Sarissa – die Heimat des Wettergottes - wissenschaft.de
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Sarissa – die Heimat des Wettergottes

Erstmals wird eine hethitische Provinzstadt lokalisiert. Vor 3500 Jahren war das Hethiter-Reich die zweite Großmacht neben Ägypten. Es ging komplett unter, und erst vor 100 Jahren haben deutsche Archäologen es neu entdeckt. Von den 1600 Städten des Reiches wurde erst ein halbes Dutzend wiedergefunden.

Die Überirdischen von neun hethitischen Städten sollten den Vertrag mit Pharao Ramses II. überwachen: Als „Schwurgötter“ hatten sie Übertretungen zu ahnden. So steht es am Ende des ersten Friedensvertrages der Welt aus dem Jahr 1259 v. Chr. Er wurde mit Keilschrift in hethitische Tontafeln gestochen und mit Hieroglyphen in ägyptische Tempelwände skulptiert. Der Pakt hielt rund 60 Jahre, dann ging Hatti, das Reich der Hethiter, unter. Und zwar so vollständig, daß es aus der Historie verschwand und erst im letzten Jahrhundert wieder entdeckt wurde. Von den neun Städten der bronzezeitlichen Schwurgötter aber wurde nur eine, das heutige Aleppo, identifiziert. Der Marburger Archäologe Prof. Andreas Müller-Karpe hat die zweite der Gewährsstädte entdeckt – Sarissa in der Südosttürkei rückt nach 3500 Jahren wieder ins Licht der Gegenwart. Hatti kennt man bislang überwiegend aus den Grabungen in seiner Hauptstadt Hattusa. Die archäologischen Funde in der Metropole – eine weitläufige Tempelstadt, ein Palast, Wohngebäude und Tausende von Keilschrifttexten („Der Brief aus Bronze“, bild der wissenschaft 6/1994) – sind so überwältigend, daß man sich wundert, wie das mächtige Reich schon in der klassischen Antike in Vergessenheit geraten konnte: Im zweiten vorchristlichen Jahrtausend war es neben dem beständigen Ägypten und dem gerade absteigenden Babylonien die dritte Großmacht im Vorderen Orient (siehe Kasten „Aufstieg und Fall des Reiches Hatti“) . Sarissa heißt heute Kusakli, was im Türkischen „das Umgürtete“ bedeutet. So bietet sich die verborgene Ortschaft auch dar: ein sauber umgrenzter Siedlungshügel in der weiten baumlosen Steppenlandschaft Kappadokiens auf 1600 Meter Höhe. „Wie ein gelandetes Ufo“, war Müller-Karpes erster Eindruck. Ebenso klar und rund zeichnet sich heute die 1,5 Kilometer lange Mauer rund um die Stadt in den Pixelbildern der geomagnetischen Prospektion ab.

Was sich nach etlichen Grabungs- und Prospektionskampagnen so deutlich präsentiert, hatte 1992 mit einem Glücksfall begonnen: Auf der Suche nach einem Grabungsplatz stolperte Müller-Karpes Frau Vuslat auf dem Kusakli-Hügel über eine Tontafel mit Keilschrift. Die Scherbe beschrieb, welche Opfergaben für das Fest eines bestimmten Gottes dargebracht werden sollten. Wo solch ein eindeutiges Indiz offen herumliegt, so die Archäologen-Schulbuchweisheit, da ist noch mehr zu finden – „eine irrsinnige Chance“, wertete der Marburger Frühgeschichtler. Nachdem der türkische Ministerrat die Grabungsgenehmigung erteilt hatte, und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) als Finanzier gewonnen war, startete Müller-Karpe 1993 mit der ersten Ausgrabung. Auf der Nordterrasse des Siedlungsberges ragten bis an die Oberfläche Mauerreste, die sich nach systematischer Spatenarbeit als ein 50 mal 36 Meter großes Gebäude entpuppten, vermutlich ein Tempel. Am Westhang, wo die erste Tontafel gefunden wurde, erfüllte sich die stille Hoffnung auf weitere schriftliche Nachrichten aus der Vergangenheit nicht, dafür wurde eine Wohnsiedlung freigelegt. Im Jahr darauf steckten die Ausgräber auf der Bergkuppe, der alten Akropolis, 100 Suchquadrate ab. In welchem der 10-mal-10-Meter-Areale fängt man an zu graben? „Hier“, entschied Müller-Karpe. Nach einer halben Stunde wurde er fündig: 46 Bruchstücke beschrifteter Tontafeln – eine Rarität in Anatolien. Sie signalisierten ein Archiv oder zumindest die Reste davon. In den Texten – religiöse Anleitungen, aber auch Berichte über Verfehlungen des Tempelpersonals – tauchte immer wieder der Name „Sarissa“ auf. Den Herzschlag beschleunigten vor allem zwei Textfragmente, die ausführlich das zweimal jährlich stattfindende Fest des örtlichen Wettergottes beschrieben. Zu dieser tagelangen Zeremonie hatte sogar der hethitische Großkönig aus der 200 Kilometer entfernten Hauptstadt anzureisen. Das gab dem beglückten Ausgräber die Gewißheit, den verschollenen hethitischen Ort aufgespürt zu haben – Sarissas Wettergott und sein Festival sind auch in den Archivtexten der Metropole verzeichnet. Nach inzwischen sieben Kampagnen in Kappadokien kennen der Marburger Professor und seine Mitstreiter ihre Stadt recht genau.

