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KÖLN MIT DARWIN IN DER STRASSENBAHN

Fünf Jahre fuhr Charles Darwin mit einem Vermessungsschiff um die Welt – dann hatte er genügend Eindrücke gesammelt, um die Geschichte der Natur neu zu schreiben. Kölner Bürger und Touristen müssen 2009 nur die Straßenbahn nehmen, um Evolution zu erfahren.

In einem alten Fabrikgebäude im Stadtteil Mülheim, in dem die Firma Magirus-Deutz einst Dieselmotoren für Lastwagen und Busse produzierte, haben sich Studentinnen und Studenten der Universität zu Köln ein Künstleratelier eingerichtet. Die Wände sind gepflastert mit großen Leinwänden. Darauf tummeln sich bunte Wellensittiche und Archäopteryxe, eine blonde Eva lockt Charles Darwin mit einem Apfel, und leuchtend blaue Chromosomen schillern im XXL-Format. Betreut von dem Kölner Maler Volker Saul und der Kunstprofessorin Silke Leverkühne schaffen die rund zwanzig zukünftigen Kunstlehrer hier in zahllosen Abendstunden, was von April 2009 an – auf die Außen- und Innenwände eines Bombardier Niederflurwagens K4000 gebannt – durch die Straßen der Stadt fahren wird: Evolutions-Motive, verführerisch und riesengroß.

„Der von den Studenten gestaltete Straßenbahnwagen wird im ganz normalen Linienverkehr eingesetzt“, erklärt Dr. Daniel Dreesmann. Der Biologiedidaktiker und Privatdozent an der Universität zu Köln hat sich das ambitionierte Projekt ausgedacht. Es folgt dem bewährten didaktischen Prinzip, dass der Lehrer seine Schüler da abholen sollte, wo sie stehen. In Köln warten täglich 180 000 Menschen an der zentralen Haltestelle Neumarkt, damit die Straßenbahn sie ins Büro, in die Schule oder zu den Sehenswürdigkeiten der Domstadt bringt. Diese Menschenmassen will Daniel Dreesmann abholen. Und dafür hat er sich die Unterstützung des Künstlers, der Kunstprofessorin und weiterer Mitstreiter gesichert. So stellen die Kölner Verkehrsbetriebe AG den Straßenbahnwagen, die Kölner Außenwerbung GmbH hilft bei der technischen Umsetzung, der Verein „KölnPUB – Publikum und Biotechnologie“ übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit und erarbeitet Unterrichtsmaterial zum Thema.

Schon von Weitem wird zu sehen sein, dass da etwas Außergewöhnliches angefahren kommt. „Die Bahn soll aber nicht nur aus der Ferne auffällig sein“, verspricht Volker Saul. „Sie wird auch für jemanden, der direkt davor steht, kleine, interessante Details bieten.“ Deshalb entstehen im Mülheimer Atelier nicht nur große, sondern auch viele kleine Kunstwerke. Diese werden abfotografiert, zu einer Collage zusammengesetzt und anschließend auf Klebefolie gedruckt, später dann an den Außenwänden und Teilen der Fenster des Straßenbahnwagens fest angebracht.

„Von außen“, sagt Silke Leverkühne, die am Institut für Kunst und Kunsttheorie der Universität zu Köln angehende Lehrer ausbildet, „soll die Bahn zum Kunstwerk werden. Sie soll überraschen, zum Angucken einladen, Interesse wecken und neugierig machen auf das, was drinnen auf die Fahrgäste wartet.“ Dass es um Darwin und Evolutionsbiologie geht, wird von außen nicht sofort ersichtlich sein – und das könnte sich sogar als Vorteil erweisen: „Wir wollen ja nicht nur Lehrer und Biologiestudenten ansprechen, die sich sowieso schon für Naturwissenschaft interessieren“, sagt Dreesmann. Er will vor allem niemanden abschrecken. „Wenn außen Evolution draufsteht, sagen manche doch gleich: Das interessiert mich nicht.“

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Wer vom Bahnsteig aus noch keinen Verdacht geschöpft hat, weshalb sich „seine“ Bahn neuerdings mit Vögeln, Fischen und einem Herrn mit weißem Bart schmückt, wird im Inneren der Straßenbahn schnell Antworten finden. Decke, Fußboden, Wände und sogar die Sitzschalen des begehbaren Kunstwerks werden nicht nur künstlerisch zum Thema Evolution gestaltet, sie sollen auch der Wissensvermittlung dienen. „Der Straßenbahnwagen, der uns von den Kölner Verkehrsbetrieben zur Verfügung gestellt wird, verfügt über fünf Sitzbereiche, die jeweils durch Türen voneinander getrennt sind“, erklärt Dreesmann.

