Ressourcen – was ist das überhaupt? - wissenschaft.de
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Ressourcen – was ist das überhaupt?

Stehlen wir unseren Kindern durch die Ausbeutung von Rohstoffen die Zukunft? Mitnichten – der Erfindergeist und die gesellschaftliche Entwicklung werden das richten, sagt Dr. Diethard Schade, Vorstandssprecher der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg: Der 1936 geborene Physiker hat sich zeit seines Berufslebens (Stationen in Forschungszentren, im Bonner Forschungsministerium, bei Volkswagen und Daimler-Benz) mit dem Verhältnis von Technik und Gesellschaft auseinandergesetzt.

Immer häufiger vernehmen wir die Forderung, daß wir unsere Lebensweise nachhaltig gestalten sollen. Diese Forderung leitet sich in erster Linie aus Überlegungen zur Gerechtigkeit gegenüber künftigen Generationen ab: Die heutigen Generationen sollen Verantwortung für die Zukunft übernehmen und dürfen ihr Leben daher nicht auf Kosten künftiger Generationen führen. Dieses Konzept setzt Normen für das, was wir tun sollen oder tun dürfen, ist also ethisch begründet und läßt sich nicht – wie manchmal dargestellt – aus ökologischen Zwängen oder naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ableiten.

Wenn Nachhaltigkeit zur Leitlinie unseres Handelns werden soll, stellt die Nutzung der natürlichen – und damit begrenzten – Ressourcen offensichtlich ein Problem dar. Denn deren Nutzung führt dazu, daß

Ressourcen verringert werden, andere so fein verteilt werden, daß eine Wiedernutzung praktisch ausgeschlossen ist und wieder andere endgültig verloren gehen.

Böden können durch Schadstoffe so belastet werden, daß Landwirtschaft unmöglich wird. Eisen kann sich in Rost oder Abrieb umsetzen. Erdöl, das heute verbrannt wird, ist für künftige Generationen verloren.

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Wie lassen sich Ressourcen-Nutzung und die Forderung nach Nachhaltigkeit in Einklang bringen? Diese Frage läßt sich nicht abschließend beantworten. Sicher ist nur, daß die heutige Weltbevölkerung nicht existieren kann, ohne natürliche Ressourcen zu gebrauchen. Eine unveränderte Weitergabe von Ressourcen an künftige Generationen ist also schlichtweg unmöglich.

Das vordergründig plausible Konzept der Nachhaltigkeit wirft also in der praktischen Umsetzung mehr Fragen auf als es beantwortet. Zunächst einmal wissen wir nicht, was die Bedürfnisse künftiger Generationen sind. Wollen wir aber das Nachhaltigkeitskonzept anwenden, müssen diese unbekannten Bedürfnisse irgendwie definiert werden.

Bedürfnisse gliedern sich in materielle Komponenten – Ernährung, Produktion, Konsum – und immaterielle Komponenten – Sicherheit, Gesundheit, Komfort. Um eine nachhaltige Entwicklung sicherzustellen, wäre es nötig, die heutigen Ansprüche an materielle und immatrielle Güter so zu verändern, daß in Zukunft eine dauerhaft mögliche Ressourcen-Nutzung erreicht wird.

Um dieses Ziel zu erreichen, sind vor allem zwei Wege in der Diskussion.

Der eine Weg ist normativ. Seine Vertreter gehen davon aus, daß eine zukunftsfähige Entwicklung vor allem durch Verringerung der materiellen Bedürfnisse zu erreichen ist: weniger Konsum, weniger Autoverkehr, weniger Verbrauch von Energie. Dies führt zu einem veränderten Lebensstil und damit zu veränderten Ansprüchen an immaterielle Güter. Veränderungen, die auch erhebliche Verzichte gegenüber dem heutigen Niveau einschließen, seien notwendig und führten zu insgesamt höherer Lebensqualität. Bei diesem Vorgehen wird das Konzept der Nachhaltigkeit mit älteren normativen Konzepten wie Sparsamkeit oder Bescheidenheit verbunden und vorausgesetzt, daß eine sparsame und bescheidene Lebensweise heute wie in Zukunft erstrebenswert ist. Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit gegenüber künftigen Generationen erfordern danach eine weitgehende Schonung der natürlichen Ressourcen, und dazu müssen Industriegesellschaft und unser Konsumverhalten verändert werden.

Der zweite Weg vermeidet eine normative Bestimmung der „richtigen“ künftigen materiellen Bedürfnisse: Materielle und immaterielle Bedürfnisse sollen zusammengenommen ein bestimmtes Wohlfahrtsniveau beschreiben und austauschbar sein. Natürliches Kapital, also etwa die verfügbaren Ressourcen, kann in bestimmten Grenzen durch künstliches Kapital – Infrastruktur, Technologien, Wissen – ersetzt werden. Um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen, könnte es manchmal in der Tat nötig sein, sparsamer und bescheidener zu wirtschaften als heute. Aber grundsätzlich ist es nicht erforderlich – so diese Sichtweise -, daß den nachfolgenden Generationen das gleiche Potential an natürlichen Ressourcen hinterlassen zu werden braucht, über das wir verfügen. Denn das Wohlfahrtsniveau künftiger Generationen basiert sowohl auf natürlichen Ressourcen, als auch auf den Techniken beziehungsweise dem Wissen zu deren Nutzung sowie den nutzbaren Gütern, die wir ihnen hinterlassen. Unverzichtbar ist dazu allerdings eine Industriegesellschaft. Erst sie eröffnet diese Chancen.

