NATURWUNDER SÜDAMERIKAS - wissenschaft.de
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NATURWUNDER SÜDAMERIKAS

Im September 2011 brachen 17 bdw-Leser samt Begleitung zu einer spannenden Reise auf. Sie führte zu Wasser und zu Lande zu den Naturschönheiten Perus, Boliviens und Brasiliens – mit Abstechern nach Argentinien und Paraguay. bdw-Redakteurin Judith Rauch berichtete auf der Website von bild der wissenschaft Tag für Tag darüber. Hier können Sie die Reiseeindrücke gesammelt nachlesen.

Die erste Mail erreichte die Redaktion am Vormittag des 5. September:

Hallo Deutschland, die bdw-Expedition hat ihre erste Zwischenstation erreicht: den Flughafen von São Paulo. Hier ist es 6.11 Uhr, und es geht gerade die Sonne auf. Alle Teilnehmer sind an Bord, einer nimmt schon zum 12. Mal an einer bdw-Reise teil. In einer Stunde geht es weiter nach Lima, Peru.

GEIER IN LIMA

Erstes Gruppenfoto, entstanden an einem schönen Tag in Lima, wo es sonst um diese Zeit immer neblig ist. Wir stehen am Strand, im sogenannten Liebespark. Morgen geht’s in aller Frühe los – Richtung Urwald.

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Nachtrag aus Lima, geschrieben in den frühen Morgenstunden des 6. September (vom hoteleigenen Business-Center): Gestern sind wir über die Anden geflogen. Unter uns eine kahle Berglandschaft, dann schneebedeckte Gipfel. Wer im Flugzeug rechts saß, konnte einen spektakulären Blick auf den Titicaca-See genießen. Dann lag der Küstennebel schwer auf dem Land unter uns wie eine Bettdecke.

In Lima gelandet, verzog er sich, und wir genossen einen der in dieser Jahreszeit (Winter) seltenen Sonnentage. Das Klima wird durch den Humboldtstrom geprägt, der hier vorbeifließt. Deshalb ist es auch in Lima eher frisch, um nicht zu sagen kühl. Die Acht- oder Zehn-Millionen-Stadt (niemand weiß es genau) ist der Wüste abgerungen, denn es ist hier zwar oft neblig, aber es regnet selten. Das Wasser für die Hauptstadt bringen drei Flüsse, Rímac, Chillón und Lurín, aus den Anden. Unser lokaler Reiseführer Franz – er hat deutsche, österreichische, polnische, spanische und peruanische Vorfahren – erklärte, dass Lima sich 80 Kilometer an der Küste entlang in die Länge streckt. Die Stadt hat 43 Bezirke und entsprechend viele Bürgermeister. Eine Oberbürgermeisterin, Susana Villarán, koordiniert sie alle.

Ihr Rathaus liegt an einem der schönen neokolonial gestylten Plätze. Echt koloniale Architektur gibt es kaum mehr, denn in Lima hat schon mehrfach die Erde gebebt, besonders schlimm im Jahr 1742. Danach hat man erst mal mit Lehm und Stroh gebaut, sogar die Kathedrale!

Die Vogelfreunde unter uns haben schon entdeckt, dass es in der Stadt Geier gibt. Sie sehen aus wie eine Kreuzung aus Adlern und Raben und sind mit den Störchen verwandt, wie uns der Biologe Ernst-Gerhard Burmeister erklärte, unser wissenschaftlicher Reiseleiter. Wie sie sich vor Sonne schützen, ist etwas unappetitlich – mit Kot.

Abends dann Dinner bei den Resten einer Pyramide, der Huaca Pucllana, mitten in der Stadt. Sie wurde zwischen 200 und 700 von den Angehörigen der Lima-Kultur gebaut – aus Lehmziegeln. Wir haben das Nationalgetränk Pisco Sour probiert und einige lokale Essensspezialitäten, deren Namen wir erst noch üben müssen.

Jetzt geht es gleich los Richtung Urwald – wir fliegen nach Puerto Maldonado und schlagen uns dann mit Booten weiter durch bis zur Heath River Lodge jenseits der Grenze zu Bolivien. Ich melde mich wahrscheinlich erst in einigen Tagen wieder.

RIO MADRE DE DIOS

Ich berichte jetzt nach und nach, wie es uns in den vergangenen Tagen im Regenwald erging: Am 6.9. flogen wir über Cusco – mitten in den Anden gelegen und Ausgangspunkt für die Machu-Picchu-Touren – nach Puerto Maldonado, wo der Rio Tambopata in den Rio Madre de Dios fließt. Es ist eine typische Hafenstadt, brodelnd vor Leben, das auf Motorrädern und Kleinlastern unterwegs ist, schmutzig und vielleicht ein wenig gefährlich. Die Stadt ist Anlaufstation der Goldgräber, darunter viele illegale, die auf dem Fluss ihre Waschstationen bauen und mithilfe von Quecksilber Gold gewinnen. Der Preis liegt zurzeit bei 160 peruanischen Soles (etwa 42 Euro) pro Gramm – das ist Höchststand.

Unsere Gruppe geht am rutschigen Flussufer an Bord zweier motorbetriebener Kanus. Ein drittes Kanu fasst unser Gepäck. Wichtigste Personen an Bord sind der Schiffsführer und sein Assistent – Jesús und Andersson in unserem Fall. Die lokalen Reiseleiterinnen Maria und Geraldine haben sich auf die Boote verteilt und informieren uns über alles Wichtige. Etwa dass in Puerto Maldonado außer mit Gold auch mit Paranüssen, Holz und Landwirtschaft – Bananen, Maniok, Mais – Geld verdient wird.

Schnell sind wir im breiten Rio Madre de Dios und gleiten stundenlang ruhig dahin. Bei Fahrtwind ist die Schwüle gut auszuhalten. Am Ufer wie eine Kulisse die Regenwald-Bäume. Der Boden darunter ohne Humus, flache Wurzeln können ihn nicht halten, der Fluss trägt Boden ab, der weiter flussabwärts am anderen Ufer als Sediment anlandet. Auf den Sandbänken begleiten uns die Waschstationen der Goldwäscher, oft erkennbar an einem blauen Regendach. Kurz bevor wir in den Rio Heath einbiegen, die bolivianische Grenzstation. Wir klettern den Abhang hinauf und zeigen unsere Pässe. Ein Beamter entziffert unsere Namen, nach der vorgeschriebenen Gelbfieber-Impfung fragt keiner.

Der Heath River führt Niedrigwasser, schließlich herrscht Trockenzeit. Unsere Bootsführer sind gefordert. Immer wieder bleibt die Schraube im Sand stecken, manchmal das ganze Boot. Während Jesús hinten den Motor vorwärts und rückwärts laufen lässt, stößt Andersson, mit bloßen Füßen am Bug auf glatten Holzbrettern balancierend, das Boot mit einer Stange vom Boden ab, es sieht aus wie Stocherkahn-Fahren.

Immer öfter muss er auch aussteigen, in den flachen Fluss treten und das Boot mit den Händen wieder flottmachen. Nur die kleinen Stromschnellen – cataratas, das spanische Wort, klingt allzu dramatisch – überwinden wir nicht auf diese Weise. Während Boot 1 in voller Fahrt flussaufwärts durch die Schnellen gerauscht ist, sitzen wir fest, müssen alle aussteigen und ein Stück am Ufer laufen. Warme, feuchte Abendluft – es ist wunderschön.

Dann bricht die Dunkelheit herein. Das Niedrigwasser hat unsere Fahrt verzögert. Andersson leuchtet mit einer starken Lampe die Uferzonen aus, an die wir nah heranmüssen, weil dort die Fahrrinne verläuft. Am Ufer eine kleine Siedlung und ein kleiner Hund. „Der passt auf die Kaimane auf“, erklärt Professor Burmeister. Dann sehe ich den ersten: Er ist ziemlich groß, dunkel und sitzt am Ufer, wo der Hund ihn offensichtlich gewittert hat. Ein Mohrenkaiman? Auf den Sandbänken kleinere Exemplare – Brillenkaimane, wie Burmeister erklärt. Andersson springt weiter ins Wasser und schiebt.

Abends 19.30 Uhr des 6.9. erreichen wir endlich die Lodge: Das Heath River Wildlife Center empfängt uns mit rustikalem Charme. Holzhütten, mit Palmblättern gedeckt. Beim Abendessen erzählt die Gruppe aus dem anderen Boot von einer Begegnung mit zwei Tapiren: Einen haben sie angefahren, der andere konnte unbeschadet entkommen. Wir anderen sind neidisch und können es kaum glauben. Alle sind müde. Von Burmeisters Vortrag bleibt ein Satz hängen: „ Ameisen sind die Krone der Schöpfung.“

IM REGENWALD AM HEATH RIVER

Am Morgen des 7. September unternehmen wir von der Lodge aus einen Ausflug in den Regenwald. Begleitet werden wir von Maria, die sich – ganz ohne Biologie-Studium – eine Menge theoretisches und praktisches Wissen über die Natur Perus angeeignet hat. Sie lässt uns an einem Stückchen Baumrinde riechen – eindeutig: ein Knoblauchbaum. Die Rinde wird tatsächlich zum Würzen verwendet, wie Knoblauch. Die Wanderpalme hat fiese Stacheln. Und sie bewegt sich vom Fleck – rund 20 Zentimeter pro Jahr, indem sie an der angestrebten Seite neue Luftwurzeln austreibt, während sie auf der Gegenseite verrotten. Eine indianische Sitte verlangt, dass ein Mann, der heiraten will, sich unter den stacheligen Wurzeln durchdrängen muss. Aber seine Freundin kann helfen, indem sie den Baum vorher rasiert.

Ein anderer Baum sieht glatt aus, wie geputzt. Schuld daran sind die Feuerameisen, die an ihm auf und nieder steigen. „Man sollte sich nicht anlehnen im Wald“, hat Burmeister uns ermahnt. Später findet er auch noch eine 24-Stunden-Ameise: Wen sie beißt, der ist 24 Stunden außer Gefecht. Ja, die Ameisen sind die Krone der Schöpfung. Selbst einen Kaiman, der sonst keine Feinde hat, kriegen sie klein.

Wir hören Brüllaffen, und schließlich sehen wir auch einen – hoch oben im Geäst. Morpho-Falter, wunderbar blau und schwarz gezeichnet, flattern uns über den Weg, zugeklappt sehen die Flügel unscheinbar aus. Vom Kapokbaum schweben baumwollartige Flugsamen herunter, am Wegesrand liegen aufgeschlagene Schalen der Paranuss. „Die Paranuss hat drei Schalen“, erklärt uns Maria. Die zweite ist extrem hart, man muss sie mit der Machete durchschlagen. Von den Vögeln können nur die Aras die Paranüsse knacken, und auch nur, wenn sie unreif sind. In Plantagen sind Paranussbäume schwer zu züchten, erklärt uns Burmeister, da sie nur durch eine ganz bestimmte Biene bestäubt werden – und die ist empfindlich gegen Rauch, den die Menschen aber unweigerlich beim Feuermachen erzeugen. Burmeister sammelt die ganze Zeit Insekten in kleinen Plastikdosen, und er hat eine ganze zoologische Bibliothek dabei. Maria nennt ihn „die Biologie“ – so als sei sein ganzes Fach in ihm verkörpert. Wenn sie nicht mehr weiter weiß, sagt sie: „Fragen wir die Biologie!“

Am Nachmittag des 7.9. geht’s in einem raschen Fußmarsch erst durch den Wald, dann hinein in ein trockenes Grasland, gesprenkelt von rosa Blüten, von einzelnen Bäumen bestanden. Dieser Fleck, die Pampa del Heath, ist ein Rest aus der Eiszeit. Heute würde der Regenwald die Pampa überwuchern, wenn die Menschen sie nicht ab und zu abflammen würden, um das eigenartige Biotop zu erhalten. Hier leben der Mähnenwolf, der Ameisenbär und der Jaguar – theoretisch zumindest. De facto sehen wir nichts, zumindest keine Tiere. Allerdings liegt auf dem Weg, den wir entlang gegangen sind, ein ziemlich großer Kothaufen. Andreas Gross, unser Studiosus-Reiseleiter, kennt sich aus: „Der muss von einer großen Katze stammen.“ Jaguar? Professor Burmeister widerspricht nicht, also gehen wir von nun an davon aus, dass wir vom Jaguar zumindest die Losung gefunden haben.

Auf dem Rückweg durch den dunkler werdenden Regenwald schimmern die Glühwürmchen. Und Maria macht uns darauf aufmerksam, dass man Brüllaffen und Pecaris, die Wildschweine Perus, sogar am Geruch erkennen kann, den sie auf ihrem Weg hinterlassen. Tatsächlich, es stinkt auf unterschiedliche Weise. Maria hat etliche Früchte probiert, die die Affen lieben. Sie hat sie nicht gemocht – „wir haben einen unterschiedlichen Geschmack“ .

KONFERENZ DER PAPGEIEN

Früh am Morgen des 8. September fahren wir mit einem unserer Motorkanus ein Stück den Heath hinauf – zu einer Papageien-Salzlecke. Es handelt sich um eine Lehmwand: Sie enthält Mineralien, die die Vögel benötigen.

Auf einer Sandbank im Fluss haben Naturfreunde eine Beobachtungsstation errichtet, ein Holzhaus mit einem Sehschlitz, durch den wir die Vögel in der Wand beobachten können – alles sehr bequem, man kann nebenher frühstücken.

In den Bäumen rund um die Lehmwand herrscht zu dieser Morgenstunde reges Kommen und Gehen. Durch unsere Ferngläser sehen wir Gelbstirn-Amazonen, Schwarzohrpapageien und viele kleine Sittiche, die sich versammeln und großes Palaver veranstalten. Ich fühle mich an die bdw-Redaktionskonferenzen erinnert.

Bald stellen sich auch die riesigen Hellroten Aras ein. Als sie sich in Gruppen von 10 bis 20 Tieren bis in die Felswand trauen, dort kreischen und picken, entstehen großartige Fotos. Doch es gibt noch anderes am Flussufer zu entdecken: einen Eisvogel, einen Grünibis, zwischendurch einen Wegebussard, der einen Frosch fängt.

Der Nachmittag bringt Gewitter und Regen. Ein Teil der bdw-Reisegruppe ist gerade mit einem Boot unterwegs im See Cochamoa, als es zu gießen beginnt. Die Leute kommen mit Kleidern zurück, die noch tagelang feucht bleiben. Als die zweite Gruppe den See erreicht, ist es wieder trocken. Der See ruht still im Abendlicht, auch wir sind still. Einige halten Angeln in den Händen, aber die Piranhas wollen nicht anbeißen. Nur Andersson, der Schiffsjunge, hat am frühen Nachmittag zwei gefangen, sie werden am Abend in gebratener Form in der Lodge vorgeführt. Bis auf ihre spitzen Zähne wirken diese Fische völlig harmlos. Sie würden an schwimmenden Menschen nur ein wenig herumknabbern, weil sie nicht gut sehen, erzählt Professor Burmeister. Er hat es schon öfter erlebt.

HUMBOLDT im REGEN

Es ist abgekühlt und feucht geblieben über Nacht. Es ist eingetroffen, wovor Andreas Gross uns gewarnt hat: In der Trockenzeit können Kaltfronten aus der Antarktis ins Amazonasbecken ziehen. Sie bringen kalten Wind mit – und sehr viel Regen. Wir aber müssen früh aufbrechen, um wieder den Heath hinab- und den Madre de Dios hinaufzufahren, bis zu einer Lodge am Sandoval-See – eigentlich einem Altarm des Madre de Dios –, wo wir übernachten.

Der Heath führt durch den Regen mehr Wasser, es geht flott voran. Anfangs ist es nur bewölkt, dann beginnt es zu nieseln, dann zu regnen. Als es zu schütten anfängt, lassen unsere Bootsleute die transparenten Plastikfolien an den Seiten des überdachten Kanus herunter. Nur den Passagieren, die in den beiden Booten in den vorderen Sitzen Platz genommen haben, schlagen Fahrtwind und Nässe direkt ins Gesicht.

Wir sitzen vermummt, versuchen zu schlafen und zu lesen. Ein Herr aus Österreich holt Alexander von Humboldts Buch über seine Südamerika-Reise aus der Tasche. Ich lese eine Weile darin, dann wird es mir zu langweilig. Dieser Humboldt mag ja ein guter Wissenschaftler gewesen sein – schreiben konnte er nicht. Kein bdw-Autor!

Nach dem Ausstieg im strömenden Regen steht eine weitere Herausforderung an: Anderthalb Stunden Fußmarsch über einen Schlammweg! Gerüstet mit Regenjacken, Capes, Schirmen und Wanderstöcken rutschen wir voran. Dann geht es in kleinen Kanus weiter und in einem Katamaran über den Sandoval-See. Der palmenbestandene See ist selbst im Regen wunderschön. Und er belohnt uns mit neuen Tieren: dem Hoatzin, dem Punk unter den Tropenvögeln, wie ihn die Reiseteilnehmerin aus den USA nennt. Und zwei Primaten-Arten: braunen Kapuzinern und Totenkopfäffchen. Nachdem wir gestern Abend auf der nächtlichen Heimfahrt auf dem Heath schon ein Wasserschwein von allen Seiten bewundern konnten – beeindruckender Hintern! – und heute Morgen den seltenen Marder namens Tayra am Ufer entlangstreifen sahen, fehlen uns jetzt eigentlich nur noch die Riesenotter! Einen Tukan zu sehen, habe ich schon aufgegeben. Dabei ist er das Logo-Tier unserer Reise! Doch am Abend dieses seltsam ereignisreichen Tages zeigt er sich: Zwei Silhouetten mit großen, dicken Schnäbeln gegen den Nachthimmel projiziert – Tukane! Wir sind noch einmal rausgefahren, um Kaimane zu finden. Wenn man sie mit der Taschenlampe anleuchtet, leuchten ihre Augen rot zurück. Burmeister weiß viel über die in ihrer Gefährlichkeit weit überschätzten Tiere zu berichten. Besonders beeindruckt mich ihr Sexualleben: Diese Einzelgänger paaren sich am liebsten bei Gewitter.

