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König Skorpion I. und die erste Schrift

Der Streit wird neu entfacht: Wurde die Schrift am Nil erfunden? In Abydos, dem Mekka des alten Ägypten, sind mehrer bislang unbekannte Pharaonen und Belege für die erste Schrift dingfest gemacht worden. Das Reich am Nil wird immer älter.

Günter Dreyer, 55, siebt Sand, Zehntausende von Kubikmetern prähistorischen Sand. Und beschwört damit einen antiken Kulturkampf zwischen Ägypten und Mesopotamien herauf. Denn der Streit wird neu entfacht: Wo wurde die Schrift entwickelt?

„Die Frage ist jetzt wieder offener, als sie bislang zu sein schien“, betont der neugekürte Erste Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo und siebt weiter Sand, drei bis vier Monate im Jahr. Das Ende ist noch nicht abzusehen, „bis zu meiner Pensionierung werden wir es wohl nicht schaffen“. Der Einsatz lohnt sich, obwohl in Abydos, 500 Kilometer südlich von Kairo, nach den Grabräubern schon die Ägypter des Alten Reiches (2600 bis 2200 v. Chr.) von Staats wegen den Boden umwühlten. Da in Abydos die frühesten Könige beerdigt waren – „und das wußten die frühgeschichtlichen Nil-Anwohner natürlich noch besser als wir“, so Dreyer -, war die Totenstadt am Nil einer der heiligsten Orte im antiken Ägypten. So wurde hier auch das Grab des vergöttlichten Osiris, des mythischen Ur-Königs des Landes, vermutet: Die alten Ägypter betrieben Archäologie und wendeten den Untergrund.

Eine der unterirdischen Gruftanlagen wurde als Osiris-Grab deklariert und mit Granitbett und Osiris-Statue geheiligt. Es war das Grab des zweiten Königs der ersten Dynastie, wie die Archäologen heute wissen. Auch die anderen Gräber waren mythisch-heilig und wurden, teilweise mit aufwendigen Restaurierungen, zu Kultstätten aufgewertet.

Die Reichen und die Mächtigen der ägyptischen Reiche drängten denn auch in diese heilige Gegend – zumindest mit einem symbolischen „Zweitgrab“. Abydos entwickelte sich im Mittleren Reich (2000 bis 1800 v. Chr.) „zu einer Art Mekka der alten Ägypter“, so Dreyer. „Jeder, der irgendwie konnte, ist einmal dahin gepilgert, hat seine Opfergaben niedergelegt und um Fortleben und die Gunst des Osiris gebeten.“ Die Millionen von Tonschälchen, die dort über Jahrhunderte hinterlassen wurden, gaben dem Ort den modernen Namen Umm el-Qaab – „Mutter der Tonschalen“.

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Der Königsfriedhof wurde am Ende des vorigen Jahrhunderts noch zweimal, diesmal von französischen und britischen Archäologen, umgepflügt – was war hier noch an Erkenntnis zu erwarten? Dreyer analysiert: „Die Grabräuber haben alles, außer den Pretiosen, rausgeschmissen. Die alten Ägypter waren bei ihren ,Ausgrabungen` an Antiquitäten nicht interessiert und haben ,den Schutt` an den Grabrändern gelagert. Oben drauf kamen die Sand- und Abfallberge unserer Vorgänger. Es war schnell klar: Das Interessanteste liegt unter diesen Schutthalden“, die Ausmaße von 70 Meter Länge, 20 Meter Breite und 8 Meter Höhe erreichen.

Und deshalb siebt Dreyer. Mit zehn Sieben, ein mal zwei Meter groß, mit 150 Mann, seit zwölf Jahren. Dabei interessiert ihn speziell der Friedhof U. Erste Gräber in diesem 200 mal 150 Meter großen Areal datiert Dreyer in die graue ägyptische Vorzeit, älter als 3500 v. Chr. Die Grabbeigaben ab 3300 v. Chr. deuten auf Beerdigungen der Elite. Danach bekommen die Gräber mehrere Kammern, sind mit luftgetrockneten Nilschlammziegeln ausgekleidet – und offenbar nur noch ausgewählten Mitgliedern der Oberschicht vorbehalten. Grab U-j hat es Dreyer besonders angetan, hier beginnt sein Wissenschaftskrimi. Das Grab ist mit zehn mal acht Metern und zwölf Kammern ungewöhnlich groß. Die C14-Proben verlegen es in die Zeit um 3200 v. Chr. – also rund 150 Jahre vor die offizielle „Erste Dynastie“. Auch dieses Grab war in antiker Zeit ausgeraubt worden, doch die wenigen Funde – vor allem ein Zepter – ordnen es „zweifelsfrei einem Herrscher der Dynastie Null“ (Dreyer) zu. Spielgerät sollte die offenbar befürchtete Langeweile im ewigen Fortleben bannen. 4500 Liter geharzter Wein aus Palästina sorgten fürs Wohlergehen. Ägyptische Keramikgefäße enthielten lebenswichtiges Öl oder Fett.

Viele dieser Kannen waren mit Zeichen versehen, die keine Töpfermarken sind. Sehr oft ist dabei ein Skorpion mit einem Baum aufgemalt. Es gibt auch Darstellungen von Fisch, Schnecke, Elefant und Hund – jeweils mit einem Baum daneben. Gleiche Signaturen fand Dreyer auf 180 gelochten Anhängetäfelchen aus Knochen oder Elfenbein, die er aus dem Sand von U-j siebte.

