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Leben light

Der amerikanische Genomforscher Craig Venter untersucht, wieviel Erbgut tatsächlich zum Leben nötig ist.

Ob Faust oder Frankenstein – Wissenschaftler, die Leben im Labor schaffen wollen, müssen sich manchen literarischen Vergleich gefallen lassen. So auch Craig Venter. Der amerikanische Genomforscher kündigte im Februar an, aus der Hülle und einzelnen Genen des Mikroorganismus Mycoplasma genitalium ein neues Bakterium zusammenzubasteln. Ein Journalist wählte in seinem Bericht darüber eine Metapher aus der Küche und ließ Venter als Koch auftreten, der „aus einer Tüte Genbausteine unter langsamem Erwärmen“ eine Suppe kocht, die man „Bakterium X“ nennen könnte. Um im Bild zu bleiben, wird Venter jedoch mit seinem Rezept kein Vollwertgericht zusammenrühren, sondern allenfalls ein Produkt mit dem Namen „Leben light“.

Das zwischen Viren und Bakterien angesiedelte Mycoplasma, das beim Menschen Krankheiten der Geschlechtsorgane verursacht, besitzt lediglich 470 Gene. Sein Erbgut ist damit das kleinste eines Organismus, der sich selbständig reproduzieren kann. Venter hat nun nacheinander Gen für Gen ausgeschaltet, um zu schauen, wo das genetische Existenzminimum liegt. So konnte der 52jährige Amerikaner ein lebensfähiges Mycoplasma auf 300 Gene reduzieren. Diese unverzichtbaren Gene will er zu künstlichen Chromosomen zusammenfügen und anschließend in eine ausgehöhlte Bakterienzelle schleusen.

Sobald sich diese Zelle einmal teilt, wäre Venter am Ziel: Er hätte das erste künstliche System geschaffen, das sich verdoppeln kann. Innerhalb der nächsten zehn Jahre soll es soweit sein, verkündete der Genforscher. Ein für ihn überraschend langer Zeitraum: Bisher hatte er auf Schnelligkeit gesetzt – mit dem Erfolg, daß 7 der 19 bisher entschlüsselten Genome verschiedener Organismen in seinem Labor entziffert wurden. Dennoch kann keine Rede davon sein, daß der Amerikaner wirklich neues Leben kreiert. „Venter schafft einen funktionsfähigen Replikationsapparat, der dafür sorgt, daß die für die Teilung des Bakteriums notwendigen Gene korrekt abgelesen werden“, sagt Dr. Jens Hellwage.

Der Molekularbiologe am Hamburger Tropeninstitut rückt weiter zurecht: „Ein lebensfähiges Bakterium geht aus dem Versuch nicht hervor“. Denn den Minimal-Mycoplasmen wird die Möglichkeit fehlen, ihren menschlichen Wirt zu besiedeln und sich damit in ihrer natürlichen Umwelt zu behaupten.

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Hellwage verspricht sich aus Venters Versuchen trotzdem neue Erkenntnisse – beispielsweise für die Impfstofforschung. Mycoplasmen machen die Entwicklung eines Impfstoffes schwer, weil sie ihre Hülle ständig verändern. Würde es gelingen, essentielle Bestandteile der Mikroorganismen-Oberfläche zu ermitteln, könnte man gegen sie einen Impfstoff entwickeln und so den Verwandlungskünstler Mycoplasma austricksen.

Susanne Liedtke

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