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Allgemein

„Naturgesetze schufen die Welt”

Peter Mittelstaedt wurde 1929 in Leipzig geboren und war von 1965 bis 1995 Professor für Theoretische Physik an der Universität Köln. Seine Forschungsschwerpunkte: Quantenlogik, Grundlagen der Quantentheorie und philosophische Probleme der Physik. Er arbeitet zurzeit zusammen mit dem Philosophen Paul Weingartner an einem Buch über Naturgesetze.

bild der wissenschaft: Was Naturgesetze sind und inwiefern sie existieren, ist ein endloses Thema – und eine gleichermaßen spannende wie frustrierende Fragestellung. Sie widmen ihr nun ein ganzes Buch. Was verstehen Sie unter Naturgesetzen?

MITTELSTAEDT: Naturgesetze bestimmen das Verhalten von Naturvorgängen. Die beobachtbaren Prozesse beschreiben wir, indem wir sie zerlegen in Gesetze, die überall, immer und allgemein gelten, und in Anfangsbedingungen, die einen einzelnen Prozess auszeichnen. Die Anfangsbedingungen beschreiben das Kontingente – das Zufällige –, die Gesetze das Allgemeine am Verhalten eines Prozesses.

bdw: Was zeichnet die eigentlichen Naturgesetze aus?

MITTELSTAEDT: Sie sind nicht nur Gesetze der Logik oder Mathematik und können damit durch Erfahrung widerlegt werden. Zu den eigentlichen Naturgesetzen rechne ich auch nicht diejenigen statistischen Gesetze, die unabhängig davon gelten, ob die einzelnen Vorgänge überhaupt Gesetzen gehorchen.

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bdw: Wie verhalten sich die Gesetze von Logik und Mathematik zu den Naturgesetzen?

MITTELSTAEDT: Die Gesetze der Logik und Mathematik gelten auch in der materiellen Realität. Man kann Schafe zählen und findet die arithmetischen Gesetze bestätigt. Insofern sind die logischen und mathematischen Gesetze auch Naturgesetze, aber keine eigentlichen. Viele Gesetze, die wir für Naturgesetze halten, erweisen sich bei genauerem Hinsehen als logisch-mathematische Gesetze. Das betrifft besonders die Quantenmechanik.

bdw: Gibt es Naturgesetze nur in der Physik oder beispielsweise auch in der Biologie?

MITTELSTAEDT: Die Gesetze der Physik erfassen die allgemeinsten Züge der materiellen Realität. Das sind die Gesetze von Raum und Zeit und die fundamentalen Gesetze der Materie. Sie gelten lückenlos und überall, auch in der Biologie. Dass es darüber hinaus, etwa in der Biologie, noch weitere Gesetze gibt, die sich nicht auf die Gesetze der Physik zurückführen lassen, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

bdw: Warum und unter welchen Bedingungen können statistische Gesetze Naturgesetze sein? Unterläuft der Zufall nicht gerade die eherne Gesetzmäßigkeit?

MITTELSTAEDT: Statistische Gesetze gelten für Gesamtheiten, die aus sehr vielen einzelnen Objekten oder Vorgängen bestehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob und durch welche Gesetze die einzelnen Prozesse bestimmt sind. Für die Gesamtheiten sind die statistischen Gesetze Naturgesetze, möglicherweise aber keine eigentlichen – falls sie nämlich auch dann gelten, wenn die Einzelobjekte keinem Gesetz unterliegen.

bdw: Wie stehen Naturgesetze in Beziehung zur Kausalität?

MITTELSTAEDT: Kausalität ist ein Gesichtspunkt, ein Auswahlkriterium, mit dem solche Lösungen der Naturgesetze ausgewählt werden, die dem Kausalgesetz entsprechen. Damit ist insbesondere gemeint, dass die Ursache sich stets vor der Wirkung ereignet. Die Kausalität ist für die Konstituierung von Erfahrungsgegenständen unverzichtbar.

bdw: Für manche Philosophen haben Naturgesetze einen platonischen Status und existieren gleichsam jenseits der raumzeitlich-materiellen Welt. Für andere sind sie bloß nützliche Beschreibungen oder gar Kategorien unseres Verstandes. Was ist Ihre Auffassung?

MITTELSTAEDT: Naturgesetze sind Artefakte, mit deren Hilfe wir die komplexe Realität begreifbar zu machen versuchen. Wir unterscheiden an den Phänomenen das Einfache und Allgemeine (die Gesetze) von dem Komplizierten und Kontingenten (den Anfangs- und Randbedingungen).

bdw: Und wie können wir jemals wissen, ob die Welt ein Produkt der Naturgesetze ist oder umgekehrt?

MITTELSTAEDT: Die von uns gesuchten und konzipierten Naturgesetze gelten unabhängig vom Ort und von der Zeit und in allen möglichen Welten. Sie galten vor der Entstehung der Welt und sie gelten bis an das Ende der Welt und darüber hinaus. Daher ließen sie die Welt entstehen.

bdw: Warum gelten Naturgesetze überhaupt?

MITTELSTAEDT: Sie gelten immer und überall für alle Objekte und ohne jede Ausnahme. Für eine solche universelle Regelmäßigkeit bieten sich nur wenige Erklärungen an: Die Naturgesetze sind im Grunde logische und mathematische Gesetze, oder es sind statistische Gesetze, die auch dann gelten, wenn die Einzelvorgänge gar keinem Gesetz unterliegen. Schließlich lassen sich einige, sehr allgemeine Naturgesetze auf die Vorbedingungen der Erfahrung, das heißt, auf die zur Erfassung der Realität verwendeten Kategorien zurückführen.

Das Interview führte Rüdiger Vaas

Rüdiger Vaas

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