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Menschenfleisch à la carte

Neue Funde deuten darauf hin, daß Kannibalismus in einer nordamerikanischen Hochkultur noch vor 300 Jahren praktiziert wurde.

Grimmig dreinblickende Eingeborene haben sich um den großen Topf auf dem Feuer geschart und warten auf ihr Abendessen. Einer rührt die brodelnde Brühe um, in der viele Knochen mit saftigem Menschenfleisch schwimmen.

Diese kannibalische Szene wirkt wie ein Klischee aus einem schlechten Film. Dennoch soll sie vor einigen hundert Jahren wirklich geschehen sein – im Zentrum der Hochkulturen des nordamerikanischen Südwestens.

Der Anthropologe Christy G. Turner II von der Arizona State University in Tucson war bei der Untersuchung menschlicher Skelette von einer Fundstelle namens Polacca Wash in Arizona schon 1967 auf Anzeichen von Kannibalismus gestoßen. 30 Jahre später, nach der Analyse weiterer 15000 Knochen, glaubt er heute, daß der Verzehr von menschlichem Fleisch unter den bislang als besonders friedlich geltenden Anasazi keine Ausnahme gewesen ist. Kultureller Mittelpunkt dieses überwiegend seßhaften Indianervolks war der Chaco Canyon im heutigen US-Bundesstaat New Mexico (bild der wissenschaft 2/1997, „Kokopelli, der Flötenspieler“).

Untersucht man die Skelette genau, so finden sich Kerben und Schabspuren, die charakteristisch für eine Behandlung mit steinernen Werkzeugen sind. Andere Knochen tragen Merkmale, wie sie durch das Erhitzen und Umrühren in einem Tongefäß zustande kommen. Wieder andere wurden aufgeschlagen – wahrscheinlich um an das Mark zu gelangen.

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Grausiger Fund: Im Chaco Canyon von New Mexico, USA, entdeckten Anthropologen zahlreiche Knochen, die auf kannibalische Praktiken hinweisen.

Besonders bei Peñasco Blanco, einem Pueblo im Chaco Canyon, fand Turner zahlreiche Indizien für die grausig anmutenden Praktiken. Aber auch an 40 anderen Orten stieß er auf die Überreste von insgesamt rund 300 Menschen, deren Knochen bearbeitet und anschließend beseitigt worden waren. Ihr Alter liegt zwischen 1000 und 300 Jahren.

Tim D. White von der University of California in Berkeley hat bereits 1992 mit der Entdeckung ähnlicher Spuren in Mancos, einem weiter nördlich in Colorado gelegenen Pueblo, für Aufsehen gesorgt. Viele Archäologen reagierten allerdings mißtrauisch. Denn die Hypothese, daß Menschen ihresgleichen verspeisen, gilt seit Jahren als kaum beweisbar. Oft hatten die Forscher Bißspuren von Tieren mit Werkzeugscharten verwechselt. Doch derartiges konnte White bei seinen Funden durch vergleichende mikroskopische Analysen ausschließen.

„Es wurden allerdings nicht alle anderen Erklärungsmöglichkeiten widerlegt“, kritisiert der britische Archäologe Paul Bahn. „Bestattungsrituale können oft bizarre Formen annehmen und kannibalische Praktiken vortäuschen.“ Als Beispiel nennt er Kulte der australischen Ureinwohner.

White weist diese Analogie zurück: „Es ist keine Bestattungsform im nordamerikanischen Südwesten bekannt, bei der man den Kopf eines Menschen abtrennt, Knochen kocht, sie auf dem Fußboden verstreut oder auf den Müll wirft“, entgegnet er. Die Häufigkeit der Funde macht es unwahrscheinlich, daß Hunger und soziale Not oder rituelle Kindstötungen die Triebkraft für die kannibalischen Praktiken gewesen sind.

Paul Bahn bleibt skeptisch: „Daß es sich wirklich um Kannibalismus handelt, wird erst bewiesen sein, wenn man Menschenfleisch in den Eingeweiden eines Menschen nachgewiesen hat.“

White und Turner sehen in dieser Argumentation bloß eine ethisch motivierte psychische Blockade. „Heute verzehren Menschen ihresgleichen nur vor dem Hungertod oder wenn sie verrückt sind, aber das muß nicht immer so gewesen sein“, sagt Turner und plädiert für eine vorurteilsfreie Erforschung des Themas. „Unsere jetzige Moralvorstellung darf uns den Blick auf diese Frage nicht versperren.“

Rüdiger Vaas

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