Mars-Gullys: Neue Hoffnung auf Leben - wissenschaft.de
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Mars-Gullys: Neue Hoffnung auf Leben

Die Suche nach Wasser auf anderen Himmelskörpern in unserem Sonnensystem geht in eine neue Phase. Jüngste Erkenntnisse über mögliche Wasservorkommen auf dem Mars versetzen Wissenschaftler in helle Aufregung. Extraterrestrische Lebensformen gelten nicht länger als ausgeschlossen.

Nicht nur in grauer Vorzeit, wie man bisher dachte, auch heute noch donnern möglicherweise Wassermassen auf dem Mars zu Tal. Und wo Wasser ist, da ist Leben nicht fern. Das war die sensationelle Nachricht, die Ende Juni das Herz der Weltraum-Fans höher schlagen ließ – und auch die Herzen der durch Fehlschläge gebeutelten Manager der NASA. Nun haben sie wieder Auftrieb für ihre hochfliegenden Pläne, die unter anderem zwei Starts zum Mars in den nächsten drei Jahren vorsehen. Auslöser der Sensation waren Bilder der Raumsonde Mars Global Surveyor, die den Mars seit drei Jahren umrundet. Auf ihnen sieht man deutlich Abflußrinnen, die „Gullys“ genannt werden und die tatsächlich die Funktion der gleichnamigen Abflußschächte auf unseren Straßen haben. Prof. Gerhard Neukum, Direktor des Instituts für Weltraumsensorik und Planetenerkundung des DLR in Berlin-Adlershof und einer der besten Kenner unseres Nachbarplaneten, zu der Entdeckung: „Diese Rinnen stammen aus jüngerer Zeit. Denn es gibt keine anderen Strukturen darüber. Es handelt sich also um die oberste Schicht, das heißt, das Wasser floß hier vielleicht erst gestern.“ Ed Weiler, hochrangiger Wissenschaftler im NASA-Hauptquartier, betont die Bedeutung der neuen Beobachtungen: „Zwei Jahrzehnte lang haben sich die Forscher die Köpfe darüber zerbrochen, ob es Wasser war, das einst – vor Milliarden Jahren – die Fließformen schuf, die man auf den alten Bildern der Mariner-Sonden sah. Ab jetzt reden wir nicht mehr über Vergangenes, sondern über den Mars heute. Die Anwesenheit von flüssigem Wasser hat auch die Diskussion über Leben auf dem Mars von der Urzeit auf heute verschoben.“ Doch wie kann auf dem Mars flüssiges Wasser existieren? Bei dem geringen Luftdruck müßte es eigentlich spontan verdampfen und in den Raum entweichen. Michael Malin, Erfinder der Mars-Orbiter-Kamera MOC in San Diego meint: „Das Wasser verdunstet und kühlt dabei den Untergrund, auf dem es gefriert. So bildet sich hangabwärts eine Eisbarriere, an der sich immer mehr kaltes und gefrierendes Wasser staut, bis der Damm bricht. Eine Sturzflut reißt nun eine Rinne, den ‚Gully‘, in den Hang. Danach verdampft das Wasser teilweise in den Weltraum, teilweise versickert es im Untergrund, wo in 100 bis 400 Meter Tiefe noch große Wasservorräte lagern.“ Der Anfang dieses Prozesses ist noch ungeklärt. Doch Malins Mitarbeiter Ken Edgett vermutet, daß es immer wieder zu Druckerhöhungen im Untergrund kommt. Die Folge sind Ausbrüche wie bei Geysiren. Die neue Erkenntnis kann für künftige bemannte Landungen auf dem Mars von entscheidender Bedeutung sein: „Wenn es viel Wasser gäbe“, sagt Malin, „könnten die Astronauten zum Beispiel ihr Trinkwasser und ihre Atemluft selbst erzeugen.“ So hat die Phantasie der Science-fiction-Freunde neue Nahrung auf wissenschaftlich abgesichertem Boden bekommen. Der Mars hat sie schon immer fasziniert. Das begann bereits 1877, als der Italiener Giovanni Schiaparelli die „Marskanäle“ entdeckte – schnurgerade Linien auf unserem kosmischen Nachbarn. Sie erwiesen sich zwar als optische Täuschung, aber die Bezeichnung „Kanäle“ sorgte für Spekulationen: Viele hielten sie für das geniale Werk einer hochtechnisierten Zivilisation. 