Nie wieder Elfenbeinturm - wissenschaft.de
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Nie wieder Elfenbeinturm

Mit einem neuen Ansatz wollen Forscher dafür sorgen, daß Wissenschaft und Gesellschaft mehr aufeinander zurücken. Prof. Manfred Ehrhardt, Generalsekretär des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, ist vom Erfolg überzeugt.

Als die Wissenschaftsorganisationen im Mai letzten Jahres ihr Memorandum „Dialog Wissenschaft und Gesellschaft“ vorstellten, rieb sich die Begeisterung der Unterzeichner an der Skepsis der Wissenschaftsjournalisten – ein idealer Einstieg für einen Dialog. Denn mit der Initiative will die Wissenschaft ein Zeichen setzen: Das Verständnis für und das Verstehen von Wissenschaft in der Bevölkerung soll größer werden. Zugleich wollen sich die Wissenschaftler der gesellschaftlichen Bedeutung ihres Tuns stärker bewußt werden und die Gesellschaft besser verstehen, sich auf deren Anliegen und Überlegungen einstellen und sich mit der Ambivalenz von Fortschrittshoffnung und Zukunftsangst auseinandersetzen. Gefragt sind nicht Verlautbarungen, sondern ein offenes, auch kritisches Gespräch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Die Wissenschaft will gleichzeitig beweisen, daß sie als Einheit handelt. Tatsächlich hat es bislang kein Memorandum gegeben, das so einhellig und breit von allen Wissenschaftsorganisationen getragen wurde. Das Memorandum stellt eine Selbstverpflichtung der Wissenschaftler dar, keinen bloßen Appell. Daß es als Maßnahmenkatalog ernst genommen wird, zeigten die ersten Aktivitäten. So hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft wenige Tage nach Unterzeichnung des Memorandums ihre Förderrichtlinien so modifiziert, daß nun auch Dialog-Aktivitäten finanziell unterstützt werden können. Auch der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat gleich zu Beginn ein mit 500 000 Mark dotiertes Förderprogramm „PUSH – Dialog Wissenschaft und Gesellschaft“ ausgeschrieben, um der Aktion Schub zu verleihen. Die Resonanz war mit 216 Anträgen überwältigend. Sie beweist, daß die Notwendigkeit zu verstärkter Kommunikation an der Basis der Wissenschaft gesehen wird.

Die Jury, in der Vertreter von Wissenschaft, Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus sitzen, hat im vergangenen Dezember 22 modellhafte Initiativen ausgewählt. Sie alle schließen die Zielgruppe in die Planung ein und suchen engen Kontakt mit Kommunikationsprofis. Nur so kann es zu einem echten Austausch kommen. Die Projekte reichen von einer originellen „ Science Night“ in Aachen über ein „chemisches Wissenschaftstheater“ in Dresden bis zur experimentellen Erprobung neuer Fernsehinhalte, die in einer internationalen Partnerschaft von Wissenschaftlern und Journalisten angegangen wurden. Alle 22 Projekte werden von einem Mitglied der Jury begleitet, das dem Stifterverband über den Fortgang berichtet. Die dadurch gewonnenen Erfahrungen fließen in die nächste Ausschreibung ein, die zielgenauer formuliert werden kann.

Die führenden deutschen Wissenschaftsorganisationen stellen zusammen mehrere Millionen Mark aus ihren Budgets für gemeinsame Aktivitäten bereit. Die konkreten Vorhaben wurden in diesen Tagen der Öffentlichkeit vorgestellt: So wird es im September in Bonn ein erstes öffentliches Wissenschaftsfestival geben. Solche Wissenschaftsfestivals nach anglo-amerikanischem Vorbild sollen künftig jährlich in wechselnden Städten ausgerichtet werden, 2001 wird es in Berlin stattfinden. Natürlich reicht eine jährliche Veranstaltung nicht aus, um den Dialog nachhaltig in Gang zu bringen. Deshalb wird eine Vielzahl kleinerer Unternehmungen und unterschiedlicher Kooperationsformen angestrebt, etwa gemeinsame Projekte mit Kindergärten und Schulen, Begleitausstellungen zu wissenschaftlichen Kongressen oder Medienpartnerschaften. Koordiniert werden die Aktivitäten von einer neugegründeten gemeinnützigen Agentur mit Sitz in Berlin.

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Wenn es gelingt, den mit dem Memorandum geschaffenen Rahmen mit Leben zu füllen, kann die Initiative „Wissenschaft im Dialog“ ihre Wirkung in mehrere Richtungen entfalten: Ein gut informierter Bürger kann seine Rolle in Gesellschaft und Demokratie besser wahrnehmen. Der bessere Blick auf Wissenschaft und Forschung führt zu neuen Prioritäten in der Politik. Die Hochschul- und Forschungseinrichtungen erhalten ein weiteres Instrument zur Profilschärfung. Junge Menschen interessieren sich wieder stärker für eine akademische Karriere in einer Zeit, in der der Faktor Wissen eine weitaus größere Bedeutung erlangt als die klassischen Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Rohstoffe. Die Unterzeichner-Organisationen haben sich selber unter starken Erfolgsdruck gesetzt. Es wäre daher nicht nur eine Enttäuschung für die Initiatoren, sondern könnte der Wissenschaft auch ernsthaft schaden, wenn der Aufbruch aus dem Elfenbeinturm hierzulande mißlingt.

Manfred Erhardt

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