„Klimakatastrophe –eine deutsche Spezialität" - wissenschaft.de
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„Klimakatastrophe –eine deutsche Spezialität“

Der gegenwärtige Klimawandel dürfte der menschlichen Gesellschaft keine allzu großen Probleme bereiten, urteilt Hans von Storch – und stellt sich damit gegen die herrschende Lehrmeinung, die Ottmar Edenhofer im Gespräch ab Seite 62 vertritt.

bild der wissenschaft: Seit die Diskussion über den Klimawandel in Deutschland öffentliche Wellen schlägt, gibt es zwei Pole: Auf der einen Seite Forscher, die vor einer Katastrophe warnen, auf der anderen Seite Wissenschaftler wie Sie, Herr Professor von Storch, als eher milde Stimmen. Wo liegen die Gründe für diesen Unterschied?

von STORCH: Forscher wie Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften der Universität Kiel sowie Hans Joachim Schellnhuber und Stefan Rahmstorf vom Postdam-Institut für Klimafolgenforschung scheinen der Logik zu folgen: Wir müssen die Leute wachrütteln, damit der Klimawandel vermieden werden kann. Wir können die Wirtschaft umstellen und die CO2-Emissionen um 70 Prozent senken, ohne dass die Wirtschaft Schaden nimmt. Man spricht auch deshalb von einer Klimakatastrophe, weil Politiker für eine Katastrophe eher eine Vermeidungsstrategie entwerfen als für einen Klimawandel. Klar ist für mich auch: Wenn wir so weitermachen wie bisher, besteht die Gefahr, dass wir bis zum Ende des Jahrhunderts eine vierfache Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre haben. Das würde mit bedeutenden Klimaänderungen einhergehen. Selbst wenn wir die Emission von Treibhausgasen nur verdoppeln, hätte das immer noch merkliche Klimaänderungen zur Folge. Das heißt: Außer nach der Verminderung müssen wir auch danach fragen, wie wir uns an die Veränderungen anpassen können.

bdw: Anpassung an den Wandel spielt in der öffentlichen Diskussion bisher kaum eine Rolle.

von STORCH: In der Tat war diese Frage bis vor Kurzem fast tabu. Denn sie gehört zum Management des Bösen. Es würde ja die Hinnahme des Nichthinnehmbaren bedeuten. Das wäre ein Schaden für die Front der Warner – ein Dolchstoß. Wie Mojib Latif komme ich aus dem Max-Planck-Institut für Meteorologie. Wir waren Zimmernachbarn. Anfang der Neunzigerjahre begann man dort über den Klimawandel zu reden, und ich fragte mich und andere, was dieser Wandel bedeuten könnte. Dabei wurde immer auf das Problem von Bangladesh verwiesen, das vom steigenden Meeresspiegel besonders bedroht ist. Später habe ich mit Leuten aus Bangladesh gesprochen und erfahren, dass sich dort kaum jemand für den Klimawandel interessiert. Die dortige Bevölkerung hat gegenwärtig andere große Probleme. Das, was in 50 Jahren sein könnte, liegt den Menschen fern. Wir geben Geld dafür aus, dass weniger CO2 emittiert wird. Wir investieren aber kaum in einen sinnvollen Schutz vor akutem Hochwasser. Es ist absurd: Wir sorgen uns um Menschen, die in 50 Jahren ertrinken könnten, nicht aber um die, die heute in den Fluten umkommen.

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bdw: Sie stellen dem Protokoll von Kyoto kein gutes Zeugnis aus?

von STORCH: Der Öffentlichkeit wird ständig erzählt, Kyoto würde die Welt retten. Aber das Protokoll ändert nichts an dem Problem. Den Klimawandel kann auch die Einhaltung des Kyoto-Protokolls nicht stoppen. Doch es kann dabei helfen, die Einsicht in das Klimaproblem zu vertiefen. Dass die katastrophistische Linie der totalen Vermeidung des Klimawandels nicht zu halten ist, dass es auch um Anpassung geht, beginnt man nun auch in der Wissenschaft zu sehen. Das Katastrophengerede hat allerdings Vorteile: Ob es nun Kälte- oder Hitzewellen sind, Regengüsse oder Schneemassen – alles stützt die Hypothese vom Klima der Extreme. Eine Theorie, die nicht falsifiziert werden kann, ist für einen Wissenschaftler zwar sterbenslangweilig. Aber für die Überzeugungsarbeit ist sie grandios.

bdw: Nutzt sich das nicht ab?

von STORCH: Doch. Man muss deshalb immer neue Katastrophen finden und das Bedrohungspotenzial ständig erhöhen. Diese Art, über den Klimawandel zu reden, ist nicht nachhaltig. Denn wir verbrauchen die Ressource Aufmerksamkeit und stumpfen die Öffentlichkeit ab.

bdw: Da haben wir in Deutschland das Beispiel Waldsterben vor Augen.

