"Ökoterrorist" Paul Watson im Interview "Nackte Affen mit Allmachtsfantasien" - wissenschaft.de
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"Ökoterrorist" Paul Watson im Interview

„Nackte Affen mit Allmachtsfantasien“

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Umweltaktivist Paul Watson, Gründer der Sea Shepherd Conservation Society, wurde von Greenpeace ausgeschlossen, weil man seine Methoden zu radikal fand. Seitdem zieht er unter der Piratenflagge über die Weltmeere. Ein Gespräch über Gewalt, Greenpeace und Verantwortung.

Sie haben angeblich zehn Schiffe versenkt. Warum wurden Sie für solche Taten nie inhaftiert?

Als wir 1985 die halbe isländische Walfangflotte versenkt haben, sagte ich: Hier bin ich, verhaftet mich! Aber ihre Schiffe waren illegal unterwegs. Sie wussten, wenn sie mich anklagen, beschuldigen sie sich selbst.

Sie versenken Schiffe, um Wale zu retten. Haben Sie schon einmal einen Menschen verletzt?

Nein, seit 1977 ist nie jemand zu Schaden gekommen.

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Glauben Sie, gewaltfreies Protestieren ist sinnlos?

Ich glaube nicht an Protest. Für mich ist das unterwürfig: „Bitte, bitte bringt die Wale nicht um!“ Und sie machen es doch. Sea Shepherd ist eine intervenierende Organisation, die sich gegen illegale Operationen wendet. Wir schreiten gegen Wilderer ein, Kriminelle. Wir sind seit zwölf Jahren Partner der Galapagos Rangers und der ecuadorianischen Bundespolizei. Wir haben über 65 Schiffe hochgenommen und stellen Boote für Patrouillen. Wir sind eher eine Art Polizei.

Wieso wurden Sie aus Greenpeace ausgeschlossen? Man sagt, wegen Ihrer radikalen Methoden…

Ich habe 1977 einem Robbenfänger die Keule aus der Hand gerissen und ins Wasser geworfen. „Wir können keinen Diebstahl dulden“, sagte der damalige Präsident von Greenpeace Kanada, Patrick Moore. Moore ist heute ein PR-Typ, der Atomindustrie, Abholzung, Lachsfarmen und Biochemie unterstützt. Ich rette immer noch Wale und Robben.

Aber Greenpeace bewirkt doch relativ viel für die Umwelt – ohne zu zerstören…

Greenpeace Australien zum Beispiel macht all diese genetisch veränderten Pflanzen kaputt. Sie brechen ein und machen sie platt. Ich verstehe den Unterschied nicht. Greenpeace verurteilt uns. Aber sie zerstören selbst das Eigentum anderer.

watson.jpgWie ist Ihr Verhältnis denn nun nach all den Jahren?

Das ist eine Riesen-Bürokratie, eine Organisation, die mit dem guten Gewissen anderer Geschäfte macht. Die Leute hängen Banner auf. Sie nennen das „Zeugnis ablegen“. Aber du siehst doch nicht auf der Straße zu, wie eine Frau vergewaltigt wird, und machst nichts. Das ist für mich heuchlerisch, und ich unterstütze das nicht.

Aber zurückschlagen ist doch auch keine Lösung!

Sea Shepherd steht für aggressive Nicht-Gewalt: Wir verletzen niemanden, haben aber kein Problem damit, Instrumente zu zerstören, die zum Töten verwendet werden. Wir sind sogar so gewaltlos, dass auf unseren Schiffen vegan gegessen wird. Dabei richte ich mich nach zwei Autoritäten: Martin Luther King, der schrieb, man könne jemandem, der nichts empfindet, auch keine Gewalt antun. Die andere Autorität ist der Dalai Lama. Vor einigen Jahren gab er mir eine kleine Figur: Hayagriva. Diese Gottheit steht für den erbarmungsvollen Teil von Buddhas Zorn: Du willst niemanden verletzen, aber wenn die Leute nicht einsichtig sind, musst du ihnen Angst machen. Deswegen haben wir die schwarzen Schiffe mit den Piratenflaggen.

Sie sagten einmal, Menschen seine keine moralischen Wesen, also sei es sinnlos, an ihre Moral zu appellieren. Machen Sie es sich da nicht zu leicht?

Die Geschichte gibt mir recht. Menschen konnten noch nie mit dem Appell an ihre Moral überzeugt werden, das Richtige zu machen.

Fürchten Sie nie, jemanden aus Versehen zu verletzen?

Das Leben ist riskant. Wir wollen niemals jemandem wehtun und treffen alle erdenklichen Vorkehrungen. Ich habe eine Menge Erfahrung, was das Rammen von Schiffen angeht. Ohne jemanden dabei zu verletzen.

Wie verantworten Sie es, das Leben Ihrer Crew zu riskieren, wenn Sie gewagte Manöver fahren?

Allle kennen das Risiko, wenn Sie an Bord kommen. Die erste Frage, die ich stelle, lautet: Bist du bereit dein Leben für einen Wal zu riskieren? Wenn sie „nein“ sagen, nehme ich sie nicht mit. Viele halten das für brutal. Aber die Regierung fragt junge Leute, ob sie ihr Leben riskieren, um Menschen zu töten. Viele sterben in unsinnigen Kriegen. Da sind meine Motive weitaus edler.

Sie sagten mal, Menschen seien ein Virus für die Biosphäre, der bekämpft werden müsse wie AIDS…

Wir zerstören das Immunsystem der Erde: unsere Biosphäre, die Luft, das Wasser. Dieses System wird von einer Crew am Leben gehalten: Bakterien, Fische, Bäume, Insekten… Wir Menschen sind nur Passagiere, die allmählich die Mannschaft umbringen.

Sie fordern sogar, die Menschheit um 50 Prozent zu reduzieren. Wie stellen Sie sich das vor?

Es gibt drei Gesetze in der Ökologie: Diversität, Wechselbeziehungen und die Endlichkeit der Ressourcen. Aber die Menschen übertreten die Gesetze. Wir reduzieren die Artenvielfalt und bringen die Wechselbeziehungen durcheinander. Die Leute sagen: Oh Gott, er will Millionen Menschen töten! Aber das stimmt nicht. Wir müssen einen Weg finden, die Bevölkerung freiwillig zu verkleinern. Wo soll es denn enden, bei 20 Milliarden? Wir werden in unserem Giftmüll ersticken. Für alles braucht man eine Qualifikation, zum Autofahren, um eine Waffe zu besitzen. Aber nicht um ein Kind zu haben. Die meisten Kinder bekommen weder Zuneigung, noch Erziehung.

Sie klingen ganz schön menschenfeindlich…

Ich bin ein Missanthrop. Total. Und stolz darauf. Wir Menschen sollten uns eingestehen, dass wir bloß arrogante, nackte Affen mit Allmachtsfantasien sind.

Sie hassen nicht nur Menschen, auch Schafe und Rinder sind ihre Feinde. Sie wollen sie durch Bisons und Karibus ersetzen, wegen ihrer Ökobilanz!

Das sind Weidenmaden und Landläuse. Total destruktiv. Wir müssen die natürlichen Tiere zurückbringen.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie nutzten die Macht der Medien schamlos aus?

Greenpeace war die erste Organisation, die verstand, dass Kameras die mächtigsten Waffen sind. Wenn etwas nicht im Fernsehen läuft, ist es nicht passiert. Deswegen hat Sea Sheperd eine eigene TV-Show.

Sie benutzen inzwischen sogar Drohnen…

Wir nutzen alle MIttel, die uns helfen einzuschreiten. Wir haben derzeit vier Schiffe, zwei Helikopter, und zwei Drohnen. Unsere Organisation wächst sehr langsam, weil wir kein Geld in Fundraising stecken. Die Leute kommen zu uns. Greenpeace gibt sieben Millionen Dollar im Jahr aus, um Spenden zu sammeln. Aber ich will nicht, dass all diese Bäume gefällt werden, um Bettelbriefe zu verschicken. Sea Shepherd basiert auf seinen Freiwilligen aus aller Welt. Wir könnten nichts erreichen ohne deren Leidenschaft.

 

Das Interview erschien in natur 7/2012. Damals stand Watson in Deutschland unter Hausarrest.

Fotos: Wikipedia

© natur.de – Agnes Fazekas
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