Neuer Streit um die Wiege unserer Kultur - wissenschaft.de
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Neuer Streit um die Wiege unserer Kultur

Liegt Europas Ursprung in Anatolien? Troja, der Ort an den Dardanellen, verliert seinen Status als griechischer Vorposten in Kleinasein und mutiert zum eigenständigen Machtfaktor. Die Forscher streiten: Liegen Trojas Wurzeln in der Ägäis oder im kleinasiatischen Binnenland?

Die Stimme sinkt wohl schon gewohnheitsgemäß zum Flü-stern ab: „Ist der Chef da?“ Ja, er telefoniert, die Besucher von bild der wissenschaft mögen einen Moment warten. Kurz darauf tritt er auf – massiv, raumgreifend, mit wieselflinken Augen, den breitkrempigen Hut in der Hand: Professor Manfred Korfmann, Herr von Troja.

Homer, griechisch schreibender Dichter, begründete vor 2730 Jahren den Mythos dieses Ortes an der kleinasiatischen Mittelmeerküste; Heinrich Schliemann, deutscher Millionär, festigte ihn vor 125 Jahren; Manfred Korfmann, Archäologe aus Tübingen, webt weiter an der europäischen Legende – und sei es zum Zwecke der Aufklärung. Zu klären gibt es Grundlegendes genug: War Troja ein besseres Piratennest oder vorgeschichtliche Großmacht, Atlantis gar? Für die, die es immer noch wissen wollen: Hat der Trojanische Krieg stattgefunden. Und wenn ja, wann? Wieso eigentlich soll Troja die Wiege der europäischen Kultur sein? Und, wenn dem so ist, stammt dann das Holz der Wiege aus Zentralanatolien?

Die Wege zur Erkenntnis sind krumm und führen durch völlig unspektakuläres Gelände: Der Troja-Schuttberg, Hirsalik genannt, mißt bescheidene 180 mal 220 Meter und ragt knappe 30 Meter aus der Ebene „Troas“ hervor. Von ferne kann man ihn nur mit Mühe und Ortskenntnis ausmachen. Beim Gang durch die Ausgrabung helfen zwar dreisprachige Schautafeln – in Türkisch, Englisch, Deutsch -, doch bleiben Einblick und Übersicht selbst durch die Grobeinteilung der Siedlungsspuren von „Troja I“ bis „Troja IX“ schwierig. Der Besucher sollte sich vorbereiten oder einen guten Führer und Zeit mitbringen.

Zweifellos haben wir den kompetentesten Lotsen: Manfred Korfmann arbeitet seit 17 Jahren archäologisch in der Türkei, davon jetzt ein Jahrzehnt in Troja. Nach einer etwas befremdlichen Einführung unseres Trios bei den Mitarbeitern – kein Wort, daß wir Journalisten sind – und einer so nachdrücklichen wie obskuren Ermahnung, uns ja nicht ohne ihn vor dem Grabungshaus sehen zu lassen, nimmt der Professor uns mit auf seinen frühmorgendlichen Rundgang. Archäologie live: An jeder Station – es sind gut ein Dutzend – fragt er bei den Mitarbeitern den Stand der Arbeiten ab, das Grabungsprotokoll wird täglich geschrieben. Auf die schnelle Publikation der Kampagnenberichte ist Korfmann zu Recht stolz.

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Auch der frühe Besucher Schliemann hatte einen speziellen Führer: Mit Homers „Ilias“ in der Hand suchte der Begründer der modernen Archäologie nach der Stadt des Trojanischen Krieges. In einem wahren Suchrausch grub er sich quer durch den Hirsalik bis auf den letzten Siedlungsgrund hinab. Dort meinte er in Homers Troja, alias Ilios, Ilion, Ilium – der Feste des Priamos, der Helena, des Paris – angelangt zu sein. Ein grandioser Goldschatz, den er dort fand, konnte dann nur der „Schatz des Priamos“ sein, um den jetzt so heftig juristisch und politisch gehickhackelt wird.

Schliemann irrte – er hatte seine Zeitmaschine um 1000 Jahre zu spät angehalten; er war in der Frühbronzezeit von Troja II (2600 bis 2490 v. Chr.) gelandet. Die von Homer geschilderte Epoche – Kampf und Untergang einer mächtigen Stadt – aber lag am Ende der Bronzezeit, in Troja VI oder VII (1500 bis 1150 v. Chr.). An den Endpunkten dieser beiden Epochen läßt sich der Mythos von Troja als Wiege der europäischen Kultur dingfest machen.

„Der Mythos Troja ist absolut gerechtfertigt“, sagt zum Beispiel Dr. Eberhard Zangger. Der in Zürich lebende deutsche Altertumsforscher gilt Teilen der deutschen Archäologenzunft als Ketzer, seit er 1992 in einem Gedankenexperiment mit naturwissenschaftlichem Hintergrund Troja mit Platons Legendenstaat Atlantis gleichgesetzt hat. Auch für diesen „Quälgeist der Archäologie“ (Der Spiegel) entstand die europäische Zivilisation in der klassischen Antike. Alles, so Zangger, was das klassische Griechenland ausmacht – Philosophie, Architektur, Naturwissenschaften und Technik -, aber kam über die zahlreichen bronzezeitlichen Städte der kleinasiatischen Westküste.

Von den vielen Vermittlern ist in den Überlieferungen allein Troja erhalten geblieben – und auch nur als Legende. Aber: „Als die Kultur in Troja anlangte“, so Zangger, „war sie bereits 1000 Jahre alt und kam aus dem Osten.“

Das schmälert zunächst einmal nicht die überragende Funktion Trojas als kulturellem Drehpunkt zwischen Ost und West. Für die „westliche Welt“ waren die modernen Zeiten – mit dem weltverändernden Werkstoff Bronze und den anderen Neuerungen (siehe Zeittafel Seite 55) – aus Troja gekommen: ein weitgreifender Schritt in der Entwicklung der mittelmeerischen Zivilisation. Dafür steht die archäologische Datierung von Troja I bis III – das 3.

Die ägäische Drehscheibe bekommt Profil Die bronzezeitliche Unterstadt kommt zum Vorschein. Mit geophysikalischen Methoden entdeckten die Forscher in den letzten Jahren unter der griechisch-römischen Überbauung zwei Gräben. Troja-Ausgräber Korfmann deutet sie als Verteidigungssystem. Fläche (rund 240000 Quadratmeter) und damit Einwohnerzahl geben der Siedlung an den Dardanellen inzwischen den Status einer Metropole.

Das Südtor von Troja VI mit seinen anatolisch anmutenden Stelen (ganz oben) gibt auch nach 3700 Jahren noch einen Eindruck von der Wucht der Burganlage. Darunter: Die unerläßliche archäologische Kleinarbeit mit den Scherben. Jahrtausend vor Christus. Ebenso kennzeichnet Trojas Ende rund 1400 Jahre später eine tiefe Zäsur in der Ägäis: Reiche zerbrachen, die feine Keramik verschwand, als hätte es nie eine Töpferscheibe gegeben, die Schrift ging verloren – die Bronzezeit versickerte, gewaltige Umstürze wirbelten alle staatlichen und sozialen Ordnungen im östlichen Mittelmeerraum durcheinander, eine neue Ära, die Eisenzeit, irrlichterte am Horizont. Auch für diesen Kulturbruch, die sogenannten Dunklen Jahrhunderte, steht der Mythos Troja: „Troja VI und VII“ ist hier die archäologische Wegmarke – das 2. Jahrtausend vor Christus.

„Troja VI“, sagt Burgherr Korfmann beim Rundgang durch die Ruinen, „paßt am besten zu Homer.“ Dabei deutet er als Beleg auf die Festungsmauer aus wohlbehauenen, ritzenlos gefügten, erdbebensicher verbauten Quadern. Die Mauer ist weitgehend Original. Davor werkelt die Mannschaft in archäologischen Gruben, die, scheinbar direkt nebeneinander, vom 2. Jahrtausend bis zum Hellenismus um 300 v. Chr. reichen. Die Großbaustelle der Archäologie beschäftigt pro Saison, Juni bis September, rund 90 einheimische Arbeiter und – wechselweise – bis zu 100 Wissenschaftler. Die Geldbeschaffung wird da zu einer vordringlichen Arbeit des Grabungsleiters. Eine runde Million muß jedes Jahr zusammenkommen. Korfmanns Fertigkeiten auf diesem Gebiet sind beachtlich: Sogar beim Deutschen Archäologischen Institut (DAI) – selbst von Millionen-Einsparungen gebeutelt – holt er pro Jahr 30000 Mark ab.

Eine wissenschaftlich unangenehme Situation aus Trojas Frühzeit erläutert der Chefausgräber den Besuchern aus der Redaktion ein Stück weiter an kaum zu unterscheidenden Steinrelikten: Die Schutt-Schichten von Troja I, II und teilweise auch von Troja III liefen so ineinander, daß eine sichere Datierung nicht mehr möglich war.

Das war höchst unbefriedigend, denn Troja-Daten galten immerhin als „Leitfossilien“ der Antike. Korfmann erklärt jetzt diese drei Schichten als zeitgleiche Kulturen – die eine (grobes Geschirr, Troja I) als Hinterlassenschaften des einfachen Volkes in der Unterstadt; die andere (feine Keramik, Troja II) als Reste verfeinerter Lebensart „adliger“ Burgbewohner. Korfmann: „Troja II ist keine eigenständige Kultur, sondern die Ausprägung von Reichtum. Funde und Architektur legen nahe, künftig Troja I, II und III als eine Einheit zu akzeptieren.“

Bei anderen Archäologen läßt diese Interpretation die Augenbrauen nach oben wandern. Das Verhältnis zu dem prominenten Kollegen scheint bei vielen zwiespältig. Fast jeder benutzt, kommt die Rede auf Korfmann, die verräterische Floskel: „Persönlich bin ich gut mit ihm ausgekommen…“ Das Ende bleibt oft lau: „Er hat gute Ideen.“

Ein einfacher Mensch im Umgang ist dieser besessene Ausgräber sicher nicht. Die gedruckte Formulierung „…danke ich … Prof. Dr. Manfred Korfmann (Tübingen) für die erneut erteilte Genehmigung zur Publikation von Grabungsergebnissen“ deutet eher auf Knebelverträge hin denn auf Liberalität des Grabungsleiters gegenüber seinen Mitarbeitern. Und Formulierungen wie „…mit neuen, vorschnell interpretierten Meßergebnissen und Rekonstruktionen kommen wir nicht weiter, im Gegenteil“ im offiziellen Publikationsorgan „Stu-dia Troica“ zur „Verabschiedung“ des Münchner Geophysikers Helmut Becker aus der Troja-Mannschaft verzichten selbst auf das Minimum an Courtoisie.

Ein Jahr später, 1995, übrigens wurden Beckers „vorschnelle Meßergebnisse“ archäologisch, also mit dem Spaten, bestätigt. Es war das Stück eines zweiten Grabens um die Unterstadt von Troja VI.

Der erste Graben war bereits 1993 von Becker – zunächst als Mauer – prospektiert und im folgenden Jahr ausgegraben worden, er dehnte das Troja-Stadtgebiet schlagartig auf 200000 Quadratmeter aus. Das Burgareal selbst hat nur rund 20000 Quadratmeter.

Die beiden nahezu identischen, eindeutig künstlichen Gräben – rund 1,5 Meter tief, 3 Meter breit mit flachem Boden, 400 beziehungsweise 500 Meter von der Burg entfernt – sind Teil eines umfassenden Verteidigungssystems. Dessen ist sich Korfmann sicher.

Zur Absicherung seiner Ansicht über ein solches, in der Ägäis bislang einmaliges Schutzbauwerk zieht er philologische Interpretationen der Ilias heran: das Schiffslager der Achäer. Mit dem zweiten Graben wüchse das trojanische Stadtgebiet in der späten Bronzezeit um 20 Prozent, rechnet Korfmann.

Der ungeduldige Archäologe Eberhard Zangger deutet die beiden Gräben als die konzentrischen Schiffskanäle um Atlantis.

Korfmann spricht dem Kontrahenten deshalb die wissenschaftliche Reputation ab. Das hindert den jedoch nicht daran, weiter im trojanischen Schwemmland zu stochern.