von STORCH: Die Beschwörung des Waldsterbens war für die Reputation der Wissenschaft eine Katastrophe. Auch Wissenschaft ist ein sozialer Prozess. Forscher sind eben doch nicht so objektiv, wie viele von uns behaupten. Zweifellos messen wir die Geschwindigkeit richtig, mit der ein Apfel vom Baum fällt. Aber die Auswahl der Themen, die Art der Fragen, die wir stellen – das wird sozial mitbestimmt. In der meteorologischen Forschung geht es heute fast nur noch um Klimawandel. Für andere atmosphärische und ozeanographische Fragen erhält man kaum noch Forschungsmittel. Modewellen dominieren die Forschung mehr denn je, und damit beschädigen wir die gesellschaftliche Institution Wissenschaft.

bdw: Ist Panikmache typisch für Deutschland?

von STORCH: Die „Klimakatastrophe“ ist eine deutsche Spezialität. In den USA heißt es „global warming“. Extreme Kälteperioden oder Hitzewellen werden dort nicht automatisch mit der globalen Erwärmung in Verbindung gebracht. In den USA widerspricht eine Kältewelle dem Konzept der globalen Erwärmung. In Deutschland stützt sie das Konzept der Klimakatastrophe.

bdw: Der auf uns zukommende Klimawandel gilt als schlimm. Hat diese Entwicklung auch eine Kehrseite?

von STORCH: Unsere Systeme befinden sich in einem gewissen Gleichgewicht mit den klimatischen Bedingungen. Ein Beispiel dafür sind Bauvorschriften – etwa, dass man in hochwassergefährdeten Gebieten nicht bauen sollte. Ändert sich das Klima langsam, erfolgt auch die Anpassung an die geänderten Bedingungen langsam und letztlich unmerklich. Der gegenwärtige Klimawandel verläuft allerdings deutlich rascher als früher. Dennoch dürfte er der menschlichen Gesellschaft keine allzu großen Probleme bereiten. Wenn Sie daran denken, dass heute in Rom nicht mehr Menschen bei Hitzewellen umkommen als in Hamburg, dürften wir auch das Problem vieler Hitzetage hintereinander in den Griff bekommen. Ein anderes strapaziertes Beispiel ist die Malaria. Noch vor 200 Jahren war sie in Europa weit verbreitet. Dass es sie heute hier nicht mehr gibt, hat keine klimatischen Ursachen, sondern hygienische. Deshalb wird sie auch nicht wiederkommen, wenn es wärmer wird. Bestimmte Ökosysteme mögen stärker betroffen sein. Sie passen sich an. Nur sind sie dann nicht mehr dieselben wie vorher. Doch wir wollen die bisherigen behalten.

bdw: Viele wollen die Natur eben so erhalten, wie sie sie kennen.

von STORCH: Das vorhandene System ist immer das gute. Schlechte Systeme sind die, die nicht im Gleichgewicht sind. Im Gleichgewicht sind Dinge, an die man sich gewöhnt hat. Die Lüneburger Heide zum Beispiel: Obwohl sie der Mensch geschaffen hat, gilt sie als schöne Natur. Auch Nordseeküste und Wattenmeer betrachtet man wohlgefällig. Doch auch sie sind Kulturlandschaften, an die sich Ökosysteme angepasst haben. Ein deutscher Romantiker bewertet dagegen die Küste als einen Ort, der vom Menschen bedroht ist. Für ihn ist Küste ungestörte Natur, Ort der Reinheit, ein Ökosystem, das der Mensch durcheinander bringt. In Holland gibt es eine ganz andere Sicht. Dort ist die Küste ein gemanagter Ort, der gefährlich ist und auf den man aufpassen muss.

bdw: Klimaszenarien reichen bis zu 100 Jahre weit. Wie verlässlich sind sie über einen solchen Zeitraum?

von STORCH: Szenarien sind „bedingte“ Prognosen. Mit unseren Klimamodellen können wir keine Prognosen im klassischen Sinne erstellen. Unsere Szenarien beschreiben die Folgen von angenommenen zukünftigen Emissionen. Diese Emissionen nehmen selbst die Form von Szenarien an, also alternative, mögliche, in sich konsistente und plausible Zukünfte. Sie sind keine Vorhersagen. Wenn die Anfangsannahme über die Emissionen stimmt, dann stimmt auch die daraus abgeleitete Klimaänderung, glaube ich. Am Anfang steht also die Frage, wie sich die Emissionen entwickeln. Um darauf zu antworten, muss man die Entwicklung von Technologie und Bevölkerung vorhersagen und in Maßen auch die Entwicklung von Wahrnehmung und Politik. Nun gibt es Leute, die meinen, solche Szenarien entwerfen zu können. Wir Klimaforscher übernehmen diese als Black Box, die wir nicht hinterfragen. Wir verarbeiten diese Szenarien zunächst einmal nur. Wenn die verschiedenen Szenarien alle in die gleiche Richtung weisen, dann haben wir es tatsächlich mit einer Vorhersage zu tun – in diesem Fall: Es wird wärmer, der Wasserstand wird steigen. Um wie viel, das hängt von den Emissionen ab, aber die Tatsache von Erwärmung und Wasserstandsanstieg ist dann „gekauft“.

bdw: Was bedeutet dies für die doch sehr unterschiedlichen Angaben von Forschern über eine künftige Erhöhung des Meeresspiegels?

von STORCH: Dahinter stehen häufig verschiedene Zeithorizonte, die gerne verschwiegen werden. Sieben Meter – wie es jüngst in einer englischen Untersuchung hieß – könnte vielleicht im Jahr 2800 der Fall sein. Darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken. Solche Äußerungen sind meiner Meinung nach eine bewusste Irreführung. Die Schätzungen des 3. Sachstandsberichts des IPCC für 2100 lagen zwischen 10 und 88 Zentimetern. Inzwischen hat der 4. Sachstandsbericht diese Zahl nach unten verändert. In der Vergangenheit war es aber so, dass man meist von den oberen 88 Zentimetern, aber nie von den unteren 10 Zentimetern redete. Doch wir sind sicher, dass der Wasserstand steigt; ebenso stehen mit sehr großer Sicherheit hinter der Erwärmung anthropogene Faktoren. Es ist definitiv wärmer, und der Meeresspiegelanstieg ist größer, als aufgrund natürlicher Faktoren zu erwarten wäre.

bdw: Wie groß schätzt man den menschlichen Anteil?

von STORCH: Zwei Drittel Mensch, ein Drittel Sonne, so schätzt der letzte Sachstandsbericht des IPCC. Es gibt Kollegen, die damit nicht übereinstimmen, und natürlich hat diese Schätzung Schwachpunkte. Man muss zum Beispiel wissen: Wie groß ist die natürliche Schwankungsbreite? Wir können uns nur auf instrumentelle Beobachtungen der letzten 150 Jahre stützen. Vieles spricht dafür, dass die Temperatur schneller steigt, als unter normalen Bedingungen zu erwarten wäre. Da können wir sicher sein – aber nur da. Der recht bemerkenswerte Trend, den wir in letzter Zeit sehen, muss nicht notwendigerweise vom Menschen verursacht sein. Dass die Sturmtätigkeit von den Siebzigern in die Neunzigerjahre zugenommen hat, ist ein solcher Trend. Aber anthropogen ist er nicht. Im Vergleich zu den Schwankungen in den letzten 100 bis 200 Jahren ist dieser Trend nicht auffällig. Seit Napoleons Zeit ist die Sturmtätigkeit in Nordeuropa wenig verändert, obwohl die Temperatur deutlich gestiegen ist.

bdw: Brauchen wir eine andere öffentliche Diskussion?

von STORCH: Wir müssen weg von der ausschließlichen Konzentration auf eine Verminderungsstrategie. Verantwortliche in Politik und Gesellschaft schieben heute gefährliche Klimaereignisse sehr schnell auf den anthropogenen Klimawandel – nach dem Motto: Hätten wir Menschen das Klima nicht verändert, dann wäre die Elbeflut nicht aufgetreten. Das ist eine dumme Aussage. Denn das hieße: Man muss nur den Kohlendioxidausstoß vermindern – und schon kann man weiter in Überflutungsgebieten bauen.

bdw: Effizientere Kohlekraftwerke würden CO2 vermeiden. Dennoch ist ihr Bau umstritten.

von STORCH: Diese Erfahrung machte die RWE, die bei Köln ein neues, sehr effizientes Kohlekraftwerk baut und den Protest von Greenpeace auf sich zog. Ich habe den Eindruck, dass bestimmte Kreise nur den Minderverbrauch beim Konsumenten anerkennen. Deren Ziel ist: Wir müssen uns alle ändern und bessere Menschen werden. Doch selbst wenn wir uns hier so vorbildlich verhielten: Wissen wir, ob der Rest des Planeten mitzieht?

bdw: Was schlagen Sie als Anpassungsstrategie vor?

von STORCH: Wir sollten zunächst aufarbeiten, wo die Verletzlichkeiten liegen, und zwar die jetzigen. Anschließend müsste man daran gehen, diese Verletzlichkeiten weltweit zu verringern. Im Fall von New Orleans hätte das bedeutet, den Damm am Lake Pontchartrain zu verstärken. Auf solche Verbesserungen sollten wir ein starkes Gewicht legen. Natürlich müssen wir gleichzeitig die Emissionen in dem Maße verringern, wie wir es uns unter Beachtung sozialer Nebenbedingungen leisten können. Wir sollten aber unser Kapital und unsere gesamte Aufmerksamkeit nicht nur dieser Frage widmen. Es gibt andere Probleme auf der Welt – etwa, dass täglich immer noch etliche Tausend Menschen verhungern oder dass Millionen von Menschen Opfer von HIV sind.

Das Gespräch führte Heinz Horeis ■

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