Mars im Mittelpunkt - wissenschaft.de
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Mars im Mittelpunkt

Am 4. Juli landete die amerikanische Sonde Pathfinder auf dem Mars. Im Freudentaumel verdrängten viele, daß die „neuen“ Erkenntnisse meist alte Hüte sind und der Rechtfertigung der Mission dienen. INFOS IM INTERNET: Liste mit Links zu Pathfinder http://www.nasa.gov/hqpao/pathfinder.html

Die Umsätze mit dem Mars-Schokoriegel stiegen in den USA um zehn Prozent, und die Spielzeugversion des Sojourner-Roboters von der Firma Mattel war wochenlang ausverkauft. Seit der ersten Mondlandung hat kein Raumfahrtereignis so für Furore gesorgt wie die gelungene Pfadfinder-Expedition.

Nicht nur die Mission im All war minutiös geplant, auch die Werbe-Kampagne folgte einem perfekten Drehbuch: Als Landetag wurde der amerikanische Unabhängigkeitstag am 4. Juli gewählt – vielen noch durch den Ufo-Film „Independence Day“ in schauriger Erinnerung.

Regisseur vor und hinter den Kulissen: Daniel Goldin, seit fünf Jahren Chef der National Aeronautics and Space Administration, kurz NASA. Goldin hat der gigantischen Geldvernichtungsmaschine NASA eine Abmagerungskur verpaßt und wirbt mit dem Slogan „besser, schneller, billiger“ nach einer Serie von Pannen für ein neues Image. „Das All zu erkunden, ist in unseren Erbinformationen programmiert“, meint Goldin.

Dabei ist ihm jedes Mittel recht, der amerikanischen Bevölkerung und dem sparsamen Kongreß dieses „Naturgesetz“ einzuhämmern. Als im Juli 1996 der NASA-Forscher David McKay auf einer Pressekonferenz vorsichtig über mögliche Lebensspuren in dem Marsmeteoriten ALH84001 berichtete, ergriff sein Chef das Wort und zeichnete die Vision von fremdem Leben auf dem Mars und einer Besiedlung des Nachbarplaneten. Der Erfolg: Wenige Wochen später passierte der 14 Milliarden Dollar umfassende Haushalt der Raumfahrtbehörde mühelos den Kongreß.

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Ursprünglich war die Pathfinder-Mission als rein technisches Vorhaben geplant: In erster Linie sollten das Airbag-Landesystem und die Fernsteuerung des Roboters getestet werden.

Als die Sonde bereits durchs All schwebte, schwante der NASA, daß dies allein dem amerikanischen Steuerzahler wohl nicht genügen würde. „Je näher der Mars kam, um so mehr rückten die wissenschaftlichen Ziele der Mission in den Vordergrund“, erinnert sich Joachim Huth vom Max-Planck-Institut für Chemie. Plötzlich war das Alpha-Protonen-Röntgenspektrometer (APX), das die Mainzer Forscher zur Analyse des Mars-Gesteins entwickelt haben, in aller Munde. Huth: „Für uns war der Rummel positiv, weil man dadurch erst von uns Notiz genommen hat.“

Das gilt auch für das Max-Planck-Institut für Aeronomie in Katlenburg. Dort hat das Team von Dr. Horst Uwe Keller das „Auge“ der Kamera entwikkelt, die die spektakulären Bilder vom Mars lieferte. „Durch den Erfolg wird unser Arbeitsbereich gestärkt“, bestätigt Keller. Das ist dringend nötig, denn bis 2007 sollen die meisten Teile des Katlenburger Instituts geschlossen werden.

Keller findet, daß die Ausschreibung für die wissen- schaftlichen Experimente sehr spät kam. Die einzelnen Komponenten der Sonde seien nicht wie üblich vorher geplant, sondern einfach gebaut und paral-lel dazu getestet worden. „Da wurde viel mit der heißen Nadel gestrickt“, sagt Kel-ler. Doch er ist zufrieden: „Wir waren bei der NASA sehr gut integriert.“ Auch die US-Kollegen sind mit den Deutschen zufrieden: Bei der nächsten Mars-Mission, die Ende 1998 starten soll, sind die MPI-Experten wieder mit von der Partie: mit einer Kamera für den Grabe-Arm der Surveyor-Sonde.

Das grassierende Planetenfieber hat für die Forscher auch Nachteile: „Wir waren gezwungen, Ergebnisse auf den Tisch zu legen, obwohl die Daten des APX-Spektrometers noch gar nicht ausgewertet waren“, klagt Joachim Huth. Bis dahin würden noch Monate vergehen. „Doch dann interessiert sich niemand mehr dafür.“ Schade, denn was bisher vom Mars zur Erde gefunkt wurde, ist bei näherem Hinsehen dürftig.

Sicher: Die Bilder von der Mars-Oberfläche sind schärfer als die Viking-Bilder vor 21 Jahren. Aber die in den Medien verbreitete Nachricht, daß die Mars-Oberfläche rot sei und dies von rostenden Mineralien herrühre, ist nicht gerade neu. Und die Vermutung, die abgeschliffenen Steine auf der Marsoberfläche seien die Hinterlassenschaft von gewaltigen Flüssen, erstaunt nicht angesichts der Tatsache, daß schon die Mariner-Sonden anfang der siebziger Jahre ausgetrocknete Flußläufe auf dem Mars entdeckten.

Die Antwort auf die Frage, ob es einmal Leben auf dem Mars gab, bleibt Pathfinder schuldig. Die Sonde und ihr Roboter waren schon vor dem Rummel um den vermeintlichen Mars-Meteoriten fertig und haben deshalb keine Analysegeräte an Bord, die Lebensspuren entdecken könnten. Soviel läßt sich aber sagen: Wenn es Wasser auf dem Mars gab, dann ist es relativ wahrscheinlich, daß sich dort auch primitives Leben entwickelte.

Die viel wichtigere Frage wäre: Warum hat unser Nachbar im Sonnensystem sein Wasser und seine Atmosphäre verloren, und was ist mit den Mikroorganismen passiert, die es dort vielleicht einmal gab? „Man kann vom Mars viel über Vorgänge lernen, die auch auf der Erde eintreten könnten“, nennt Joachim Huth ein Forschungsziel künftiger Missionen.

Ob der amerikanische Steuerzahler dafür sein Portemonnaie öffnet? Wohl kaum. Viel wahrscheinlicher ist folgendes Szenario: Am 20. Juli 2019, dem 50. Jahrestag der ersten Mondlandung, soll der erste Mensch den Mars betreten. So hat es Ex-Präsident George Bush einst angekündigt, und so wird es der von ihm berufene Daniel Goldin ausführen. Wer wollte daran zweifeln?

Infos im Internet Liste mit Links zu Pathfinder http://www.nasa.gov/hqpao/pathfinder.html

Bernd Müller

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