Moderne Menetekel - wissenschaft.de
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Moderne Menetekel

Sie prangen in Unterführungen, auf S-Bahn-Zügen oder an Hauswänden: Graffiti sind bunt und skurril – aber für viele ein Ärgernis. Und sie sind ein riesiger Wirtschaftsfaktor: Jährlich werden rund 50 Milliarden Dollar mit Sprühlacken, Reinigungsmitteln und Schrifttypen im Graffiti-Stil umgesetzt, schätzt Axel Thiel. Der Sozialpädagoge beschäftigt sich seit 22 Jahren in seiner Freizeit mit der visuellen Jugendsprache und gilt inzwischen als führender Experte. An weltweit rund 1000 Examensarbeiten, die sich im weitesten Sinne mit Graffiti beschäftigten, hat Thiel mitgewirkt. Das Kasseler Grafitti-Archiv mit seinen 70000 Dokumenten ist das größte seiner Art (users.aol.com/archive1/ ks.html). Graffiti sind alt: Schon in der Steinzeit und bei den Römern gab es flüchtig an die Wand geschmierte oder geritzte Bilder. Vor über 200 Jahren begannen Forscher, sich mit der Bedeutung der Laien-Kunstwerke zu beschäftigen. Die Inhalte der Bilder haben sich kaum verändert: Liebesbotschaften, Emotionen, politischer Protest, Aggressionen. „ Wenn ich nicht dieses Ventil hätte, wäre ich gewalttätig“, hört Thiel häufig, wenn er mit Graffiti-Sprayern spricht – zu 99 Prozent junge Männer. Daß diese symbolische Aggressivität juristisch mit echter Gewalt in einen Topf geworfen wird, ärgert Thiel: „Die Graffiti-Künstler werden wie Terroristen behandelt.“ 50000 oder gar 200000 Mark Strafe würden den Sprayern mitunter als Strafe aufgebrummt, obwohl das in keinem Verhältnis zu den Reinigungskosten stünde. Dabei gibt es in den Wandkunstwerken Interessantes zu entdecken. Die „characters“ – immer wiederkehrende comicartige Figuren wie Drache oder Schlange – verraten einiges über ihren Urheber. „In die Bilder rutscht viel aus dem Unterbewußtsein mit rein“, hat Thiel in Anlehnung an die Thesen des Freud-Schülers Carl Gustav Jung festgestellt. Die Botschaften sind nur für Insider zu verstehen – nach Ansicht Thiels der Hauptgrund, warum Graffiti von der Gesellschaft bekämpft wird. „Das ist wie bei einer fremden Sprache: Es verunsichert uns, wenn in unserer Gegenwart etwas gesprochen wird, was wir nicht verstehen.“

Axel Thiel

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