LOBO DEL RIO

Am 10. September heißt es Abschied nehmen vom Sandoval-See, den Totenkopfäffchen, die von hohen Palmen heruntergucken, den Kaimanen im Versteck, den Hoatzins, die mit plumpem Schwung die Blätter zum Schwingen bringen, wenn sie landen. Ein letztes Mal fahren wir im Morgenlicht im Kanu über den See. Unser Ruderer diskutiert mit dem Ruderer eines entgegenkommenden Boots. Sie machen Handbewegungen wie ein tauchendes Tier. Geht es um die Riesenotter?

Kurz bevor wir in den Kanal einbiegen müssen, der uns zurück zum Schlammweg bringt, beginnt eine Diskussion zwischen dem Ruderer und Geraldine. Er will uns noch etwas zeigen. Geraldine schaut auf die Uhr. „Ist es weit?“, fragt sie. „Nein.“ Nur ein paar Ruderschläge weiter am Ufer ist etwas zu sehen: schwimmende Köpfe mit Knopfaugen. „Lobo?“, frage ich den Mann am Paddel. „Si, lobo del rio.“ Wir haben die Riesenotter gefunden, die alle Naturfreunde so lieben. Wir folgen der schwimmenden Familie in gebührendem Abstand auf ihrem Ausflug über den See, sehen ihr beim Tauchen und Fischefangen zu, machen Fotos. Der Sandoval-See, der so schwer zu erreichen war, hat uns ein letztes, liebenswertes Geheimnis preisgegeben.

In Puerto Maldonado ist dann Schluss mit Regenwald. Auf Wiedersehen, Maria, tschüs, Geraldine. Jetzt ruft die Atacama-Wüste, wir fliegen über Lima nach Paracas.

SEESCHWALBEN UND PINGUNE

Sonntag, der 11.9., beginnt für uns in einem Luxushotel am Pazifikstrand. Die deutsche Zeitung mit Berichten über den Terror-Jahrestag ignorieren wir.

Die Sonntagsausgabe des „Comercio“ beschäftigt sich mit den illegalen Goldgräbern im Rio Madre del Dios und der Frage, mit wie viel Gold sie einen Abgeordneten bestochen haben – fünf Kilo pro Monat. Das ist schon eher interessant.

Dann folgt bei strahlendem Sonnenschein das Highlight für die Vogelfreunde: Mit einem Speedboot fahren wir vom nahegelegenen Hafen zu den vorgelagerten Ballestas-Inseln. Sie sehen malerisch aus – wie Torbögen aus porösem Gestein. Die Ballestas gehören zu den Guano-Inseln. Und von Guano – dem weißen Kot der Seevögel – wären sie auch bedeckt, wenn dieser wertvolle Dünger nicht abgebaut würde. Er ist nach wie vor ein Wirtschaftsfaktor in Peru.

Je näher wir den Inseln kommen, desto mehr Seevögel umschwirren uns. Wir lernen Guano-Tölpel von Inka-Seeschwalben zu unterscheiden, die Olivenscharbe von der Buntscharbe, wir orten Pelikane im Gedränge. Und dort stehen sie ja auch: die kleinen Humboldt-Pinguine! Fliegen können sie nicht, sie müssen die steilen Felsen hinaufklettern. Auf den wenigen Plattformen, die die Felsen bieten, haben sich Seelöwenmännchen mit ihrem Harem breitgemacht. Auch ein Seebär hat sich unter sie gemischt, größer und dunkler. Er werde so weit nördlich jetzt häufiger gesichtet, sagt Stefan, unser lokaler Reiseführer. Der Klimawandel sei schuld.

DIE ÄLTESTE BOHNE DER WELT

Heute habe ich eine Sensation zu verkünden: Markus Reindel, der deutsche Archäologe, der die Nasca-Linien erforscht, bekam gestern die Bestätigung, dass er die älteste Bohne Amerikas gefunden hat. Er fand sie in einem Grab im Tal des Rio Grande de Nazca, und sie ist laut der Kohlenstoff-14-Methode 3500 Jahre alt. Die Menschen damals hatten noch keine Tongefäße, daher lag die Bohne einfach so im Grab.

Ist sie damit auch die älteste Bohne der Welt? Vermutlich ja. Denn unsere mitteleuropäischen Bohnen, so erklärte uns Professor Burmeister, stammen aus Südamerika. Die Bohnen, die die Römer „ faba“ nannten, waren eine andere Art, eher wie Kichererbsen. In Südamerika gibt es sie inzwischen ebenfalls, sie heißen hier „ haba“, weiß Andreas Gross. Die richtigen Bohnen dagegen heißen hier „frijol“, und solch eine Bohne bauten die Menschen in der Flussoase des Rio-Grande-Tals schon vor 3500 Jahren an. Jetzt sagen Sie bloß nicht, dass Sie das nicht die Bohne interessiert!

