Mit Mikro groß herausgekommen - wissenschaft.de
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Mit Mikro groß herausgekommen

Manfred Kage ist Pionier der Mikrofotografie und langjähriger bild der wissenschaft-Fotograf. Jetzt öffnet er exklusiv für unsere Leser sein Schloss.

Am Rand der Schwäbischen Alb, inmitten von Wäldern, thront über dem Städtchen Weißenstein das Schloss der Familie Kage. Mit Türmen, Zinnen und einem Kreuzgang im Barockstil ist es von außen so idyllisch, wie es ein Schloss nur sein kann. Im Innern ist es dagegen ultramodern eingerichtet. Anstelle einer ritterlichen Ahnengalerie hängen an den Wänden farbenprächtige Bilder von einzigartig fotografierten Naturwundern. Auf Tischen stehen Hochleistungsmikroskope, Beamer projizieren Filme in HD-Qualität.

Schloss Weißenstein beherbergt das Institut für Mikrofotografie, ein Hidden Champion. Manfred Kage, der Instituts-Chef, ist ein Pionier der Mikrofotografie. Vor drei Jahren wurde er für seine Leistungen von der Deutschen Gesellschaft für Photographie mit dem hochangesehenen Preis „für das Lebenswerk“ ausgezeichnet. Schlüssel zu diesem Erfolg war und ist die bisweilen fast fanatische Begeisterung, die Manfred Kage versprüht, wenn er über seine Motivation spricht. „All das, was ich auf meinen Bildern zeige, ist für das bloße Auge nicht sichtbar. Aber wenn man die Dinge unter dem Mikroskop betrachtet, eröffnen sich fantastische Perspektiven, eine ganz eigene Welt, die im Verborgenen existiert.“

Für den Mikrokosmos begeistert er sich seit seiner Kindheit. Eines Tages betrachtete er im Garten seines Patenonkels Marienkäfer und Ameisen durch eine Lupe. „Weißt du, dass in jedem einzelnen Wassertropfen unzählige Tiere und Pflanzen leben?“, fragte ihn der Onkel beiläufig und bereitete ein Präparat des Teichwassers vor. Dann setzte er Manfred vor ein Mikroskop aus Messing. Auf den Jungen wirkte das, als ob es ein Instrument aus Gold sei, so ungewohnt war für ihn die Welt beim Blick durch das Gerät.

Wer Kages Meisterfotos sieht, staunt über die Details, über Symmetrie und über den Einfallsreichtum der Natur. Gleichzeitig haben die Bilder eine besondere Ästhetik, sind Kunstwerke. Ist Manfred Kage ein Fotograf oder ein Künstler? „Das ist mir ganz egal“, meint er. „Aber mir ist wichtig, dass meine Bilder eine ästhetische Ausstrahlung haben. Wenn ich die Farben für ein Bild bestimme, dann tue ich das so, wie ein Künstler seine Farben auswählt. Es ist meine Entscheidung.“

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Tatsächlich sind viele Kristallpräparate beim Blick durch ein Mikroskop nahezu farblos. Deshalb entwickelte Kage schon früh ein Gerät, um mit dem Lichtmikroskop farbige Aufnahmen im polarisierten Licht in einer bisher unerreichten Farbenvielfalt und Brillanz zu erzeugen – den Polychromator. Das Licht wird dabei so gebrochen, dass die Kristallpräparate in veränderlichen Farbkontrasten erscheinen. Etliche Jahre später ersann Kage ein Verfahren, um auch Aufnahmen mit dem Rasterelektronenmikroskop, die bisher nur schwarzweiß waren, Farbe zu geben.

Heute stehen in den Räumen seines Schlosses moderne Elektronenmikroskope und Projektoren, aber auch gewöhnliche und inverse Lichtmikroskope. Erworben hat Kage dieses teure Equipment über viele Aufträge für Unternehmen wie IBM und Zeiss sowie für Forschungsinstitute.

Kages Bilder sind in vielen Büchern und Zeitschriften erschienen. Im Laufe seiner Karriere hat sich technisch viel verändert. Bei den analogen Elektronenmikroskopen waren aufwendige Verfahren nötig, um die Bilder einzufärben. Heute sind die Geräte digital. Das Färben geschieht am Computer. Manches ist aber trotzdem gleich geblieben, zum Beispiel bei Darstellungen aus der Histologie. „Da kommt es zur Färbung direkt im Präparat – über chemische Reaktionen des Färbemittels mit den einzelnen Teilen des Objekts“, erklärt Kage. „Das können Sie nicht am Computer machen, denn der erkennt nicht, was ein Zellkern ist und was Plasma.“ Später werden die Farben durch den Computer zum Leuchten gebracht.

Seit vielen Jahren arbeitet Manfred mit seiner Frau zusammen. Christina Kage ist Mikrobiologin und beschäftigt sich seit ihrem Studium mit Lebewesen jenseits der menschlichen Sehfähigkeit. Mittlerweile ist aus dem Ehepaar sowie Tochter und Schwiegersohn das Familienunternehmen Kage geworden.

Schloss Weißenstein ist gleichzeitig Wohnhaus, Firmensitz und Museum. Das Lebenswerk von Manfred Kage verteilt sich auf alle 64 Räume. Zweimal waren Kages Aufnahmen die Basis für Planetenoberflächen in Science-Fiction-Filmen. Mehr noch: Vor 40 Jahren drehte der Großmeister des Surrealismus, Salvador Dalí, einen Film zusammen mit Kage. Der nahm dazu die Oberfläche eines Kugelschreibers unter dem Mikroskop auf. Zusammen mit Zeichnungen von Dalí wurde daraus die Darstellung einer Reise in die Mongolei. „Das war Fantastik pur“, schwärmt der Mikrofotograf noch heute.

Manfred Kage, seine Trophäen, seine Kunst, sein Schloss – all dies können Sie durch bild der wissenschaft kennenlernen. Wohin Sie die Reise sonst noch führt, erfahren Sie auf den nächsten Seiten. •

von Wolfgang Hess und Henrike Wiemker

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