Sarissas Beginn liegt im 16. Jahrhundert v. Chr. Es war eine hethitische Neubausiedlung, denn es gab nachweislich keine vorangegangene altanatolische Bevölkerung. Im 15. Jahrhundert wurde Sarissa planmäßig zu einer Stadt ausgebaut, mit Schutzmauer und massiven Toren in den vier Himmelsrichtungen. Im Westen und Südosten plätscherte an die Mauern das Wasser von Stauseen; sie dienten als Wasserreservoir und „Annäherungshindernis“. Das Südosttor konnte man, so legen es die erdmagnetischen Messungen nahe, nur über einen Damm erreichen. Von den Seen führten zusammengesteckte tönerne Rohrleitungen in die Stadt hinein, zum Beispiel in die Badestuben des Nordtempels. Zwei Sitzbadewannen zeugen noch heute von der Reinlichkeit der Bewohner. Das Regenwasser des riesigen, von Säulenarkaden umgebenen Innenhofes floß über einen Gully und ein steinernes Drainagesystem ab. „Das Wasser-Management war hochentwickelt“, lobt Müller-Karpe. Die Lehmziegelwände des Tempels wurden auf massiven Steinfundamenten aufgemauert und durch Holzfachwerk stabilisiert. In der Wohnsiedlung am Westhang verarbeiteten die Bewohner in den Werkstätten Bronze, Horn und Stein. Gerste und Weizen sorgten fürs tägliche Brot der Stadtbevölkerung, das Tempelpersonal bevorzugte das feinere Weißbrot aus Saatweizen. Schaf, Ziege und Rind gehörten zur Alltags-Speisekarte, Schweinebraten war rar, Wildbret kam noch seltener auf den Tisch. Gebräuchlich war grobes Geschirr. Gesprochen wurde Luwisch, eine dem Hethitischen verwandte, ebenfalls indogermanische Sprache, die sich im 2. Jahrtausend v. Chr. in ganz Anatolien ausbreitete. Die Stadt wurde immer wieder um- und ausgebaut. Ihre Blütezeit lag im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr., als auch das Reich Hatti auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Nach einer ersten Brandschatzung im 14. Jahrhundert wurde die Stadt wieder aufgebaut. Einen zweiten Sturm feindlicher Heerscharen um 1200 v. Chr. überstand sie nicht, die Ruinen wurden verlassen. Erst im eisenzeitlichen 7. Jahrhundert siedelten hier wieder Menschen. Sarissa war auch in seiner Blütezeit keine politisch bedeutsame Stadt und lag nicht als Kontrollpunkt an einer der wichtigen Handelsrouten des antiken Orients. Aber sie war, so weisen es die Archivtexte von Hattusa und die archäologischen Grabungen aus, ein wichtiges Heiligtum von Hatti.