Über Markus Reindel, die Nasca-Linien, die Nasca-Kultur und ihre Vorgängerin, die Paracas-Kultur, gäbe es noch eine Menge zu berichten. Aber darüber hat ja Ex-bdw-Redakteur Michael Zick im Januar 2007 bereits einen erhellenden Artikel geschrieben: „Das Geheimnis von Nasca ist enthüllt“. Wir trafen den sympathischen Wissenschaftler Reindel an einer Aussichtsplattform in der Wüste, von der aus man Geoglyphen (Bodenzeichnungen) der Paracas-Leute anschauen konnte: Tier- und Menschenfiguren waren durch Anhäufeln von Steinen an einen Hang gezeichnet worden. Reindels Leute haben sie mühsam rekonstruiert und wieder gut sichtbar gemacht. In dem kleinen Museum, das der deutsche Archäologe in der Stadt Palpa eingerichtet hat, bestaunten wir hochinteressante Grabfunde aus verschiedenen Epochen, darunter eine Goldkette. Auch eine Mumie und ihre Beigaben – Wollknäuel und Spindeln nebst einem Meerschweinchenrest – waren zu sehen. Ein unvergessliches Mittagessen unter schattigen Bäumen rundete die Begegnung ab, von der auch Studiosus-Reiseleiter Andreas Gross begeistert war. „So etwas zu organisieren, schafft nur bild der wissenschaft.“

IN SEENOT AUF DEM PAZIFIK

Es ist 22.30 Uhr in Lima, und wir fliegen um Mitternacht los nach São Paulo, Brasilien. Eigentlich wollte ich heute eine ruhige Rückschau halten auf unsere Zeit in Peru, die majestätische Wüste würdigen, in Erinnerungen an den Regenwald schwelgen. Stattdessen hat die bdw-Reisegruppe ein neues Abenteuer erlebt.

Stefan, unser lokaler Reiseführer, wollte uns Delfine zeigen, für deren Schutz er sich seit Langem engagiert. Und wir sahen sie auch: Gruppen von Großen Tümmlern und von Schwarzdelfinen – ganz nah an unseren Booten.

Doch wie beschwerlich war die Fahrt! Fünf Stunden insgesamt ging es durch teils wildes Wasser die Pazifikküste entlang – von Pucusana bis zur Insel Asia, einer Guano-Insel voller Vögel und Seelöwen. Man saß auf harten Bänken, das Wasser spritzte herein, der Fahrtwind ließ uns frieren. Das größere Boot hatte immerhin ein Dach. Auf dem kleineren – eher eine Nussschale mit starkem Motor – mussten die Passagiere, darunter die bdw-Redakteurin, sich festhalten, um nicht über Bord gespült zu werden. Um nicht vor Nässe zu triefen, hatten wir gelbe und orangefarbene „ Friesennerze“ angezogen – nicht gerade kleidsam, das Ölzeug, aber es half. Ein Klo gab es nur auf dem größeren Boot.

Als wir uns alle schon auf die Landung freuten, fiel der Motor aus. Erst stotterte er leicht, dann stotterte er stärker. Stefan, Boots- und Fremdenführer zugleich, startete ihn immer wieder neu, murmelte etwas von Schmutz in der Spritleitung, ließ das Boot schließlich treiben und rief das größere Boot zu Hilfe, auf dem Professor Burmeister für die Reisegruppe die Stellung hielt. Deren Besatzung hatte es allerdings gar nicht eilig, dem in Seenot geratenen Winzling zu Hilfe zu kommen. Man hatte nämlich inzwischen einen Wal geortet, einen Buckelwal, der einige Male in Bootsnähe an die Oberfläche kam.

Auf dem kleinen Kahn brach inzwischen eine gewisse Nervosität aus – wegen drängender Bedürfnisse und wegen des gedrängten Terminkalenders. Schließlich wollten wir unseren Flug nach São Paulo nicht verpassen.

Schließlich war es so weit: Die Glückspilze von Boot 1 nahmen uns arme in Strandnähe Dahindümpelnde ins Schlepptau. Wir erreichten alle das rettende Ufer – und die meisten die rettende Toilette.

VOGELPARADIES PANTANAL

Nach einer langen Anreise – Nachtflug von Lima nach São Paulo, von dort weiter ins heiße Cuiabá, von dort in einem engen Bus über immer staubiger werdende Straßen und eine abenteuerliche Flussbrücke – erreichen wir abends die Mutum Lodge. Sie liegt mitten im Pantanal des Mato Grosso, einer abwechslungsreichen Landschaft Brasiliens, die von Oktober bis April überflutet ist, in der Trockenzeit jedoch ein erfreuliches Gemisch aus Wald, Wiesen, Bauernhöfen – und ein Vogelparadies. Uns begleiten zwei ernsthafte junge Männer, Fabiano und Benedito, beide leidenschaftliche Ornithologen. Sie haben ein Spektiv dabei, eine Art einäugiges Fernglas auf Stelzen. Durch dieses Wunderding betrachten wir schon auf der Anfahrt den Riesenstorch Jabiru und blaugelbe Aras.

Geographisch sind wir mitten in Südamerika, gleich weit entfernt von Pazifik und Atlantik. Das Land liegt tief, nur 130 Meter über dem Meeresspiegel. Die Flüsse fließen hier so langsam, dass man sich manchmal auf einem stehenden Gewässer wähnt. Doch an diesem Abend steigen wir nicht mehr ins Boot, sondern nur noch ins Bett. Vorher gibt es allerdings noch Caipirinhas in geselliger Runde und ein kräftiges Abendessen. Welch ein Empfang!

AUF DER PFAUENINSEL

Um 5 Uhr werden wir geweckt. Nicht von Elektronik, sondern von einem unvergleichlichen Vogelgekreisch. Der Chaco Chachalaca, ein pfauenartiger Vogel, ist schon wach und sorgt dafür, dass niemand mehr schlafen kann. Andreas Gross nennt ihn den „Gießkannenwecker“ , das kommt ungefähr hin.

