Sehnsucht nach dem Nichts - wissenschaft.de
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Sehnsucht nach dem Nichts

Zwischen Unding und Verlockung: Seit Jahrtausenden zieht es Literaten und Philosophen in die große Leere.

Er arbeitete gern nachts. Und so saß Gottfried Wilhelm Leibniz auch am 3. Dezember 1697 noch zu später Stunde in seinem mit Büchern geradezu tapezierten Arbeitszimmer in der Leinstraße in Hannover. Sein Blick traf nur selten das Kaminfeuer, das die Winterkälte abhielt, denn seine Gedanken kreisten um eine Frage, die ihn schon lange beschäftigte.

In jener Nacht verfasste der Philosoph und Mathematiker eine kurze lateinische Abhandlung über den ultimativen Ursprung der Dinge, „De rerum originatione radicali“, in der er die schwierigste aller Fragen zu beantworten versuchte: „Bis hierher haben wir nur als einfache Physiker geredet: nun ist es Zeit, sich zur Metaphysik zu erheben, indem wir uns des gewaltigen, wenngleich gemeinhin wenig angewandten Prinzips bedienen, wonach nichts ohne zureichenden Grund geschieht […]. Ist dieses Prinzip einmal angenommen, so wird die erste Frage, die man mit Recht stellen darf, die sein: Warum es eher etwas als nichts gibt. Denn das Nichts ist doch einfacher und leichter als das Etwas. Nimmt man weiterhin an, dass Dinge existieren mussten, so muss man Rechenschaft davon ablegen können, warum sie so und nicht anders existieren müssen.“ Leibniz‘ Antwort: Gott ist der zureichende Grund der Welt und hat diese so geschaffen, wie sie ist, weil er in seiner Allgüte und Allmacht nur die Beste aller möglichen Welten realisieren wollte. Das ist auch der Kern von Leibniz‘ 1710 erschienener „Theodizee“: dem Versuch, Gott angesichts der Übel in der Welt – Krankheiten, Katastrophen, das Böse – zu rechtfertigen. Leibniz leugnet nicht die Phänomene, doch sie sind für ihn ein notwendiges Mittel zum Guten, ja Besseren, oder unvermeidliche Kollateralschäden, weil sonst alles noch viel schlimmer wäre.

Diese Thesen haben die meisten Philosophen nicht überzeugt, sondern zu heftiger Kritik oder – wie Voltaire – beißendem Spott herausgefordert, und sie beschäftigen die Theologen bis heute. Denn welchen Sinn – außer vielleicht für einen Masochisten – kann das Schlachthaus haben, das man Weltgeschichte nennt: „Eine nie abreißende Kette von Verbrechen gegen den Menschen, von Verfolgungen, Vertreibungen, Massenfluchten, Aussiedlungen und systematischen Ausrottungen“ (Hans Dollinger).

Es geht nicht nur um akademische Gedankenakrobatik und Pseudorechtfertigungen, um das Fristen des Lebens und die Lebensfrist selbst. Das Werk des „perückenumrahmten Advocatus Dei“ – so nennt der Philosoph und Literaturwissenschaftler Ludger Lütkehaus Leibniz – ist dabei noch immer ein Ärgernis. Viele wechselten ins andere Extrem und nahmen das Nichts fast schon als Versprechen oder Strohhalm. Sieht man genauer hin, zieht sich sowohl die metaphysische als auch die existenzielle Dimension des Nichts durch die gesamte Philosophie- und Religionsgeschichte, wie Lütkehaus, Professor an der Universität Freiburg, in seinem 750-seitigen, schlicht „Nichts“ genannten Buch mit spitzer Feder und messerscharfen Details vorgeführt hat: Einst galt – und gilt oft bis heute – das Sein, die bloße Existenz von etwas, als ein Synonym des Guten, des bewundernden Bestaunens und der Bejahung. Diese Wert- und Weltanschauung ist jedoch fragwürdig geworden. „ Das Leiden inspiriert die Frage.“ Und dabei hat das Nichts sogar eine gewisse therapeutische Funktion: „Die Philosophie soll – wenn sie überhaupt etwas „soll“ – das Leben leichter, nicht schwerer machen, als es ohnehin schon ist. Sie kann das jedoch nur, wenn sie zeigt, dass das Nichts nicht der Schrecken aller Schrecken, wie das Sein nicht der Güter höchstes ist; wenn sie die Schulden, die Lasten, die Pflichten nicht übernimmt, welche die Ideologie der Schöpfer den Menschenkindern mit dem „Geschenk des Lebens“ oktroyiert hat.“

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Die Liste der Lebensverneinungen ist schier endlos, besonders in ihrer literarischen Gestaltung. Denn unerträglich ist „das Gefühl der Absurdität“, die einen, wie der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus es beschrieben hat, jederzeit und überall anfallen kann: am Bahnsteig, auf einer Geburtstagsfeier oder im Großraumbüro. Dann stürzen die Kulissen ein. Dabei bleckt hier nur der kleine Horror der Alltagsbanalitäten durch die „Fassadenrealität“ (Robert Musil). Nicht auszuhalten sind die schreienden Ungerechtigkeiten, die blanke Zufälligkeit, die dauernde Dichotomie zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die Lebenslügen und Enttäuschungen, das Glück als Kontrastverstärker des Elends, die ausweglose Traurigkeit, die permanenten Vergeblichkeiten, das völlige Versagen, die endlose Eintönigkeit, die Verzweiflung, der Jammer der Existenz, der Überdruss, der Ekel am Dasein – „klebriger Dreck“, wie Jean-Paul Sartre schrieb. „Zivilisations-Abfall, eine bösartige, dumme, sich überall breitmachende Materie“, notierte der vielen schon nicht mehr bekannte Schriftsteller Hans Erich Nossack in sein Tagebuch. Und anderswo: „Die tragische Geschichte der gebrochenen Flügel ist noch nicht geschrieben worden. Eines Tages jedoch merkt man, dass man schon nicht mehr dazu gehört.“ Das „so genannte Nichts“ begriff Nossack als die „zeitgemäße Daseinsform“ und „dies lebenlose Leben“ – eine Formulierung, die schon auf den Barock-Dichter Andreas Gryphius zurückgeht – als ein „Leben im Nichts ohne jede Rückendeckung.“ Wir sind „Strandgut des Universums“ (Günther Anders), ein Auswurf der Natur.

„Eines Tages bin ich blind geworden, eines Tages werden wir taub, eines Tages wurden wir geboren, eines Tages sterben wir […] Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von neuem die Nacht“, formulierte es Samuel Beckett in seinem Drama „Warten auf Godot“. Das klingt vielleicht pathetisch – doch tatsächlich steckt ja schon in der griechischen Wurzel von „Pathos“ der Begriff „Leiden“.

Keiner hat das leidenschaftlicher zum Ausdruck gebracht als Georg Büchner. „Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das Gefühl empört sich dagegen“, opponiert der 23-jährig Verstorbene in seinem 1835 erschienenen Drama „Dantons Tod“ gegen Leibniz. „Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten“, hat er die ganze Misere des Daseins be- und angeklagt. Die Theodizee ist gescheitert, und auch die Onto-, Kosmo- und Biodizee – eine Rechtfertigung für das Sein, die Welt und das Leben – wird nicht ersichtlich. Der Horror Vacui schlägt um zum Horror Creationis: „ Das Nichts hat sich ermordet, die Schöpfung ist seine Wunde, wir sind seine Blutstropfen, die Welt ist das Grab, worin es fault“. Das Nichts allein verspräche Erlösung: „Die Welt ist ein Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott“. Doch „da ist keine Hoffnung im Tod; er ist nur eine einfachere, das Leben eine verwickeltere, organisiertere Fäulnis“.

Auch Lütkehaus sieht das „Leben als Krankheit zum Tode ohne Aussicht auf die Therapie durch ihn“. Und für Albert Camus gibt es „nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie“. So beginnt sein Essay „Der Mythos von Sisyphos“. Und weiter: „Da alle normalen Menschen an Selbstmord gedacht haben, wird es ohne weiteres klar, dass zwischen diesem Gefühl und der Sehnsucht nach dem Nichts eine direkte Beziehung besteht.“

Doch was, wenn ein solcher Ausstieg nicht gelingt – wenn nämlich die Willensfreiheit eine pure Illusion ist und der Mensch dazu verdammt, hilflos an den Fäden seines unerquicklichen Schicksals zu zappeln? Dann bleibt das Nichts allenfalls als Trost, und die Geburt ist der eigentliche Skandal. Konsequenterweise beging der britische Schriftsteller Jonathan Swift seinen Geburtstag nicht als Zeitpunkt der Freude, sondern der Betrübnis, und schon der griechische Historiker Herodot berichtete von der Sitte der Thraker, einen Neugeborenen mit Wehklagen zu begrüßen und ihm die zu erwartenden Übel zu erzählen, die Toten aber mit Freude und Scherz zu bestatten, weil sie das große Labyrinth der Leiden hinter sich hätten.

