Neuer Aufbruch auf alten Pfaden - wissenschaft.de
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Neuer Aufbruch auf alten Pfaden

Zu keinem anderen Planeten des Sonnensystems sind so viele Raumsonden gestartet wie zum Mars, aber bei keinem anderen Planeten gab es auch so viele Mißerfolge. Vor allem die frühere Sowjetunion hat mit ihren Versuchen, den Roten Planeten zu erforschen, wenig Glück gehabt – allerdings standen die russischen Raketentechniker anfangs auch unter starkem Druck: die politische Führung hatte einen engen Zeitrahmen vorgegeben.

Schon im Oktober 1960, also gerade drei Jahre nach dem Start des ersten Sputnik, wollte der damalige Ministerpräsident Nikita Chruschtschow bei seinem Besuch der Vereinten Nationen in New York die Welt mit dem erfolgreichen Start einer sowjetischen Mars-Sonde beein-drucken, doch die beiden Raketen, die im Abstand von vier Tagen aufstiegen, erreichten nicht einmal die Umlaufbahn um die Erde. Erst elf Jahre später – beim elften und zwölften Versuch – schwenkten Mars 2 und 3 nach einer Flugzeit von jeweils knapp sechseinhalb Monaten im Spätherbst 1971 in eine Umlaufbahn um den Roten Planeten ein, nachdem sie zuvor je eine Landekapsel zur Mars-Oberfläche entsandt hatten.

Doch wieder blieb den Sowjets der Erfolg versagt: Die Funkverbindung zum ersten Lander riß kurz vor Erreichen der Oberfläche ab, und die Signale des zweiten verstummten 20 Sekunden nach der glücklichen Landung. Ein heftiger Staubsturm, der damals weite Teile der Mars-Oberfläche einhüllte, dürfte beiden Instrumentenkapseln den Garaus gemacht haben.

So konnten die russischen Raumfahrt-Techniker erst im Februar 1974 mit Mars 5 ihren ersten – und bislang einzigen – vollen Erfolg verbuchen. Sie hatten insgesamt vier Raumschiffe – je zwei Mars-Orbiter und -Lander – mit Proton-Raketen auf den Weg gebracht.

Doch nur einer der beiden gestarteten Mars-Orbiter erfüllte die ihm gestellten Aufgaben mit Bravour, die drei übrigen Sonden mußten erneut als Mißerfolge abgeschrieben werden: Beim zweiten Orbiter versagten die Bremstriebwerke, so daß er an dem Planeten vorbeischoß, bei einem der beiden Lander riß der Funkkontakt ab, wie schon bei seinen beiden Vorgängern, der andere schließlich verfehlte Mars im Landeanflug um ganze 1300 Kilometer.

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Der Schock war nachhaltig – erst 15 Jahre später wagte die Sowjetunion einen neuen Anlauf: Diesmal hatten auch einige europäische Nationen Experimente und Apparaturen beigesteuert. Doch der Funkkontakt zu Phobos 1 ging bereits wenige Wochen nach dem Start verloren, und auch Phobos 2 konnte seinen Auftrag nur teilweise erfüllen. Er hatte neben einer umfassenden Kartierung der Mars-Oberfläche vor allem Phobos, den größeren der beiden Mars-Monde, erkunden sollen, doch wieder einmal ging wenige Tage vor der entscheidenden Missionsphase der Funkkontakt verloren.

Vor der schier endlosen Serie von Fehlschlägen bei den Flugversuchen zum Mars erscheint es rückblickend fast waghalsig, daß die Forscher um Prof. Gerhard Neukum vom Institut für Planetenerkundung der DLR zwei hochwertige und extrem leistungsfähige Kameras mit auf die russische Mars-96-Mission schickten, die im November 1996 schon bald nach dem Start explodierte. Eine der beiden Kameras war gleichsam eine Erblast der ehemaligen DDR, die 1990 mit dem Vertrag zur deutschen Einheit übernommen wurde.

Doch das russische MarsProgramm geht weiter: Beim Treffen des amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore mit dem russischen Premierminister Viktor Tschernomyrdin Anfang Februar dieses Jahres wurde vereinbart, daß 2001 ein russisches Marsfahrzeug zum Roten Planeten entsandt werden soll – parallel mit einem amerikanischen Rover und teilweise mit amerikanischen Instrumenten ausgestattet.

Der Mars scheint das Unglück anzuziehen: Auch die amerikanischen Raumfahrttechniker, die erst vier Jahre nach ihren sowjetischen Kollegen den ersten Start zum Mars wagten, waren zunächst erfolglos. Die Schutzkappe, die während des Aufstiegs durch die Erdatmosphäre die Nutzlast umhüllte, öffnete sich nicht. Erst beim zweiten Versuch drei Wochen später erreichte Mariner 4 planmäßig die Übergangsbahn zum Mars – und Mitte Juli 1965 sein Ziel: Die ersten Nahaufnahmen vom Roten Planeten zeigten eine tote Kraterlandschaft, ähnlich der auf dem Mond. Für viele Ufo-Gläubige – und auch für Wissenschaftler – enttäuschend: Es gab keine Spur von „Kanälen“, und die Atmosphäre erwies sich als außerordentlich dünn und lebensfeindlich.

Nach zwei weiteren geglückten Vorbeiflügen im Sommer 1969 folgte im Herbst 1971 der erste künstliche Mars-Satellit: Mariner9 übermittelte innerhalb eines Jahres mehr als 7000 faszinierende Bilder unseres Nachbarplaneten, auf denen die Wissenschaftler zu ihrer großen Überraschung Spuren früherer Überschwemmungen, ausgetrocknete Flußbetten und riesige – allerdings erloschene – Vulkane sahen.

1976 landeten zwei mit automatischen Minilabors ausgestattete Instrumententräger Viking weich auf dem Mars. Zu ihren Hauptaufgaben gehörte die Suche nach Spuren möglicher Lebensformen. Die Instrumente schlugen mehrfach Alarm, doch die meisten Meßergebnisse lassen sich durch die spezielle chemische Umgebung auf dem Mars erklären. Lander und Orbiter sandten über mehrere Jahre hinweg zahllose Fotos und Meßdaten zur Erde, die unser Bild vom Roten Planeten entscheidend veränderten.

Von 1993 an sollte der Mars-Observer vor allem nach einem planeteneigenen Magnetfeld suchen, dessen Nachweis weitere Rückschlüsse auf den inneren Aufbau des Mars geben könnte. Doch der Funkkontakt mit der Sonde ging wieder einmal kurz vor dem Ziel verloren.

Derzeit sind mit dem Mars-Pathfinder und dem Mars-Global Surveyor zwei weitere Sonden auf dem Weg zum Roten Planeten. Sie werden im Juli und September dort ankommen.

Es bleibt spannend: Im Dezember 1998 ist der Start von zwei amerikanischen Mars-Surveyor-Sonden vorgesehen. Die eine soll auf der Mars-Oberfläche landen und dort wissenschaftliche Experimente durchführen. Die andere soll in der Mars-Umlaufbahn bleiben und von dort aus – neben eigenen Beobachtungen – als Datenrelaisstation für den Lander und für spätere Missionen dienen. Im Winter des Jahres 2001 sollen noch einmal zwei amerikanische Mars-Lander auf den Weg gebracht werden, von denen einer vielleicht ein russisches Mars-Auto mitnehmen wird. Hinzu kommt möglicherweise ein japanischer Mars-Satellit (Planet B). Vorschläge für eine Beteiligung der Europäischen Weltraumagentur an der Erforschung des Mars gibt es auch, doch werden sie angesichts der überaus angespannten Finanzsituation der ESA vorläufig wohl kaum umgesetzt werden.

Irgendwann im späten nächsten Jahrzehnt – konkrete Terminpläne dafür gibt es noch nicht – könnte eine Raumsonde Bodenproben vom Mars zur Erde bringen.

Und wann setzt ein Mensch zum ersten Mal seinen Fuß in den kühlen Mars-Sand? Wernher von Braun, der „Vater des Apollo-Programms“, hatte bereits in den fünfziger Jahren, noch vor dem Start des Sputnik, die Vision einer bemannten Mars-Expedition. Was er damals noch auf ein Datum „15 Jahre nach Apollo 11“ projizierte, ist inzwischen ins nächste Jahrtausend verschoben worden.

Aber auch die vor zehn Jahren bekannt gewordenen, noch unter dem Eindruck des „Kalten Krieges“ geborenen ehrgeizigen Pläne russischer Raumfahrt-Techniker, bis zum Jahr 2005 Menschen zum Mars zu bringen, sind durch die gewaltigen ökonomischen Probleme in Rußland längst begraben worden.

Unser roter Nachbar wird wohl noch einige Zeit auf persönlichen Besuch von der Erde warten müssen.

Hermann-Michael Hahn

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