OSNABRÜCK SO KLINGT DIE EVOLUTION - wissenschaft.de
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OSNABRÜCK SO KLINGT DIE EVOLUTION

Nicht nur mit Worten, sondern auch mit Kindertheater (links) und Tönen: Auf vielfältige Weise wird in Osnabrück eine Wanderausstellung zum Darwin-Jahr gestaltet.

Warum ist das Gefieder der Schleiereule so flauschig? Die Mädchen hören das scharfe Zischen der Rabenfeder, wenn diese die Luft durchschneidet. Dagegen sausen die Eulenfedern in den Händen des Biologen und Museumspädagogen Norbert Niedernostheide lautlos hin und her. Die Kinder begreifen, weshalb die Eule nachts unbemerkt ihre Beute jagen kann. Anschauungsunterricht in Sachen Evolution für die „Theatermäuse“: ein Dutzend Mädchen zwischen sieben und zwölf Jahren, die unter der Anleitung von Annette Schekahn vom Theater Osnabrück seit September 2008 aus dem Wissenschaftsthema ein Bühnenstück machen. Gemeinsam mit den Kindern entwickelt die Theaterpädagogin Themen, Texte und Kostüme. „Ungewöhnlich und spannend ist es“, schwärmt sie, „wie hier Kunst und Wissenschaft aufeinandertreffen.“

Evolutionsbiologe Klaus Reinhold und Museumsmann Niedernostheide, die der kreativen Truppe beratend zur Seite stehen, äußern erste Wünsche: Eine Szene, wie die Fische das Wasser verlassen und Land besiedeln. Die verschiedenen Arten zu fliegen. Die Entwicklung der Sprache. All das wären für die Bühne reizvolle Bilder. Doch erst im Mai 2009 wird sich der Vorhang heben für die Überraschung „Evolutionstheater“. Die Schau gehört zum Vorprogramm der Ausstellung „Evolution unterwegs“. Im Herbst vor dem Darwin-Jahr betonen die Macher: „Wir sind hier selbst noch alle unterwegs.“ Auch der Spielort für die Theaterkinder ist gerade im Werden: ein neuer Veranstaltungsraum im Osnabrücker Natur- und Umweltmuseum am Schölerberg. Das Umweltbildungszentrum ist Herz und Hirn des Projekts; die interdisziplinäre Gruppe steht an diesem Ort auf sicherem Grund. Professor Reinhold und sein Kollege von der Universität Bielefeld, Dr. Thomas Steinlein, haben zusammen mit einer Gruppe von Studentinnen bereits an einer Wanderausstellung des Museums mitgewirkt, die wie eine Ouvertüre für das Projekt „Evolution unterwegs“ anmutet: „Neobiota – Aliens im Vorgarten“ befasst sich mit eingewanderten Pflanzenarten. Die Ausstellung ist seit 2005 weit gereist und meldet bereits 230 000 Besucher. Neben der Erfahrung sorgt der reiche Museumsfundus dafür, dass auch die Evolution leichtfüßig und anschaulich daherkommen kann. Material gibt es genug im Umweltbildungszentrum: von den Eulenfedern bis zu Affenschädeln.

„Erlebnisorientiert“ ist ein Wort, das Niedernostheide oft benutzt. Ganz Osnabrück soll dem Ausstellungsbeginn im Juni 2009 neugierig entgegenfiebern. Das zu erreichen, versucht auch Philipp Münch – mit ganz besonderen Tönen. „Ich will das Wunder der Evolution erfahrbar machen“, begeistert sich der Musiker aus Bielefeld, der früher Biologie studiert hat und zunächst Lehrer werden wollte. Seine elektronische Musik passe wie keine andere zum Thema, findet Münch, „denn wir sind Kinder unserer Zeit. Und dazu gehört auch die Evolution der Technik, also die Entwicklung ganz neuer musikalischer Möglichkeiten“. Seine 60-minütige „ Evolutionssymphonie“ eröffnet im April 2009 das Darwin-Jahr in Osnabrück und wird in der Ausstellung zur Begleitmusik mutieren.

Schon einige Jahre beschäftigt sich Münchs Gruppe Mandelbrot mit „Ambient Music“: Tonkunst, die Klangexperimente wagt und neue Tonlandschaften („Soundscapes“) am Computer erschafft. In der Musik selbst finden „evolutionäre Prozesse“ statt. Der Musiker zählt einige auf: Durch Lautstärkenverläufe schieben sich Themen in den Vordergrund und verschwinden wieder, Tonelemente sterben aus oder wandeln sich von ruhig zu rhythmisch, von lärmend zu leise. Hörbar werden „Umwelteinflüsse“: Verkehrsgeräusche etwa oder Industrielärm. Auf der Hörprobe „Evolution 6″ der Auftragskomposition sind Vogelgezwitscher und Wasserrauschen zu vernehmen. Schritte im Schlamm und wabernde Tonfolgen erschaffen eine Urlandschaft, durch die Dinosaurier stapfen – zumindest stellt sich diese Vorstellung beim Hören unmittelbar ein. Die sechs- bis achtminütigen Musikteile werden auf der Bühne am Mischpult erst zu einem Ganzen. Und sie sollen von Animationen auf einer großen Leinwand begleitet werden.

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SEX IN THE CITY – JUGENDFREI

Aus dem Konzertsaal raus in die Stadt: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass ein Dekolleté und ein Po-Ansatz viel gemeinsam haben? Und auf welche Weise High Heels den weiblichen Bewegungsablauf verändern? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Studentin der Umweltwissenschaften Lisa Bleik. Ihr Projektthema: Welche Körpersignale beeinflussen die Partnerwahl? Daraus wird in Osnabrück der Aufreißer „Sex in the City“ – absolut jugendfrei, aber spannend. In einem Schaufenster der Innenstadt werden die Ergebnisse ihrer Bachelor-Arbeit mit Puppen nachinszeniert. Und zwar so, dass selbst Evolutionsmuffel aufmerken werden.

Die „Bauanleitung“ für die Sex-in-the-City- Einheit wandert – genau wie die auf CD gebrannte Evolutionsmusik – in den Osnabrücker „Evolutionskoffer“. Er soll ein Dutzend Mal aufgelegt werden und kann anstelle der Ausstellung Inhalte vermitteln.

Im Idealfall aber reist er den Exponaten voraus, um Multiplikatoren wie Lehrer und Ausstellungsmacher auf Darwins Gedankenwelt einzustimmen und um Besucher in dessen Studierstube zu locken. Denn das Darwin’sche „Gedankengebäude“ im Fünfeck-Format ist das Kernstück der Ausstellung „Evolution unterwegs“: Von oben betrachtet sitzt der Gelehrte nebst seinen Theorien in dem fünfeckigen Zimmer wie eine Spinne im Netz. Ein Schauspieler leiht ihm seine Stimme. Drumherum kann der Besucher Zuchttauben anschauen oder sich in DNA-Experimente vertiefen. Wenn er will, kann er Schmetterlinge am Computer mit der „ virtuellen Fliegenklatsche“ jagen: Die überlebenden Tiere, die sich „fortpflanzen“, werden immer unscheinbarer werden, weil sich alle Fänger auf die auffälligen Tierchen stürzen. Norbert Niedernostheide freut sich: „Das ist erlebte natürliche Selektion.“ ■

von Charlotte Kerner

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aber|ken|nen  〈V. t. 166; hat〉 1 jmdm. etwas ~ 〈Rechtsw.〉 erklären od. entscheiden, dass jmd. ein Recht nicht habe, dass jmdm. ein Besitz nicht zustehe 2 jmdm. eine Eigenschaft, eine Fähigkeit ~ erklären, dass er sie nicht besitze ... mehr

Ku|gel|ge|lenk  〈n. 11; Anat.; Tech.〉 Gelenk, bei dem eine Kugel in einem Teil einer Hohlkugel gelagert ist

Bo|le|ro  〈m. 6〉 1 〈Mus.〉 1.1 mäßig schneller span. Tanz im 3 / 4 ... mehr

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