MCS – Multiple chemische Sensitivität: Was steckt hinter Umweltängsten? - wissenschaft.de
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MCS – Multiple chemische Sensitivität: Was steckt hinter Umweltängsten?

Die Patientin litt unter Atemnot, wenn sie mit bestimmten Mitteln putzte. Sie bekam taube Füße, wenn sie auf Kunststoffstühlen saß. Beim Staubsaugen hatte sie Schmerzen in den Händen, ausgelöst durch Elektrosmog, vermutete sie. Ihr Arzt diagnostizierte Multiple chemische Sensitivität (MCS). Ein Experte dafür ist Prof. Christian Wolf an der Universitätklinik Wien. Der stellte bei der Frau überempfindliche Bronchien fest und einen Bandscheibenvorfall, der die Beschwerden beim Sitzen hervorrief. Ein lädierter Nerv in der Hand verursachte Schmerzen, wenn die Frau den Staubsauger führte. Ist MCS also gar keine Krankheit, sondern vielmehr eine hysterische Reaktion auf Umweltängste? Bislang gibt es kein klares Bild und weder gut belegte Erklärungen für MCS-Leiden noch allgemein anerkannte Methoden, um sie zu behandeln. Das Umweltbundesamt (UBA) in Berlin fördert seit Anfang des Jahres ein Projekt, in dem mehrere Kliniken bei der Suche nach den Ursachen für MCS zusammenarbeiten, um herauszufinden, welche Chemikalien Auslöser sein könnten. Der Disput darüber, ob MCS als eigene Krankheit existiert oder eine psychosomatische Störung ist, hat heftige Fehden zwischen den Medizinern entfacht.

Die Diagnose MCS stellen Ärzte oft, wenn Kopfschmerzen, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Schleimhautreizungen, Muskel- und Gelenkschmerzen auftreten und die Betroffenen einen Zusammenhang zu Chemikalien oder elektromagnetischen Feldern sehen. Bestimmte Lösungsmittel, Parfums oder Pestizide können Atemnot und Übelkeit auslösen. „Oft aber finden wir bei Verdacht auf MCS andere Ursachen für die Beschwerden“, sagt Christian Wolf. Multiple Sklerose und Allergien gehören zu den häufig übersehenen Leiden, aber auch seelische Störungen wie Angst und Depression, die ihrerseits – ein subtiles Wechselspiel – durch Chemikalien ausgelöst werden können. Es gibt aber auch andere Erklärungen für die sensiblen Reaktionen. Dr. Kurt Müller, Umweltmediziner in Isny glaubt, daß familiäre Veranlagung für die Entstehung von MCS eine Rolle spielt. Seiner Erfahrung nach hat die Leber bei einem Großteil dieser Patienten – genetisch bedingt – nur eine geringe Entgiftungskapazität für bestimmte Substanzen. Deshalb können bei ihnen Chemikalien schon in kleinen Mengen Krankheitssymptome auslösen, die anderen nichts anhaben. Eine weitere Hypothese: Neben der leistungsschwachen Leber mindern schädliche Stoffe bei besonders Empfindlichen die Sauerstoff- und Energieversorgung der Gewebe. Das kann zu Taubheit oder gar Lähmung führen.

Schließlich hat Müller gefunden, daß MCS-Patienten in einem bestimmten zentralen Hirnareal – dem Putamen – weniger Bindungsstellen für den Nervenbotenstoff Dopamin haben. Damit lassen sich seiner Ansicht nach Störungen der Bewegungskoordination erklären, die oft mit der Diagnose MCS einhergehen.

medinfo Medien

Bücher

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Werner Maschewsky Handbuch Chemikalien-Unverträglichkeit (MCS) Medi-Verlag, Hamburg 1996 DM 34,-

Franz-Xaver Reichl Taschenatlas der Toxikologie Substanzen, Wirkungen, Umwelt Thieme, Stuttgart 1997 DM 49,90

Josef Velvart Toxikologie der Haushaltsprodukte Schädliche Wirkungen, erste Maßnahmen und Therapien Huber, Bern 1993, DM 79,-

medinfo Kontakt

Dr. Kurt Müller Dermatologe, Umweltmediziner Wassertorstraße 6 88316 Isny Telefon: 07562/55061

Selbsthilfegruppe für Patienten mit MCS-Syndrom e.V. Königsbergstr.5b 95448 Bayreuth Telefon: 0921/23582 (Di. u. Do. 19.00 – 20.00 Uhr)

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Nicola Siegmund-Schultze

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Rou|la|de  〈[ru–] f. 19〉 1 Fleischrolle, dünne Fleischscheibe, die mit Speck u. Zwiebeln gefüllt, zusammengerollt u. geschmort wird 2 〈Mus.〉 perlender Lauf, bes. in der Gesangskunst ... mehr

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