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Allgemein

Kontroverse Tierversuche: Kommen Europas Grundlagenforscher auch ohne Laborratten aus?

„In den nächsten 20 Jahren gibt es keine realistische Möglichkeit, die in der Grundlagenforschung weiterhin notwendigen Tierversuche durch Alternativmethoden zu ersetzen.“ Mit dieser Einschätzung traf Mark Matfield von der Londoner Biomedical Research Association mitten ins Mark der Zuhörer – auf dem 3. Weltkongreß über „Alternativen zu Tierversuchen in der Wissenschaft“ in Bologna. Das „Drei-R-Konzept“ (Reduction, Refinement and Replacement), postuliert 1959 von den Amerikanern W. M. S. Russell und R. L. Burch, bestimmt heute die Wissenschaftslandschaft: Weniger Tierversuche gelte es anzustreben, zumindest aber gezielter geplante, und sie seien möglichst durch andere Methoden zu ersetzen. Als Alternativen kommen beispielsweise Zellkulturen in Frage. David B. Wilkens von der Europäischen Tierschutzgruppe gab dem Provokateur Matfield kräftig kontra: Der Einsatz von Tieren im Labor werde bis 2020 durch verläßliche Alternativmethoden völlig entbehrlich. Die britische Wissenschaftlerin Gill Langley sprang Wilkens bei: „Ein schneller Fortschritt beim Ersatz von Tierversuchen in der medizinischen Forschung ist mit einfachen Schritten machbar.“ Allerdings müßten hierzu die Geldgeber und Sponsoren der Wissenschaft stärker Einfluß nehmen. Ebenso müßte die Datenbasis der gesicherten Alternativmethoden stärkere Verbreitung finden – vor allem in den Köpfen der Biomedizin-Forscher.

Genau hier will das Europäische Zentrum für die Validierung alternativer Methoden (ECVAM) im italienischen Ispra Abhilfe schaffen. Prof. Michael Balls, Leiter des aus EU-Mitteln finanzierten Forschungsinstituts, ist optimistisch: „Anstatt Gesetze und Verordnungen zu ändern, wollen wir beweisen, daß die alternativen Methoden zuverlässig sind und Tierversuche in der Forschung realistisch ersetzen können.“ Aber auch die Bürokratie muß dazulernen. So sind zum Beispiel in Deutschland 85 Prozent der Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben, etwa bei der Anmeldung neuer Arzneimittel – ausgerechnet in dem Land, das bei der Erforschung der Alternativen zu Tierversuchen weltweit führt.

EURO-TICKER

Schwachpunkt. Das für den 1. Januar 1998 durch den deutschen Gesetzgeber ausgesprochene Verbot von Tierversuchen für Kosmetikprodukte scheiterte am Einspruch der Welthandelsorganisation (WTO). Behördlich vorgeschriebene Tests von Kosmetikprodukten machen rund ein bis drei Prozent der Tierversuche aus. Kosmetikhersteller weichen häufig auf Japan aus, wo es bisher keine Beschränkungen gibt.

Zeitpunkt. Nach Informationen der niederländischen Universität Utrecht sterben weltweit jährlich rund 15 Millionen Mäuse, Ratten, Kaninchen und Hunde für die medizinische und pharmazeutische Aus- und Fortbildung. Der Utrechter Professor L. van Zutphen bietet an der Veterinärmedizinischen Fakultät vom 15. bis 26. Mai 2000 einen Intensivkurs für Nachwuchswissenschaftler über den humanen Umgang mit Tieren im Laborversuch. Interessenten erfahren Einzelheiten via E-Mail: pdk@las.vet.uu.nl

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EURO-TALK

Dr. Horst Spielmann, Leiter der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (ZEBET), Berlin.

bdw: Wie sieht zahlenmäßig der Trend bei Tierversuchen aus?

Spielmann: 1977 hat die deutsche Arzneimittelforschung 4,2 Millionen Tiere verbraucht. 1997 waren es nur noch 700000. In Deutschland, ebenso wie in ganz Europa, werden mehr als 60 Prozent der Tierversuche bei der Entwicklung neuer Arzneimittel eingesetzt – der massive Rückgang kommt durch eine Reduktion im Pharmabereich zustande.

bdw: Ist das eine europaweite Tendenz?

Spielmann: Seit 1989 sind die Gesamt-Tierversuchszahlen in der EU von 2,5 Millionen auf 1,5 Millionen im Jahr 1997 zurückgegangen.

bdw: Sind Alternativmethoden der Grund?

Spielmann: Arzneimittel werden heute völlig anders entwickelt. Man stellt mittlerweile auf biotechnologischem Weg so viele Wirkstoffe her, daß eine Wirkungsprüfung durch Tierversuche nicht mehr möglich ist. Anstatt Mäusen Präparate einzuspritzen, wird jetzt molekularbiologisch und mit Zellkulturen direkt an Rezeptoren und Genen untersucht. Roboter schaffen 1000 solcher Tests am Tag, jährlich werden bis zu 100000 neue Wirkstoffe synthetisiert. Wir sind auf dem Weg zur molekularen Medizin.

Horst Spielmann / Thomas A. Friedrich

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