Der Wettergott stand mit seiner Gemahlin, der Sonnengöttin, an der Spitze des Pantheon. Der hethitische Götterhimmel umfaßte allerdings rund tausend Überirdische, da die Hethiter jedem Gott unterworfener Völker dort Heimrecht gewährten. Der Staatskult wirkte im multikulturellen Hatti reichseinigend und hatte dementsprechend einen hohen politischen Rang: Der Großkönig mußte an den diversen, oft tage- oder wochenlangen Riten rings im Land teilnehmen. „Zu praktischer Politik“, lästert Müller-Karpe, „ist der ja gar nicht mehr gekommen.“ Den religiösen Rang des antiken Provinznestes Sarissa belegt schon der Tempel auf der Nordterrasse, der zu den größten des ganzen Reiches gehört. Noch bedeutsamer ist das „Gebäude C“ im Südosten der Siedlung, zweifelsfrei ein Kultbau. Mit 76 Meter Länge und 74 Meter Breite, 84 Räumen allein im Erdgeschoß und 4660 Quadratmeter Fläche ist er doppelt so voluminös wie der Große Tempel in der Hauptstadt Hattusa. Müller-Karpe ist überzeugt: „Das war der Tempel des Wettergottes.“ Er hatte ein seltsames Schicksal: Kurz nach 1400 v. Chr. brannte die Stadt. Pfeilspitzen beim Tempeleingang künden von einer Eroberung durch unbekannte Eindringlinge. Stadt und Tempel wurden geplündert. Um 1380 v. Chr, so bezeugen die dendrochronologischen Daten, wurde die Stadt samt Tempel auf der Nordterrasse wieder aufgebaut – nicht aber Gebäude C, der große Kultbau des Wettergottes. „Das ist merkwürdig,“ findet der Marburger Ausgräber und fragt sich, wie man in der Bronzezeit mit einer solch riesigen Ruine mitten in der Stadt umgegangen ist. Vor allem aber: Was ist mit dem Kult geschehen? Da bekommt der sonst eher besonnen scheinende Müller-Karpe ein Glitzern in die Augen: „Den Kult hat man verlagert.“ Er meint auch zu wissen, wohin: 2,5 Kilometer südlich der Stadt auf einer 1900 Meter hohen Bergnase hat er eine Tempelanlage (75 mal 48 Meter) oberirdisch gesichtet und die unterirdischen Teile geophysikalisch erfaßt. „ Aber das ist eine vorläufige Interpretation“, nimmt der Wissenschaftler seine Begeisterung gleich wieder zurück. „Man muß erst graben, um zu sehen, ob die Anlage tatsächlich jünger ist.“ Der Platz würde schon passen: Ein Quellsee und zwei gewaltige herabgestürzte Felsbrocken laden geradezu ein, als Sinnbild für den Wettergott genommen zu werden. Und im Keilschrift-Text zum Königsbesuch heißt es: „Wenn der König im Frühjahr, um die Feste zu feiern, nach Sarissa geht, … geht er nicht zur Stadt hinauf, sondern der König geht den oberen Weg zu den Huwasi-Steinen des Wettergottes hinauf …“ Genug Arbeit also für die Marburger Archäologen in der anatolischen Einöde, zumal der Palast auf der Sarissa-Akropolis und die Unterstadt noch der archäologischen Eroberung harren. Als ob das alles noch nicht genug wäre, hat Andreas Müller-Karpe einmal mehr einen Tontext gefunden: 80 Kilometer von Sarissa entfernt klaubte er bei einem Picknick eine Scherbe von der Oberfläche, die ein Festritual beschreibt und die Anwesenheit eines Großkönigs bezeugt – also einen Staatskult dokumentiert.

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„Es gibt gute Chancen, jetzt auch Samuha zu lokalisieren“, wagt sich der Archäologe vor. Samuha war eine wichtige hethitische Provinzhauptstadt – sie ist bis heute verschollen.

Aufstieg und Fall des Reiches Hatti

Selten ist eine Hochkultur so nachhaltig verschwunden: Schon die griechischen Geschichtsschreiber wußten nichts mehr vom Reich Hatti, das auf dem Höhepunkt seiner Macht im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. vom Schwarzen Meer über die heutige Türkei bis in die Ägäis und nach Nordsyrien reichte. Erst um 1900 n. Chr. entdeckten deutsche Archäologen das Hethiter-Reich wieder. Vor allem ein umfangreiches Keilschrift-Archiv in der Hauptstadt Hattusa gab Auskunft. In den Texten sind rund 1600 Städte in Hatti aufgeführt – bislang haben Archäologen erst ein halbes Dutzend davon gefunden. Die hethitische Landkarte besteht noch weitgehend aus weißen Flecken.

