Luft im Tank - wissenschaft.de
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Luft im Tank

Ein neues Druckluftauto könnte smoggeplagte Städte entlasten. Fachleute bezweifeln jedoch, daß es auf dem Markt eine Chance hat.

Das europäische Patentamt hat im letzten Jahr 1051 Patente auf Motoren erteilt – eines davon an die Firma Motor Development International (MDI). Das MDI-Patent eroberte im Gegensatz zu den anderen die Zeitungsschlagzeilen. Denn es beschreibt ein verblüffendes Antriebsprinzip. Während bei einem herkömmlichen Motor das brennende Benzin die Luft über dem Kolben erhitzt, die sich deshalb ausdehnt und den Kolben nach unten drückt, wird beim MDI-Antrieb nichts verbrannt.

Statt dessen setzt Preßluft den Kolben direkt in Bewegung und treibt so den Motor an. „Das ist so simpel, daß wir bei der Patentierung gezittert haben, ob wirklich niemand vor uns die gleiche Idee hatte“, sagt Konstrukteur Martin Marschner von MDI.

Das Auto des Luxemburger Unternehmens führt die Luft in einem Tank mit sich, der 300 Liter faßt und einem Druck von 330 Bar standhält. Gefüllt wird er mit Hilfe eines Kompressors. „Das dauert ein paar Minuten und verbraucht 20 Kilowattstunden“, sagt Marschner.

Mit einer Füllung soll das Auto im Stadtverkehr rund 200 Kilometer zurücklegen können. Weil dabei kein Kraftstoff verbrannt wird, stößt das Fahrzeug weder Stickoxide noch das Treibhausgas Kohlendioxid aus. Damit könnte es smoggeplagte Städte entlasten und außerdem helfen, die Kohlendioxid-Emission europäischer Autos bis zum Jahr 2008 um 25 Prozent zu reduzieren, wie es eine Selbstverpflichtung der Automobilindustrie vorsieht.

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Was auf den ersten Blick wie das Ei des Kolumbus wirkt, beurteilen Experten skeptisch. Zwar hält etwa Prof. Stefan Pischinger 200 Kilometer Reichweite für durchaus möglich. Der Spezialist für Fahrzeugtechnik beim Verein Deutscher Ingenieure gibt aber zu bedenken: „Würde die Industrie ein konventionelles Auto mit dem geringen Gewicht und der geringen Leistung des neuen Druckluftautos bauen, würde dieses nur zwei Liter Diesel verbrauchen.“ Und das sei auf jeden Fall energetisch sinnvoller als ein Druckluftantrieb.

Denn die scheinbar saubere Fortbewegung täuscht: Bei der Produktion des Stroms, der für die Füllung des Drucklufttanks benötigt wird, entstehen umweltbelastende Gase. Bis das Auto fährt, wird die Energie zudem dreimal auf einen anderen Energieträger übertragen, wobei jedesmal ein Teil von ihr verlorengeht.

„Letztlich hat der Druckluftmotor einen Wirkungsgrad von rund 20 Prozent“, rechnet Pischinger vor. Moderne Dieselmotoren liegen dagegen bei rund 25 Prozent. Würde allerdings der Strom schadstoffrei gewonnen, beispielsweise über Solarzellen, ist der Druckluftmotor tatsächlich sauberer als konventionelle Motoren.

Fraglich ist, ob das neue Auto genug Käufer findet. „Seit den zwanziger Jahren hat man Erfahrungen mit Druckluftantrieben“, sagt Johannes Hübner, Pressesprecher des Automobilclubs von Deutschland. Sie wurden vor allem im Bergbau eingesetzt, da dort jegliche Verbrennung wegen der Explosionsgefahr unbedingt vermieden werden muß. Im Alltagsverkehr konnten sich diese Antriebe allerdings nicht durchsetzen. Der Grund: „Druckluftfahrzeuge sind lahme Enten mit sehr zögerlicher Beschleunigung“, sagt Hübner.

Die Entwickler von MDI sind überzeugt, daß das Druckluftauto als Stadtfahrzeug eine Chance hat. „Wir haben bereits fünf kleine Fabriken für die Herstellung der Serienfahrzeuge nach Mexiko verkauft“, sagt Marschner. Vor einigen Tagen stellte MDI erste Vorserienautos der Öffentlichkeit vor.

Robert Thielicke

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♦ Elek|tro|re|sek|ti|on  〈f. 20; Med.〉 chirurg. Entfernung von Organen od. Organteilen durch elektr. Schmelzschnitt

♦ Die Buchstabenfolge elek|tr… kann in Fremdwörtern auch elekt|r… getrennt werden.
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