Auf der Lodge ist bei Sonnenaufgang schon reges Leben. Pferde grasen auf den Wiesen vor den Apartmenthäuschen, in denen wir schlafen, kopulierende Stirnvögel rollen über den Rasen. Ein Ara und ein Papagei gehören zu den Haustieren, in meinem Bad wohnt ein kleiner Frosch. Später entdecke ich Pfauen mit Krönchen, eine Familie mit zwei Kindern. Es handelt sich um den Nacktgesicht-Curassow. Benedito zeigt ihn mir in einem Buch. Bei diesen Pfauen ist das Weibchen prächtig gemustert, das Männchen kommt im schlichten dunklen Anzug daher. So etwas ist selten im Tierreich, eine Ausnahme wie bei uns Menschen. Burmeister meint, das deute darauf hin, dass wir hier ein bei der Brut besonders engagiertes Männchen vor uns haben. Ich muss dem bei Gelegenheit nachgehen.

Beim gemeinsamen Spaziergang stoßen wir auf ein Kaiman-Skelett. Kaimane, so erklären uns die Biologen, werden im Alter nahezu unsterblich. Man kann sie mit Krebszellen infizieren, sie können sich beim Kampf den Oberkiefer abbrechen, das bringt sie alles nicht um. Wie kann ein Reptil ein so starkes Immunsystem haben? Welche Teile davon haben wir geerbt, welche fehlen uns? Das ist ein Thema für mich und den Mikrobiologen im Reiseteam. Offensichtlich wird dazu geforscht, damit ist es vielleicht auch ein Thema für bdw.

Am Nachmittag Bootsausflug auf dem Rio Mutum. Wohin man schaut, Vögel. Reiher, Rallen, Eisvögel, Bussarde und Störche. Kuckucksvögel, die aussehen wie kleine Hoatzins. Auch einige seltene Spezies entdecken wir, den Agami-Reiher und die kleine Binsenralle, die ihre Kinder nur bis zum Embryoanalstadium ausbrütet und dann in einer Falte unter der Schulter herumträgt. Eine Art Känguru-Vogel. Was es alles gibt. Unsere Lodge ist ein Mekka für Vogelfreunde. Die Liste der Arten, die wir alle ausgehändigt bekamen, umfasst 469 Arten, vom Nandu bis zum Hausspatz.

Bei der Rückkehr im Sonnenuntergang empfangen uns zahlreiche Kaimane am Ufer. Früher wurden sie hier mit Abfällen gefüttert, das hat sie angelockt. Die bdw-Leser gehen mit ihren Kameras sehr nah an die Tiere heran. Zu nah für meinen Geschmack.

HYAZINTH-ARAS

Bootsfahrt flussaufwärts zum Mariana-See, durch einen Kanal voller blühender Wasserhyazinthen in den Rio Cuiabá. Am Ufer Siedlungen, auf dem Fluss Boote mit Anglern. Die Männer, die sie steuern, heben zum Gruß den Daumen. Auf einigen Booten angelnde Touristen mit dicken Bäuchen. Wenn man sie fotografiert, fotografieren sie zurück. Gelegentlich huscht eine schmale Gestalt auf schmalem Kanu vorbei.

Das Leben hier scheint ein langer, ruhiger Fluss zu sein. Männer stehen an den Ufern und angeln, Frauen waschen im Flusswasser die Wäsche. Wir fahren weiter durch das Netz aus Flüssen und Kanälen, dann gehen wir ein Stück durch den Wald. Unendliches Gekreische und der Geruch nach Vogelkot kündigen eine Brutkolonie von Waldstörchen an: 3000 Nester hat man hier auf den Bäumen gezählt, 18 solcher Kolonien gibt es im Pantanal. Die Störche kommen von weit her zum gemeinsamen Brüten, aus dem Norden und aus dem Süden. Reiher haben sich unter die Storchenfamilien gemischt, so schützen sie sich gegenseitig vor Räubern. Einen Bussard sehen wir bereits warten. Aber auch die Anakonda lauere hier auf Beute, erzählt Benedito. Als er 2006 hier bei der Nestzählung dabei war und auf dem Baum saß, vor dem wir gerade stehen, schlich unter ihm ein Jaguar vorbei.

Auf der Rückfahrt sichten wir zahlreiche Kaimane. Sie liegen, teils mit geöffnetem Maul, am Ufer oder schwimmen im Fluss, sodass man nur die Augen sieht. Hier im Pantanal herrscht die höchste Krokodildichte auf der Welt, habe ich im Reiseführer gelesen. 32 Millionen sollen es sein. Der Augenschein spricht nicht dagegen. Dann springt ein Fisch in unser Motorboot. Burmeister hält ihn fest, zeigt ihn herum, lässt ihn wieder frei. Dem Professor gefällt es im Pantanal. „Ich will nicht nach Hause“ , sagt er. „Ich will hier bleiben.“

Am Nachmittag eine kurze Busfahrt auf dem Sandweg, der hinter der Lodge beginnt. Unser Bus hält an einem Bauernhof. Hier soll ein Pärchen blauer Hyazinth-Aras leben. Unsere Biologen haben sie schon gesichtet. Und da ist schon einer, hängt kopfüber am Futterbaum, einer Palme mit harten Früchten. „Wie auf dem Silbertablett serviert“, haucht Fabiano und mahnt uns zu großer Stille. Die Kameras klicken, dann fliegt der Ara davon.

Doch der Bauer lässt uns auf seine Wiese, und so können wir den Ara und sein Partnertier, das bald angeflogen kommt, noch aus zahlreichen Perspektiven bestaunen: eins das andere fütternd, vom Nistbaum auf uns herun- ter lugend, später gemeinsam schimpfend, als wir der Bruthöhle im Stamm zu nahe kommen. Einige wundern sich, dass die Aras sich ein so belebtes Umfeld als Nistplatz ausgesucht haben: einen Bauernhof nahe bei einer lauten Straße. Ich wundere mich nicht. Papageien sind kluge und neugierige Tiere, warum sollten sie in einer langweiligen Umgebung leben?

