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Allgemein

Kinder im Schatten

Kinder psychisch kranker Eltern laufen Gefahr, später selbst seelisch krank zu werden. Frühe Betreuung kann das verhindern.

Es begann auf einer Autofahrt zu den Großeltern. Kajas Mutter fühlte sich verfolgt und fuhr riesige Umwege. „Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch nicht im Entferntesten an eine Krankheit. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas wie Verfolgungswahn überhaupt gibt”, erzählt Kaja Bern heute. An jenem Tag ging ihre Kindheit zu Ende.

Kaja war elf Jahre alt, als ihre Mutter psychisch krank wurde. Zunächst diagnostizierten die Ärzte Verfolgungswahn mit manisch-depressiven Zuständen, später eine schizo-affektive Psychose. In regelmäßigen Schüben verwandelte die Krankheit Kajas Mutter in eine völlig andere Person – und prägte damit das Leben der Tochter.

Die Mutter fragte Kaja nach ihren Klassenkameraden aus, schrieb die Namen auf, stellte unverständliche Berechnungen an. Sie aß kaum noch, trank umso mehr Wein, schlief immer weniger. Die Arbeit ließ sie schleifen, saß tagelang im Bademantel auf der Wohnzimmercouch und führte Selbstgespräche. Im Haushalt der Alleinerziehenden zog das Chaos ein. Kaja verstand die Welt nicht mehr: „Zunächst hatte ich Angst um meine Mutter, doch von dem Moment an, als sie mich schlug, weil sie in einem von mir zubereiteten Tomatensaft Gift vermutete, hatte ich Angst vor meiner Mutter.” Schließlich brachten die Großeltern die tobende Frau in eine Nervenklinik.

Rund eine halbe Million Kinder in Deutschland teilen Kajas Schicksal und leben mit depressiven oder schizophrenen Eltern, schätzt der Psychologe Prof. Fritz Mattejat, Leiter der Familienambulanz an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Marburg. Rechnet man die Menschen mit Angst-, Sucht- und Zwangserkrankungen dazu, steigt die Zahl beträchtlich. Erste Zählungen in der Schweiz kommen zu dem Ergebnis, dass je nach Klinik 15 bis 30 Prozent der psychiatrischen Patienten minderjährige Kinder haben. Psychische Erkrankungen sind Familienerkrankungen. Nicht nur den Betroffenen tut die Seele weh, auch ihre Angehörigen leiden – vor allem die Kinder. „Sie haben Angst und fühlen sich bedroht, weil sie die Probleme der Eltern nicht einordnen können”, so Fritz Mattejat. „Manchmal meinen sie sogar, sie seien schuld: Mama ist durcheinander, weil ich böse war und weil ich mich nicht genug um sie gekümmert habe.” Schmerzlich vermissen sie liebevolle Fürsorge und Betreuung. Ihre Eltern fehlen – sei es wegen eines Klinikaufenthaltes oder weil sie mit sich selber zu tun haben. Die Bedürfnisse der Kinder kommen zu kurz, oft werden sogar die Rollen vertauscht: Die Kinder übernehmen Funktionen der Erwachsenen, müssen die kranke Mutter oder den kranken Vater emotional stützen, auf Geschwister aufpassen, Termine absagen, den Haushalt schmeißen. Sie fühlen sich verantwortlich für die Familie – und sind damit völlig überfordert.

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Zugleich ist die Krankheit häufig ein Tabu, sowohl in der Familie als auch nach draußen: Niemand soll etwas merken. Die Kinder werden ermahnt zu schweigen und tun dies auch. Es folgt die Isolation. Trauer, Sehnsucht, Wut und Scham – mit ihren Gefühlen müssen die Kinder alleine klar kommen. Selbst über traumatische Ereignisse wie den Selbstmordversuch der Mutter durfte Kaja nicht reden. Jahrelang quälte sie die Angst, einmal nicht rechtzeitig da zu sein.

Das hinterlässt Narben. „40 bis 60 Prozent der Kinder psychisch kranker Eltern haben Entwicklungsdefizite – gegenüber 15 Prozent bei gesunden Eltern”, sagt Dr. Christiane Deneke, Kinder- und Jugend-psychiaterin an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Schon drei Monate alte Säuglinge reagieren auf seelische Verletzungen, zum Beispiel mit Schlaf- und Essstörungen, so Deneke. „Später sind es neben Depressionen und Angststörungen vor allem Lern- oder Beziehungsprobleme.”

Die meisten Kinder ziehen sich zurück. Das Fatale: Sie wirken ernst und vernünftig. Doch der Schein trügt. Eine Langzeitstudie der Universität Marburg lieferte erste empirische Hinweise: Mehr als die Hälfte der Kinder mit depressiven Eltern haben als Erwachsene selbst psychische Probleme. Waren beide Elternteile krank, wirkte sich das sogar bis in die dritte Generation aus: Dann zeigten auch die Enkel psychische Auffälligkeiten, so die Marburger Forscher.

