Seuchenquelle Tier - wissenschaft.de
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Seuchenquelle Tier

Nicht erst seit Sars: Gefährliche Mikroben aus dem Tierreich attackieren die Menschheit.

Immer wieder tauchen mysteriöse Krankheitserreger auf und bedrohen die Menschheit – in China, in Afrika, aber auch in Deutschland. Sie zerfetzen die Lungen ihrer Opfer oder verwandeln Nieren zu blutigen Klumpen. Manche entfachen nur ein Strohfeuer an Infektionen, andere werden zu weltweiten Epidemien. Sie heißen Sars, Affenpocken oder Ebola. Ihr Ursprung: das Tierreich.

So bedrohlich die Attacken aus den Tiefen des Urwaldes, aus Schlachthäusern und Tiermästereien sind: Sie geschehen seit Tausenden von Jahren. „Tiere sind schon immer die Hauptquelle für menschliche Infektionskrankheiten gewesen“, erklärt Reinhard Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts in Berlin. „Kaum ein Krankheitserreger entsteht auf andere Weise.“ Schon die urzeitlichen Jäger und Sammler haben sich an erlegten Tieren oder an Aas mit Mikroben infiziert. Richtig effektiv wurde der Transfer von Krankheitserregern aber erst, als der Mensch begann, sich Haustiere zuzulegen.

Von den Hunden bekam er wahrscheinlich die „echten“ Pocken, von den Rindern die Tuberkulose. Sogar die normale Erkältung ist nichts ursprünglich Menschliches. Ihre Erreger sprangen wahrscheinlich vor 4000 bis 5000 Jahren vom Pferd auf Homo sapiens über. Auch die großen Seuchen der Menschheit – Pest und Typhus – haben ihre Ursprünge im Tierreich. Ratten und Mäuse waren die ersten Wirte.

„Zoonosen“ nennen die Forscher solche Krankheiten, bei denen der Erreger seine ursprüngliche Wirtsart verlässt. Nicht immer sind dabei Menschen die Opfer. Tapire können sich mit der Menschen-Tuberkulose infizieren und Biber mit Kuhpocken. Solch ein Sprung von einer Tierart zur anderen, von Katze auf Mensch oder auch von Mensch auf Schwein, ist alles andere als einfach für die winzigen Killer:

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•Der Krankheitserreger kennt sich mit der Biochemie seines neuen Wirtes nicht aus. Er weiß nicht, wie man die molekularen „ Schlösser“ im Körper knackt, um in die Zellen und Organe eindringen zu können.

•Er hat noch keine Tricks entwickelt, um das Immunsystem des neuen Wirts zu täuschen.

Darum sind erfolgreiche Sprünge von Mikroben über Artgrenzen hinweg recht selten. Ein Glücksfall für die Menschheit, denn im Tierreich existieren Krankheitserreger, die kein Hollywood-Regisseur grauenvoller erfinden könnte. Zum Beispiel dieses Irido-Virus: Es überlebt monatelang im Erdboden, in Kühlhäusern oder in verrottetem Fleisch. Seine Opfer können ihm kaum entkommen. Es kann über die Nahrung eindringen – Räuchern und Pökeln machen ihm nichts aus – oder über die Atemluft, und selbst die Haut kann es durchbohren.

Am Anfang merkt sein Opfer noch nichts, aber nach einigen Tagen schlägt die Krankheit zu. Bis auf 42 Grad Celsius steigt die Körpertemperatur. Blutige Flecken bilden sich unter der Haut und aus Nase und After rinnt Blut, denn die inneren Organe beginnen sich aufzulösen. Das Gehirn versagt. Zittern und Lähmungen in den Beinen sind die Folge. Dann fällt die Körpertemperatur in bedrohliche Tiefen. Koma und Tod folgen. Oft beträgt die Todesrate 100 Prozent, es gibt kein rettendes Medikament. Die Opfer sind Schweine. Den Menschen befällt diese „ Afrikanische Schweinepest“ nicht, und bis heute gibt es keinen vergleichbaren Krankheitserreger, der Menschen infiziert.