WARTEN AUF DEN AMEISENBÄR

Die bdw-Leser sind gestern nach dem Abendessen noch in zwei Gruppen zu einem Nacht-Ausflug aufgebrochen. Sie sahen Krabbenfresser- Füchse, die eine Gruppe begegnete sogar einem Tamandua. Das ist ein kleiner Ameisenbär, der aussieht, als habe er eine Weste an. Er habe am Rand der Straße gestanden und sei rasch davongelaufen, als dem Reiseführer, der ihn anleuchten wollte, die Taschenlampe aus der Hand fiel, erzählt die Österreicherin.

Vor drei Tagen soll der Ameisenbär sogar auf der Lodge aufgetaucht sein, morgens um 9. Als ich das höre, beschließe ich, heute am Samstag nicht zur Frühwanderung mitzugehen, sondern am Pool auf sein Wiedererscheinen zu warten. Leider kommt er nicht.

Es ist unser letzter Tag im Pantanal, und das kollektive Interesse an den Vögeln lässt langsam nach. Das Spektiv steht irgendwo im Garten hinter den Hütten. Wenn man hineinschaut, sieht man einen Tagschläfer. Das ist ein eulenartiger Vogel, der den ganzen Tag still sitzt und die Augen zumacht. Gleichsam das Gegenteil der unermüdlichen bdw-Leserschaft.

Am Nachmittag fahren wir auf die Chapada dos Guimarães, eine Tafelberg-Landschaft, dramatisches Klippenpanorama in Sandsteinrot. Wieder ein Kontrast, der nahezu wehtut. Abends sind wir nach Tagen der Stille wieder online, in einem lärmenden Touristenhotel mit Internet-Anschluss. Ach, Pantanal.

AUF DEM FELSPLATEU

Nach dem ersten Kulturschock erweist sich die Chapada dos Guimarães – die Hochfläche, auf der wir uns befinden – als interessanter und vielseitiger Lebensraum. Zunächst geologisch: Wenn ich Professor Burmeister richtig verstanden habe, stehen wir hier auf Meeresboden aus dem Devon. Die jüngeren Ablagerungen sind bereits vollständig abgewaschen, die Devonschicht aber ist härter, weil hier beim Verdunsten von Wasser Mineralien an die Oberfläche gestiegen sind wie bei der Entstehung des Wüstenlacks bei Paracas. Das Devon ist ziemlich lange her, rund 320 Millionen Jahre. Damals gab es nur Meereslebewesen. Darum findet man auf der Chapada versteinerte Muscheln und Armfüßer. Das ist eine Tiergruppe, die heute nicht mehr viel zu sagen hat.

Millionen Jahre hat es gedauert, bis sich die Sandsteinschichten aufgebaut hatten, auf denen unser Hotel steht. Doch sie werden nach und nach weggespült werden, in den Atlantik hinaus. Der Tafelberg in der Mitte des südamerikanischen Kontinents wird immer kleiner.

Unser Hotel steht direkt am Kliffrand. Wir sehen hinab auf Cuiabá, wo unser Fremdenführer Benedito Biologie studiert hat und immer noch wohnt. Sein Freund Fabiano wohnt in dem kleinen Ort Chapada selbst, in den sich kaum ausländische Touristen verirren. Er zeigt uns gern das wilde Leben in der Nachbarschaft. Und er hat dabei eine Mission: Die Welt soll erfahren, dass es in Brasilien unberührte Natur auch außerhalb von Nationalparks gibt. Es ist nicht alles gefährdet. „Hier findet man Spuren vom Tapir, vom Puma und vom Großen Ameisenbär fünf Minuten vor der Stadt.“ Er zeigt uns einige davon auf dem Sandweg, auf dem wir laufen. Er ist gesäumt vom Bauschutt neuer Anwohner. Wer hier Land kauft, so erklärt uns Fabiano, muss ab einer gewissen Größe 30 Prozent brach liegen lassen. Eine Naturschutzmaßnahme. In Amazonien sind es sogar 80 Prozent, die unberührt bleiben müssen. Offiziell zumindest.

Je nach Höhe findet man Regenwald oder Cerrado, Trockensteppe. Der Hauptunterschied liegt in der Größe der Pflanzen. Eine lila Blüte am trockenen Boden erweist sich als Jacaranda. Dieselbe Pflanze wird im feuchten Tal baumgroß.

Das Cerrado ist also Grasland, durchsetzt von Bonsai-Bäumen mit dicker Rinde, die vor Austrocknung schützt. Aber es gibt hier auch Bauernhöfe. Wir stoppen zwischen Zuckerrohr- und Bananenfeldern, die von Bougainvillea- und Hibiskushecken geschützt sind. Fabiano schneidet sich ein paar Triebe ab, für seinen eigenen Garten. Auch Baumwolle wächst hier, sogar wild.

Wir besuchen den Wasserfall mit dem schönen Namen „ Véu-da-Noiva“, Brautschleier. Ein Raubvogel kreist hier. Später kommen rot-blaue Aras paarweise angeflogen. „Das war nicht geplant“, sagt Reiseleiter Andreas Gross. Wir haben einfach Glück. Die Kameras klicken.

Zwei aus unserer Reisegruppe haben Geburtstag. Wir feiern am Abend in einem schlichten Lokal in der Innenstadt. Weil es heiß ist, werden nach dem Essen Stühle vor die Tür auf die Straße gestellt, dort wird weitergetrunken. Wir benehmen uns schon wie echte Südamerikaner.

IGUAÇU: GLEISSENDE GISCHT

Unsere Südamerika-Reise endet an den Wasserfällen von Iguaçu. Dieses Naturwunder zu beschreiben, ist unmöglich. Wer das nicht gesehen hat, wie sich schlammbraunes Wasser in eine Gardine aus sprühendem Weiß verwandelt, dann in eine Wolke aus gleißender Gischt, wer die doppelten Regenbögen nicht gesehen hat, die eine gut gelaunte Sonne über den Wasserabgrund spannt und die Segler, die todesmutig hineinfliegen bis hinter das stürzende Wasser – wer das alles nicht gesehen hat, weiß nicht, wovon wir schweigen.

