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Lästern ist gesund

Klatschen, ratschen, lästern – mit Gleichgesinnten über Abwesende herzuziehen, ist zwar nicht nett, aber es schafft ein schönes Wir-Gefühl. Deshalb ist der Tratsch auch nicht aus der Welt zu schaffen.

Dass sie ausgerechnet von ihrer Lieblingsschülerin regelmäßig durch den Kakao gezogen wird, merkt die Englischlehrerin glücklicherweise nicht. Hoffentlich erkennt sie sich auch nicht wieder, sollte ihr die demnächst als Buch erscheinende Dissertation „Scherzkommunikation unter Mädchen“ in die Hände fallen.

Darin sind – für die Pädagogin wenig schmeichelhafte – Gespräche von vier Gymnasiastinnen dokumentiert. Aufgezeichnet hat sie Rebecca Branner, Sprachwissenschaftlerin an der TU Darmstadt. Um einen möglichst authentischen Eindruck von dem Mikrokosmos der Teenager zu bekommen, schlüpfte die 30-Jährige für drei Jahre in die Rolle einer älteren Freundin: Man ging gemeinsam Eis essen oder zur Kirmes, buk Pizza – und schwatzte vor allem viel. Wann immer möglich, lief Branners Tonband mit.

Ein Ergebnis ihrer Feldforschung: Unter den vier Mädchen hat sich eine „Lästerkultur“ herausgebildet, ein Konsens über das, was in und out ist. Wer etwa schlecht riecht (ein Lehrer figuriert unter „Stinkemayer“), sich kindisch verhält, zu dick oder überhaupt hässlich ist, stottert oder als nicht besonders hell gilt, kurz: Wer nicht dem Mittelschicht-Ideal der Jugendlichen entspricht, hat schlechte Karten. Meist macht allerdings erst eine Häufung solcher „Macken“ jemanden zum Läster-Objekt.

Das Vorurteil, weibliche Konkurrenz sei die Triebfeder übler Nachrede, bestätigt die Untersuchung nicht. Die Schülerinnen ziehen gleichermaßen über Jungen und Mädchen, Männer und Frauen her. Und: „Ins Visier geraten nicht nur die klassischen ‚Opfer‘ – der Dicke, der immer allein auf dem Schulhof steht –, sondern auch mächtige Personen“, sagt Rebecca Branner.

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Der Tratsch richtet sich ihrer Studie zufolge auch gar nicht nach außen, sondern nach innen: „Lästern heißt, sich über Gruppennormen zu verständigen und über Abweichung. So wird das Wir-Gefühl verstärkt.“ Häufig diene das Durchhecheln anderer Leute auch der Psychohygiene: „Eine peinliche oder unangenehme Situation wird in eine humorvolle Geschichte umgearbeitet, aus der der Erzähler als Sieger hervorgeht.“ Lästern ist also gesund – solange das Opfer nichts davon mitbekommt.

Mit der Funktion informeller Kommunikation hat sich auch Birgit Althans befasst. In ihrer Kulturgeschichte des Klatsches kommt die Berliner Erziehungswissenschaftlerin zu dem Schluss: Tratsch ist eine weibliche Disziplin – und jeder Versuch, ihn in konstruktive Bahnen zu lenken, ist zum Scheitern verurteilt. Ihre Untersuchung führt zurück bis ins 17. Jahrhundert, zu den Waschplätzen unter freiem Himmel, wo „frau“ über alles redete, was im Dorf so passierte. Bei ihrer Knochenarbeit unterhielten sich die Waschweiber – zum Beispiel über die Herkunft der Flecken in den Laken, die rhythmisch gegen Steine geschlagen wurden: Klatsch!

Wer ist schwanger? Und von wem? Wer geht fremd? Inhalte und Motive des Tratsches sind über die Jahrhunderte gleich geblieben: Es geht um soziale Kontrolle und um die schiere Freude am Waschen schmutziger Wäsche. Das war Frauensache. Den Männern machte die Vorstellung von dem, was über sie geredet würde, Angst. Luther empfahl den Weibern deshalb, „nicht immerdar mit dem Maul zu waschen“.

Klatschen denn Männer nicht? Selbstverständlich tun sie das. Allerdings versucht das herrschende Geschlecht, seinem Geschwätz einen seriösen Anstrich zu geben – das Gerede wird zum Gespräch geadelt. Die Männer, so die Kernthese von Birgit Althans, haben sich die Lust am Klatsch abgewöhnt. „Das Gerede … musste von der Neugier gereinigt werden.“

Einer ihrer Kronzeugen ist der englische Kaufmann, Journalist und Schriftsteller Daniel Defoe („Robinson Crusoe“). Er verstand sich als Erzieher, schrieb am laufenden Band Traktate, in denen es vor allem um den guten Ruf des Kaufmannstandes ging. Diesen Leumund, auch allegorisch als „Lady Credit“ beschrieben, sah er ständig in Gefahr. Defoe propagierte als einer der Ersten den rationalen Diskurs, das rein sachbezogene Gespräch, auf dem die Welt des Handels, der Finanzen und der Politik angeblich beruht.