Trotzdem zeichnet sich ein gefährlicher Trend ab: Zoonosen nehmen zu. „Und sie werden sich in Zukunft sehr wahrscheinlich weiter ausbreiten“, meint François Meslin, Zoonosen-Experte der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sars ist nur der jüngste Fall. Seit vier Jahren ist das West-Nil-Fieber in den USA rasant auf dem Vormarsch. Ursprünglich kommt der Erreger – ein Virus – aus Ostafrika. Wahrscheinlich haben ihn Vögel nach Amerika gebracht. Die ersten Opfer waren Krähen. Aber inzwischen befällt er auch Pferde und Menschen.

Besonders bedrohlich: Das Virus hat sich dabei verändert und ist gefährlicher geworden. „Früher war es eher eine grippeähnliche Erkrankung. Todesfälle gab es selten“, sagt Georg Peters, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Münster. „Aber inzwischen hat der Erreger seine krankmachenden Eigenschaften verbessert und führt zu schweren Erkrankungen mit Todesfolge.“ Europa ist bisher von der Seuche weitgehend verschont geblieben. Es gab nur kleinere Ausbrüche, wie 2000 in der Carmargue unter den berühmten halbwilden Pferden der Region. Aber diese Infektionen bekamen die Gesundheitsbehörden rasch unter Kontrolle. Allerdings ist den Forschern völlig unklar, warum das Virus in den USA so gut und in Europa bislang gar nicht zurechtkommt.

Damit ein Erreger seinen Wirt wechseln kann, müssen sich die verschiedenen Arten möglichst häufig nahe kommen. In Südost-China ist das der Fall. Menschen, Schweine und Geflügel leben hier unter schlechten hygienischen Bedingungen eng zusammen. Jeder kommt mit Fäkalien, Schleim oder Blut der anderen Arten in Berührung. Auf diese Weise selektionieren sich Erreger heraus, die im neuen Wirt überleben können und dort auf andere Mikroben treffen. Mit denen tauschen sie Gene aus, die ihnen helfen, besser im neuen Wirt überleben zu können.

Die Folge: Südost-China ist ein Brutkessel für Zoonosen. Die bekannteste ist die Influenza, die echte Grippe. Eigentlich ist sie eine Geflügelkrankheit, doch alle paar Jahre zieht eine neue menschenbedrohende Mutante von China aus um die Welt und hinterlässt Zehntausende, manchmal sogar mehrere Millionen Tote.

In Afrika sind es vor allem Überbevölkerung, Armut und Bürgerkriege, die die Menschen in bisher unerschlossene Waldgebiete treiben. Hier treffen sie auf verborgen lebende Affen- oder Rattenarten, bei denen sie sich anstecken. Die Affenpocken und vermutlich auch Ebola haben so ihren Weg in die Menschheit gefunden.

Die Erreger von Affenkrankheiten sind für Menschen besonders gefährlich, da sich Menschen und ihre tierischen Verwandten genetisch und biochemisch sehr ähnlich sind. Einige Experten befürchten, dass die Pocken auf dem Umweg über die Affenpocken wieder zu einer weltweiten Seuche werden könnten. Ende der neunziger Jahre brach diese Krankheit sogar in einigen großen Städten im tropischen Afrika aus, im Juni 2003 erkrankten Menschen im mittleren Westen der USA. Glücklicherweise wird der Erreger bislang nur selten von Mensch zu Mensch übertragen.

In den Industrienationen begünstigt eine andere Entwicklung das Zusammentreffen mit Tieren und damit die Verbreitung von Zoonosen: der Trend, in die Vorstädte zu ziehen – hinaus ins Grüne. Nutznießer dieses Trends sind zum Beispiel die Hanta-Viren, stellte das US-amerikanische Zentrum für Seuchenkontrolle (CDC) fest. Immer häufiger diagnostizieren Ärzte diese Erreger – nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland.

Dabei ist es für einen Städter gar nicht so einfach, sich mit diesen Viren zu infizieren. Die natürlichen Wirte sind Mäuse und andere Nagetiere. Um sich anzustecken, muss man mit Kot oder Urin der Tiere in Berührung kommen. Die ersten Deutschen, die in großer Zahl mit dem Virus in Kontakt kamen, waren Wehrmachtssoldaten, die im Zweiten Weltkrieg durch die mit Lemmingkot bedeckte finnische Tundra robbten. Die Folge: So genannte hämorrhagische Fieber mit inneren Blutungen – ähnlich denen einer Ebola-Infektion – und schwere Nierenentzündungen. Jeder zehnte infizierte Soldat starb.

Die Erreger können überall sein. In der Maus, die die Hauskatze ihrem Besitzer auf die Fußmatte legt, im Staub einer von Nagern bewohnten Scheune oder in einer Ferienhütte im Wald. Doch zur Panik besteht trotzdem kein Anlass. So gefährlich die Angriffe von Mikroorganismen auch sein können, die meisten Menschen überleben sie oder werden gar nicht erst krank. Im Laufe der Evolution hat sich der menschliche Körper nämlich eine gute Abwehr zugelegt:

•Nur wenige Krankheitserreger können die Haut durchdringen.

•In den Sekreten der Schleimhäute sind antimikrobielle Substanzen, in Magen und Darm aggressive Säuren und Verdauungssekrete.

•Im Blut herrscht das Immunsystem.

Aber was passiert, wenn man all diese Barrieren umgeht und tierisches Gewebe direkt in den Körper einführt? Gentechnisch veränderte Tierorgane sollen in kranke Menschen transplantiert werden (Xenotransplantation) und so die Knappheit an Spenderorganen beseitigen. Auf den Organen dieser Tiere sitzen künstliche molekulare Tarnkappen. Sie unterdrücken einen wichtigen Teil des Immunsystems, das Komplementsystem. Die Tarnkappen verhindern, dass die Transplantate sofort als artfremd erkannt und abgestoßen werden.

Als vorbeugende Maßnahme gegen eine Organabstoßung müssen die Patienten – wie andere Organempfänger – Medikamente schlucken, um die langfristige Immunabwehr zu unterdrücken. Der Körper ist dadurch Viren und Bakterien ausgeliefert. „Infektionskrankheiten sind eine der Hauptursachen, warum Organempfänger erkranken oder sterben“, erklärt François Meslin. Doch viele Forscher fürchten nicht nur Gefahren für den direkt betroffenen Patienten. Sie haben Angst, dass die Menschheit mit der Transplantation von Tierorganen gleichsam eine Büchse der Pandora öffnet.

„Die Übertragung käme einer direkten Injektion von Viren gleich“, sagt der Retrovirenforscher Ralf Tönjes, Wissenschaftlicher Direktor am Paul-Ehrlich- Institut in Langen. Retroviren können sich in die Erbinformation ihres Wirtes integrieren und sich dort so lange verstecken, bis die Umstände für einen Ausbruch günstig sind. HIV und einige krebserregende Viren gehören in diese Familie. In Schweinen hat man bereits einige sehr gut verborgene Retroviren entdeckt.

Da das unterdrückte Immunsystem die Erreger gewähren lassen muss, könnten sie sich ungehemmt vermehren – und was noch viel schlimmer wäre: Sie hätten massenhaft Zeit, um sich an den neuen Wirt „Mensch“ anzupassen. Aus dem Schweine-Virus, das zusammen mit einer Schweineniere in einen Menschen gelangt war, würde ein Menschen-Virus – mit unabsehbaren Folgen.

„Schlimmstenfalls könnten sie in der Bevölkerung eine Epidemie auslösen“, befürchtet Tönjes. „Die Kombination von Tierorgantransplantation und Immununterdrückung könnte schlimmere Folgen haben als jede Regenwaldmikrobe“, pflichtet ihm Jonathan S. Allan bei, Leiter der Virus-Abteilung an der Southwest Foundation for Biomedical Research. „Vom Standpunkt der Infektionskrankheiten aus gesehen, ist das wirklich eine schlechte Idee.“

KOMPAKT

• Tiere sind seit Urzeiten die Quelle für neue Infektionskrankheiten.

• Pocken, Tuberkulose, Grippe und Erkältung waren ursprünglich alle Tierkrankheiten.

• Durch die Transplantation von Tierorganen in den Menschen könnten neue Infektionskrankheiten entstehen.

Thomas Willke

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