Wir, eine überwältigte Reisegruppe aus Deutschland. Selbst die Österreicherin, die fast alles schon kennt auf dieser Welt, ist geblendet. Wir erholen unsere Augen vom Weiß, indem wir ins Grün des Regenwalds blicken. Auf allen Gesichtern dasselbe Strahlen. Reiseleiter Andreas Gross ist dem Wahnsinn nahe vor Glück: Er war schon mehr als ein Dutzend mal hier, aber noch nie bei solcher Beleuchtung. Dabei ist er es doch, der durch geniale Umstellungen im Programm den idealen Zeitpunkt für unseren Ausflug auf die argentinische Seite der Wasserfälle getroffen hat, wo wir die Fälle (hier Iguazú geschrieben) von oben sehen. 1500 Millionen Liter Wasser des Rio Iguazú stürzen hier über Felskanten in die Tiefe – im Durchschnitt. Für den gestrigen Tag waren sogar 2830 Millionen Liter angekündigt, heute 2430. Das „Hotel das Cataratas“ gibt neben der Wettervorhersage auch eine tägliche Wasservorhersage heraus.

Ausgewaschen werden Spalten, die sich beim Abkühlen vulkanischen Gesteins gebildet haben und in denen sich weichere Sedimente abgelagert haben. So entstehen insgesamt 275 Wasserfälle auf drei Kilometern Länge.

Nach unserer Ankunft am Nachmittag des 19. September flog ein Teil der Reisegruppe mit Helikoptern über die Fälle. Die Flüge dauern sieben Minuten, selbst bei bedecktem Wetter ein viel zu kurzes Vergnügen.

Der 20. September war der Tag, an dem wir drei Länder bereisten: Von unserem Hotel, das in Brasilien direkt gegenüber den Wasserfällen im Nationalpark steht, fuhren wir zuerst mit dem Bus zum binationalen Wasserkraftwerk Itaipú. Auf der Staumauer fahrend, passierten wir mitten im Fluss die Grenze zu Paraguay. Zehn Turbinen erzeugen hier für das große Brasilien Strom und decken den Energiehunger der südamerikanischen Wirtschaftsmacht. Zehn weitere arbeiten für das kleine Paraguay. Da es so viel Strom nicht braucht, zahlt es mit dem Überschuss seine Schulden an Brasilien zurück, die es seit Baubeginn 1974 beim Nachbarn hat. Dann geht es wieder zurück nach Brasilien und zum Mittagessen nach Argentinien. „Ein Dreiländereck“, sagt unser lokaler Experte Max, ein Brasilianer deutscher Abstammung. Als er einmal nach Europa reiste, besuchte er als Erstes das Dreiländereck Deutschland–Österreich–Schweiz am Bodensee. Es hat ihm gefallen, auch wenn der Rheinfall von Schaffhausen mit den Iguaçu-Fällen nicht mithalten kann.

Max spricht Brasiliendeutsch. Es hat eine leicht veränderte Grammatik und keine Umlaute. „Zindhelzchen“ sagt Max, wenn er von Zündhölzchen spricht.

Andreas Gross schlägt an diesem Dreiländertag große Bögen bei seinen Referaten im Bus. Wir nehmen mit, dass Brasilien die Wirtschaftskrise fast unbeschadet überstanden hat, vor Optimismus sprüht und den Motor für ganz Südamerika spielt. „Ein Land der Zukunft“ hat es schon Stefan Zweig genannt. Brasilien investiert in Bildung und Umweltschutz. Beides ist nötig, beides wird sich auszahlen.

„Was macht eigentlich Lula da Silva zur Zeit?“, will ich wissen. Es ist so still geworden um den populären ehemaligen Präsidenten von Brasilien, seit er nach zwei Amtszeiten die Regierungsgeschäfte an die Nachfolgerin Dilma Roussef übergeben musste. Mir imponiert der kleine, kompakte Mann, der in einer Analphabeten-Familie aufwuchs, es vom Schuhputzer zum Gewerkschaftsführer und kommunistischen Agitator brachte, schließlich zum erfolgreichen Sozialreformer und Weltpolitiker von Format.

Andreas Gross weiß es nicht, fragt aber unter unseren brasilianischen Begleitern herum. Dann kommt er mit der Antwort: „ Lula tut, was sich alle von ihm wünschen: Er regiert!“ Offensichtlich zieht er im Hintergrund die Fäden, berät Dilma und wartet auf die nächsten Wahlen, bei denen er wieder antreten darf.

Tierisch gesehen, wurde der Tag von den mutigen Seglern („ nicht verwandt mit den Schwalben“, klärt Burmeister auf) und von den kessen Nasenbären dominiert.

An den Haltepunkten der kleinen Eisenbahn, die Besucher von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt befördert, lauern sie auf die Touristen und ihre Wandervorräte. Auch einige der 2000 Schmetterlings-Arten, die hier an den Wasserfällen leben, haben wir bemerkt. Nur der Riesentukan, unser Logo-Vogel, hat sich hier an den Fällen erfolgreich vor uns verborgen.

Am Abend verabschieden wir uns von unserem unermüdlichen wissenschaftlichen Reiseleiter Ernst-Gerhard Burmeister oder – um es mit der Peruanerin Maria zu sagen – von „der Biologie“. Auch ihm hat es bei uns gefallen, er spendiert eine Runde Drinks. Während ein paraguayisches Duo mit Harfe und Gitarre sentimentale Weisen klampft, sagen wir auch ein vorläufiges Adiós zu unserem genialen Reiseleiter Andreas Gross und zu einander. Eine Gruppe aus extrem unterschiedlichen Persönlichkeiten hat zusammengehalten und viele Strapazen gemeistert.

ADIÓS CATARATAS

Es ist Zeit heimzukehren. Heute Mittag fliegen wir.

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