Schwarze Sonne über Deutschland - wissenschaft.de
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Schwarze Sonne über Deutschland

„Schwarze Sonne, roter Mond“ – das bild der wissenschaft-Buch zur totalen Sonnenfinsternis am 11. August 1999

Das grandioseste Schauspiel, das die Natur zu bieten hat, wird sie am 11. August dieses Jahres über Süddeutschland inszenieren: Der Mond schiebt sich paßgenau vor die Sonne, am hellichten Mittag wird es dunkel, die Sterne leuchten auf, vor allem auch die beiden Planeten Merkur und Venus – es herrscht totale Sonnenfinsternis. Die Schwarze Sonne steht mit ihrem Glorienschein am Himmel über einer gespenstisch fahlen Landschaft.

Zwei begeisterte Augenzeugen haben jetzt ein Buch dazu geschrieben, das alle Facetten des Zaubers beleuchtet: „Schwarze Sonne, roter Mond“. Der Astronom Rudolf Kippenhahn und der bdw-Redakteur für Astronomie Wolfram Knapp befassen sich gleich zu Beginn mit dem Phänomen, warum eine Sonnenfinsternis so etwas unglaublich Besonderes ist. Rein physikalisch betrachtet sollte sie das eigentlich gar nicht sein: Jeder undurchsichtige Gegenstand wirft im Sonnenlicht einen Schatten. Was ist so aufregend daran, daß der Schatten des Mondes einmal für wenige Minuten gerade dorthin fällt, wo wir stehen?

Wie ergreifend dieser geometrische Zufall ist, hat Adalbert Stifter nach der Sonnenfinsternis 1842 in Wien mit den Worten ausgedrückt: „Nie und nie in meinem ganzen Leben war ich von Schauer und Erhabenheit so erschüttert, wie in diesen zwei Minuten, es war nichts anderes, als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen, und ich hätte es verstanden.“

Wie der Titel des Buches andeutet, dreht es sich auch um Finsternisse des Mondes, die jedoch bei weitem nicht so spektakulär sind wie eine totale Sonnenfinsternis, denn auf der Erde ändert sich dabei kaum etwas. Das Besondere ist der Vollmond selbst, der weder als helles Licht noch als „Schwarzer Mond“ am Nachthimmel steht, sondern als kupferrote Scheibe: Der Schatten der Erde taucht den Mond nicht in völlige Finsternis, denn die Atmosphäre beugt Sonnenlicht in den Schatten hinein. Ein hypothetischer Beobachter auf dem Mond würde dort eine totale Sonnenfinsternis erleben, er würde sogar einen Glorienschein, einen roten Ring um die schwarze Erde am Mondhimmel, sehen: das vereinigte Abend- und Morgenrot der Erdatmosphäre.

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Bei einer totalen Sonnenfinsternis auf der Erde ist der Glorienschein dagegen die Korona der Sonne, die sonst unsichtbar ist. Während am Mondhimmel die Erde fast dreimal so groß wie die Sonne erscheint, sind die Scheiben von Sonne und Mond am Erdhimmel nahezu gleich groß, etwa ein halbes Grad im Durchmesser. Die Sonne ist als Himmelskörper zwar 400mal größer als der Mond, sie ist aber auch 400mal weiter entfernt. Das ist nicht etwa ein naturgesetzlich vorgegebenes Verhältnis, sondern purer Zufall – ein Glück für uns, denn nur so ist es möglich, daß sich beide paßgenau voreinanderschieben können. Nur dadurch wird die blendend helle Sonnenscheibe genau abgedeckt und die Korona leuchtet am Himmel – wir erleben das großartige Schauspiel einer totalen Sonnenfinsternis.

Am 14. Dezember 1919 brachte die „Berliner Illustrirte Zeitung“ auf ihrer Titelseite das Portrait des Berliner Physikers Albert Einstein. Darunter stand: „Eine neue Größe der Weltgeschichte: Albert Einstein, dessen Forschungen eine völlige Umwälzung unserer Naturbetrachtung bedeutet und den Erkenntnissen eines Kopernikus, Kepler und Newton gleichwertig sind.“ Der Name Einstein, bis dahin nur Physikern ein Begriff, war in das Zentrum des Interesses der Medien gerückt – und schuld daran war eine totale Sonnenfinsternis.

Die Sensation bestand darin, daß englische Astronomen anläßlich einer Sonnenfinsternis in der Karibik eine Voraussage der von Einstein geschaffenen Allgemeinen Relativitätstheorie bestätigen konnten. Die Voraussage war, daß ein Lichtstrahl nicht immer geradlinig verläuft, sondern vielmehr von der Schwerkraft eines Körpers abgelenkt werden kann.

Einstein meinte, daß dieser Effekt zwar gering sei, aber nachweisbar wäre, wenn während einer totalen Sonnenfinsternis Sterne nahe der verdunkelten Sonnenscheibe am Himmel stehen, da dann das Licht vom fernen Stern zum Beobachter nahe an der Sonnenoberfläche vorbeigeht. Bei Sternen, die hinreichend nahe bei der verdunkelten Sonnenscheibe stehen, sollte die Ablenkung etwa 0,875 Bogensekunden betragen.

Das war zwar wenig – ein Markstück aus fünf Kilometer Entfernung betrachtet würde diesen Winkel einnehmen -, doch die Ablenkung des Lichtes durch die Sonnenschwerkraft müßte auf diese Weise während der Finsternis bestimmt werden können.

Der Finsternisstreifen vom 29. März 1919 lief über die Insel Principe vor der Küste Spanisch-Guineas. Noch während des Krieges hatten englische Wissenschaftler eine Expedition vorbereitet, um die Theorie zu prüfen – obwohl der deutsche Professor Einstein damals in England als feindlicher Ausländer galt. Die Auswertung aller Beobachtungsergebnisse lag Anfang November 1919 vor. Sie brachte eine volle Bestätigung der Einsteinschen Theorie von der Krümmung der Lichtstrahlen durch Schwerefelder.

Finsternisse waren nicht nur in der Wissenschaft von Bedeutung, sie drehten zuweilen auch am Rad der Weltgeschichte.

Das Leben Mohammeds etwa, des Islam-Begründers, ist mit drei Sonnenfinsternissen verwoben. Im Jahr seiner Geburt zog sich der Streifen einer totalen Sonnenfinsternis durch den heutigen Sudan, durch Äthiopien und durch Somalia. Am Tag, als sein Sohn starb, war eine ringförmige Finsternis in der Gegend zu sehen. Und 39 Jahre nach seinem Tod wollte man Mohammeds Gebeine von Medina nach Damaskus überführen. Doch gerade als man das Grab öffnete, verdunkelte sich der Himmel – durch Libyen, Ägypten und Saudi-Arabien zog sich der Streifen einer totalen Sonnenfinsternis. Das sah man als ein Zeichen des Himmels an und gab das Unternehmen auf. Deshalb pilgern die Gläubigen noch heute nach Medina an das Grab des Propheten und nicht nach Damaskus.

Eine Mondfinsternis rettete im Februar 1504 Christoph Kolumbus das Leben. Er war auf seiner vierten Reise in die Neue Welt an der Küste von Jamaika gestrandet. Der Sturm hatte die Schiffe halb zerstört, Würmer zerfraßen die Schiffswände. Anfangs waren die Eingeborenen noch freundlich gewesen und hatten die Fremden mit Lebensmitteln versorgt. Doch das war schon lange vorbei. Die Gestrandeten erwarteten jeden Augenblick den tödlichen Angriff der Indianer.

Da kam dem großen Seefahrer ein unglaublicher Zufall zu Hilfe. Für die Navigation hatte er auf seinen Reisen die Tabellen des deutschen Astronomen Johannes Müller benutzt, bekannt unter dem Namen Regiomontanus, der lateinischen Bezeichnung seines Heimatortes Königsberg in Franken. Für den 29. Februar 1504 war in den Tabellen eine totale Mondfinsternis prophezeit. Dieses Datum stand unmittelbar bevor.

Deshalb rief Kolumbus die Häuptlinge der Indianerstämme zu einer Besprechung in sein Lager. Seine Rede ist nicht im Wortlaut überliefert. Aber etwa folgendes ließ er über den Dolmetscher mitteilen: „Der Gott der Christenheit zürnt euch, da ihr uns, die wir seine Boten sind, hungern laßt. Deshalb wird er euch hart strafen. Zum Zeichen seines Zornes wird er heute Nacht dem Mond seinen Schein nehmen. Wenn ihr seine Warnung mißachtet, wird er den Mond für immer vom Himmel nehmen.“ Nur ein paar Eingeborene waren erschrocken, andere lachten. Die größte Angst hatte wohl Kolumbus selbst, der nicht wußte, ob er sich auf Regiomontanus‘ Vorhersage wirklich verlassen konnte.

Aber die Tabellen waren richtig. Gleich nach seinem Aufgang verdunkelte sich der Vollmond, und bald erschien er nur noch als eine rötlich schimmernde Scheibe. Nun verging den Eingeborenen das Lachen. Sie warfen sich auf den Boden und flehten Kolumbus an, er möge seinen Gott doch bitten, den Mond weiter scheinen zu lassen. Kolumbus erklärte, er wolle sehen, was sich machen ließe, und zog sich in seine Hütte zurück. Nach einer Stunde erschien er wieder und erklärte, sein Gott wolle noch einmal gnädig sein. Tatsächlich kam der Mond wieder zum Vorschein – am nächsten Tag brauchte niemand mehr zu hungern.

Neben solchen Berichten über frühere Finsternisse setzt natürlich die diesjährige totale Sonnenfinsternis am 11. August einen starken Akzent in dem Buch. Sie finden wertvolle Tips zum Fotografieren und auch eine Beschreibung, was den Beobachter erwartet und wie er gefahrlos zur Sonne schauen kann: mit einem dunklen Schutzglas oder einer speziellen Brille. Wenn sich der Mond allmählich vor die Sonnenscheibe schiebt, ist nicht viel mehr zu sehen als eben die immer mehr schrumpfende Sonnensichel. Sobald jedoch der letzte Sonnenstrahl am Rand des Mondes erlischt, sind keinerlei Schutzmaßnahmen mehr nötig – die Feuerzungen der Protuberanzen und den Strahlenkranz der Korona darf man mit bloßem Auge und sogar mit dem Feldstecher bewundern.

Diesen ergreifenden Moment, den Beginn der Totalität, hat Adalbert Stifter eindrucksvoll beschrieben: „…wie der letzte Funke eines erlöschenden Dochtes schmolz eben auch der letzte Sonnenfunken weg – und dieser Moment war es eigentlich, der wahrhaft herzzermalmend wirkte – das hatte keiner geahnet – ein einstimmiges ,AhO aus aller Munde, und dann Totenstille, es war der Moment, da Gott redete, und die Menschen horchten.“

Wolfram Knapp

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