Auch die Bibel verkündete diese unfrohe Botschaft des Daseins: „Alsdann öffnete Hiob seinen Mund und verfluchte den Tag seiner Geburt.“ „Vom Nachteil, geboren zu sein“ – so der Understatement-Titel einer schneidenden Aphorismus-Sammlung des rumänisch-französischen Schriftstellers Émile M. Cioran – klagten Menschen aller Zeiten. Im alten Griechenland schon Heraklit, Hesiod, Theognis und die Tragödiendichter Aischylos, Sophokles („ Nie geboren zu sein: Höheres denkt kein Geist!“) und Euripides. Später die Philosophen Seneca, Montesquieu, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. In der Gegenwart zum Beispiel Ludger Lütkehaus und Ulrich Horstmann. „Dass es besser wäre, wenn es nicht wäre“, habe sich das Untier, das Mängelwesen Mensch, immer schon eingestanden, meint Horstmann. Der Philosoph und Literaturprofessor an der Universität Gießen fordert in seinem Buch „Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“ sogar: „Vermonden wir unseren stoffwechselsiechen Planeten!“ Und schon Nietzsche sinnierte darüber, was wäre, wenn einer „ein Wort fände, das ausgesprochen die Welt vernichten würde, glaubt ihr, er spräche es nicht aus?“.

Der heute fast vergessene Philosoph und Dichter Philipp Mainländer hatte diesen Gedanken fast zeitgleich radikalisiert. „ Warum überhaupt einmal Etwas und nicht vielmehr sofort Nichts?“, drehte er die Leibniz-Frage um und entwarf in seinem 1300-seitigen Hauptwerk „Philosophie der Erlösung“ eine unerhörte Suizid-Metaphysik: die Welt als Selbstmordprojekt des leidenden Gottes. „Die Welt ist das Mittel zum Zwecke des Nichtseins.“ Die creatio ex nihilo, die Schöpfung aus dem Nichts, wird bei Mainländer zur creatio ad nihilum, zur Schöpfung für Nichts. Denn das Nichtsein ist besser als das Sein, und da Gott sich nicht selbst auf direktem Weg aus der Welt schaffen konnte, musste er erst die Welt schaffen, eine mindere Form des Seins. „Die einfache Einheit konnte nicht durch sich selbst aufhören zu existieren“, schrieb Mainländer – Gott stand sich gleichsam selbst im Weg. So muss auch der Erlöser erlöst werden – durch die Welt, die er als Sterbehelfer braucht. „Gott ist gestorben und sein Tod war das Leben der Welt.“ Und sie ist der Anfang zum glücklichen Ende, denn für Mainländer ist die „ewige Ruhe“ nicht eine fromme Metapher, sondern eine glückselige Verheißung. Das Diktum „Philosophieren heißt Sterbenlernen“ des französischen Essayisten Michel Montaigne wird Mainländer zur Weisheit letztem Schluss: „Bei den Toten gibt es keinen Schmerz.“ Mainländer lebte und dachte – so Ludger Lütkehaus – „mit blutiger Konsequenz“: Als die druckfrischen Belegexemplare seiner „Philosophie der Erlösung“ eintrafen, stapelte er sie in seiner Wohnung, stellte sich darauf, trat sie zur Seite – und erhängte sich. Rüdiger Vaas ■

Ohne Titel

Wie stellt man „nichts“ dar? Seit der Geburt der Konzeptkunst in den Sechzigerjahren haben sich bildende Künstler intensiv mit dem Nichts auseinandergesetzt. Und mussten erfahren, dass es eine Arbeit von ungeheurer Komplexität ist, „die grundlegende Unsichtbarkeit der äußeren Dinge zu bezwingen“ (Samuel Beckett). Dahinter steckt nicht nur eine Ästhetik der Anspruchslosigkeit, sondern – mit den Worten von Peter Weibel, Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe – sogar eine „Ära der Absenz“.

Begonnen hat die Entleerung des Bildes, die zugleich den Keim aller Möglichkeiten darstellt, zumindest in der Phantasie, spätestens 1913 mit dem „Schwarzen Quadrat“ von Kasimir Malewitsch. Ad Reinhardt erweiterte diese Idee von 1960 bis zu seinem Tod 1967 mit seinen „ultimate paintings“ geradezu obsessiv: gleichförmigen, kaum mehr unterscheidbaren schwarzen Bildern.

Auf diese philosophische Malerei zur Idee der Negation folgte „ die Negation der Negation“, sagt Martina Weinhart, die als Kuratorin die Ausstellung „Nichts“ an der Frankfurter Kunsthalle Schirn konzipiert hat (bis zum 1. Oktober geöffnet). Dort wird deutlich, wie kreativ die Auseinandersetzung der Konzeptkunst von den Sechzigerjahren bis heute mit „nichts“ umgeht. Der Betrachter ist dabei allerdings ziemlich gefordert. „Er muss sich einlassen auf die Auslassung, die Pause, auf einen Moment konzentrierter Reflexion“, sagt Max Hollein, Direktor der Schirn. „Angesichts der überbordenden Bildfülle unserer Gesellschaft kommt eben diesem Erfahrungsmoment aber auch eine kathartische Wirkung zu.“ Joseph Kosuth schuf 1968 seine Serie „Titled (Art as Idea as Idea)“, bei der jedes Bild eine vergrößerte Kopie von Lexikoneinträgen über das Nichts darstellt. John Baldessari produzierte Nichtbilder, die er als „gereinigt von allem außer der Kunst“ verstanden wissen wollte, „keine Idee zog hier ein“ .

Spencer Finch stellt ein Papier unter dem Titel „Nine Melting Snowflakes“ aus. Er hatte es aus seinem Fenster gehalten, als es schneite. Zurück in der warmen Stube konnte er die Schneeflocken gerade noch zählen, bis sie auf dem Blatt schmelzend verschwanden.

Martin Creed ironisierte das Nichts in seinem „Work No. 401″ aus dem Jahr 2005, das aus einer kleinen Lautsprecherbox mit Soundschleife besteht, auf der nur ein lapidares „pffft“ des Künstlers zu hören ist.

Karin Sander geht mit ihrer Arbeit „Zeigen“ von 2006 noch einen Schritt weiter: Sie konfrontiert die Besucher mit den leeren Wänden der Galerie, an denen sich nur die zur Werksbezeichnung üblichen Schilder befinden. „Die Werke selbst jedoch fehlen oder sind, wie man gleich bemerken wird, lediglich nicht zu sehen“, erläutert Martina Weinhart. Zudem hat die Künstlerin eine Reihe von Kollegen gebeten, eine eigene Arbeit auszuwählen und zu beschreiben. So wird der Betrachter, den Worten aus dem Audioguide lauschend, „vom Augensinn befreit und auf eine alternative Wahrnehmungsebene verwiesen“.

Nam June Paik warf den Zuschauer mit seinem „Zen for Film“ (1964) dagegen auf sich selbst zurück: Ein leerer, transparenter Filmstreifen wurde eine Stunde lang im Kino vorgeführt. Zu sehen war freilich nicht nichts, sondern die Kratzer und Verschmutzungen des Filmmaterials und der Leinwand. Am Ende der Aufführung stellte sich Paik so vor die Leinwand, dass sein Schatten sichtbar wurde und die Silhouette die traditionelle Figur-Grund-Relation wiederherstellte.

Schon 1958 zeigte Yves Klein auf seiner Ausstellung „Le Vide“ („Die Leere“) in Paris einen leeren, mit pudrig-weißer Pigmentfarbe ausgekleideten Galerieraum, um die Ent- und Immaterialisierung der Kunst darzustellen. Noch weiter ging James Turrell. Mit „Danae“ (1983) hob er den Unterschied von Bildträger und Bildinhalt auf: Was von Ferne als monochrome graue Fläche erscheint, erweist sich bei genauer Betrachtung als rechteckige Öffnung zu einem Hohlraum – dem „sensing space“ –, in dem ein gestaltloser Nebel in diffusem Licht wabert.

Die radikalste Nichtigkeit – innen wie außen – stammt von Tom Friedman. „1000 Hours of Staring“ heißt ein Blatt Papier, das er zwischen 1992 und 1997 insgesamt 1000 Stunden lang angestarrt hat – eine perfekte Veranschaulichung, wie mühselig die kreative Arbeit ist, die letztlich, wie alles, zu nichts führt…

Rüdiger Vaas

Ohne Titel

Nichts ist schwieriger als das Nichts – und zwar schon begrifflich. Wie kann man es begreifen, wenn da doch nichts ist, das sich – im konkreten wie abstrakten Sinn – erfassen lässt? Unproblematisch, aber eigentlich nicht das Thema, sind die Wörter „nicht“ und „nichts“, die lediglich die Abwesenheit oder Nichtexistenz von „etwas“ markieren. Ähnlich die Verneinung von Existenzaussagen in der formalen Logik: „Es ist nicht der Fall, dass x existiert.“

