Poker um Pocken - wissenschaft.de
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Poker um Pocken

Warum kein Land als erstes seine Virus-Vorräte vernichten will. Ein Erzfeind der Menschheit schien endgültig besiegt: 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Pocken als ausgerottet. 20 Jahre danach erlebt die Angst vor den Erregern eine häßliche Renaissance.

Ali Maow Maalin hätte es sich nicht träumen lassen, in die Medizingeschichte einzugehen: Der 23jährige Krankenhauskoch aus dem kleinen Ort Merka in Somalia war der bislang letzte Mensch, der sich auf natürlichem Wege mit einem Pocken-Erreger infizierte. Am 26. Oktober 1977 diagnostizierten Ärzte bei ihm eine Infektion mit der Virus-Variante „Variola minor“. Nach mildem Krankheitsverlauf heilten seine Pusteln aus. Zwei Jahre vorher, im November 1975, war Rahima Banu genesen. Das dreijährige Mädchen aus Bangladesch hatte als letzter bekannter Mensch eine schwere, bei mindestens 30 Prozent aller Patienten tödliche „Variola major“-Infektion überstanden. Ein beispielloser Kraftakt der Weltgesundheitsorganisation WHO hatte sich offenbar ausgezahlt. Bis in die abgelegensten Winkel der Erde waren WHO-Mitarbeiter elf Jahre lang vorgedrungen, um die Pocken auszurotten – eine Krankheit, die vor 1967 jedes Jahr noch rund zwei Millionen Menschen tötete, Unzählige das Augenlicht kostete und mit Pockennarben zeichnete. Auf jeden neuen Ausbruch hatte die WHO mit gezielten Massenimpfungen reagiert, bis der mörderische Erreger am Ende den Kürzeren zog. Feierlich erklärte die WHO am 8. Mai 1980 die Welt für „pockenfrei“ – und ein weltweites Pokerspiel mit hohem Einsatz begann. Die Pocken sind besiegt. Und doch wächst die Bedrohung durch dieses Virus von Jahr zu Jahr – im selben Maß, wie der Impfschutz der Menschheit abnimmt. Alle Länder außer den USA und der Sowjetunion hatten nach der Siegesmeldung von 1980 zugesagt, vorhandene Virus-Bestände zu zerstören. Auch der allgemeine Impfzwang wurde wenig später aufgehoben. Eine schlimme Ära schien zu Ende, glaubte damals auch Prof. Donald A. Henderson, der die ruhmreiche WHO-Aktion geleitet hatte. Heute gehört er zu denen, die befürchten, daß das Kapitel „Pocken“ voreilig geschlossen wurde. Henderson, inzwischen Direktor des Zentrums für zivile Verteidigung gegen Biowaffen an der Johns Hopkins School of Public Health in Baltimore, macht sich Sorgen. In einer Welt ohne Pocken-Impfung, in der Menschen immer häufiger und weiter reisen, sei „das Vernichtungspotential dieser Krankheit weitaus größer als je zuvor“, warnte er Ende 1998 anläßlich eines Workshops im Institute of Medicine, einem Ableger der Nationalen US-Akademie der Wissenschaften. Thema des Workshops war der Umgang mit den beiden letzten offiziellen Virus-Beständen der Welt. Sie lagern in einem hermetisch abgeriegelten Hochsicherheitslabor der US-Seuchenbehörde CDC in Atlanta sowie im Staatlichen Russischen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie bei Nowosibirsk. Dreimal schon hat die WHO feste Termine zur Vernichtung dieser Vorräte angesetzt. Dreimal wurde die Aktion wieder abgeblasen. Zuletzt räumte im Mai 1999 die Generalversammlung der WHO in Genf den Pocken-Viren eine angeblich allerletzte Galgenfrist bis Juni 2002 ein, weil sich Befürworter und Gegner der Vernichtungsaktion immer noch nicht einigen konnten. Einige Virologen – zu ihnen zählt auch Prof. Reinhard Kurth, Direktor des Berliner Robert-Koch-Instituts – haben moralische Bedenken. Sie fragen, ob es der Menschheit zustehe, eine Spezies vorsätzlich auszurotten. Auch ein Gutachten des Institute of Medicine plädiert für Schonung der gefrorenen Killer: Man solle das Virus erst noch besser mit neuen Methoden erforschen, bevor es – und mit ihm womöglich der Schlüssel zu Arzneimitteln, Impfstoffen und Testverfahren – unwiederbringlich verlorengehe. Gerade von den Pocken-auslösenden Variola-Viren versprechen sich manche Forscher tiefere Einblicke in die grundsätzliche Funktionsweise unseres Immunsystems. „Jeder kann sich Situationen vorstellen, in denen man das Virus gerne aus dem Tiefkühlschrank holen würde.