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Allgemein

Schmutziger Fingerabdruck

Atomtests in Indien und Pakistan – hat die Kontrolle versagt? Zu den Atombomben, die Indien und Pakistan vor kurzem zündeten, machten die beiden Staaten widersprüchliche Angaben. Ein Grund mehr, die weltweite seismische Überwachung von Atomtests voranzutreiben.

Mai 1998 Am 11. und 13. Mai zündete Indien mehrere Atomsprengköpfe. Prompt, am 28. und 30. Mai, reagierte der Rivale Pakistan und sprengte sich in den Kreis der Atommächte. Mit ihrem nuklearen Muskelspiel haben die verfeindeten Nachbarn den weltweiten Abrüstungsbemühungen einen schweren Schlag versetzt. Sie richteten nicht nur politischen Schaden an, sondern sie brachten auch das Überwachungssystem von Atomtests in Erklärungsnot. Denn dessen Meßergebnisse wichen von den offiziellen Angaben teilweise erheblich ab: Beim ersten indischen Versuch berechneten die Wächter eine Sprengstärke von rund 20000 Tonnen bezogen auf die übliche Einheit des Sprengstoffs Trinitrotoluol (TNT). Die Inder wollen dagegen eine 60000 Tonnen starke Bombe gezündet haben. Damit nicht genug: Das automatische geophysikalische Überwachungssystem ortete das Zentrum der Explosion 57 Kilometer unter der Erde – mehr als 40 Kilometer tiefer, als der Mensch je gebohrt hat. Den zweiten Test der Inder registrierte das Überwachungssystem überhaupt nicht: Keine Spur von der Explosion, die eine Stärke von 800 Tonnen gehabt haben soll.

In den USA lieferten die Irritationen den Ratifizierungsgegnern eines weltweiten Atomtest-Verbots neue Munition. Präsident Bill Clinton hat das Abkommen zwar schon 1996 unterschrieben, die Zustimmung des Senats steht jedoch bis heute aus. Das Argument der „Falken“ für ihre Zurückhaltung: Wenn Nationen unbemerkt und ungestraft Atombomben testen können, ist das Abkommen Makulatur. Mithin müßten auch die Vereinigten Staaten eine Wiederaufnahme von Atomtests in Erwägung ziehen.

Schon seit Jahrzehnten, seit die Atommächte über einen Teststopp verhandeln, steht die Überwachung im Brennpunkt der Diskussion: Ähnlich wie ein Erdbeben läßt eine unterirdische Kernwaffenexplosion die Erdkruste erzittern. Über Hunderte oder sogar Tausende von Kilometern fangen Seismometer für Menschen meist nicht spürbare Vibrationen auf. Punktförmige Atomtests hinterlassen dabei einen anderen seismischen Fingerabdruck als Erdbebenrisse.

Um auch schwache Kernexplosionen aufzuspüren, ist allerdings ein weltweites Netz von Überwachungsstationen nötig. Ein solches Netz, das Tests bis zu einer Ladungsstärke von 1000 Tonnen TNT-Äquivalent sicher orten soll, knüpfen die Spezialisten gerade: Gegenwärtig sind es 36, in der Endausbaustufe nach dem Jahr 2000 werden es 50 Stationen sein, die on-line Daten liefern. Unterstützt werden sie von 120 Hilfsstationen, die man bei Bedarf zuschalten kann. Dazu kommen Unterwasser-Mikrofone, Luftdruck-Meßgeräte und Radionuklid-Detektoren, um auch Explosionen im Wasser und in der Luft aufspüren zu können. Finanziert werden Personal und Gerät aus UNO-Mitteln.

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Die sich widersprechenden Angaben der jüngsten Atomtest-Versuche in Indien und Pakistan werfen die Frage auf, ob das weltweite Überwachungssystem Mängel hat. „Dem Verifikations-System kann man daraus keinen Strick drehen, denn es ist noch im Aufbau“, antwortet der deutsche Abrüstungsexperte Manfred Henger von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. „Da ist irgendetwas anderes wurmig.“ So will Indien beim Test vom 13. Mai, der den Überwachern durch die Maschen schlüpfte, zwei Sprengkörper von 300 und 500 Tonnen Ladungsstärke im Doppelpack gezündet haben. Obwohl diese Bomben atomare Zwerge waren, müßten ihre Explosionen von den nächstgelegenen Überwachungsstationen aufgezeichnet worden sein. Doch nichts wurde registriert.

Die Inder lieferten eine Erklärung – als müßten sie sich rechtfertigen. Vielleicht, so ließen sie verlauten, hätten sich die Erschütterungswellen der beiden Explosionen so überlagert, daß sie sich gegenseitig auslöschten. Zudem habe der Test in einer Sanddüne stattgefunden, die den Explosionsdruck dämpfte. Doch die Experten winken ab: An ein geisterhaftes Verschwinden seismischer Wellen durch Interferenz glauben sie nicht und an eine Düne als Testgelände auch nicht. Henger ist überzeugt: „Entweder haben die Inder die Stärke ihrer atomaren Sprengladung weit übertrieben oder der Test hat schlicht nicht funktioniert.“

Einige seiner Kollegen vermuten, daß es sich um einen sogenannten hydronuklearen Test gehandelt hat, bei dem der Bombenstoff größtenteils durch nichtspaltbares Material ersetzt wird. So vermeidet man eine heftige Explosion, kann aber die Zündphase und den Beginn der Kettenreaktion studieren.