1976 landeten die beiden Viking-Sonden weich auf dem Mars. Ausgerüstet mit Schaufeln, sammelten sie Bodenproben und untersuchten sie im bordeigenen Labor. Die Welt hielt den Atem an, als die ersten Analysen per Funk ankamen und nicht grundsätzlich ausschlossen, daß es auf dem Roten Planeten Leben gibt. Mit der Zeit aber wurde klar: Eindeutige Spuren von Leben existierten nicht. Der nächste Paukenschlag war der Meteorit ALH48001. Er wurde vor vier Milliarden Jahren bei einem Kometeneinschlag auf dem Mars ins Sonnensystem geschleudert. Vor rund 13 000 Jahren schlug der Felsbrocken in der Antarktis ein, wo man ihn 1984 fand. Die Forscher hatten 1996 in dem Meteoriten bakterienähnliche Strukturen und Karbonat-Ablagerungen entdeckt: Spuren von Lebewesen, wenn auch nur von primitiven? Auch diesmal kam schnell die Ernüchterung. Die Befunde konnten anders erklärt werden: Sie waren chemische und mineralische Verunreinigungen. Doch ALH48001 ist nicht der einzige steinige Bote vom Mars, es gibt noch ein paar mehr. Einer von ihnen ist „Nakhla“: Er wurde nach dem Meteoriten-Schauer 1911 nahe der Stadt El-Nakhla im Norden Ägyptens gefunden. NASA-Forscher fanden jetzt in seinem Innern einen auffallend hohen Gehalt an Chlor und Natrium. „Die chemische Zusammensetzung ist der von irdischen Salzen verblüffend ähnlich“, stellt Carleton Moore fest, Professor für Chemie und Geologie an der Arizona State University. „Der ungewöhnlich hohe Salzgehalt in dem 1,2 Milliarden Jahre alten Meteoriten deutet darauf hin, daß der Stein aus einem früheren Ozean auf dem Mars stammt und daß dieser Ozean einen ähnlichen Salzgehalt hatte wie die Meere auf der Erde.“ Moore folgert, daß bei der großen Ähnlichkeit der beiden Nachbarplaneten auch die Wahrscheinlichkeit für Leben auf dem Mars groß ist – nach den neuen Beobachtungen und Erkenntnissen größer denn je. Doch Neukum bleibt skeptisch: „Es ist noch umstritten, ob die primitiven Nanostrukturen im Marsmeteoriten Lebensspuren sind. Manche Kollegen behaupten, so etwas könne nur organisch entstehen, andere, es ginge auch anorganisch. Ob Leben oder nicht – eine Entscheidung ist erst möglich, wenn ein bemanntes Raumschiff auf dem Mars landet und wir dann dort Proben vor Ort untersuchen können.“ Ein weiterer heißer Kandidat für fremdes Leben ist der Jupitermond Europa. Unter seiner dicken Eiskruste schlummert ein gigantischer Wasserozean. Die Gezeitenreibung im Schwerefeld des Jupiters dient als Wärmequelle, die verhindert, daß alles Wasser gefriert. „Es kann ohne weiteres sein“, überlegt Neukum, „daß es hier Leben gibt. Auch das Leben auf der Erde ist in abgeschirmten Regionen entstanden: in der Tiefsee. Dort gibt es bei uns nicht etwa nur Einzeller und primitive Organismen, es wimmelt nur so von hoch entwickelten Tieren. So könnte es auch im Ozean auf Europa sein, der vielleicht zehnmal tiefer ist als unsere Meere.“ Die Suche nach den „Brüdern im All“ spitzt sich zu – nicht in den Weiten des Universums, sondern vor unserer kosmischen Haustür. Und vielleicht sind die „kleinen grünen Männchen“ den Tiefseemonstern viel ähnlicher als ET oder Klingonen.

Wolfram Knapp

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me|ta|mer  〈Adj.; Biol.〉 in gleichartige, hintereinanderliegende Abschnitte gegliedert

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