Diese unterschiedlichen Ansätze hängen eng mit einer weiteren Frage zusammen, die an das Konzept der Nachhaltigkeit gestellt werden kann. Was sind natürliche begrenzte Ressourcen?

Die Antwort erscheint auf den ersten Blick klar. Die Erdoberfläche ist begrenzt, die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen sind also ebenfalls begrenzt und in ihrer Größe – wenigstens im Prinzip – auch bestimmbar. Das gleiche gilt für mineralische Rohstoffe oder fossile Energieträger.

Eine solche Betrachtung ist aber unvollständig. Denn sie geht davon aus, daß die Ressourcen, die wir heute nutzen, auch künftig wichtig sind. Sie läßt außer Betracht, ob die Menschen diese Ressourcen in der Zukunft auch tatsächlich nutzen wollen und können.

„Nutzen wollen“ ist eine Wertentscheidung und hängt mit der Abwägung zwischen materiellen und immateriellen Ansprüchen zusammen. So sind Schweine in islamisch geprägten Ländern keine Nutztiere, und die Schweinezucht ist keine Ressource zur Sicherstellung der Ernährung. Doch wir müssen nicht erst in andere Kulturkreise blicken – auch bei uns gibt es Einschränkungen beim „Nutzen wollen“: Mit der Ablehnung der Kernenergie wird Uranerz nicht mehr als eine Ressource betrachtet, die zur Deckung des Energiebedarfs zur Verfügung steht. Sicherheitserwägungen – also immaterielle Bedürfnisse – werden bei der Ablehnung der Kernenergie-Nutzung höher bewertet als die Verfügbarkeit materieller Güter wie Energie.

„Nutzen wollen“ – das Akzeptieren oder Verwerfen – bestimmter Rohstoffe oder Prozesse beeinflußt daher die verfügbaren Ressourcen und damit die Gestaltungsmöglichkeiten des erwünschten Wohlfahrtsniveaus. Ressourcen sind somit keine statische Größe, sondern sie werden auch von Werthaltungen bestimmt.

Wenn wir unsere Präferenzen für künftige Generationen zugrunde legen, zwingen wir ihnen unsere Wertschätzungen auf. Ich halte eine solch normative Bestimmung künftiger Bedürfnisse für unzulässig. Mit welcher Begründung sollten wir kommende Generationen daran hindern, das Klimaproblem nicht durch Konsumverzicht und Energiesparen, sondern durch Konsumzuwachs und zusätzliche Kernenergienutzung lösen zu wollen?

Konsumzuwachs, so mögen Kritiker einwenden, führt ja nicht nur zu tendenziell höherem Energieverbrauch, sondern auch zum Verbrauch anderer begrenzter Rohstoffe. Das ist zweifelsohne richtig und kann in bestimmten Fällen auch Einschränkungen im Interesse von Nachhaltigkeit erforderlich machen.

Generell ist die Option „Konsumzuwachs“ dennoch plausibel, weil sich Ressourcen auch über das „Nutzen können“ definieren. Metallerze gab es auch in der Steinzeit. Sie waren aber keine Ressource, da die technischen Voraussetzungen zu ihrer Nutzung fehlten. Ressourcen werden also auch von den verfügbaren Techniken zur Nutzung von Rohstoffen und vom Bedarf des existierenden Techniksystems bestimmt.

Verschiebungen in der Bedeutung von Ressourcen finden ständig statt.

Zwei Beispiele: Kohle war über Jahrtausende hinweg keine Ressource für die Menschheit. Durch die Einführung von Funktelefonen und Glasfaserkabeln verliert die Ressource „Kupfer“ an Bedeutung.

Ein Nachhaltigkeitskonzept, das sich nur auf die heute wichtigen Ressourcen bezieht, greift daher zu kurz. Für eine nachhaltige Entwicklung sind auch Weiterentwicklung und Weitergabe von Techniken und Wissen zwingend. Nur so besteht eine Chance, daß künftige Generationen über ausreichende Ressourcen verfügen, um ein angemessenes Wohlfahrtsniveau zu erreichen.

Mit diesen wenigen Anmerkungen ist das Thema „Ressourcen und Nachhaltigkeit“ nicht erschöpft. Sie zeigen aber, wie problematisch es ist, scheinbar Selbstverständliches ohne Hinterfragen hinzunehmen.

Die Ressourcen dieser Erde sind natürlich begrenzt, sie sind deswegen aber nicht notwendig bald erschöpft. Menschlicher Erfindergeist hat die Ressourcenbasis immer wieder verändert und vergrößert. Es ist wenig wahrscheinlich, daß dieser Erfindergeist versiegt. Gerade weil die Vorsorge für die Zukunft ein menschliches Anliegen ist, trifft das Konzept der Nachhaltigkeit auf öffentliche Zustimmung. Allerdings birgt die Plausibilität dieses Konzeptes auch die Gefahr, daß Nachhaltigkeit für kurzfristige politische Ziele mißbraucht wird.

Wolfgang Hess

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Pte|ro|sau|ri|er  〈m. 3〉 Angehöriger einer Gruppe ausgestorbener Reptilien mit Flughäuten; Sy Flugsaurier ... mehr

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