Mit dem Siegeszug des Kapitalismus musste die unkontrollierte Kommunikation gezähmt werden. Die Lust am Klatsch passte nicht zum Idealbild des Gentleman, dem Selbstkontrolle zur zweiten Natur geworden war. Der Schwatz um des Schwatzens willen wurde nun erst recht als etwas spezifisch Weibliches – und Gefährliches – betrachtet. Der französische Aufklärer Jean Jacques Rousseau sprach sich deshalb für eine strikte Trennung der Geschlechter aus. Sein Zeitgenosse Denis Diderot verband Kritik an der damaligen Gesellschaft umstandslos mit der weiblichen „ Doppelzüngigkeit“: In seiner Satire „Die geschwätzigen Kleinode“ bringt ein magischer Ring weibliche Geschlechtsorgane zum Sprechen – die dann die Wahrheit über die Heuchelei am Hofe ausplaudern.

In dieser Tradition sieht Althans auch Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse. Er entdeckte den Klatsch der Frauen und dessen sexuellen Motive am Ende des 19. Jahrhunderts neu. Freuds „Redekur“ – die Plauderstunde auf der Couch – brachte viel Unappetitliches an den Tag. Aber auch er scheiterte der Studie zufolge mit seinen wissenschaftlichen Bemühungen, weil „das weibliche Genießen sich dem ökonomischen Diskurs entzieht, es ist nicht zu rationalisieren“. Das Wesen des Klatsches ist, so Althans, seine Ziel- und Maßlosigkeit.

Kein Wunder, dass sich auch die Pioniere der Arbeitsforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts an diesem Phänomen stießen. Frederick W. Taylor, Vater der rationellen Betriebsorganisation, wollte das Sprechen bei der Arbeit rundweg verbieten – wogegen vor allem die weiblichen Beschäftigten vehement protestierten. Der Harvard-Professor Elton Mayo, der in einem groß angelegten Interview-Programm in den zwanziger Jahren Arbeiterinnen befragte, fasste Klatsch zunächst als „Bolschewismus“ auf, dann als krankhaftes, durch Anämie (Blutarmut) bedingtes Verhalten.

Heute sehen Organisationstheoretiker den Schwatz am Arbeitsplatz positiver. Beim informellen Plausch werden demnach auch wichtige Informationen ausgetauscht. Nach einer Untersuchung der Mannheimer Psychologen Wolf-Bertram von Bismarck und Markus Held steigert Klatsch gar die Arbeitsleistung. Viele Firmen haben deshalb Kaffeeklatsch-Ecken („Kommunikationsräume“) für ihre Mitarbeiter eingerichtet.

Birgit Althans sieht solche Bemühungen skeptisch: Klatsch lasse sich nicht verordnen. Dann nämlich gehe der Kitzel, das Gefühl verloren, sich auf dünnem Eis zu bewegen. Tratsch ist und bleibt demnach – für Täter und Opfer – eine zweischneidige Angelegenheit, zu der das Spiel mit den Andeutungen gehört: „Ich will ja nichts sagen, aber …“

Werden Frauen also immer weiter tratschen, und die Männer die Lust daran nie verstehen? Nein, sagt Althans. Für sie ist die Frage, was weiblich und was männlich ist, heute nicht mehr so leicht zu beantworten: „Mancher Mann beherrscht die weibliche Form des Plauderns, manche Frau pflegt den männlichen, rationalen Diskurs. Mir fallen da spontan Alfred Biolek und Sabine Christiansen ein.“ Allerdings ist das weibliche Geschlecht ihrer Überzeugung nach immer noch sensibler für die Doppelbödigkeit der Kommunikation: „Männer sind in dieser Beziehung naiver.“

Die Anstöße für Althans‘ Untersuchung stammen aus ihrem kleinen friesischen Heimatdorf, wo sie ständig das Gefühl hatte, es werde über sie geredet. „Ich habe die Macht des Klatsches gespürt.“ Und auch ihre Beschäftigung mit dem Thema blieb nicht ohne persönliche Konsequenzen: „Man vertraut mir alles nur noch unter dem Siegel der Verschwiegenheit an.“

Kompakt

• Tratschen ist weiblich – hat eine Klatschforscherin herausgefunden.

• Das Lästern ist für die informelle Kommunikation und den Zusammenhalt einer Gesellschaft wichtig.

bdw-Community

Warum ist Lästern wichtig? Fragen Sie Rebecca Branner am Mittwoch, dem 31. Oktober 2001. Die Sprachwissenschaftlerin ist zu Gast in der Sendung „HörenSagen – Natur und Wissenschaft“ vom DeutschlandRadio Berlin. Zwischen 11.05 bis 11.35 Uhr können Sie gebührenfrei anrufen unter 00800 | 22542254. Senderfrequenzen können Sie über die Radio-Homepage (www.dradio.de/dlr) abfragen.

Jens Bergmann

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