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Mörderische Intimität

Enge Beziehungen können emotional eskalieren – bis daß der Tod sie scheidet. Berlinger Forscher untersuchten die Hintergründe.

„Mord im Eifersuchtswahn“ oder „Blutrausch aus Rache“: Mit solchen Überschriften suggeriert die Sensationspresse, daß die unfaßbare Tat auf ein einziges Motiv zurückzuführen ist. Psychologen und Soziologen schauen dagegen über das vordergründige Motiv hinaus und betrachten die „Taten in der Dynamik ihrer Entstehung“, wie es der Berliner Professor Wilfried Rasch formuliert.

Unter Raschs Leitung wurde das Phänomen „Tötungsdelikte in Partnerschaften“ an der FU Berlin in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt analysiert, an dem der Berliner Soziologe Dr. Helmut Tausendteufel maßgeblich beteiligt war. Er zog für seine Untersuchungen die Akten von etwa 1000 Tötungsdelikten heran, die sich in West-Berlin zwischen 1950 und 1989 ereigneten. Davon wurden 200 Intimpartner-Tötungen ausgewählt – Tötungen, bei denen Täter und Opfer eine sexuelle oder familiäre Beziehung führten. Die Akten wurden anhand von Urteilen und psychiatrischen Gutachten eingehend analysiert.

Tausendteufels Auswertung belegt, daß das unfaßbare Geschehen, an dessen Ende ein Mensch einen anderen tötet, insbesondere ein Phänomen der unteren Gesellschaftsschichten ist: 48 Prozent aller Täter waren ungelernte und 24 Prozent gelernte Arbeiter. Dem standen lediglich 4 Prozent Akademiker und Angestellte gegenüber. „Der rational planende Täter ist eine Fiktion“, sagt Tausendteufel. Stets wird er von seinen Emotionen überrollt: Triumphgefühle beispielsweise, wenn das Opfer auch sexuell unterworfen wird. Aber auch Ekel kann die Tat auslösen: So kommt es immer wieder vor, daß Strichjungen ihre Freier wegen der Widerwärtigkeit der geforderten sexuellen Praktiken töten.

Einige Täter projizieren eigene Persönlichkeitsanteile auf das spätere Opfer – dies zeigten Tatverläufe, bei denen der trinkende, sozial versagende Mann seine Partnerin gerade deshalb mißhandelte, weil sie trank. Andere reagierten ihre Beziehungskonflikte sogar an einem beliebigen Ersatzopfer ab.

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Es können auch unausgewogene Machtverhältnisse sein, die in die Krise führen: Einerseits auf den Partner angewiesen, andererseits bestrebt nach Unabhängigkeit, schwanken die Gefühle mancher Täter zwischen Minderwertigkeit und Überlegenheit, bis es scheinbar nur noch einen Ausweg gibt: „Durch die Tötung erlangt der Täter ein letztes Mal Kontrolle über die Beziehung“, so Tausendteufel.

In der analysierten Stichprobe wurden 85 Prozent der Morde von Männern begangen. Zur Erklärung verweist der Berliner Soziologe auf folgenden Zusammenhang: Von einem Mann verlangt unsere Kultur weitgehende Unabhängigkeit. Wird dem männlichen Selbstwertgefühl die Basis entzogen, etwa durch die Trennung der Partnerin, und mangelt es an beruflichen oder privaten Kompensationsmöglichkeiten, gibt es bei der Eskalation zwei Verlierer: das weibliche Opfer, das sein Leben verliert, und den männlichen Täter, der den Menschen, mit dem er am innigsten verbunden war, getötet hat.

Klaus Brath

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