Russische Weihnachten - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Allgemein

Russische Weihnachten

Der Informatiker Fjodor Iwanowitsch Sokolow kam vor zwölf Jahren mit seiner Familie aus Russland nach Deutschland. Wir arbeiten in derselben Firma und gehen gelegentlich zusammen ein Bier trinken. Ein paar Tage nach Neujahr sagte er zu mir: „Am Samstag feiern wir Weihnachten. Komm doch mit deiner Familie am Nachmittag zu uns.“ Ich hatte schon gehört, dass die Russen Weihnachten nicht am 25. Dezember, sondern erst am 7. Januar feiern, deshalb wunderte ich mich nicht über den Termin, sondern freute mich über die Einladung. Als wir dann am nächsten Tag bei Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer der Familie Sokolow saßen und den Weihnachtsbaum bewunderten, fragte ich: „Warum feiert man in Russland eigentlich Weihnachten am 7. Januar und nicht, wie bei uns, am 25. Dezember?“ Anna, Fjodors Frau, erwiderte: „ Selbstverständlich feiern wir Weihnachten am 25. Dezember.“ Erstaunt sah ich sie an. Sie erklärte: „Wir Russen feiern Weihnachten am 25. Dezember, aber ihr Westeuropäer feiert es fälschlicherweise schon am 12. Dezember.“ Nun war ich völlig verwirrt. „Wieso 12. Dezember? Das ist doch Unsinn“, protestierte ich. Fjodor lachte und sagte: „Ich werde es euch erklären, aber vorher müsst ihr meinen Wodka probieren.“ Nachdem jeder von uns ein Glas des scharfen Schnapses getrunken hatte, begann Fjodor zu erzählen. „Bis 1582 benutzte die gesamte Christenheit den Julianischen Kalender, den Julius Caesar 45 v.Chr. für das ganze Römische Reich eingeführt hatte, und der damit selbstverständlich auch zu Christi Geburt in Bethlehem gültig war. Dann glaubte Papst Gregor XIII., diesen bewährten Kalender nachbessern zu müssen, weil sich die Erde etwas langsamer um die Sonne dreht, als Julius Caesar angenommen hatte. Der neue Kalender ließ einfach zehn Tage ausfallen und sprang vom 4. Oktober 1582 direkt auf den 15. Oktober 1582. Außerdem änderte der Papst die Schaltregel. Im Julianischen Kalender ist jedes Jahr, dessen Zahl durch 4 teilbar ist, ein Schaltjahr. Im Gregorianischen Kalender fallen einige dieser Schalttage aus – und zwar immer in den Jahren, deren Zahlen durch 100, aber nicht durch 400 teilbar sind.“ „Ich verstehe“, sagte meine Frau. „Deshalb ist 1900 im Julianischen Kalender ein Schaltjahr, im Gregorianischen aber nicht.“ „Genau“, bestätigte Fjodor. „Natürlich ließen sich die Protestanten und die Orthodoxen vom Papst nichts vorschreiben und blieben beim Julianischen Kalender. Allerdings sind im Laufe der Jahrhunderte die evangelischen und auch einige orthodoxe Kirchen eingeknickt und haben den modernistischen Gregorianischen Kalender übernommen. Auch der Staat Russland hat nach der Oktoberrevolution den Gregorianischen Kalender eingeführt. Die russisch-orthodoxe Kirche aber ist standhaft geblieben und benutzt noch immer den altbewährten Julianischen Kalender. Darum entspricht unser 25. Dezember eurem 7. Januar.“ „Der Abstand zwischen den Weihnachtsfesten wird doch im Lauf der Zeit immer größer“, sagte meine Frau nachdenklich. „Irgendwann in ferner Zukunft wird er genau ein Jahr betragen, und dann wird im Osten und im Westen wieder am selben Tag Weihnachten gefeiert.“

Meine Frau hat recht. Angenommen, die beiden Kalendersysteme bleiben beliebig lange in ihrer heutigen Form gültig: In welchem Jahr des Gregorianischen Kalenders ist erstmals wieder gleichzeitig Weihnachten?

So machen Sie diesen Monat mit

Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Schicken Sie bitte Ihre Lösung (ausschließlich!) auf einer Postkarte bis zum 30. November 2012 an:

bild der wissenschaft, Kennwort „Cogito 11|2012″

Ernst-Mey-Str. 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen

Anzeige

Die Lösung und die Namen der Gewinner werden im Februar-Heft 2013 auf der Leserbrief-Seite veröffentlicht.

Das können Sie gewinnen

Unter den Einsendern der richtigen Lösung werden fünf Bücher ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Buchpreis ist der Titel „Kopfnuss – 101 mathematische Rätsel aus vier Jahrtausenden und fünf Kontinenten“ von Heinrich Hemme. Darin hat der bdw-Cogito-Autor ein Potpourri kleiner Knobelkunstwerke zusammengestellt und historisch eingeordnet. Die inspirierenden Tüfteleien – mit ausführlichen Lösungen im Anhang – geben einen Querschnitt durch die Geschichte der Mathematik und der menschlichen Fantasie. Die Reise beginnt mit einem Rätsel zur Kreiszahl Pi im alten Ägypten und endet mit einer Denksportaufgabe zu „pandigitalen römischen Daten“, die Hemme selbst erfunden und dieses Jahr im Magazin der Aachener Zeitung veröffentlicht hat. Seine Kolumnen dort bilden auch die Grundlage des kurzweiligen Buchs. Mehr Informationen finden Sie im Internet unter www.beck.de

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Di|ure|se  〈f. 19; Med.〉 Harnausscheidung [zu grch. diurein ... mehr

re|frak|tär  〈Adj.; Med.〉 unempfänglich, unempfindlich [<frz. réfractaire ... mehr

Nice–to–have  〈[nsthv] n. 15〉 Sache, die man gern besitzen würde (aber nicht unbedingt benötigt) [<engl. nice to have ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige