Morgenröte in Belutschistan - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Allgemein

Morgenröte in Belutschistan

Die vorgeschichtliche Indus-Hochkultur tauchte Mitte des 3. Jahrtausends vor Christus scheinbar unvermittelt in der Geschichte auf und ging nach 700 Jahren ebenso geheimnisvoll wieder unter. Jetzt klären Archäologen auf, wo die Ursprünge lagen.

Die Hochkulturen von Harappa und Mohenjo Daro stiegen nicht aus den Fluten des Indus. „Und sie kamen sicher auch nicht auf Flügeln aus Mesopotamien.“ Dr. habil. Ute Franke-Vogt räumt gleich mit den beiden gängigsten Klischees auf. Denn sie ist „ ganz fest davon überzeugt“, dass der Ausgangspunkt der rätselhaften Indus-Hochkultur im westlichen pakistanischen Hochland lag.

Mit der Motivation „Ich wollte mal sehen, wer und wie diese Vorläufer waren“, gräbt die Mitarbeiterin der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) seit 1981 mit Unterbrechungen in Pakistan. Seit 2001 widmet sich die Archäologin mit ihren pakistanischen Kollegen, finanziell unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), speziell dem Siedlungshügel Sohr Damb in der südöstlichen Provinz Belutschistan. Im „Verbrannten Hügel“ tastet sie sich durch 13 Meter Siedlungsschutt, 200000 Keramikscherben, vier Kulturen und drei Jahrtausende an die namenlosen Wegbereiter der Hochkultur im Indus-Tal heran.

Dabei stieß Ute Franke-Vogt auf zwei bislang völlig unbekannte Kulturepochen, weit reichende Ideen- und Handelsverbindungen und Schriftzeichen – „genau die gleichen“, so die Forscherin, die später in der Indus-Schrift auftauchen. Aus einem Randgebiet der Menschheitsgeschichte wird eine zentrale Region, die noch auf die wissenschaftliche Eroberung wartet. Durch exakte archäologische Arbeit will Ute Franke-Vogt vor allem eine sichere Zeitskala für die gesamte Region bereitstellen.

Die ganz frühen Induskultur-Vorbereiter starteten im 7. Jahrtausend langsam im Norden. In Nordbelutschistan fanden die Archäologen – neben den Deutschen arbeiten auch Italiener und Franzosen

Anzeige

in Pakistan – steinzeitliche Gräber. Ab dem 5. Jahrtausend tauchte sehr schöne Keramik in Belutschistans Süden auf, zu einer Zeit also, in der sich im Indus-Gebiet noch gar nichts rührte. „ Im 4. Jahrtausend“, berichtet Ute Franke-Vogt, „steigt im Norden und in Zentralbelutschistan die Zahl der Siedlungen beständig.“ Die Menschen zogen die Flusstäler hinab immer weiter nach Süden. In den weiten Flussauen entstanden Siedlungshügel, in den engen Tälern eher Flächendörfer bis zu 25 Hektar Ausdehnung. Hier wurden Muscheln verarbeitet – es gab also Beziehungen nach Süden zum Arabischen Meer. Lapislazuli und Karneol tauchten auf, mithin gab es einen Rohstoffhandel mit den nördlichen Nachbarn in Iran und Afghanistan. In diese Zeit, etwa um 3500 v.Chr., fallen die ältesten Funde aus den neuesten Grabungen in Harappa.

Das frühe 3. Jahrtausend, etwa ab 2900 v. Chr., war eine Epoche des Aufbruchs, „in der sich kulturgeschichtlich sehr viel getan hat“, so Ute Franke-Vogt. „Die Menschen hatten eine gewisse Sicherheit mit ihrer Umgebung und mit ihren Materialien gewonnen. Sie lebten in blühenden Zentren und standen nicht mehr so unter dem Druck der Nahrungsbeschaffung: Sie konnten testen, was sonst noch möglich ist.“

Die Neugierigen zogen ins Indus-Tal. In dem weiten Land mit dem milden Klima war durch die Flüsse die Wasserversorgung ganzjährig gesichert. Deshalb nahmen Landwirtschaft, Handwerk und Handel – zum Beispiel mit der hier erstmals angebauten und verarbeiteten Baumwolle – einen stürmischen Aufschwung. Es entstanden schon nach kurzer Zeit städtische Zentren. Harappa im Norden und Mohenjo Daro im südlichen Indus-Gebiet sind die ausgeprägtesten Beispiele. Die beiden Zentren, 600 Kilometer voneinander entfernt, existierten etwa von 2600 bis 1900 v.Chr. und beherbergten – hochgerechnet – jeweils um die 250000 Einwohner. Die planmäßig angelegten Wohnviertel lagen im Osten, die repräsentativen Bauten („Zitadellen“) im Westen. Alle Häuser, auch die der ärmeren Schichten, besaßen Toiletten und Bäder mit den entsprechenden Entsorgungseinrichtungen.