Jedem Sitzbereich hat die Kölner Projektgruppe ein Themengebiet zugeordnet. Genaueres will der Biologe noch nicht verraten, nur so viel: Klassische Aspekte der Evolutionsbiologie werden sich hier ebenso finden wie Ergebnisse aus der aktuellen Forschung. „Wir wollen die Beispiele, die in jedem Schulbuch vorkommen, nicht ein weiteres Mal bringen.“ Tatsächlich wird das Kölner Projekt „Evolution erfahren“ völlig auf das evolutionäre Paradebeispiel der sogenannten Darwinfinken verzichten. Stattdessen soll ein kleiner, gerade einmal zehn Zentimeter langer Rheinfisch seinen großen Auftritt bekommen (siehe Kasten: „ Neue Groppen im Rhein“).

So ein kleiner Fisch wird niemanden erschrecken. Doch Dreesmanns Team will dem Kölner Bürger auf seinem Weg ins Büro – im Durchschnitt fahren die Kölner täglich 15 Minuten mit der Bahn – durchaus auch „schwerere Kost“ zumuten: die Evolution von Krankheitserregern zum Beispiel. So sind für den Menschen gefährliche Bakterien, etwa der Tuberkulose-Erreger, oft eng verwandt mit harmlosen Bakterien. Oder mit Keimen, die Tiere krank machen. Auch wenn Bakterien gegen Antibiotika Resistenzen ausbilden, handelt es sich um einen evolutionären Vorgang. Werden Krankheiten und ihre Erreger vor einem evolutionären Hintergrund erforscht, kann dies zu neuen und besseren Therapien führen – so die gute Nachricht.

NEULAND EVOLUTIONSBIOLOGIE

Die Darwin-Bahn wird jedoch „kein fahrbares Lehrbuch“ sein, betont Dreesmann. Neben der künstlerischen Ausgestaltung des jeweiligen Themas sollen Texttafeln nur wenige prägnante Informationen liefern. Wer Lust auf mehr Wissen zum Thema Evolution hat, findet dieses beispielsweise bei den sogenannten „ Darwin-Scouts“: Schülerinnen und Schüler des Kölner Gymnasiums Kreuzgasse werden vor allem zu Anfang des Projekts die Fahrten in der Darwin-Bahn begleiten, Fragen beantworten und Infoblätter verteilen. Wer es ganz genau wissen will, kann zu Hause am Computer die Website des Projekts aufsuchen und detailliert nachlesen, was es mit Evolution eigentlich auf sich hat. Bis es so weit ist, wird im Mülheimer Atelier unter Hochdruck gearbeitet. Silke Leverkühnes Studenten opfern sogar ihre Freizeit für das Projekt.

Doch interessiert sich jemand, der Kunst studiert, eigentlich für Evolutionsbiologie? „Herr Dreesmann hat für die Studierenden Einführungsseminare zur Evolutionsbiologie gehalten“, erklärt Volker Saul. Das scheint gefruchtet zu haben: In einer Ecke des Ateliers stehen einschlägige Bücher aufgereiht. Die Studenten haben in der Universitätsbibliothek gestöbert – oder im heimischen Bücherschrank. „Vorher habe ich mich überhaupt nicht für Evolutionsbiologie interessiert“, erklärt eine der Studentinnen. „Das Projekt hat mir erst die Möglichkeit gegeben.“ Und noch etwas ist verlockend für die angehenden Kunstlehrerinnen und -lehrer: Sie erleben zum ersten Mal eine echte Atelier-Situation. „Sie haben Material und Platz, soviel sie brauchen“, erklärt Saul.

Für den Biologen Dreesmann ist es ein großer Vorteil, dass er das Projekt mit Kunststudenten durchführen kann: „Es ist ein guter Test. Wenn die Studenten, die selbst nicht Spezialisten auf dem Gebiet sind, das Thema umsetzen können, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch der Fahrgast ohne großes Vorwissen versteht, worum es geht.“ Schließlich soll die Darwin-Bahn möglichst viele Menschen dort abholen, wo sie stehen. ■

von Nadine Eckert

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