Da alle Gefäße Öl (oder Fett) enthielten, können dies keine Inhaltsangaben gewesen sein. Dreyer deutet den Baum als Begriff für „Plantage, Wirtschaftsgut“ und das Tierzeichen als Königsnamen. In Alt-Ägypten trugen die Herrscher oft Tiernamen, wie Stelen und Inschriften andernorts nachweisen.

Die Ölkanne mit dem Zeichen „Skorpion + Baum“ stammt damit von dem von König Skorpion gegründeten Gut. Da dieses Zeichen in U-j überproportional oft auftritt, liegt es nahe, in dem Toten „König Skorpion I“ zu sehen. Die Plantagen seiner Vorgänger „Fisch“ und „Schnecke“ lieferten dagegen nur Bruchteile der Jenseitsausstattung.

Daß die Tierzeichen tatsächlich Königsnamen sind, kann Dreyer an drei Statuen des Fruchtbarkeitsgottes Min nachweisen: An seiner Schärpe tauchen die Schnecke und „Elefant über Bergen“ auf und ein „Wels über Meißel“ – den kennt man: Das ist König Namer, der letzte Herrscher der Dynastie 0. Bei diesen Ritzungen kann es sich nur um Personen handeln, die dem Gott etwas gestiftet oder geopfert haben.

Dreyer verbindet nun die Funde aus seinen Buddeleien, die Stelen-Inschriften und bislang rätselhafte Darstellungen auf einer Schminkpalette – und verbucht einen Dreifach-Erfolg: l Er hat etwa 20 bislang unbekannte Könige vor der Ersten Dynastie dingfest gemacht. Der Beginn einer staatlichen Organisation in Ägypten ist damit auf etwa 3300 v. Chr. vorverlegt. l Die bislang nicht datierten Min-Statuen stammen nach Dreyers – von ihm zur Diskussion freigegebenen – Königs-Chronologie ebenfalls aus der Zeit um 3300 v. Chr. l Die Reichseinigung – zentraler Punkt ägyptischen Geschichtsbewußtseins – war kein singulärer Akt, sondern eine Entwicklung, die sich über Jahrhunderte hinzog. Sie ging eindeutig von Oberägypten aus und begann früher als bislang angenommen – nämlich bereits unter König Falke, dem Nachfolger von König Skorpion I. (um 3200 v. Chr.).

Aber: Sind die Zeichen auf den Anhängetäfelchen und auf den Ölkannen tatsächlich „Schrift“ oder nur Piktogramme für jeweils einen Sachverhalt oder Ding? Schrift muß phonetisch lesbar, also mit stimmlichen Lautwerten besetzt sein.

Diese Forderung bringt Dreyer nicht in Verlegenheit. Man kann dem Zeichen „Elefant über Berg“ aus späterer Zeit bekannte Lautzeichen zuordnen: „ab“ für Elefant, „dschu“ für Berg. Das ergibt „abschu“ – „und das ist der Name ,Abydos` „, liest Dreyer. Der Name rühre wahrscheinlich her von einem Wirtschaftsgut, das König Elefant in dieser Gegend gegründet habe. „Das herauszufinden, war besonders erfreulich.“ Zwei weitere Belege dieser Art von Schreib- und Lesweisen für Osten (Berge der Helligkeit: Schopfibis neben Bergen) und Westen (Berge der Dunkelheit: Zackenlinie unter Sichel neben Bergen und Schlange) ebenfalls aus Grab U-j sind noch einmal 100 Jahre älter als König Skorpion I. „Die Ägypter haben also schon 3300 v. Chr. phonetisch geschrieben“, konstatiert der Früh-Ägyptologe und setzt noch eins drauf: „Mal sehen, wie weit das noch zurückgeht. Wir haben ja im Bereich der ganz frühen Gräber noch einiges durchzusieben.“ Die Frage, wo die Schrift entwickelt wurde, ob und in welche Richtung die Idee des Schreibens übertragen wurde, ist damit wieder offen.

Bislang gab die Wissenschaft den sumerischen Zeichen in Mesopotamien den Vorrang. Doch mit einer phonetischen Lesung der sumerischen Keilschrift und ihrer exakten Datierung tut man sich schwer – bisher gilt: um 3000 v. Chr. Handelsbeziehungen zwischen Oberägypten und dem Vorderen Orient sind belegt. Kaufleute oder Handwerker könnten die Überträger der Schrift gewesen sein. Auf keinen Fall aber wurde die Schrift einfach übernommen, dazu sind die Zeichen in Ägypten und Mesopotamien zu unterschiedlich.

In beiden Fällen jedoch ist die Schrift aus dem gleichen Grund entwickelt worden: Mit dem Entstehen von staatlichen Gebilden brauchte man ein Medium zur Verwaltung – eintreiben, registrieren, verteilen – von Waren und Steuern. Die Bürokraten waren die Schrittmacher der Kultur. Ob nun sumerische oder ägyptische Beamte zuerst den Griffel spitzten – „das ist mir egal“, sagt Dreyer, „ich will es nur gern wissen.“

Momentan treibt ihn etwas anderes um: „Ob mir meine Kollegen das alles abnehmen, bleibt noch abzuwarten. Die werden damit ein bißchen Mühe haben – aber ich bin mir meiner Sache sicher.“

Michael Zick / Günter Dreyer

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