Auf der Zitadelle von Mohenjo Daro lag der erste bekannte „ Swimmingpool“, das öffentliche „Große Bad“ (12 mal 7 Meter groß und 2,40 Meter tief). Wasser – Lebensspender und Zerstörer – spielte in den Indus-Kulturen eine immense, vermutlich auch kultische Rolle. Auch der „Staatsschatz“ war im Nobelviertel untergebracht – ein riesiger Getreidespeicher kündete von der Grundlage der städtischen Gemeinschaft. Mohenjo Daro und Harappa sind sich in Aufbau und Funktion so ähnlich, dass ein gemeinsamer Baumeister für beide Städte vermutet wird.

Pompöse Tempelbauten und königliche Paläste kannten die Indus-Völker nicht. Auch existierte wahrscheinlich kein zentral gesteuertes Reich, eine Metropole jedenfalls haben die Archäologen bislang nicht gefunden. Eine differenzierte Gesellschaft aber muss es gegeben haben. Allein schon die Handelsbeziehungen bis nach Mesopotamien, Afghanistan und Zentralasien legen eine arbeitsteilige und sozial gestufte Bevölkerung nahe.

Die Nachrichten über die frühen Indus-Anwohner stammen, neben den archäologischen Funden, allein aus Berichten der altorientalischen Kulturen in Mesopotamien, etwa von den Sumerern. Denn Harappa und Mohenjo Daro hatten zwar ein Schriftsystem, aber es blieb keine Literatur erhalten. Die wenigen überkommenen und meist sehr kurzen Schriftzeugnisse haben vermutlich wirtschaftliche und statistische Inhalte. Genau weiß man es nicht, denn die rund 250 bekannten Zeichen der Indus-Schrift sperren sich bis heute beharrlich gegen jede Deutung. Um 1900 v.Chr. – nach rund 700 Jahren Blüte – versandete die Hochkultur am Indus. Was unter den meterdicken Schlickschichten noch verborgen ist, muss abenteuerlich sein.

Die Wurzeln dieser geheimnisvollen Kultur, ist jetzt Ute Franke-Vogt überzeugt, lagen im pakistanischen Hochland. Die Bedeutung Belutschistans für die Menschheitsentwicklung erkannten die Wissenschaftler erst ab 1970. Kein Wunder, gab und gibt es doch in der Bergregion keine flächendeckende archäologische Forschung. Und die punktuellen Grabungsergebnisse werden bis heute unterschiedlich datiert. Ein umfassendes Bild konnte so nicht entstehen. Franke-Vogts „Verbrannter Hügel“ könnte nun Klarheit schaffen. Die Archäologin untersucht auf ihrem Wohnhügel Sohr Damb an einem Ort zwei Jahrtausende kontinuierliche Besiedlung.

Die Überraschungen begannen gleich 2001 bei der ersten Grabungskampagne und setzten sich 2002, bei der bislang letzten, fort. Die Prähistorikerin kann jetzt eindeutig vier unterschiedliche Kulturen nachweisen:

• Die in Sohr Damb bislang völlig unbekannte Periode I (P I) von etwa 3500 bis 3000 v.Chr. ist gekennzeichnet durch eine beige Keramik mit einem dunkelroten Überzug und schwarzer Bemalung aus geometrischen Ornamenten. Diese so genannte Togau-Keramik ist in Belutschistan bis hinab ins Indus-Tal zu finden und stellt eine Art tönernes Leitfossil für die Großregion dar.

• Die „Nal-Keramik“ der darüberliegenden Periode II (2900 bis 2700 v.Chr.) ist komplett anders als alle sonst aus Belutschistan, Iran oder im Indusgebiet bekannte Töpferware. Sie ist polychrom und flächendeckend mit Pflanzen- und Tiermotiven bemalt. Sie repräsentiert eine große Regional-Kultur, Sohr Damb könnte ihr Zentrum gewesen sein.

• Die Kultur von P-III ist noch namenlos, denn sie wurde erst im letzten Jahr entdeckt. Ute Franke-Vogt ordnet sie – mit Fragezeichen – von 2700 bis 2400 v.Chr. in die Zeitskala Belutschistans ein. Die Keramik kombiniert viele stilistische Elemente, die aus anderen archäologischen Stätten bekannt sind und sich mit Funden in Afghanistan und im iranischen Bereich bis nach Arabien verbinden lassen – also eine überregionale Kultur. Ihre meist schwarze Keramik ist mit filigranen Blattmotiven geziert.

