"„Mensch, da bleibe ich – so schön ist das!""" - wissenschaft.de
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"„Mensch, da bleibe ich – so schön ist das!"""

Es war am Abend des dritten Tages, als Gudrun Kastl beobachtete, daß sich die Augenlider ihres Mannes öffneten. Kurz, sehr kurz nur war diese schwache Regung, doch sie erwies sich als erstes Anzeichen für seine Rückkehr ins Leben. In der Nacht begann Reinhard Kastl, selbständig zu atmen. Im Lauf des nächsten Tages verfolgte Gudrun Kastl mit, wie sich sein Körper nach und nach aus der eisernen Umklammerung der Spastik befreite: Die Muskeln entspannten, die Streckkrämpfe lösten sich, das Hirn erlangte die Herrschaft über den Körper zurück und sperrte sich nicht mehr gegen die Wahrnehmung der Welt. „Kurz zuvor dachte noch jeder, aus mir würde nie mehr etwas werden“, schildert Reinhard Kastl die Ereignisse vor elf Jahren. Einer „ Aneinanderreihung glücklicher Umstände“ habe er es zu verdanken, daß er aus dem Koma erwachte, seine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit zurückerlangte und heute wieder als Arzt arbeiten kann. „Es geht mir nicht gut“, hatte er am 17. Januar 1989 nach dem Mittagessen zu seiner Frau gesagt und sich im Wohnzimmer auf die Couch gelegt. Als sie kurz darauf nach ihm schaute, war er schon nicht mehr ansprechbar: Schnappatmung mit folgendem Herzstillstand. Gudrun Kastl, gelernte Krankenschwester, erkannte die lebensbedrohliche Situation und alarmierte die nahegelegene Klinik. „Nur mit massivem materiellen und körperlichen Einsatz“, sagt Kastl, sei es den Kollegen gelungen, sein Herz erneut zum Schlagen zu bringen. Sein Herz arbeitete wieder – sein Gehirn aber hatte durch den Sauerstoffmangel erheblichen Schaden erlitten und seine Funktionen auf ein Minimum reduziert. „Neurologisch“, meint Kastl, „war ich in denkbar schlechtem Zustand.“ An all diese dramatischen Geschehnisse kann sich Reinhard Kastl nicht mehr erinnern. Er hat sich alles von seiner Frau erzählen lassen. „ Diese Zeit existiert für mich nicht“, sagt er. Auch die Erlebnisse vier Monate vor dem Ereignis – seine Tochter wurde in dieser Zeit geboren – sind unwiederbringlich gelöscht. Manchmal ist es ihm aber so, als könne er sich doch erinnern: an ein „ absolut dunkles, grenzenloses Etwas ohne Bewegung mit einem einzigen kleinen, hellen Zielpunkt ganz weit hinten“, eine Art „ unendliches schwarzes Loch mit Lichtblick“. Ob das echtes Erinnern an seine Empfindungen während der tiefen Bewußtlosigkeit oder ein sekundär beeinflußtes Bild ist, weiß er nicht zu sagen. Vielleicht sei der helle Punkt darauf zurückzuführen, „daß mein Gehirn registrierte, wie der Notarzt den Pupillen-Reflex prüfte und mir dazu mit der Lampe ins Auge leuchtete“. Im nachhinein empfindet er die „Zeit, als ich weg war, als äußerst angenehm“; eine Zeit ohne Schmerzen, Ängste, Sorgen oder Bedürfnisse. „ Mensch, da bleibe ich – so schön ist das!“ Mit diesen Worten versucht Reinhard Kastl seine Gefühle zu beschreiben. Er ist fest davon überzeugt, daß während des Komas nicht „einfach alles abschaltet“ und belegt dies mit einem Geschehnis, das ihm ein wenig unheimlich ist: Nach seinem Wiedererwachen und kurz vor der Entlassung aus der Klinik habe er noch einmal die Station besuchen wollen, auf der er während des Komas gelegen hatte. Als er an einem Besprechungszimmer vorbeikam, hörte er von dort eine Stimme und sagte beiläufig zu seiner Frau: „Diese Stimme kenne ich, sie ist mir sehr vertraut.“ Tatsächlich war es die Stimme des Oberarztes, der Reinhard Kastl während seiner Koma-Zeit intensiv betreut hatte – zuvor hatte er ihn niemals gesehen oder gehört. „Offenbar hat mein Ohr während des Komas die Stimme des Arztes wahrgenommen, und mein Gedächtnis hat die Stimme abgespeichert. Nur so kann ich mir erklären, daß ich ihn an der Stimme erkannt habe.“ Die Aufforderung, die Augen zu öffnen, habe er im Koma hingegen nicht wahrgenommen: „Wollte ich das nicht registrieren? Oder habe ich es registriert und konnte nicht reagieren? Ich weiß es nicht.“ Das erste, woran er sich wirklich erinnert – ohne es einem konkreten Zeitpunkt in dem Gemenge fließender Übergänge zuordnen zu können –, war ein „tolles Gefühl“ , das er empfand, als „mich zwei Schwestern in eine große, schaumgefüllte Badewanne hievten“. Eine andere, weniger angenehme Erinnerung, ist die an ein Krankenzimmer mit einem Fernseher, in dem gerade eine Ski-Abfahrt gezeigt wurde: „Ich wußte genau, da passiert etwas, das sollte ich kennen – aber ich kannte es nicht!“ Dieses Erlebnis hat Reinhard Kastl außerordentlich beunruhigt: „ Ich ahnte zum ersten Mal, daß ich nicht mehr der war, der ich zuvor gewesen bin.“ Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus war seine Koordination so schlecht, daß er beim Essen Stirn und Mund nicht auseinanderhalten konnte. Er konnte auch keinen Satz „mit drei richtig aufeinanderfolgenden Worten“ sprechen, glaubte aber, verständlich zu reden: „Das einzige, was ich merkte, war, daß mich die Leute so komisch anguckten.“ Und dann ereignete sich die „Geschichte mit dem rosa Elefanten“, die ihn mit erbarmungsloser Wucht seine Defizite erkennen ließ: „Meine Frau und ich wohnten in der Reha-Klinik in einem Zimmer mit einer Tür, auf die zur Orientierungshilfe ein großer rosa Elefant geklebt war. Auf dem Rückweg von meiner Therapeutin, die ihr Zimmer direkt neben dem unsrigen hatte, fand ich die Tür mit dem rosa Elefanten nicht mehr.“ Eine „Ewigkeit lang“ sei er immer wieder den Klinikgang vor und zurück gelaufen, ohne die Zimmertür zu erkennen. In der Not habe er versucht, Strategien zu entwickeln: „Schau immer nur auf die eine Seite des Ganges“, habe er sich gesagt, „schau dir eine Tür nach der anderen an, und frage dich, ‚ist dort der rosa Elefant?‘“ Er weiß bis heute nicht wie, aber irgendwann habe er dann den rosa Elefanten doch wahrgenommen – er war an ihm immer und immer wieder vorbeigekommen. „Fix und fertig von der Anstrengung“ sei er in das Zimmer gestolpert – und habe seine ohnmächtige Wut an seiner Frau ausgelassen. „Ich habe doch schon einmal gewußt, wie ein rosa Elefant aussieht“, dachte Reinhard Kastl damals, „und ich habe doch auch gewußt, wie man in eine Tür hineingeht – und jetzt kann ich das nicht mehr.“ Das eigenartige Gefühl, genau zu wissen, „das, was ich jetzt mache, ist nicht richtig. Aber ich weiß nicht, wie es richtig geht“, hat Reinhard Kastl in der folgenden Zeit immer wieder schmerzhaft verspürt. Beim Rechnen etwa: „Ich konnte 2 und 2 nicht mehr zusammenzählen, wußte aber genau, daß ich das einmal im Griff hatte.“ Unheimliche Angst sei aus dem „Unbewußten oder sonstwoher“ emporgekrochen. Sich selber einzugestehen, „ich kann es nicht“, sei ihm unglaublich schwergefallen. Die Situation änderte sich erst, als die Einsicht in ihm reifte, daß er seine Schwächen eingestehen muß, damit er sie mit der professionellen Unterstützung anderer Menschen ausbessern kann. Er half sich mit dem Bild weiter, daß der „Mikroprozessor in seinem Kopf“, den er zuvor benutzt hatte, aufgrund eines Stromausfalls einen irreparablen Defekt erlitten hätte. Nun ging es darum, mit aller Anstrengung die neuronalen Wege zu einem anderen Mikroprozessor zu bahnen und ihn zu aktivieren. Die entscheidende Erkenntnis der Hilfsbedürftigkeit, sehr viel Wille, die mittragende Familie, eine intensive Rehabilitation sowie die schnelle Erstversorgung sind Reinhard Kastls Meinung nach die Stationen seines harten Weges zurück aus der Dämmerwelt. Ein Jahr nach Herzstillstand und Koma konnte Kastl seine Arbeit in der Klinik in Kösching bei Ingolstadt stundenweise wieder aufnehmen. Nach weiteren eineinhalb Jahren war Reinhard Kastl in der Lage, seinen Beruf wieder voll auszuüben. Heute arbeitet er als niedergelassener Arzt in einer Gemeinschaftspraxis. „Ist doch nicht schlecht für einen, der einige Zeit nicht mehr wußte, wie er seine Schnürsenkel binden soll?“, fragt Reinhard Kastl selbstironisch. Von alleine, betont er nachdrücklich, passiere allerdings gar nichts: „Man muß der Natur schon ganz gewaltig auf die Sprünge helfen.“

Claudia Eberhard-Metzger / Reinhard Kastl

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