Das ist zum Teil genetisch bedingt – eine Anfälligkeit für Depressionen kann vererbt werden. Größeren Einfluss hat allerdings das psychosoziale Umfeld der Kinder, wie viele Risiko-Studien zeigen. „Je besser eine psychische Erkrankung bewältigt werden kann, umso geringer sind ihre Auswirkungen auf die Kinder”, sagt Fritz Mattejat. Kranke Eltern brauchen neben therapeutischer Hilfe praktische Unterstützung. Die soll ihnen Sicherheit im Alltag geben, etwa um die Signale ihrer Kinder frei von krankheitsbedingter Verzerrung wahrzunehmen und darauf reagieren zu können.

Die betroffenen Kinder brauchen vor allem Ansprechpartner, die ihnen eine stabile Beziehung bieten. „Kinder müssen darüber reden können”, sagt Christiane Deneke, die in Hamburg an der Uniklinik Eppendorf eine Spezialambulanz für psychisch kranke Eltern mit Kleinkindern leitet. Statt die Krankheit zu vertuschen, sollte sie erklärt werden. Wird einem Kind etwa die Depression als dunkle Wolke geschildert, die die Mutter umhüllt, kann das Kind vielleicht verstehen, dass es nicht die Schuld trägt, sondern eine Krankheit die Mutter verändert – die Situation verliert das Bedrohliche.

Begleitet von der Klink rief Deneke den Verein „SeelenNot” ins Leben, der neben Beratung für die Eltern auch Gesprächsgruppen für Kinder anbietet. Gearbeitet wird nach dem von Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern der Uniklinik Freiburg entwickelten Auryn-Konzept, benannt nach dem Unsterblichkeit verleihenden Amulett in Michael Endes „Unendlicher Geschichte”: Die Kinder psychisch kranker Eltern treffen sich ein halbes Jahr lang einmal in der Woche für anderthalb Stunden – um zu reden, zu spielen, Kind sein zu dürfen. „Sie sehen, dass sie nicht allein sind mit ihren Nöten und können voneinander lernen”, so Deneke. Psychologen helfen den Kindern in der „Seelennot”, Gefühle wahrzunehmen und Trost und Ruhe zu suchen.

Zugleich stärken sie die Selbstreflexion der Kinder: Was bin ich, und was ist Teil meiner Mutter und ihrer Krankheit? Das fördert die Autonomie der Kinder und stärkt ihr Selbstwertgefühl – nach verschiedenen Studien Voraussetzung für eine positive Entwicklung. „Es geht darum, seelischen Problemen vorzubeugen”, sagt Deneke. „Besser früh betreuen als spät behandeln.” Solche Präventiv-projekte, die sich meist über Spenden finanzieren, gibt es in mehreren Städten. Die Konzepte sind unterschiedlich: Neben Auryn-Gruppen wie in Hamburg und Frankfurt/Main, gibt es in Mannheim Einzeltreffen mit Kindern. Im Hamburger Projekt PFIFF wird den Kindern eine Patenfamilie zur Seite gestellt, das Projekt „Kipkel” in Haan/Hilden benennt Vertrauenspersonen. Daneben gibt es betreute Wohnformen, etwa in Berlin oder München.

Eine Schwierigkeit haben alle Konzepte: Die Eltern müssen ihre Krankheit öffentlich machen und die Belastung für die Kinder einsehen. „Viele Eltern haben Angst, dass man ihnen die Kinder wegnimmt”, sagt die Pädagogin Dr. Sabine Wagenblass vom Institut für soziale Arbeit in Münster. „Die Angebote der Jugendhilfe werden deshalb oft nicht akzeptiert.” Ein Teufelskreis: Das Jugend-amt kommt zu spät, um präventiv zu helfen, sieht nur das Chaos und das Heim als Ausweg und bestätigt damit die Angst der Eltern. In fast jedem dritten Sorgerechtsverfahren spielt die psychische Erkrankung der Eltern eine Rolle.

Und die Profis auf der anderen Seite haben die Kinder meist gar nicht im Blick. „In der Psychiatrie geht es um den Gesundungsprozess der erkrankten Eltern. Kinder werden da höchstens als Unterstützer gesehen”, so Wagenblass. „Die Zusammenarbeit zwischen Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe oder Kinderpsychiatrie klappt wegen dieses unterschiedlichen Blickwinkels selten.” Nur vereinzelt gibt es Mutter-Kind-Einheiten in psychiatrischen Kliniken. Um die Lücke zu schließen, haben einige Kliniken Beratungsstellen eingerichtet – so in Hamburg-Eppendorf, Marburg und Langenfeld. „Einen Tag in der Woche können sich Eltern zu familiären Problemen beraten lassen, ohne dass es gleich um psychische Störungen der Kinder geht”, sagt Wagenblass. „Dabei wird den Eltern angeboten, ihr Kind einmal in einer der Gesprächsgruppen mitmachen zu lassen.” Ein Weg, der sich bewährt hat und vielen der Kinder im Schatten eine Chance bietet – mit ihren Eltern.

Ein halbe Million Kinder in Deutschland leben bei depressiven oder schizophrenen Elternteilen.

Die Kinder müssen mit ihren Gefühlen alleine fertig werden und haben Entwicklungsdefizite gegenüber anderen Kindern im gleichen Alter.

In mehreren Städten gibt es jetzt Präventivprojekte, bei denen solche Kinder Patenfamilien bekommen.

Thomas Müller

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