• Die Periode IV, der so genannte Kulli-Horizont (2300 bis 2000 v.Chr.), hat als Einzige enge Beziehungen zur Indus-Kultur. Die in Sohr Damb gefundene Keramik dieser Epoche ist allerdings erheblich gröber und fantasieloser als die Kulli-Töpfe andernorts. Die Wissenschaftler streiten noch darüber, ob Kulli eine koloniale Ausstrahlung aus dem Indus-Tal zurück ins Hochland oder eine eigenständige parallele Entwicklung gewesen ist.

Ute Franke-Vogt wird – bei weiterer Absicherung ihrer Befunde in Sohr Damb – die Zeitskala der belutschistanischen Kulturgeschichte um mehrere hundert Jahre nach hinten verschieben. Und damit rutschen auch die Industal-Kulturen weiter in die Vergangenheit. Um das hieb- und stichfest zu machen, muss sie großflächig weitergraben, was die politischen Gegebenheiten der vergangenen Monate verhinderten. In diesem Jahr will die Archäologin erkunden, wie sie ihre Arbeiten wieder aufnehmen kann.

Zwei zeitliche Lücken in den Siedlungsschichten sind ungeklärt, die einzelnen Perioden von I bis IV müssen zugeordnet und abgegrenzt, die räumliche und zeitliche Ausdehnung der Siedlung muss verifiziert werden. Auch ein bisschen mehr Architektur wünscht sich Ute Franke-Vogt von weiteren Grabungen – und Gräber. Denn erst die führen zu den Menschen, von denen man noch herzlich wenig weiß.

Bislang können die Forscher die frühen Bewohner Belutschistans nur über deren Umwelt charakterisieren. Im Gegensatz zu den wüstenhaften Gebieten des westlich angrenzenden Irans und den lebensfeindlichen Bergmassiven im Norden bot die flüssereiche Hochebene gute Startbedingungen für den Marathonlauf zur Hochkultur: Viele wild wachsende Getreidesorten und eine reiche Tierwelt machten es den Jäger und Sammlern leicht. Regen im Halbjahrestakt förderte landwirtschaftliche Ambitionen und den Drang zur Sesshaftigkeit. Mit einfachen Methoden wurde das Flusswasser abgeleitet, um das Land urbar zu machen. Schon Mitte des 3. Jahrtausends gab es im Süden Belutschistans gewaltige Stauwerke aus Steinwällen mit 50 Meter Länge und 20 Meter Höhe.

Künstlerische Neigungen manifestierten sich in Keramik, Schmuck wurde hergestellt, und Schriftzeichen gab es auch. Dennoch will Ute Franke-Vogt nicht von einer Hochkultur sprechen, denn es gibt keine Städte. Auch eine soziale oder funktionale Gliederung der Gesellschaft kann sie aus ihren bisherigen archäologischen Befunden nicht herauslesen, geschweige denn eine zentrale Verwaltung. „Nein“, wehrt die Archäologin ab, „hier wurden nur die Grundlagen geschaffen für die Urbanisierung im Indus-Tal.“

Fest steht: Um 2600/2500 v.Chr. erfolgte ein Quantensprung in der Entwicklung. Die Herstellung von Keramik, Perlen und Metall nahm rapide zu, die Qualität verbesserte sich erheblich, die Verbreitung erfasste weite Gebiete. „Da ist plötzlich etwas anderes“, konstatiert Franke-Vogt und bietet zwei Erklärungen an, über deren Folgerichtigkeit sich trefflich streiten lässt:

• Die prosperierende Wirtschaft ermöglichte Kultur, soziale Komplexität und territoriale Expansion.

• Erst auf Grund von Zivilisation, Kultur und Urbanisierung kam es zu einem Wirtschaftsboom.

Welchen der beiden Denkansätze sie selbst bevorzugt, verrät die Archäologin nicht.

KOMPAKT

• Die dritte Hochkultur der Frühzeit

– neben Ägypten und Mesopotamien – blühte von 2600 bis 1900 v.Chr. im Indus-Tal.

• Die herausragenden Städte dieser Kultur, Harappa und Mohenjo Daro, sind perfekt und ohne Vorbild – so schien es bisher.

• Jetzt gräbt eine deutsche Archäologin im westlichen Hochland die Vorläuferkultur aus.

Michael Zick

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Ex|per|ten|sys|tem  〈n. 11; IT〉 Programm, welches logisch nicht streng erfassbare Probleme anhand von gespeicherten Regeln u. Gewichtungsfaktoren bearbeitet

In|du|ra|ti|on  〈f. 20; Med.〉 Verhärtung von Gewebe infolge bindegewebiger Durchwachsung u. Bindegewebsvermehrung [<lat. induratio; ... mehr

he|te|ro|gen  〈Adj.〉 Sy inhomogen; Ggs homogen ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige