Last man standing - wissenschaft.de
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Last man standing

IM OKTOBER 1997 GEISTERTE die Meldung durch die Medien, in Großbritannien werde erfolgreich das Telefonieren über simple Stromleitungen getestet. Wirtschaft und Ingenieurszunft waren gleichermaßen elektrisiert – gerade war der Internet-Hype angelaufen. Wenn das Telefonieren übers Stromnetz funktionierte, dann auch der Datentransfer vom und ins Internet! Die technische Innovation bekam ein attraktives Kürzel verpasst: „Powerline“. Stromversorger auch in Deutschland witterten ein neues Geschäftsfeld: Aus ihrem Kabelnetz ließ sich womöglich ein Konkurrent zu den Kabeln der Deutschen Telekom machen. Auf die Euphorie folgte Ernüchterung. So einfach, wie es klang, war die technische Herausforderung offenbar nicht zu bewältigen. Die Front der Anbieter bröckelte. 1999 verabschiedete sich der Berliner Pionier Bewag von der Idee der Daten aus der Steckdose, der Energieriese EON folgte 2001, danach Nortel, und schließlich zog auch Siemens den Stecker. Anfang 2002 standen nur noch drei Energieversorger auf der Powerline-Bühne: Die RWE unterhielt lokale Projekte in Mülheim und Essen, die Energie Baden-Württemberg (EnBW) tat desgleichen in Ellwangen, und in Mannheim kam unter dem Namen „Vype“ ein Datenstrom des lokalen Versorgers MVV Energie – genauer: dessen Tochterfirma Power Plus Communications (PPC) – aus der Steckdose. Im September 2002 indes warf die RWE das Handtuch. Die EnBW will sich auf Nischenanwendungen in Hotels, Schulen und andere Branchen konzentrieren. Somit fällt der MVV-Tochter PPC die Rolle des „ last man standing“ zu. Was macht eine noch vor kurzem hochgejubelte Idee zur heißen Kartoffel? Carsten Knauer, Geschäftsführer von RWE-Powerline, gibt die offizielle Antwort: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hätten sich die Rahmenbedingungen so verändert, dass für Powerline kein Massenbetrieb mehr möglich sei. Der Hintergrund: Bei der Powerline-Technik werden die Daten meist mit hohen Frequenzen im Megahertz- Bereich übertragen. Und diese Hochfrequenz-Datennetze, so Knauers Argument, seien zur Terroristenhatz verstärkt für die Nachrichtendienste reserviert worden. Beim Bundeswirtschaftsministerium, das für die Zuteilung der Frequenzen zuständig ist, weiß man davon nichts. Die Anzahl der sicherheitsrelevanten Frequenzen für Militär, Polizei und Seefunk zwischen 1 und 30 Megahertz, die auch Powerline nutzt, hätten sich, so heißt es aus dem Ministerium, „seit Jahren nicht mehr geändert“. Ingo Schönberg, Geschäftsführer von PPC, hält das Argument von Knauer für „vorgeschoben“. Woran lag es dann? Die Technik der RWE sei nicht massentauglich gewesen, und möglicherweise hätten die Essener aufs falsche Marketingkonzept gesetzt, unkt Schönberg. Er arbeitet mit israelischer Technik anstatt – wie RWE und EnBW – mit Modems der Schweizer Firma Ascom. RWE-Powerliner Knauer widerspricht: Die Technik habe funktioniert, sagt er, und: „Das Konzept war gut, die Kunden haben das Angebot prima angenommen.“ Zahlen nennt er allerdings nicht. Von den 120000 anvisierten Nutzern bis Ende 2002 – so wurde RWE Powerline überall zitiert – habe er, Knauer, „nie etwas gesagt“. Faktum ist: Lediglich die Mannheimer PPC hält am Powerline-Projekt fest. Mehr noch: Sie expandiert. Mit lokalen Energieversorgern in Hameln, Linz, Dresden sowie in 16 weiteren Städten bestehen inzwischen Verträge. Am 8. Oktober 2002 gab die MVV bekannt: Der Elektrotechnik-Riese ABB AG wird strategischer Partner von PPC. Am 15. Oktober folgte ein Joint Venture für Österreich mit dem Energieversorger Linz AG. So ist die Besetzung zwar auf ein Ein-Mann-Stück geschrumpft – doch das Spiel geht anscheinend weiter.

Tobias Beck

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Man|dor|la  〈f.; –, –dor|len; bildende Kunst〉 mandelförmiger Heiligenschein um die ganze Gestalt (Christi od. Mariens) [ital., ”Mandel“]

Tee|ro|se  〈f. 19〉 1 〈Bot.〉 aus China stammende Zuchtrose: Rosa indica 2 〈allg.〉 gelbe Rose ... mehr

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