Jetzt will er dazu sogar in die Luft gehen: In einer gerade veröffentlichten Projektstudie „Troja 3000“ im amerikanischen Verlag Roman and Littlefield legt Zangger dar, wie er sich eine flächendeckende Prospektion der Troas, vor allem des wenig untersuchten Gebiets nördlich des Burgbergs vorstellt: Nach Auswertung von Satellitenaufnahmen sollen Radarfotos aus 3000 Meter Höhe näheren Aufschluß über großflächige Strukturen und Veränderungen im Landschaftsbild bringen. Schließlich will er aus nur 100 Meter Helikopter-Höhe mit verschiedenen geophysikalischen Meßmethoden in den Boden dringen.

Dann erst, so Zangger, sollte man zum Spaten greifen. Besonderen Aufschluß verspricht sich der 39jährige von der Luft-zu-Boden-Prospektion des Schwemmgebietes nördlich und westlich vom Hirsalik. Hier postuliert er künstliche Häfen des bronzezeitlichen Troja. Sonderbares im Gelände gibt es dort genug: etwa den Kesik-Kanal, eine eindeutig von Menschen in einen Bergrücken geschlagene mehrere Meter breite Riesenrinne, die von der Ebene zum Meer hinabführt. Wozu betrieb man vor rund 3500 Jahren mit Bronzewerkzeugen einen solchen Aufwand?

Oder: Was hat es auf sich mit dem Geländebecken, das auch der Sedimentologe Prof. Ilhan Kayan als hafengeeignet ansieht?

Der Chef der Troas lehnt derlei Überlegungen schroff ab – und fühlt sich offenbar unter Druck gesetzt. Aber vielleicht erinnert sich Korfmann irgendwann seiner eigenen Worte: „Wann immer sich genügend gefunden haben, die mehrheitlich einer Meinung sind, kommt ein starker, befähigter Nachwuchs, um vieles oder gar alles in Frage zu stellen. Das pflegt für den Erkenntnisfortschritt meist fruchtbar zu sein.“

Wie auch immer die Erkenntnis in der Troas fortschreitet, eines ist nach 10 der geplanten 15 Korfmann-Kampagnen sicher: Eine „Piratenfestung“, wie Korfmann vor Beginn der Grabung postulierte, oder ein Fürstensitz von nur lokaler Bedeutung war das vorgeschichtliche Troja auf keinen Fall. Hier wuchs, geographisch begünstigt, über viele Jahrhunderte eine überaus reiche Stadt.

Reichtum macht mächtig – und weckt die Feinde. So kam es immer wieder zu Überfällen auf und Kriegen um Troja:Die Archäologen können sie in vielen Brandschichten nachweisen. Deshalb ist es wissenschaftlich müßig, nach dem einen, alles verschlingenden Trojanischen Krieg zu forschen. Aber die Sache ist zum Glaubenskrieg stilisiert worden, in dem selbst von Wissenschaftlern Parteinahme eingefordert wird.

Der mit allen Ägäis-Wassern gewaschene Taktiker Korfmann zieht sich passabel aus der Affäre: Persönlich glaube er an einen historischen Kern der Ilias, aber er suche ihn nicht. Den Philologen und Historikern allerdings, die mit archäologischen Befunden gegen einen historischen Trojanischen Krieg argumentieren, sagt er mit der Autorität seines Amtes: „Keines ihrer angeblichen Gegenargumente hat gegenwärtig mehr Bestand.“ Es gab einen finalen Schlag gegen Troja – und der ereignete sich um 1180 v. Chr. Danach senkten sich die „Dunklen Jahrhunderte“ über die damalige Welt.

Brisanter – und umstrittener – aber ist das Puzzle-Panorama, das der 55jährige Troja-Ausgräber aus vielen Steinchen seiner zehnjährigen Ruinenarbeit jetzt zusammenfügt. Korfmanns kühne These: Das bronzezeitliche Troja gehört zur zentralanatolischen Kultur.

Das ist ein Affront gegen alle klassischen Archäologen und Philhellenen, vor allem deutscher Provenienz. Für die ist eindeutig: Troja gehört zum Dunstkreis der verehrten mykenischen Hochkultur. Das paßt ins überhöhte Bild der Antike, und Scherben mykenischer Machart gibt es in den Trümmern tatsächlich genug. Doch das meiste davon war, wie der Bonner Kernphysik-Professor Hans Mommsen mit seinen „NeutronenaktivierungsAnalysen“ feststellte, in Troja selbst hergestellte, also nachempfundene Ware. Im nachhinein ist es für Korfmann völlig unverständlich, wie „man“ über den großen Mengen „mykenischer Keramik“ die riesigen Mengen einheimischen Geschirrs mißachten konnte – die lokale Keramik zählt nach Millionen.

In der Kampagne 1995 hatte ein Mitarbeiter ein Bronzesiegel gefunden, auf dem die unvollständigen Namen einer Frau und eines Mannes eingeritzt sind. Der Mann wird als „Schreiber“ tituliert. Bis in seine schriftlichen Darstellungen hinein ist Korfmanns Erleichterung zu spüren, endlich Schrift in seiner Stadt gefunden zu haben: „In Troja wurde professionell geschrieben!“

Die Schrift auf dem Troja-Siegel wurde als „hieroglyphen-luwisch“ eingeordnet, eine Schreibform, die die Hethiter neben ihrer akkadischen Keilschrift verwendeten. Luwisch allerdings ist eine über rund 1500 Jahre in weiten Teilen Kleinasiens verwendete Sprache. Dennoch zieht Korfmann den schnellen Schluß: „Es besteht Anlaß zu diskutieren, daß eine altanatolische Sprache hier in der Troas beheimatet war.“

Keine Silbe mehr davon, daß Troja eine „mykenische Stadt“ sei. Mehr noch: Weitere Belege für die anatolische Connection Trojas zieht Korfmann aus den archäologischen Befunden, etwa aus Hausformen und Stadtanlage: Frühe griechische Fürstensitze hätten keine Unterstadt gehabt, für anatolische dagegen sei sie charakteristisch.

Dieses Wilusa wird in hethitischen Keilschrift-Berichten über Krieg und Frieden erwähnt. Beide lokalisiert Korfmann als identisch im Nordwesten Kleinasiens, in Troja eben. Korfmann: „Jedenfalls besteht die Möglichkeit nun verstärkt, daß Troja/Ilios und seine Bewohner Teil der hethitisch-luwischen Welt waren.“

Eine Sichtweise, die der britische Wissenschaftsautor Michael Wood schon vor mehr als zehn Jahren in seinem Buch „Der Krieg um Troja“ dargelegt hatte. Gegenüber bdw-Autorin Waltraud Sperlich hatte der Troja-Chef solche Überlegungen vor sechs Jahren allerdings noch strikt abgelehnt.

Folgt man Korfmann auf seinem neuen Weg – oder dockt man bei entsprechenden Äußerungen Zanggers an, kamen die grundlegenden Impulse der europäischen Kultur aus den Tiefen Anatoliens. Unbestritten war das zentrale Kleinasien als Land zwischen Ost und West ein Schmelztiegel für Ideen und Innovationen. Die noch weitgehend unbekannten Anatolier der Bronzezeit haben die Einflüsse aus aller frühgeschichtlichen Welt aufgesogen, transformiert, Eigenes entwickelt und über die Küstenorte an der Ägäis weitergereicht – auch via Troja nach Griechenland.

Der emeritierte Professor Heinrich Otten, unbestrittener Altmeister der Hethiter-Forschung, bremst den gedanklichen Höhenflug sachte: „Ein bißchen mehr müßte man schon haben als ein einzelnes Siegel, das auch ein Händler später in der Hosentasche mitgebracht haben kann.“ Doch generell sieht er Korfmanns Versuch, Troja und das Hethiterreich Hatti enger zusammenzurücken „sehr positiv“. Aber: „Das Troja-Siegel reicht nicht aus.“

Wie auch immer: Ob mykenisches Piratennest, ägäische Kultur-Drehtür oder anatolische Großhandelsstadt – am Mythos Troja wird weiter gewirkt.

Manfred Korfmann: Lebenswerk an den Dardanellen Professor Manfred Korfmann, Herr über Troja. Der Tübinger Archäologe sammelt jeden Sommer seine Heerscharen zur Verteidigung mythenbeladenen Terrains in der nordwestlichsten Ecke der türkischen Ägäisküste. Der neue Kampf um Troja richtet sich gegen Vergessen und Bodenspekulanten, er wird geführt für Aufklärung und einen archäologischen Nationalpark. 90 einheimische Arbeiter und bis zu 100 Wissenschaftler stehen pro Saison unter der Weisung des 55-jährigen. Ein Anflug von Galgenhumor läßt Mitarbeiter an eine Tür schreiben: „Wir lassen uns nicht hetzen; wir sind bei der Arbeit und nicht auf der Flucht.“

Der omnipräsente Leiter der Forschungs-Großbaustelle fragt bis zu dreimal am Tag die einzelnen Gruppen nach dem Stand der Arbeiten ab: Übersicht muß er haben. Kontrolle, „alles im Griff“, will er haben. Mit grotesk anmutenden Blüten: Als der bdw-Fotograf sich in der – ohne Korfmann „verbotenen“ – Zone vor dem Grabungshaus aufhält, holt ihn der Chef persönlich zurück. Angst? Wovor? Seine Beziehungen reichen bis zum türkischen Präsidenten Demirel, mit dem er die Idee des archäologischen Nationalparks rund um Troja realisiert.

Ständig unter Dampf stehend, setzt sich der Grabungsleiter selbst unter Druck: Jedes Jahr muß ein Erfolg zu vermelden sein. Für die Sponsoren, für die Wissenschaft? Manche Korfmann-Interpretation wird von seinen archäologischen Kollegen mit Kopfschütteln kommentiert. Die Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit beherrscht der Wissenschaftler wie kaum ein anderer – von der Harfe bis zur Pauke. Telefon auf der Ausgrabung ist selbstverständlich, Faxgerät ebenfalls.

Seit nunmehr 17 Jahren arbeitet der Experte für die frühe Bronzezeit in der Türkei, deren Sprache er perfekt beherrscht; Land und Menschen sind ihm vertraut. Türkische Mitarbeiter einzubinden, ist ihm wichtig; irgendwann will er die Grabung ganz in türkische Hände übergeben. Vor zehn Jahren erhielt er – „ad personam“, wie er nicht müde wird zu betonen – die Lizenz für Grabungen in Troja, sein Lebenswerk.

Es wird ihn überdauern, denn der Mythos Troja wird, allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz, fortgeführt: Demnächst soll der Ort an den Dardanellen in den UNESCO-Rang eines Weltkulturerbes erhoben werden.

Zweifel, daß an diesem Beschluß der Herr von Troja, Prof. Manfred Korfmann aus Tübingen, heftig mitgewirkt hat, sind nicht erlaubt.

Eberhard Zangger: Mit Ungeduld in die Antike bild der wissenschaft: Herr Zangger, 1992 veröffentlichten Sie Ihr erstes Atlantisbuch, in dem Sie Troja mit der sagenhaften Stadt des Platon gleichsetzten. War das Provokation oder Überzeugung?

Zangger: Das war Naivität. Ich bin in den sechziger Jahren groß geworden und habe bild der wissenschaft gelesen. Das war eine unglaubliche Aufbruchstimmung damals: Die DNA wurde entschlüsselt, der Assuan-Staudamm gebaut. Das war meine Welt, ich wollte Wissenschaftler werden…

bild der wissenschaft: Und warum dann Troja/Atlantis?

Zangger: Ich habe immer gedacht, daß Wissenschaft dazu da ist, Ideen zu produzieren und Neuland zu erschließen. Ich dachte, meine Atlantis-These wäre eine gute Idee, weil sie neue, dringend benötigte Anreize für die ägäische Frühgeschichte liefert.

bild der wissenschaft: Und die Reaktionen hierzulande? Zangger: In Deutschland kommt es nicht auf den Inhalt an, sondern darauf, wie und von wem etwas gesagt wird. Aber das habe ich erst danach gelernt.

bild der wissenschaft: Stehen Sie heute noch zum Inhalt Ihres Buches?

Zangger: Damals habe ich es als rein intellektuelle Übung betrachtet, weil ich meinte, die Argumente seien so faszinierend, daß man drüber sprechen sollte. Inzwischen sind etliche Jahre vergangen, und ich habe viel zusätzliches Material gesammelt. Ich würde heute sagen: Die Wahrscheinlichkeit „Troja gleich Atlantis“ liegt bei 99 Prozent – die, daß Troja wirklich Troja ist, hingegen höchstens bei 98 Prozent.

Michael Zick

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