Auch der erste indische Test bereitet den Geophysikern Kopfzerbrechen. Zwar wurde die automatisch errechnete Explosionstiefe von 57 Kilometer aufgrund der genaueren manuellen Auswertung in eine oberflächennahe Explosion korrigiert, wie Nikolai Gestermann berichtet, ebenfalls Atomtest-Experte bei der BGR. Und: „Mit der automatischen Berechnung der Tiefe gibt es auch bei Erdbeben häufig Schwierigkeiten.“ Doch warum wurde eine Ladungsstärke berechnet, die weit unter den indischen Angaben liegt? Die deutschen Experten kamen auf gerade 15000 Tonnen statt der offiziellen 60000. „Die unbekannten geologischen Verhältnisse lassen einen breiten Spielraum“, räumt Manfred Henger ein. Ein Erdbeben in Pakistan und der erste Test, bei dem wohl fünf Bomben gezündet wurden, hinterließen ein ähnliches Seismogramm. Der zweite Test (vermutlich nur eine Sprengung) weist eine deutlich andere Charakteristik auf. Daß ein großer Teil der atomaren Fracht in die Atmosphäre geblasen wurde und deshalb seismisch nicht nachzuweisen war, ist unwahrscheinlich. Die Radionuklid-Detektoren der Luft registrierten in der Zeit nach dem Test keinerlei signifikante Erhöhungen.

Was sich am 11. Mai auf dem indischen Testgelände – beim zweiten indischen Atomwaffenversuch nach 1974 – wirklich abspielte, kann auch deshalb nicht mehr nachvollzogen werden, weil zwei der nächstgelegenen Überwa-chungsstationen außer Betrieb waren.

Um exakte Angaben zu unterirdischen Atomtests machen zu können, wäre es den Überwachern am liebsten, wenn sie auf dem Testgelände eine Bombenexplosion verfolgen könnten. Aus diesen Daten ließe sich die Stärke anderer Detonationen hochrechnen. Doch für Pakistan fehlt eine solche Meßlatte ebenso wie für Indien.

Die rivalisierenden Supermächte USA und Sowjetunion waren da weiter. Schon vor zehn Jahren ließen sie Experten-Teams der Konkurrenz mitsamt Meßgeräten auf ihre Testgelände. Die Wissenschaftler konnten einen Atomtest nach allen Regeln der Seismologie vermessen und ihre Geräte kalibrieren. Pakistan gab dagegen nicht einmal die Stärke seiner Tests vom 28. und 30. Mai bekannt und legte – zwei Stunden vor dem ersten Knall – seine Erdbebenwarte lahm. Es ist noch nicht einmal klar, wie viele Bomben gezündet wurden. Experten vermuten, daß beim ersten Test fünf Sprengköpfe explodierten und beim zweiten einer.

Daß Indien und Pakistan mit ihren Machenschaften nicht nur die weltweiten Friedensbemühun-gen unterlaufen, sondern auch die Funktionsfähigkeit der seismischen Überwachung von Atomtests in Frage stellen, könnte fatale Folgen haben: Denn schon einmal – nach der Kuba-Krise von 1963 – schien ein umfassendes Testverbot zum Greifen nah, scheiterte aber, weil die Seismologen Atomtests damals noch nicht zweifelsfrei von Erdbeben unterscheiden konnten. Ohne zuverlässige Kontrollmöglichkeiten waren die Nuklearmächte aber nicht bereit, ihre militärischen Atomprogramme aufzugeben.

1999 wollen die Vereinten Nationen nun endlich Nägel mit Köpfen machen. In einer Nachfolgekonferenz soll der Teststopp-Vertrag endgültig festgeklopft werden. Dabei geht es beispielsweise auch darum, ob alle Nationen mit zivilem Atomprogramm unterzeichnen müssen, bevor das Papier in Kraft tritt, und ob Strafen fällig werden, wenn seismische Hilfsstationen nicht ordentlich arbeiten.

Seinen größten Triumph feierte das seismische Überwachungssystem vor gut einem Jahr, am 16. August 1997. Damals ermittelte das Rechenzentrum des Überwachungssystems IDC (International Data Center) in Arlington bei Washingston D. C. ein schwaches Erdbeben in der sibirischen Karasee, 130 Kilometer vor der Küste.

Der CIA widersprach dieser Interpretation, wollte einen Atomtest auf der russischen Insel Novaja Semlja aufgespürt haben und warf den Russen vor, das Teststopp-Moratorium unterlaufen zu haben. Später stellte sich heraus, daß sich der US-Geheimdienst von Satellitenfotos hatte narren lassen. Im November mußte er seine Schlappe zugeben und sprach nun selbst kleinlaut von einem Erdbeben.

Klaus Jacob

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