Kohle für die Forschung - wissenschaft.de
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Kohle für die Forschung

Der europäischen Materialforschung steht eine Hausse bevor: Von 2002 an sollen aus der 1,6 Milliarden Euro (3,14 Milliarden Mark) schweren Reserve der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) jährlich rund 50 Millionen Euro (98 Millionen Mark) in die Erforschung von Verbundwerkstoffen im Bereich Kohle und Stahl fließen. „Die Entwicklung von sauberen Technologien und wettbewerbsfähigen Erzeugnissen muß das Ziel der Forschungsoffensive sein“, verdeutlichte der Italiener Giovanni Saverio Pittella, Berichterstatter im Europäischen Parlament.

Was die EGKS-Gründungsväter in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf den Weg gebracht haben, könnte sich demnach für die europäischen Forscher im 21. Jahrhundert auszahlen. Denn mindestens noch einmal 50 Jahre lang soll aus dem sorgsam verwalteten EGKS-Kapital wissenschaftlicher Mehrwert geschöpft werden: Mit der Auflösung der EGKS im Jahr 2002 sollen im Rahmen einer Stiftung, einer Agentur oder eines Forschungsfonds die EGKS-Mittel der zweckgebundenen Zukunftsforschung für Kohle und Stahl zufließen.

„Es wäre reizvoll, die EGKS-Mittel unabhängig von der EU-Kommission in einer europäischen Forschungsgemeinschaft aufgehen zu lassen“, schlägt der deutsche Europaparlamentarier Rolf Linkohr (SPD) vor. Vorbild könne die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sein, die unbürokratisch und flexibel Schwerpunkte setze. Die europäische Forschungspolitik sei bei einer Größe angelangt, die kaum noch zu verwalten sei, gibt Linkohr zu bedenken. Er spricht sich für dezentralere Strukturen in der europäischen Forschung des 21. Jahrhunderts aus.

Linkohr steht damit nicht allein. Das Europäische Parlament steuert klar eine Reduzierung der Personal- und Verwaltungsausgaben an und will die EGKS-Mittel aus dem EU-Haushalt herauslösen. Um dem zuzustimmen, müßte die neue Prodi-Kommission allerdings weit über den Schatten ihrer Vorgängerin springen. Und da es um beträchtliche Summen geht, werden – wie so häufig – die 15 EU-Finanzminister das letzte Wort haben.

EURO-TALK

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Ralf Walter, haushaltspolitischer Sprecher der SPE-Fraktion im Europäischen Parlament (EP), zum Thema EU-Forschungsgeld:

bdw: Aus dem EU-Haushalt 2000 werden Europas Wissenschaftler rund 4 Prozent erhalten, die Landwirte fast 47. Bleibt dieses Ungleichgewicht?

Walter: In den letzten Jahrzehnten hat sich schon vieles geändert. Für die Landwirtschaft waren früher bis zu 80 Prozent der Mittel vorgesehen. Forschung und Entwicklung ist ein zentraler Punkt im EU-Haushalt.

bdw: Werden mit den frei werdenden EGKS-Mitteln neue Forschungsfelder gefördert?

Walter: Ich denke, daß man Forschungsförderung über sämtliche Felder betreiben kann und muß. Man sollte nicht unterschätzen, daß es auch bei Kohle und Stahl immer noch Entwicklungsmöglichkeiten gibt – beispielsweise in der Anwendungstechnik –, die zu großen Arbeitsplatzbeschaffern geworden sind. Darüber hinaus können gerade in der Energiewirtschaft verstärkt Zukunftstechnologien gefördert werden.

bdw: Wie könnte das Verhältnis von Landwirtschaft zu Wissenschaft im EU-Haushalt 2015 aussehen?

Walter: Wenn ich für 2015 eine Prognose machen sollte, würde ich mich fürchterlich verheben. Aber mit Sicherheit wird die Landwirtschaft auch in Zukunft ein entscheidender Faktor in der europäischen Förderpolitik sein.

EURO-TICKER

Meilenstein. Die 1952 durch den Vertrag von Paris gegründete Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) war die Vorläuferin von EWG und EU. Sie gerade auf die Basis von Kohle und Stahl zu stellen, war von großer symbolischer Bedeutung, denn die Rohstoffe des Krieges sollten nun zu Instrumenten des Friedens werden.

Stein des Anstoßes. Aus Sicht des Europäischen Rechnungshofes ist es umstritten, ob die EGKS-Darlehen zum Bau des Eurotunnels zwischen Frankreich und Großbritannien und zur Finanzierung der Großen-Belt-Brücke in Dänemark zu Recht ausgegeben wurden.

Arbeitsplatzabbau. Die Zahl der Beschäftigten im europäischen Kohlebergbau wird nach Berechnungen der EU-Kommission im Verlauf des Jahres 2000 um 9000 abnehmen. Für die Stahlbranche erwartet die Kommission einen Schwund von etwa 2000 Arbeitsplätzen.

Thomas A. Friedrich

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bild|ge|bend  〈Adj.〉 mittels eines Bildes erklärend, diagnostizierend ● ~e Verfahren in der Medizin

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