Leonardo oder Hans im Glück? - wissenschaft.de
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Leonardo oder Hans im Glück?

Wissen braucht persönliche Kompetenz, für Information genügt Vertrauen in das Übermittelte

Bei einer Ausstellung im Haus der Kunst in München konnte man sie mit eigenen Augen betrachten: Winzige, gestochen scharfe Striche, mit denen der Künstler, Forscher und Erfinder Leonardo da Vinci seine Gedanken auf das Papier schrieb und zeichnete, dicht an dicht, jeden freien Raum noch für Anmerkungen und Skizzen nutzend. Auf CD-ROM konnte der Besucher seine Texte in deutscher Sprache neben dem Original lesen. Leonardo da Vinci, der große Universalist, der seiner Welt die Augen öffnete für die Möglichkeiten von Forschung und Technik gilt als Symbolfigur des modernen Menschen. Er gab den Namen für einen Zustand, in den unsere Gesellschaft heute immer tiefer eintaucht: die Leonardo-Welt. Der Wissenschaftsphilosoph Jürgen Mittelstraß bezeichnet damit eine Welt, die der Mensch sich nicht mehr als Entdecker aneignet, sondern die er sich selbst macht. Künstliche Realität.

Herausragendes Beispiel für die Rolle des Menschen als Schöpfer ist die aufdämmernde Informationsgesellschaft. Mehr und mehr wird das, was ist, bedeutungslos gegenüber dem, was man davon hört und liest. Das gilt für Politiker, die nie schlechte Politik machen, sondern sie „nur“ schlecht verkaufen, ebenso wie für Wirtschaftsmanager, die durch unbedachte Formulierungen Milliarden-Werte vernichten, unabhängig davon ob es ihrem Haus gut oder schlecht geht. Ganz besonders gilt das für das Fernsehen: Dessen Suggestionskraft schafft sich seine Realität selbst. Zahllose Sendungen beschäftigen sich nur damit, Menschen in Talkshows zu präsentieren, die vor allem eines tun: im Fernsehen auftreten. Die Wissenschaft arbeitet fleißig daran mit, unsere Leonardo-Welten immer weiter von der natürlichen Realität zu entfernen. Ohne die Fortschritte von Physik und Kommunikationstechnik wäre eine Informationsgesellschaft gar nicht denkbar, ohne Halbleiter, Computer, Glasfasern oder Internet. Doch wo führt uns dieser Fortschritt hin? Sicher noch weiter weg von der natürlichen Welt. Da experimentiert die Telekommunikation mit „virtuellen Welten“, die nur im Computerspeicher existieren, bis hin zum Cybersex. Und in ihren Labors züchten Gentechniker Pflanzen und Tiere, die in der Natur überhaupt nicht vorkommen. Wir wissen immer mehr. Wir können immer mehr. Der Mensch schafft seine eigene Welt. Mittelstraß warnt vor der Gefahr, daß wir zu Informationsriesen und gleichzeitig zu Wissenszwergen werden: Wir tauschen wie Hans im Glück den Informationsgewinn gegen den Verlust an Orientierung.

Der Philosoph setzt gegen die Informationsgesellschaft die Wissensgesellschaft. Dabei braucht Wissen vor allem persönliche Kompetenz, Information dagegen nur das Vertrauen in die Verläßlichkeit des Übermittelten. Zugleich stellt Mittelstraß an die Wissensgesellschaft so hohe Forderungen nach Freiheit, Vernunft, Verstandesklarheit und Mündigkeit der Wissenden, daß er selbst Zweifel an einer Realisierbarkeit bekommt. „Wer oder was entwickelt die Köpfe?“, fragt er provozierend. Fazit: Die totale Leonardo-Welt bleibt uns nicht erspart. Ob wir damit fertigwerden, ob wir sie mit unserem Menschenbildvereinbaren können, erscheint mehr als fraglich. Denn das würde voraussetzen, daß die Menschen und ihre Medien bewußt zwischen Realität und Schein unterscheiden. Kein hoffnungsvolles Zukunftsbild, meint Philosoph Mittelstraß: Hans im Glück, der seinen Besitz gegen immer kleinere Münze eintauschte, war immerhin glücklich dabei.

Reiner Korbmann

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