Vermutlich schon im dritten vorchristlichen Jahrtausend waren indogermanische Stämme über den Kaukasus oder über die Dardanellen nach Zentralanatolien eingewandert. Sie trafen auf die dort ansässigen Hatti, von denen sie das Land und viele kulturellen Eigenarten übernahmen. Das hethitische Reich wurde nach den Staatsannalen um 1550 v. Chr. von Labarna Hattusili I. gegründet. Schon sein Enkel Mursili I. überfiel das mächtige Babylonien, doch der räuberische Ausflug blieb Episode. Erst Suppiluliuma I. machte um 1350 v. Chr. das neuhethitische Reich neben Babylonien und Ägypten zur dritten Großmacht der damaligen Welt. Sein Enkel Muwatalli lieferte sich mit Ramses II. einen erbitterten Krieg um die Vorherrschaft in Syrien – es ging dabei nicht zuletzt um die Kontrolle der Fernhandelswege. 1276 v. Chr. prallten die Heere bei Kadesch aufeinander: Ramses II. entging knapp einem militärischen Desaster. Dennoch ließ er sich auf zahllosen Tempelwänden als strahlenden Sieger darstellen. Er war es aber auch, der 1259 v. Chr. einen Friedensvertrag mit dem Erbfeind schloß („Der Feldherr und der Träumer“, bild der wissenschaft 5/2000). Die Beziehungen wurden durch verwandtschaftliche Bande gestärkt – Ramses II. heiratete gleich zwei Prinzessinnen aus Hatti. Hethiter-Forscher Andreas Müller-Karpe sieht in solchen Staatsverträgen „eine der bedeutendsten kulturhistorischen Leistungen der Hethiter“. In der Tat haben sie diese Art von Konfliktbeilegung „erfunden“. Zwischenstaatliche Konflikte durch einen vertraglichen Interessenausgleich zu lösen – das widersprach der ägyptischen ebenso wie der mesopotamischen Königsideologie diametral. Um 1200 v. Chr. fielen Fremdlinge in Hatti ein, überrannten das Reich und zerstörten die Hauptstadt. Das Großreich erholte sich nicht von dieser Attacke und verabschiedete sich aus der Geschichte. Reste der hethitischen Bevölkerung überlebten in ärmlichen Verhältnissen. Im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. wurden noch einmal kleine hethitische Königtümer errichtet („Zuflucht am Schwarzen Berg“, bild der wissenschaft 4/1997), doch spielten sie keine politische Rolle mehr im Vorderen Orient.

Etwa um die gleiche Zeit wie Hatti wurden auch andere Reiche und Kulturen im östlichen Mittelmeerraum zerrieben – Mykene etwa und Troja, Ägypten konnte sich nur mühsam behaupten. Verantwortlich sollten „die Seevölker“ sein, die scheinbar unaufhaltsam aus dem Nirgends kommend die etablierten Hochkulturen eliminierten und die „Dunklen Jahrhunderte“ heraufbeschworen. Tatsächlich gingen in den folgenden sehr unruhigen Jahrhunderten kulturelle Errungenschaften wie Schrift und Töpferscheibe verloren, Neues wurde nicht geschaffen, für rund 400 Jahre war alles im Fluß, die archäologischen Nachrichten sind spärlich. Heutige Archäologen sehen jedoch die Gründe von Niedergang und Umbruch nicht mehr so monokausal. Das Hethiter-Reich zum Beispiel war ein extrem zentralistisches Konglomerat, selbst Belanglosigkeiten in der Provinz wurden von der Zentrale in Hattusa reglementiert. An den Rändern des zusammengezimmerten Reiches gab es immer starke Fliehkräfte, die bei jeder Gelegenheit versuchten, das Joch der Zentralherrschaft abzuschütteln. Fast jeder neue Großkönig mußte sich „sein“ Reich erst wieder erobern – mit Gewalt oder mit großzügigen Lehen und Geschenken an Verwandte und Verdiente. Korruption blieb da nicht aus. Wiederkehrender Thronraub und Zwist in der Königsfamilie schwächten die zentrale Herrschaft. Die Tempel wurden ständig mächtiger und verbrauchten immer mehr der wirtschaftlichen Ressourcen. Insgesamt attestiert Müller-Karpe dem späten Hethiter-Reich eine „kult-bürokratische Erstarrung“. Zukunftsgerichtete Politik oder Beweglichkeit etwa bei Katastrophen war nicht mehr möglich. Ein solches Machtvakuum verlockt zu allen Zeiten die nahen und fernen Nachbarn, sich aus den goldenen Schüsseln der Hochkultur zu bedienen.

Michael Zick

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