Lriw mi arekhzwazk - wissenschaft.de
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Lriw mi arekhzwazk

Das menschliche Genom steckt bis heute voller Rätsel. Sensationen sind von seiner Entschlüsselung noch lange nicht zu erwarten.

In diesen Tagen erhielt ich eine E-Mail aus Armenien, jenem kleinen Land im fernen Kaukasus, das uns mit seiner Kultur recht nahesteht: „Mer jarangutiune lriw mi arekhzwazk e“. Das konnte ich zwar lesen. Aber verstanden habe ich es nicht. Doch würde ich nach den wissenschaftlichen Kriterien vorgehen, wie sie derzeit üblich sind, könnte ich stolz von mir behaupten, ich hätte die armenische Sprache entschlüsselt. Und schon bald seien großartige Werke armenischer Literatur von mir zu erwarten. Im Ernst: Genausoweit ist der Stand des weltweiten Projekts um die Entschlüsselung der menschlichen Erbanlagen – eines der aufregendsten Forschungsvorhaben der Geschichte. Am 6. April 2000 gab der amerikanische Molekularbiologe Craig Venter stolz bekannt: Wir haben das menschliche Genom entschlüsselt. In Wirklichkeit ist er dabei nicht weiter als ich mit meinen Versuchen, die armenische Literatur zu bereichern: Er hat fast drei Milliarden Buchstaben entziffert, rund 30 Millionen fehlen ihm noch. Das Identifizieren der Buchstaben des Genoms ist ein wissenschaftliches Meisterstück. Doch ob dieser Erfolg auch zum historischen Datum wird, daran sind Zweifel angebracht. Craig Venter hat sich vor vier Jahren vom offiziellen Human Genom Project (HUGO) losgesagt und eine eigene Firma zur Entzifferung der Gene gegründet. Natürlich beschwört er heute die phantastischen Möglichkeiten, die seine Arbeit bietet, wenn Medikamente an die Gene jedes einzelnen Patienten angepaßt werden, optimal helfen und minimal schaden. Natürlich spricht er nicht über die Möglichkeiten des Mißbrauchs, weder über pränatale Eugenik noch über „gläserne“ Versicherungsnehmer. Craig Venter ist Geschäftsmann und versucht mit einer perfekten Show den Wert seines Unternehmens in die Höhe zu treiben. Das ist legitim in unserer Gesellschaft des freien Marktes. Ebenso legitim ist, daß Venter vielleicht nicht so penibel arbeitet wie seine staatlich finanzierten Kollegen von HUGO. Er braucht Ergebnisse, die er nutzen kann: Unternehmen arbeiten für Gewinn, nicht für die ewige Wahrheit. Aktienkurse profitieren von Schnelligkeit und erfolgreichem Wissenstransfer – da hat Venter vielen Kollegen etwas vorgemacht. Auch die Börse sieht das so: Nach Venters Pressekonferenz stieg der Kurs seiner Aktien auf das Doppelte. Nur vor einem sollten wir uns hüten: vor dem Glauben, nach Venters Zieldurchlauf sei die Welt eine andere geworden. Wissenschaft und Technik haben schon manche gesellschaftliche Revolution ausgelöst – von Kopernikus‘ Weltmodell bis zur Erfindung der Atombombe. Jedesmal setzten sich die neuen wissenschaftlichen Fakten erst im Laufe von Jahrzehnten durch, durchdrangen neue Werkzeuge erst nach und nach alle Lebensbereiche. Wissenschaftliche Revolutionen passieren nicht von heute auf morgen – einzige Ausnahme vielleicht: Das World Wide Web, das schon neun Jahre nach seiner Erfindung unsere Gesellschaft verändert. Der Weg von Craig Venters Erfolg bis zur Beherrschung des menschlichen Genoms ist lang. Noch weiß niemand, was die Buchstaben bedeuten, noch ahnt niemand die Regeln der genetischen Grammatik, fehlen alle Voraussetzungen für eine kunstfertige Prosa. „Unser Erbe ist voller Rätsel“, lautet der armenische Satz auf deutsch. Ich mußte das nicht selbst finden, sondern ließ mir von einer freundlichen Armenierin helfen. Craig Venter und seine Forscherkollegen haben es nicht so gut, sie sind auf sich allein gestellt.

Reiner Korbmann

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