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Noch vor hundert Jahren waren

Noch vor hundert Jahren waren Heilungsversuche von Nervenkrankheiten reine Verzweiflungstaten. In vielen Ländern wurde die Melancholie routinemäßig mit Opium behandelt. In Wien hatte Julius Wagner Ritter von Jauregg, der Chef der Universitäts-Nervenklinik, seine eigene Methode, Syphiliskranke mit angegriffenem Nervensystem zu therapieren: Er injizierte ihnen die Erreger einer nichttödlichen Form von Malaria. Wagner-Jauregg hatte festgestellt, dass Fieber die Wahnsymptome besserte. Dafür erhielt er 1927 den Medizin-Nobelpreis. Die Methode funktionierte tatsächlich – allerdings hatten die Patienten nun unter Wechselfieber, Schüttelfrost und Gliederschmerzen zu leiden.

Trotzdem war damit der Grundstein für die „Somatotherapien“ gegen psychische Erkrankungen gelegt. In den Dreißigerjahren behandelte der Psychiater Manfred Sakel, ebenfalls in Wien, depressive und schizophrene Patienten mit Insulin-Schocks. Er schickte sie gezielt in ein Unterzuckerungskoma, in dem es auch zu Krämpfen kam. Seine deutschen Kollegen ergriffen dankbar diese Chance, ihre Patienten nicht länger nur zu verwahren, sondern endlich aktiv zu behandeln.

Etwa gleichzeitig versuchte es auch der Oberarzt Ladislaus von Meduna an der Königlich Ungarischen Psychiatrischen Heilanstalt Budapest-Lipötmezö mit Krampfanfällen bei Schizophrenen. Allerdings löste er diese mit Kampfer-Lösungen oder der Chemikalie Cardiazol aus. Von Meduna vertrat die falsche Theorie, die „biologischen Zustände“ Epilepsie und Schizophrenie schlössen einander aus.

Doch Cardiazol verödete die Venen, wenn es immer wieder gespritzt wurde. Außerdem erzeugte es bei den Patienten Todesangst. Daher beschloss Ugo Cerletti, der Direktor der Neuropsychiatrischen Universitätsklinik in Rom, die Krämpfe elektrisch zu erzeugen. Bei den ersten Versuchen steckte sein Team Hunden Elektroden in Mund und After und schaltete den Strom ein. Über die Hälfte der Tiere starb. Erst der Assistent Lucio Bini erkannte, dass das Herz nicht in der Stromschleife liegen darf. Die Elektroden kamen nun an den Kopf.

1938 testete Cerletti das neue Verfahren in einem abgeschiedenen Raum der Klinik an einem 19-jährigen Schizophrenen. Die ersten zwei Stromstöße mit 80 und 90 Volt erzeugten keinen Krampfanfall. Stattdessen klagte der Patient, die Behandlung sei „mörderisch“. Unbeirrt ließ Cerletti einen dritten Schlag mit 110 Volt verabreichen. Das führte zu einem fast einminütigen Anfall. Nach elf Behandlungen konnte der Patient entlassen werden.

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Schon im nächsten Jahr wurde die neue Methode auch in Deutschland eingesetzt und verbreitete sich schnell. Viele deutsche Anstaltspsychiater wirkten zu dieser Zeit im Zuge des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms an der Tötung von Patienten mit. Gleichzeitig versuchten manche, jenen Menschen zu helfen, die sie als besserungsfähig betrachteten. Doch Medikamente waren während des Kriegs knapp. Das galt auch noch nach Kriegsende. Die elektrische Behandlung kam ohne Medikamente aus – und für einen Pfennig Stromkosten hätte man das Gerät eine ganze Stunde lang laufen lassen können, wie ein Spezialist 1952 ausrechnete.

Die Vierziger- und Fünfzigerjahre waren in Deutschland wie international die große Zeit der Elektrokrampftherapie – und ihres Missbrauchs. Mediziner empfahlen sie gegen Asthma, akuten Rausch, Pubertätskrisen sowie als Überrumpelungstaktik bei „ primitiven Hysterikern“. Einer nannte sie „das souveräne Mittel der Beruhigung“ von erregten Patienten. Dem Pflegepersonal sollte damit die Arbeit erleichtert werden. Die meisten Patienten erlebten die Behandlung allerdings als traumatisch.

Erst Mitte der Fünfzigerjahre wurden Narkosen zur Routine. Doch da verdrängten bereits die gerade entdeckten Psychopharmaka die Elektrokrampftherapie. Erst nachdem sich in den Siebzigerjahren die Grenzen der Medikamente herumsprachen, griffen die Psychiater wieder etwas mehr auf das Stromverfahren zurück.

Von den großen Somatotherapien gegen Geisteskrankheiten, die mit Wagner-Jaureggs Malariakur begonnen hatten, hat die Elektrokrampftherapie sich als Einzige bis heute gehalten.

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Die von der Carstens-Stiftung ursprünglich einmal unter strategischen Gesichtspunkten initiierte Förderung der Präsenz der Homöopathie an den Münchner Universitäten hat viele Facetten. Da gibt es Ringvorlesungen und als Wissenschaft getarnte Werbung, aber durchaus auch, selten, ernsthafte, wenngleich diskussionsbedürftige Forschung.

Das homöopathische Behandlungsangebot in der Kinderheilkunde an der Haunerschen Kinderklinik hat auch überregional Aufmerksamkeit gefunden. In der klinischen Praxis vermutlich für die Kinder psychosozial häufig hilfreich, pharmakologisch dagegen absurd und in der pseudowissenschaftlichen Einhäusung „Homöopathie“ für ein Universitätsklinikum untragbar, zeichnet sich an der LMU eine Entwicklung ähnlich wie an der Uni Wien ab: Man wird sich, auch durch interne Diskussionen, der Unvereinbarkeit von CT und Bilsenkraut bewusst und zieht sich Schritt für Schritt, ungeachtet heftigen Protests sowohl gutmeinender Eltern als auch professioneller Lobbyisten, aus der Geschichte zurück – zumal die Carstens-Stiftung auch finanziell nichts mehr zu diesem friedlichen Miteinander von Vorgestern und Heute beiträgt.

Dazu ohne weitere Erläuterungen, weil selbsterklärend, vier Screenshots:
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Website http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Kinderklinik-und-Kinderpoliklinik-im-Dr-von-Haunerschen-Kinderspital/de/ambulanzen/homoeopathie/index.html am 6.4.2011, dokumentiert von webarchive.org


Website http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Kinderklinik-und-Kinderpoliklinik-im-Dr-von-Haunerschen-Kinderspital/de/ambulanzen/homoeopathie/index.html am 20.1.2018, dokumentiert von webarchive.org


Website http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Kinderklinik-und-Kinderpoliklinik-im-Dr-von-Haunerschen-Kinderspital/de/ambulanzen/homoeopathie/index.html am 6.6.2018, dokumentiert von webarchive.org


Website http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Kinderklinik-und-Kinderpoliklinik-im-Dr-von-Haunerschen-Kinderspital/de/ambulanzen/Integrative-Paediatrie/index.html, Screenshot vom 10.11.2019
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Ob die neuerliche Zuwendung der bayerischen Politik zur Homöopathie demnächst bei einem anderen Münchner Universitätsinstitut die Bilderserie von vorn beginnen lässt, wird sich zeigen. Ich neige nach wie vor zu einer dialektischen Interpretation dieser Entwicklung: Unsere Weltbilder werden immer wissenschaftlicher, das gebiert Gegenströmungen, mit mehr oder weniger guten Gründen, in mehr oder weniger guten Erscheinungsformen. Das gilt auch für die Medizin. Die Homöopathie ist keine gute Medizinkritik.

http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2019/11/10/homoeopathie-an-der-lmu-muenchen-seitenwechsel-in-chronologischer-reihenfolge/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=homoeopathie-an-der-lmu-muenchen-seitenwechsel-in-chronologischer-reihenfolge

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