“ So faßt Prof. Harold E. Varmus, Leiter der US-Gesundheitsbehörde National Institutes of Health, die Position der Vernichtungsgegner zusammen. Die Befürworter argumentieren: Für weitere Forschungen könne man sich auch der vorliegenden Gensequenzen bedienen – oder tierischer Pocken-Viren: Mit denen ließe es sich auch im Tierversuch arbeiten – anders als bei den Variola-Erregern, die nur für Menschen infektiös sind. Die mehr als vage Hoffnung auf neuartige Therapeutika stehe in keinem vernünftigen Verhältnis zu dem Risiko, daß eines Tages doch einmal Viren aus einem der beiden Lagerbestände entweichen könnten, meint Donald Henderson. Er sähe die Pocken-Viren lieber heute als morgen vernichtet. Doch ob es dazu tatsächlich in absehbarer Zeit kommen wird, erscheint zweifelhaft. Um so mehr, als sich US-Präsident Bill Clinton inzwischen persönlich auf die Seite der Vernichtungsgegner geschlagen hat. Denn seit Ende 1998 liegt der amerikanischen Regierung ein Geheimdienstbericht vor, demzufolge auch Nord-Korea und der Irak mit hoher Wahrscheinlichkeit über Bestände an Pocken-Viren verfügen. Bereits im Mai 1998 hatte Ken Alibek, ehemals stellvertretender Direktor der sowjetischen Behörde für die Erforschung und Herstellung biologischer Waffen, vor dem US-Kongreß ausgesagt: Der Kreml habe mit falschen Karten gespielt, als er sich an der WHO-Aktion zur Ausrottung der Pocken beteiligte. Moskau habe konsequent die militärische Chance nutzen wollen, daß „eine nicht länger gegen Pocken geimpfte Welt wieder anfällig für die Seuche“ sei, schreibt Alibek in seinem brisanten Buch über Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Schon seit 1981, so der Ex-Biowaffen-Manager weiter, sei in der Sowjetunion forciert an waffenfähigen Pocken-Viren geforscht worden. In Geheimlabors hätten tonnenweise Variola-Kampfstoffe gelagert. Davon etwas abzuzweigen, dürfte spätestens in den Wirren während der Auflösung der Sowjetunion kein unüberwindliches Problem gewesen sein. Für die Sicherheit der bei der US-Seuchenbehörde aufbewahrten Virus-Bestände garantieren die Amerikaner. Wie es um die Virus-Vorräte in Nowosibirsk bestellt ist, weiß im Westen niemand. Das Lager wurde jahrelang nicht von der WHO inspiziert. Bei einem Besuch im Herbst 1997 habe er eine „ halbleere Anlage und eine Handvoll Wachtposten vorgefunden, die seit Monaten nicht bezahlt worden“ seien, zitiert Henderson einen Augenzeugen. Niemand dort könne sagen, „wohin die Wissenschaftler verschwunden seien. Ebensowenig wisse man genau, ob es sich wirklich um das einzige Lager für Pocken-Viren“ handele. Doch selbst wenn es außerhalb von Atlanta und Nowosibirsk noch geheime Pocken-Vorräte gäbe, würde das nicht zwangsläufig gegen die Vernichtung der letzten offiziellen Virus-Bestände sprechen – es sei denn, jemand würde mit dem Gedanken spielen, sie selber als Waffe einzusetzen. Fest steht, daß sich das Variola-Virus wegen seiner großen Stabilität hervorragend als Biowaffe eignen würde. Anders als das berüchtigte, ebenfalls waffentaugliche Milzbrand-Bakterium wird es von Mensch zu Mensch übertragen. Welch winzige Mengen dafür ausreichen, haben die Virologen vom letzten deutschen Pocken-Patienten gelernt. Dieser Mann, ein Elektriker, war nach seiner Rückkehr von einer Reise nach Pakistan im Januar 1970 mit Durchfall und hohem Fieber in ein Krankenhaus in Meschede eingeliefert worden. Wegen anfänglichen Typhus-Verdachts wurde er in einem Einzelzimmer auf der ersten Etage untergebracht, wo er nur mit zwei Krankenschwestern in Berührung kam. Als sich Pusteln zeigten und zwei Tage später Pocken diagnostiziert wurden, verlegten die alarmierten Ärzte ihn auf eine spezielle Isolierstation. Trotzdem wurden in Meschede am Ende 19 Pocken-Patienten gezählt. Darunter waren nicht nur neun Patienten aus der dritten Klinik-Etage. Infiziert war auch ein Besucher, der sich nicht einmal 15 Minuten in dem Gebäude aufgehalten und dabei nur einmal kurz die Tür zu dem Korridor geöffnet hatte, an dem das Zimmer des Elektrikers lag, um nach dem Weg zu fragen. Der Pakistan-Heimkehrer hatte an starkem Husten gelitten und die Viren damit offenbar ähnlich wirksam verbreitet wie jemand, der sie in Form mikroskopisch kleiner Schwebpartikel (Aerosole) aus einem Flugzeug versprühen oder mit einer Bombe zersprengen würde. Der Kreis derer ist nicht groß, die über das nötige Know-how verfügen, um Pocken-Viren in den nötigen Mengen heranzuzüchten und zu waffenfähigen Aerosolen zu verarbeiten. Aber staatlich gesponserten Terrorgruppen oder finanzstarken und straff geführten Organisationen – etwa der Aum-Sekte, die 1995 in der U-Bahn von Tokio einen Anschlag mit dem Nervengas Sarin verübte – wäre das nach der Meinung von Experten zuzutrauen.v Daß die Welt auf einen solchen Anschlag denkbar schlecht vorbereitet wäre, steht außer Zweifel. Die Ärzte haben seit Jahrzehnten keinen Pocken-Kranken mehr gesehen. Sie könnten die ersten unspezifischen Symptome leicht mit einer Grippe verwechseln. Und das Ergebnis einer WHO-Bestandsaufnahme über die verfügbaren Impfstoff-Vorräte ist schlicht erschreckend. In den USA wurden allenfalls 6 bis 7 Millionen, weltweit höchstens 50 Millionen Impfportionen gezählt. Zum Vergleich: Als in Jugoslawien 1972 die letzte Pocken-Erkrankung auftrat und die Bevölkerung zur Impfung aufgerufen wurde, verabreichten die Gesundheitsbehörden allein in diesem Land 20 Millionen Impfungen. Die meisten Produktionsanlagen für Pocken-Impfstoff sind seit langem geschlossen. Es könnte bis zu drei Jahre dauern, die Produktion wieder vollständig anzukurbeln. In den USA hat die Aussicht auf Anschläge mit biologischen Waffen erhebliche Betriebsamkeit ausgelöst. Der Etat zur Verteidigung gegen „ Bioterror“ wurde aufgestockt, und seit April 1999 existiert immerhin ein vorläufiger Einsatzplan für die Mitarbeiter im öffentlichen Gesundheitswesen. Mit einem niederschmetternden Ergebnis endete ein Planspiel unter den Augen der Öffentlichkeit. Dabei hatten Dr. Tara O’Toole vom Zentrum für zivile Verteidigung gegen Biowaffen und ihre Kollegen die Reaktionen von Ärzten, Krankenschwestern, Politikern, Militärs und Journalisten nach einer Pocken-Attacke simuliert. Schon nach den ersten Krankheitsfällen brach in ihrer fiktiven mittelgroßen Stadt im Nordosten der USA das Chaos aus. Die Wahrscheinlichkeit für jede beliebige Stadt sei zwar gering, daß ausgerechnet sie zum Ziel eines solchen Terrorakts werde, meint Joseph F. Waeckerle, Leiter einer Planungsgruppe der US-Gesellschaft für Notfallmedizin. Doch viele Experten seien sich inzwischen darin einig, daß es „nicht mehr darum geht, ob und wo, sondern wann ein solcher Anschlag stattfinden wird“. Und das Konsenspapier einer hochrangigen Arbeitsgruppe unter Beteiligung des US-Militärs vom Juni 1999 enthält das Fazit: „Die gezielte und bewußte Wiedereinführung der Pocken wäre eine kriminelle Tat von beispiellosen Dimensionen, muß heute aber als realistische Möglichkeit betrachtet werden.“ Es wäre nicht das erste Mal, daß Pocken-Viren als Biowaffen zum Einsatz kommen. US-Historikerin Elizabeth Fenn von der Yale University hat ein solches Verbrechen aufgedeckt – als die Engländer vor 240 Jahren mit Frankreich um die Vorherrschaft in Nordamerika kämpften. „Wäre es nicht vorstellbar, die Pocken unter die Indianer zu streuen?“, fragte Sir Jeffery Amherst, Oberbefehlshaber der britischen Truppen, 1763 in einem Brief an ein bedrohtes Fort in Pennsylvania. Aber das dortige Militär hatte schon gehandelt. Es hatte aufständischen Mitgliedern der Delaware und Shawnee – angeblich zum Zeichen der Versöhnung – Decken und Handtücher überreicht. Durch den gezielten Kontakt mit Kranken waren sie mit Pocken-Viren verseucht. „Ich hoffe, das wird den erwünschten Effekt haben“, notierte der Kommandant in sein Tagebuch. Sein Wunsch ging in Erfüllung. In einigen Indianerdörfern erlagen bis zu 40 Prozent der Bevölkerung den unsichtbaren Killern. Drohung aus dem Eis Offenbar gibt es gigantische natürliche Kältekammern, in denen gefährliche Krankheitserreger möglicherweise jahrtausendelang schlummern. Forscher um Tom Starmer von der New Yorker Syracuse University haben in vier Eisbohrkernen aus Grönland, die zwischen 500 und 140000 Jahre alt waren, Spuren des weit verbreiteten „Tomato Mosaic TobamoVirus“ gefunden. Das stabile Pflanzen-Virus war zuvor in der Atmosphäre entdeckt worden – in Wolken- und Nebelpartikeln. Vorsichtshalber bestrahlten die Wissenschaftler die Bohrkerne mit ultraviolettem Licht, um die Oberfläche zu desinfizieren, bevor sie mit der sogenannten Polymerase-Kettenreaktion (PCR) im Inneren nach Erbgut des Erregers fahndeten. Ob die 15 verschiedenen Virus-Stämme, die sie dabei entdeckten, wirklich noch infektiös waren, läßt sich nicht mehr beweisen: Die Untersuchungsmethode zerstört die Viren. Doch die US-Forscher halten es für sehr wahrscheinlich. Die große Frage lautet nun: Ist der Fund des tiefgefrorenen Tobamo-Virus ein Einzelfall? Sollten im Eis auch Grippe-, Polio- oder Pocken-Viren lauern, könnte schon ein geringer Temperaturanstieg Folgen haben. Drohen Epidemien, wenn die Polkappen im Zuge des Klimawandels abschmelzen und dadurch tiefgekühlte Erreger freigesetzt werden? Alvin Smith, Virologe an der University of Oregon, ist überzeugt: Dies passiert bereits. Er hatte sich schon lange gewundert, warum das Erbgut eines Durchfall-Erregers, der im Abstand von 20 Jahren an ganz verschiedenen Orten der USA auftauchte, immer absolut identisch war. Normalerweise mutieren solche Viren schnell – sie hätten sich genetisch also voneinander unterscheiden müssen. Nach Starmers Entdekkung geht Smith davon aus: Auch die Durchfall-Erreger haben irgendwo tiefgefroren überlebt und kommen beim Tauen des Eises nach und nach wieder an die Luft. Jetzt wollen Forscher auch im bis zu 400000 Jahre alten Eis der Antarktis nach Krankheitserregern suchen. Bleibt zu hoffen, daß sie nicht fündig werden. Denn für Smith steht fest: „ Gegen Viren, mit denen wir womöglich seit Jahrtausenden keinen Kontakt mehr hatten, ist unser Körper machtlos.“

Irene Meichsner

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Xan|tho|ma|to|se  〈f. 19; Med.〉 ausgedehnte Bildung von Xanthomen

CGI  〈IT; Abk. für engl.〉 Common Gateway Interface (allgemeine Schnittstelle)

Flucht|ge|fahr  〈f. 20; unz.; Rechtsw.〉 Gefahr, dass ein Verdächtiger od. ein Beschuldigter flüchtet (um sich einem Strafverfahren zu entziehen) ● bei dem Festgenommenen besteht ~

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