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Mit Kernkraft zu den Planeten

Die NASA will in neuen Raumsonden Nuklearreaktoren einsetzen. Damit bricht sie ein zwei Jahre altes Versprechen.

In nur 800 Kilometer Abstand fliegt am 18. August die Raumsonde Cassini an der Erde vorbei. Wie schon bei ihrem Start vor zwei Jahren haben wieder mehrere tausend Kernkraftgegner Proteste in Washington und auf Cape Canaveral angekündigt. Sie sehen in den drei thermoelektrischen Elementen, die 33 Kilogramm radioaktives Plutoniumdioxid 238 enthalten, eine potentielle Gefahr für die Menschheit.

Bei einem Verglühen der Nuklearbatterien könnte die hochgiftige Substanz in die Atmosphäre gelangen und zu einer Zunahme von Krebserkrankungen führen. Nach Analysen der US-Luft- und Raumfahrtagentur NASA stehen die Chancen dafür bei eins zu einer Million. Im schlimmsten Fall würde die jährliche Krebstodesrate weltweit um 120 Menschen steigen. Kernkraftgegner schätzen das Risiko ungleich höher ein und fordern deshalb eine Kurskorrektur der Sonde. Dann wäre die Cassini-Mission gescheitert: Die Bahn der Sonde ist so gewählt, daß sie zum 1,4 Milliarden Kilometer entfernten Ringplaneten Saturn gelenkt wird. Weder die NASA noch die beteiligten Wissenschaftler wollen eine Kursänderung zulassen. .

Nach den Protesten beim Cassini-Start hatte die US- Raumfahrtbehörde zugesagt, daß Cassini die letzte große Sonde sein sollte, die mit Nuklearbatterien angetrieben wird. Nach den damaligen Plänen sollten die Raumsonden in den nächsten zwei Jahrzehnten vorrangig den Planeten Mars und andere Himmelskörper im erdnahen Raum erkunden. Dort ist die Sonnenstrahlung stark genug, um die Instrumente an Bord mit Solarenergie zu betreiben.

Ihre Zielsetzung möchte die NASA jetzt revidieren. Ein Grund dafür sind Beobachtungen der Raumsonde Galileo, die mit 22 Kilogramm Plutonium an Bord seit vier Jahren den Jupiter umkreist: Die Aufnahmen, die sie gemacht hat, lassen auf dem Jupitermond Europa einen Ozean unter einer globalen Eisdecke erwarten. Die NASA will in fünf Jahren die verborgenen Ozeane mit einem Satelliten identifizieren. Ein Jahrzehnt später könnte sich ein Roboter durch die vereiste Oberfläche schmelzen und eventuell Wasser- und Bodenproben zur Erde bringen.

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Beide Missionen erfordern, so die NASA, Kernkraft. Nach Ansicht des Physikers John Paniagua von der State University of Stony Brook in New Yersey bietet sich dafür der thermonukleare Minireaktor Mitee an, der in den USA entwickelt wird. Er ist nur 50 Zentimeter groß, hat eine Masse von 200 Kilogramm und eine Leistung von einem Megawatt. Dadurch könnte sich die Sonde mit einer Geschwindigkeit von über 100 Meter pro Tag mühelos durch den kilometerdicken Eispanzer des Jupiter-Trabanten schmelzen. Außerdem könnte die Reisedauer so auf zwei Monate halbiert werden.

Es dürfte jedoch schwierig sein, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, daß der Einsatz von Kernkraft wirklich nötig ist. Immerhin ist es der europäischen Weltraumorganisation ESA gelungen, Gallium-Arsenid-Solarzellen für Missionen in die dunklen Bereiche des Sonnensystems zu optimieren. Etwa zwei Dutzend Quadratmeter Solarzellenfläche sollten theoretisch ausreichen, um die Energieversorgung des Europa-Satelliten zu decken. Auf einen Tauchgang unter der Eisdecke des Mondes müßte ohne Kernkraft allerdings verzichtet werden.

Uwe Seidenfaden

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