Knifflig wird es beim Substantiv beziehungsweise der Nominalphrase „das Nichts“. Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant unterschied hier gleich vier Bedeutungen: das Nichts als Gedankending, als Spiel der Anschauung, als Negation oder Mangel sowie als Unding, das heißt, in sich widersprüchlicher Begriff. Auf der Ebene der Metaphysik ist das Nichts der Gegenbegriff zum Sein. Freilich hat das paradoxe Konsequenzen, denn „nichts existiert“ ist nicht gleichbedeutend mit „das Nichts existiert“ – und wie soll etwas Nichtexistentes existieren? Entsprechend wittern hier manche Philosophen einen Missbrauch der Sprache, während andere – etwa Martin Heidegger – mit Formulierungen wie „ das Nichts nichtet“ noch weitergingen.

Fest steht, dass das Nichts nicht mit dem Vakuum der Physik gleichgesetzt werden kann. Auch nicht mit der Null – die immerhin eine Zahl ist oder eine Variable, die keinen Wert hat. Am nächsten kommt ihm vielleicht die leere Menge – aber auch die ist noch immer etwas, nämlich eine Menge, und wird von manchen Philosophen sogar als „unlogisch“ zurückgewiesen.

Ohne Titel

„Indische Circe“ hat Friedrich Nietzsche die Verführungskraft des Nichts genannt. Hier klingt ein häufiges Missverständnis an, denn im fernöstlichen Denken ist das Nirwana nicht nichts, son- dern sogar alles – die eigentliche Realität; und „alles“ – unsere vermeintliche Realität – ist eigentlich nichts, nämlich eine Illusion.

Die „gefühlte Realität“ sieht freilich anders aus. Denn auch für die östlichen Religionen ist Leben Leiden. Der Tod verspricht allerdings nicht die Erlösung – was er auch in den monotheistischen Religionen nicht tut, insofern danach Fegefeuer und Höllenqual drohen –, sondern leitet nur die nächste Runde im (fast) ewigen Kreislauf der Wiedergeburten (samsara) ein. Das Leben kann also nicht einfach ins Nichts verschwinden, sondern muss die Folgen seines Tuns (karma) tragen.

Allein das „Nirwana“ verspricht die (Er)Lösung. Dieses Sanskrit-Wort hat schillernde Bedeutungen und wird im Westen oft fehlinterpretiert. Es bezeichnet keinen Ort, keine Eigenschaft, keine Überrealität, kein Objekt und auch nicht die Vernichtung oder das Nichts. Vielmehr ist es eine Bedingung der Möglichkeit für Erlösung – der Soll-Zustand jenseits der Illusionen, in die das Leben unheilvoll verwickelt ist, und weswegen es der Gier und Ich-Sucht huldigt. Ursprünglich meinte Nirwana lediglich das „ Erlöschen des Lebensfeuers“, dann aber das Verschwinden und Überwinden der Anhaftungen, die befreiende Erkenntnis („ Erleuchtung“) und dadurch die Aufhebung des Leidens. Im Hinduismus erfolgt dies mit dem Aufgehen des individuellen Ichs (atman) in etwas Überpersönliches (brahman) oder einen persönlichen Gott. Im Buddhismus ist es dagegen eine Art innere Einstellung: „Die Auslöschung der falschen Auffassung von Seiendem und Nichtseiendem wird Nirwana genannt“, soll der buddhistische Lehrer Nagarjuna im 2. Jahrhundert gesagt haben. Wer nach dem Sinn des Nirwana frage, habe es nicht verstanden, sondern sei noch in den Kategorien von Dualität und Kausalität verhaftet.

Freilich: Wenn alles eine Illusion ist, dann müsste doch erst recht die – ohnehin unwahrscheinliche und für manche auch erschreckende – Aussicht aufs Nirwana eine sein. Womöglich ist also auch sie nur „frommer Wunsch“, ein psychisches Placebo und eine metaphysische Drückebergerei.

Ohne Titel

• Warum es überhaupt etwas gibt und nicht nichts, ist die schwierigste aller metaphysischen Fragen.

• Auch in seiner existenziellen Dimension treibt das Nichts Philosophen und Schriftsteller aller Zeiten um.

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