabei und zum Trinken eine Apfelschorle. Und kann man bei Regen mit guter Kleidung trotzdem draußen spielen? „Natürlich“, rufen die Kinder aufgeregt durcheinander und platzen mit ihren Antworten heraus: „Pfützen springen“, „Fangi spielen“, „Regentanzen“ …

ZU FUSS IN DIE SCHULE

Das muss wie Musik in Jürgen Steinackers Ohren klingen. Denn der Wissenschaftler ist überzeugt: „Mehr Sportstunden allein reichen nicht aus, um das Bewegungsverhalten zu ändern.“ Gerade für übergewichtige Kinder müsse es niederschwellige Angebote geben, sonst hassten sie Sport noch mehr. Aber Bewegung soll Spaß machen und motivieren. Steinacker nennt Beispiele, die einfach in den Alltag zu integrieren sind: Die Kinder können zu Fuß in die Schule gehen oder mit dem Rad fahren, anstatt sich von den Eltern mit dem Auto chauffieren zu lassen.

Doch nur mithilfe der täglich empfohlenen zwei Bewegungseinheiten und den Gesprächen in der Schule schaffen die Kinder es nicht, ihr Verhalten dauerhaft umzustellen. Also werden die Erwachsenen in das „Gesunde Boot“ mit eingebunden. Gabriela Schlesiger-Imbery nennt das „Eltern-Hausaufgaben“. Sie wurden vom Team um Susanne Brandstetter an der Universitätsklinik Ulm entwickelt. Zum Beispiel soll die Familie einen fernsehfreien Tag einlegen. Oder die Kinder bekommen im Herbst die Aufgabe, mit den Eltern einen Spaziergang zu machen. Davon müssen sie Blätter in die Schule mitbringen. Die Grundschullehrerinnen wiederum müssen sich diese Aufgaben nun nicht täglich selbst ausdenken. Um ihnen die Mitarbeit im „Gesunden Boot“ leicht zu machen, haben die Ulmer zahlreiche Vorlagen vorbereitet. Gegliedert sind sie in 20 Unterrichtseinheiten für ein Schuljahr. Der Lehrer-Fachverlag Auer aus Donauwörth bringt sie in einem bunt aufgemachten Arbeitsordner plus CD heraus. Zu Beginn der ersten Klasse stellen sich die beiden Inselpiraten Finn und Fine vor – in einer Flaschenpost. Das soll die Kinder neugierig machen und ihnen die Themen Bewegung, Ernährung und Freizeitgestaltung spielerisch näher bringen. Mithilfe der Lehrerinnen sollen die Schülerinnen und Schüler ein „Repertoire an Ideen“ mitbekommen: weg von den Bildschirmen, hin zu aktivem Tun.

Gabriela Schlesiger-Imbery geht ihren Schulkindern mit gutem Beispiel voran. Sie erzählt ihnen, dass sie beim Fernsehgucken neuerdings weniger Gummibärchen isst. Außerdem trägt sie jetzt einen Schrittzähler. Und stöhnt: „Auf 10 000 Schritte am Tag zu kommen, ist gar nicht so einfach. Aber ich bleib dran.“ ■

von Heidrun Wulf-Frick

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

For|tu|na  〈f.; –; unz.〉 1 〈röm. Myth.〉 Göttin des Glücks 2 〈danach allg.〉 Glück ... mehr

Mund|loch  〈n. 12u; Bgb.〉 Öffnung eines Schachtes an der Erdoberfläche

vor|kli|nisch  〈Adj.; Med.〉 vor dem klinischen Studium ● die ~en Semester

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige